„Cheese? You wanna have cheese? Sir, cheese is coming on thursday!“

„Misses, so you have some bacon?“

„Sir. Bacon, ham and sausages coming on wednesday!“

„And eggs?“

„Eggs on friday.“

Welch ein Glück, dass es wenigstens Corned Beef in Dosen gibt. Im einzigen Market von Charlotteville, dem Örtchen, das wir uns für den Start auf Tobago herausgesucht haben. Es ist Montag und noch lange hin bis Mittwoch. Aber da ist ja noch der Bäcker. Als wir in der Früh anreisten, habe ich das Schild mit der Aufschrift „Bakery“ gelesen. Und es mir gleich eingeprägt, ist ja wichtig, so etwas zu wissen. Als allzu groß hatte ich die Bäckerei, ein karibikbuntes Holzhäuschen auf einer grünen Wiese, nicht in Erinnerung. Doch wer weiß, vielleicht verbirgt sich in dem Häuschen ein kleiner Laden, in dem sich Mehl, Bohnen, Zigaretten und Waschmittelpulver bis unters Dach stapeln und die rostige Tiefkühlbox neben der Kasse voll kühlen Biers, voller Torten, Fisch, Steaks, Bacon, Ham und Cheese steckt. Alles zu Preisen, die den lokalen Market haben abkacken lassen. Kann nicht anders sein, denke ich mir.

Doch die Bäckerei ist trotz des „OPEN“-Schilds im Fenster dicht. Ich klopfe an die Tür. Nichts geschieht. Auf einmal kommt die Bäckerin von der anderen Straßenseite herangeeilt und fragt mich:

„You wanna have bread? Did you order?“

Ich schüttle verlegen den Kopf.

„Bread you have to order one day before!“

Pinkfarbenes Boot am Strand von Charlotteville auf Tobago

Strand und Bucht von Charlotteville
Charlotteville: Im Zentrum ist der Fußballplatz zu erkennen

Unser erster Tag auf Tobago. Da sitzen wir in unserem lässigen Apartment hinterm Meer mit Traumaussicht und bekommen nichts Gescheites zwischen die Zähne. Wo gibt’s denn so was? Lediglich der Obst- und Gemüsestand des Örtchens wurde so halbwegs unseren Erwartungen an die Tropen gerecht.

Ein Schwertfisch wird an Land gebracht TobagoAm Nachmittag sehen wir bunt bemalte Fischerboote in unsere Bucht einlaufen. Wir schauen zu, wie die Großfische auf Holzbänke gehievt werden. Gelbflossenthunfisch, Schwertfisch – Feinstes von der Roten Liste. Ein Ceviche soll den Abend retten – Limette und Chili immerhin haben wir schon auftreiben können. Es gilt nur noch, den Fisch klar zu machen. Ich frage nach einem halben Kilo. Der Fischer säbelt gut eineinhalb Kilo ab und hält mir das Stück entgegen. Froh darüber, diese fette Scheibe gleich mein Eigen nennen zu können, verkneife ich mir die Bemerkung, dass es die Hälfte auch getan hätte. Lächle ein „Passt so!“. Der Fischer macht aber keine Anstalten, den Fischlappen einzupacken. Ich frage:

„You don’t have any bag?“

„No. Bags you can get in the market up the road.“

Während ich mich auf den Weg zum Market mache, schwant mir ein „Plastic bags are coming on friday“. Aber zum Glück ist dem nicht so.

Das Ceviche war übrigens großartig. So wie die gesamte Zeit auf dieser schläfrigen Antilleninsel. Zwei Wochen an vier Standorten, in Dorfschönheiten wie Charlotteville oder Castara hinter Strandschönheiten. Wir tapsten im dampfenden Regenwald umher. Hielten nach Kolibris Ausschau und sahen sogar welche – die Winzlinge sind ja am Flügelschlag selbst für Laien leicht zu erkennen. Die seltenen Arten aber, die es hier geben soll, sind an uns unbemerkt vorbeigeflogen. Außerhalb der Dörfer, wo man nicht mehr ums Essen kämpfen musste, frühstückten wir Rotis (ein Beitrag der indischen Einwanderer) oder lunchten Crab & Dumplings, die Inselspezialität. In den Dörfern lernten wir hamstern zu gehen und stellten fest, dass stets der Rum am einfachsten zu bekommen war. Nur einmal mussten wir die Dame des Rumshop-Hauses wecken, die in einem der tiefen Regale hinter der Theke Siesta hielt.

Strand von Castara
Strand von Castara
Blick auf die Bucht von Castara Tobago
Blick von unserem Apartment auf die Bucht von Castara
Palmenstrand der Englishman's Bay auf Tobago
Karibik pur an der Englischman’s Bay

Müßiggang at its best

Wir lernten, wie die „Tobagoer“ zu grüßen, mit einem genuschelten „Alright“. Wir entdeckten paradiesische Buchten wie die Englishman’s Bay, sprangen in ein Wasser, das kein Schaudern, nur Wonne hervorruft. Wir räkelten uns auf pudrigem Sand unter Palmen, hielten aber brav Abstand zu den verdammt giftigen Manchinelbäume (gibt es übrigens überall in der Karibik, aber auf Tobago setzen Warnschilder auch den letzten Blindgänger darüber in Kenntnis). Wir schnorchelten über Korallenriffe. Wir spazierten durch kleine Ortschaften, die nicht um eine Kirche gebaut wurden, sondern um einen Fußballplatz. Wir fuhren in den Inselhauptort Scarborough und imitierten die Locals bei der Wochenendsause: Man nehme einen Sixpack Bier und setze oder stelle sich neben einen Ghettoblaster an den Straßenrand. Und wir machten uns den liebenswerten, im Inselselbstverständnis verankerten Müßiggang zu Eigen, für den man auf Tobago sogar ein eigenes Wort hat:

Liming.

