1957 fand in West-Berlin eine Schau der Superlative statt, eine Bauausstellung, die über eine Million Menschen anzog: die Interbau 1957. Renommierte Architekten aus dem In- und Ausland hatten dafür auf den Trümmern des alten, kriegszerbombten Hansaviertels eine Stadt von morgen aufgebaut.
Auf rund 25 Hektar Fläche waren 1300 Wohnungen in Hochhäusern, Riegeln und Bungalows, zwei Kirchen, ein Einkaufszentrum und vieles mehr neu entstanden. Das neue Hansaviertel war eines der spektakulärsten Bau- und Stadtplanungsprojekte der Nachkriegszeit und die West-Berliner Antwort auf die Stalinallee, das Prestigeobjekt im Osten der Stadt.
Seit 1995 steht das Berliner Hansaviertel unter Denkmalschutz. Nach der Wende verlor es an Attraktivität, andere Ecken der Stadt waren interessanter geworden. Heute erlebt die Architektur der Nachkriegsmoderne ein Revival, und das Hansaviertel Berlin ist wieder beliebt. Hier wohnt man in der Stadt und doch mitten im Grünen, dazu fast so ruhig wie auf dem Land. Kaum jemand muss auf einen Balkon verzichten.
Wir zeigen Euch auf dieser Tour die für uns spannendsten Gebäude des Hansaviertels. Dabei handelt es sich um eine subjektive Auswahl, die einige große Namen unter den Tisch fallen lässt: Max Taut, Alvar Aalto oder Arne Jacobsen beispielsweise. Wer mehr erfahren möchte, schließt sich einer Führung von Architekten oder Bewohnern an, die aus dem Nähkästchen plaudern – Führungen mit Letzteren kann man über die Seite des → Bürgervereins Hansaviertel buchen. Außerdem stellen wir drei Gebäude vor, die zwar im Rahmen der Interbau 1957 geplant, aber außerhalb des Hansaviertels errichtet wurden.
Info zur Tour: Unsere Tour durchs Hansaviertel führt vom S-Bahnhof Tiergarten zum S-Bahnhof Bellevue. Sie ist etwa zwei Kilometer lang. Von innen kann man leider kaum ein Gebäude sehen – Privatsphäre wird groß geschrieben im Hansaviertel.
Hansaviertel Berlin: Inhaltsverzeichnis
Hansaviertel Berlin: Von den Schöneberger Wiesen zum Aushängeschild Berliner Nachkriegsarchitektur
Giraffe-Hochhaus: Ein Haus nur für Singles
Gropiushaus: Das Haus des Bauhaus-Meisters
Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche: Der Seelenbohrer
Eternithaus: Ein Wohnschiff auf Stelzen
Schwedenhaus: Treppentürme und Fußbodenheizung
Niemeyerhaus: Südamerika-Ästhetik im Hansaviertel Berlin
Hansabücherei: Bibliothek mit Durchblick
St.-Ansgar-Kirche: Luftig wie ein Spitzendeckchen
GRIPS-Theater und U-Bahnhof Hansaplatz
Baldessari-Haus: Das Hochhaus des Rationalisten
Eiermannhaus: Das Haus des Möbeldesigners
Weitere Gebäude an der Bartningallee
Akademie der Künste: Düttmanns Betonkiste
Hansaviertel Berlin: Von den Schöneberger Wiesen zum Aushängeschild Berliner Nachkriegsarchitektur
Zwischen Spree und Tiergarten erstreckten sich im 19. Jahrhundert die so genannten „Schöneberger Wiesen“. Diese wurden um 1874 trockengelegt und mit über 300 Gründerzeithäusern bebaut. Erschlossen wurde das herrschaftliche Bauquartier von der Berlin-Hamburger Immobiliengesellschaft. Dieser gehörten überwiegend Hamburger Unternehmer an – daher der Name „Hansaviertel“. Im Hansaviertel lebte die High Society Berlins: Juristen, Ärzte, Offiziere und der eine oder andere Künstler.
Unter den Nazis wurden die jüdischen Bewohner des Hansaviertels vertrieben und ermordet. In der Nacht vom 22. auf den 23. November 1943, dem schwersten Bombenangriff auf Berlin während des Zweiten Weltkriegs, verschwand das Hansaviertel nahezu vollständig. Nur einige wenige Gebäude blieben übrig.
Ab 1953 begann der West-Berliner Senat, internationale Stararchitekten einzuladen. Sie sollten ein neues Stadtviertel auf dem zerbombten Areal aufbauen und dieses im Rahmen der Bauausstellung Interbau 1957 vorstellen.
Vorsitzender des leitenden Ausschusses der Interbau 1957 war kein geringerer als Otto Bartning, der zusammen mit Walter Gropius die Bauhaus-Idee begründet hatte. Wie Bartning selbst fühlten sich auch die geladenen Architekten – 53 an der Zahl – der Moderne verpflichtet. Es galt, sich vom Pathos der nationalsozialistischen Architektur zu distanzieren, stattdessen Offenheit und Transparenz zu repräsentieren. Das Mammutprojekt war bewusst international ausgerichtet – als klarer Kontrapunkt zur eher traditionalistischen, „nationalen Architektur“ der DDR.

Die Ausstellung wurde ein Mega-Erfolg. Den Musterwohnungen des Hansaviertels mit ihren Stahlrohrsesseln und skandinavischen Möbeln wurde die sprichwörtliche Bude eingerannt – obgleich zur Interbau längst noch nicht alle Gebäude in Gänze fertig gestellt waren. Über die Bauausstellung konnte man sogar mit einer Sesselbahn gondeln.
Giraffe-Hochhaus: Ein Haus nur für Singles
Adresse: Klopstockstr. 2 | Architekten: Klaus Müller-Rehm (1907–1999) und Gerhard Siegmann (1911–1989)
Wir starten unsere Tour durchs Hansaviertel am S-Bahnhof Tiergarten und spazieren von dort zum Giraffe-Hochhaus. Das Gebäude erhielt seinen Namen wegen seiner hohen, schlanken Form. 17 Geschosse hat es, darin 164 Einzimmerwohnungen, alle mit Balkon. Mit dem Giraffe-Hochhaus entstand einer der ersten deutschen Wohnblocks nur für Singles. Diesen räumte man verglichen mit den Tiny Flats von heute ganz schön viel Platz ein – bis zu 42 Quadratmeter. Manche Wohnungen besaßen eine kleine Küche, andere lediglich einen „Kochschrank“. Und wer gar nicht kochen wollte oder konnte, ging essen – praktischerweise wurde im Erdgeschoss gleich ein Restaurant mit eingeplant.

Das Giraffe-Hochhaus ist ein so genanntes Punkthochhaus. So werden Hochhäuser mit kleinem, meist quadratischem Grundriss genannt, die aus der Vogelperspektive oder auf Karten fast wie ein Punkt wirken. Treppenhaus und Aufzug liegen meist mittig im Gebäude.
Gropiushaus: Das Haus des Bauhaus-Meisters
Hier war ein Promi am Start: Vom Industriedesigner und Bauhaus-Direktor Walter Gropius höchstpersönlich stammt dieses neungeschossige Gebäude, dessen Bewohner vom Tageslicht verwöhnt werden. Bei dem Bau mit den vorspringenden Balkonen handelt es sich um ein Scheibenhochhaus, das im Gegensatz zum Punkthochhaus in der Regel einen längsrechteckigen Grundriss besitzt (in diesem Fall aber nicht).
Adresse: Händelallee 3–9 | Architekt: Walter Gropius (1883–1969)
Die Fassade des Gebäudes öffnet sich konkav nach Süden und erweckt den Eindruck, dass auch die Wohnungen darin abgerundete Wände haben müssen. Tatsächlich aber stehen diese gerade.

Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche: Der Seelenbohrer
Etwas weiter östlich an der Händelallee finden wir uns alsbald vor dem ersten der zwei Sakralbauten des Hansaviertels wieder. Wo heute die Kirche aus dem Jahr 1957 steht, befand sich bis zum Zweiten Weltkrieg ein neugotisches Gotteshaus. Dieses brannte 1943 aus, die Reste des zerstörten Baus wurden 1954 gesprengt.
Adresse: Händelallee 20 | Architekt: Ludwig Lemmer (1891–1983) | Öffnungszeiten: Sa 13–16 Uhr | https://www.ev-gemeinde-tiergarten.de/
Der Nachfolger der alten Kirche ist das bedeutendste Bauwerk des Remscheider Architekten Lemmer. Von außen wirkt das Gotteshaus aus Beton mit dem auskragenden Dach bunkerartig, ja abweisend. Für den 68 Meter hohen Turm mit auffälliger Wendeltreppe fand die kreative Berliner Schnauze schnell einen Spitznamen: „Seelenbohrer“.

Innen ist das Gebäude künstlerisch reich ausgeschmückt. Die monumentale Mosaikwand hinter dem Altar ist dabei genauso catchy wie die schönen Glasornamentfenster, durch die reichlich Licht einfällt.
Eternithaus: Ein Wohnschiff auf Stelzen
Adresse: Altonaer Str. 1 | Architekt: Paul Baumgarten (1900–1984)
Von der Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche geht es zum Eternithaus. Wer hier wohnt, kann sich glücklich schätzen. Architekt Paul Baumgarten bezeichnete sein Gebäude als „Wohnschiff“, selbst eine Reling und ein Gangway sind vorhanden. Die oberen Etagen „schwimmen“ über einem mit Glasbausteinen versehenen Erdgeschoss.
In dem luftigen, riegelförmigen Haus brachte Baumgarten sieben lichte Maisonettewohnungen mit jeweils knapp 100 Quadratmetern Wohnfläche unter. Jede Wohnung verfügt über eine eigene Dachterrasse.

Das Gebäude erhielt seinen Namen vom gleichnamigen Baustoff, einem Faserzement. Der Hersteller Eternit aus Beckum in Nordrhein-Westfalen nutzte das Erdgeschoss des Hauses während der Interbau 1957 als Showroom. Daran erinnert noch heute das schöne rote Logo an der Fassade:

Schwedenhaus: Treppentürme und Fußbodenheizung
Babyblau meets Knallorange – eine herrliche Farbkombination! In der Sonne wirkt die Südfassade des Schwedenhauses wie aus einem Technicolor-Film. Die Nordfassade des zehngeschossigen Scheibenhochhauses sieht hingegen völlig anders aus. Besonders fotogen sind dort die Treppentürme mit den frei schwebenden Stufen, die man vor das Gebäude setzte – so gewann man Raum im Inneren. Die Wohnungen besitzen übrigens allesamt Fußbodenheizungen, die bis heute funktionieren.

Adresse: Altonaer Str. 3–9 | Architekten: Fritz Jaenecke (1903–1978) und Sten Samuelson (1926–2002)
Der Architekt Fritz Jaenecke war ein Student Hans Poelzigs und Arbeitskollege Egon Eiermanns. 1937 zog er nach Malmö und wurde schwedischer Staatsbürger. Von 1950 bis 1970 arbeitete er mit Sten Samuelson in einer Bürogemeinschaft zusammen.

Niemeyerhaus: Südamerika-Ästhetik im Hansaviertel Berlin
Gegenüber dem Schwedenhaus steht das Niemeyerhaus. Oscar Niemeyer, der Wegbereiter der modernen brasilianischen Architektur, gehört zu den größten Baumeistern des 20. Jahrhunderts. Das Zentrum der Hauptstadt Brasília geht in weiten Teilen auf ihn zurück. Es ist heute genauso auf der UNESCO-Welterbeliste verzeichnet wie Niemeyers „Lehrlingsstück“, die modernistische Gartenstadt → Pampulha in Belo Horizonte. Nicht erst seitdem wir in Pampulha waren, sind wir große Niemeyer-Fans.
Adresse: Altonaer Str. 4–14 | Architekt: Oscar Niemeyer (1907–2012)
Niemeyers Gebäude im Hansaviertel ist durch und durch „niemeyerig“. Typisch ist der Pilotis, die luftige Pfeilerkonstruktion des Erdgeschosses. Darin befinden sich die sechs fotogenen Treppenhauszugänge. Sieben Doppelstützen aus Beton tragen die sieben Geschosse des Gebäudes. Über 78 Wohnungen verfügt es. Auch spannend: Der über Rampen erreichbare, wie ein Campanile abseits stehende Fahrstuhlturm. Die Aufzüge halten nur im fünften und achten Stock!