„Liming“ bedeutet auf „Tobagoanisch“ den Augenblick zu genießen, am besten über Stunden, die Seele baumeln zu lassen, jeglicher Hektik den Rücken zu kehren. Limen kann man beim Bierchen am Straßenrand, limen kann man mit dem Joint in der Hand im Schatten einer Palme. Limen, das ist kein bloßes Herumhängen, wie manche Europäer abschätzig meinen, sondern die Perfektion des Nichtstuns. Doch Limen kann mit bösen Überraschungen enden, wenn man nicht aufpasst. Welche Schlagzeile lasen wir da in der Tageszeitung TT Newsday:

„Man shot while liming.“

Das scheint immer wieder zu passieren. Zum Glück aber selten auf Tobago, meist auf der umtriebigeren Nachbarinsel Trinidad.

Bunter Kiosk in Charlotteville auf Tobago
Wir warten auf den Ticketverkäufer

Liming-Grundkenntnisse sind auch für Individualtouristen notwendig. Um mit dem örtlichen Bussystem klar zu kommen, muss man schon ein geübterer Limer sein. Einmal warteten wir drei Stunden. Aber keine Sorge: Limen lernt man schnell, nach etwa drei Tagen ist man durch mit dem Grundkurs. Zuweilen schummelten wir jedoch ein wenig und lagen nicht nur in der Hängematte, sondern lagen mit einem Buch in der Hängematte.

Standkicker auf Tobago

Hin und wieder ist man auf Tobago aber auch aktiv. Wenn die Jungs aus dem Dorf kicken wollen, werden die Touristen am Strand vom Handtuch vertrieben. Und an Ostern trifft man sich zum legendären Ziegenrennen auf der Ziegenrennbahn von Buccoo. Überhaupt Buccoo! Jeden Sonntag findet dort die nicht minder legendäre „Sunday School“ statt, die nichts mit einer „School“, sondern ausschließlich was mit „Sunday“ zu tun hat. Dann wird die Buccoo Bay zum Fokus einer schrill-vergnügten Inselparty – zu der auch Busladungen aus den All-inclusive-Resorts (ja, die gibt es auch!) angekarrt werden. Es gibt viel Rumpunch, Bier, Streetfood, Soca-Rhythmen, krassen Dancehall und leichter verdaulichen Steel Drum. Dabei trommeln die Orchester auf ihre Ölfässer und Steel Pans ein, fast wie in Ekstase. Die Hüften kreisen („Wining“ nennt man den rattenscharfen „Koitus-Tanz“, bei dem der Mann hinter der Frau steht), die Sterne funkeln. Eine Graswolke zieht über alles hinweg wie die Milchstraße am Firmament. Ein knackiger Sound, ein paar tausend Volt vibrieren in der Luft. Die gesamte Energie der Insel verpufft an diesem einen Abend, hört Euch nur das Video (wie immer von mäßiger Qualität) zu einer Probe an:

Kein Wunder, dass man die Woche danach zum Limen braucht.

Am Montag nach der Sunday School wollten wir übrigens unsere Ansichtskarten (wir gehören zu der Generation, die das noch tut…) zur Post bringen. Auf dem Postamt fragten wir:

„Sir, you have stamps?“ 

Antwort: „Today, I don’t think so“.

Vermutlich werden sie mit dem Laster für Eier, Käse oder Wurst ausgeliefert…

Am Pigeon Point Tobago

Pigeon Point Tobago
Regentag am Pigeon Point

 PRAKTISCHE INFOS

Hinkommen

Direktflüge von Deutschland (FRA) bietet Condor ein- bis zweimal wöchentlich. Ansonsten kann man auch mit Umsteigen in London preiswert nach Tobago kommen.

 

Rumkommen

Das mit den Bussen ist so eine Sache: Zeit mitbringen! Viele Tobago-Touristen sind mit Scootern unterwegs. Wir haben auch getrampt oder uns ein Taxi genommen.

Übernachten/Standorte

Wir haben keine einzige Übernachtung vorab gebucht, sondern uns vor Ort kundig gemacht. Dort taten sich immer Guest Houses oder nette Ferienwohnungen auf, die über Buchungsportale nicht zu finden sind. 40 bis 70 Euro pro Nacht sollte man für eine einfache Unterkunft einplanen (egal ob Zimmer für eine Nacht oder Apartment mit Kochmöglichkeit für mehrere Tage). Unsere Standorte waren Castara, Charlotteville, Scarborough und Buccoo. Nobelhotels und All-inclusive-Anlagen findet man vornehmlich in Flughafennähe im Südwesten der Insel.

Charlotteville Tobago
Charlotteville: Im zweiten Haus von rechts wohnten wir

Preise

Alles in allem recht teuer. Für so manch zähe Zicke auf dem Teller kassiert der Kellner 20 Euro. Schon allein deswegen lohnt sich eine Selbstversorgerunterkunft.

Literaturtipp

 

„Trinidad & Tobago“ von Christine De Vreese aus dem Stefan Loose Verlag (4. Auflage 2013). Hier kein Link zu Amazon & Co, holt Euch den Titel bei Eurem Buchhändler ums Eck.

 

 

 

„Ein Weg in der Welt“ von V.S. Naipaul. Fischer Taschenbuch 2013. V.S. Naipaul, geb. 1932 in Trinidad, heute in England lebend, erhielt 2001 den Nobelpreis für Literatur. Der autobiographisch-fiktionale Erzählreigen nimmt die Fahrt im Trinidad der 1940er Jahre auf.

 

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