Die fünfte Etage hatte Niemeyer als weitläufiges Gemeinschaftsgeschoss eingeplant, als Treffpunkt und Partylocation der Bewohner. Dieser kommunale Bereich wurde später auf ein Minimum an Fläche reduziert. Auch in anderen Häusern des Hansaviertels wurden die Gemeinschaftsräume nie angenommen.
Hansabücherei: Bibliothek mit Durchblick
Adresse: Altonaer Str. 15 | Architekt: Werner Düttmann (1921–1983)
Für diese schöne kleine Bibliothek auf dem zentralen Hansaplatz zeichnete Werner Düttmann verantwortlich. Düttmann, dem wir als federführenden Architekten der Akademie der Künste später noch begegnen werden, hatte bei Hans Scharoun studiert. Während der Interbau wurde der lichte Flachbau zunächst als Ausstellungshalle genutzt. Erst 1958 eröffnete hier eine Bibliothek.
Auf einem quadratischen Grundriss umschließen vier Gebäudeflügel einen Innenhof. In dessen Mitte befindet sich ein begrünter Lesegarten. In den warmen Monaten scheinen Innen und Außen fast ineinander überzugehen.
St.-Ansgar-Kirche: Luftig wie ein Spitzendeckchen
Adresse: Klopstockstr. 31 | Architekt: Willy Kreuer (1910–1984) | Zugänglich nur zu, vor oder nach den Gottesdiensten, Termine hier
Die 1957 geweihte, katholische St.-Ansgar-Kirche ist der Nachfolgebau des im Bombenhagel 1943 zerstörten Vorgängers. Architekt Willy Kreuer schuf einen transparenten Stahlbetonskelettbau, der im Inneren so luftig wirkt wie ein Spitzendeckchen. Nebenan steht ein filigraner Campanile.

Weiterlesen: Mehr spannende moderne Sakralbauten in Berlin beschreiben wir in diesem Artikel: Wat für Jotteshäuser: Kirchenbauten der Moderne in Berlin
GRIPS-Theater und U-Bahnhof Hansaplatz
Von der St.-Ansgar-Kirche hat man bereits einen recht guten Blick auf das GRIPS-Theater. Geplant wurde das eingeschossige, teils aus Glasbausteinen bestehende Gebäude allerdings nicht als Theater, sondern als Lichtspielhaus – erst 1974 wurde aus dem Kino Bellevue ein Theater. Die Architekten: Ernst Zinsser (1904–1985) und Hansrudolf Plarre (1922–2008).

Das Theater gehört zu einem Gebäudekomplex, der das kleine kulturelle und kommerzielle Zentrum des Hansaviertels darstellt – auch Supermarkt, Friseur und Apotheke sind hier zu finden. Heute macht das Areal allerdings einen eher traurigen Eindruck. Auf dem kleinen Platz neben dem GRIPS-Theater picheln die Penner. Die Gasträume der einst gutbürgerlichen „Haxen Hanne“ belegt eine Shisha-Bar. Die Ecke um das GRIPS-Theater bezeichnete der Tagesspiegel schon mal als das „kranke Herz des Hansaviertels“. Das war 2012.
Nebenan einer der Zugänge zum U-Bahnhof Hansaplatz. Der U-Bahnhof war zur Interbau 1957 bereits fertig gestellt und konnte besichtigt werden. Offiziell eröffnet wurde er jedoch erst 1961. Der Bahnhof geht unter anderem auf Bruno Grimmek zurück, der auch die Hansa-Grundschule (siehe unten) entwarf. Die sparsame Ästhetik des U-Bahnhofs gefällt uns.
Baldessari-Haus: Das Hochhaus des Rationalisten
Adresse: Bartningallee 5 | Architekt: Luciano Baldessari (1896–1992)
Nun knöpfen wir uns die Bartningallee vor und stehen sogleich vor dem Baldessari-Haus. Luciano Baldessari, der auch als Maler und Bühnenbildner wirkte, war bereits ab den 1920er-Jahren immer wieder mit Walter Gropius und Mies van der Rohe zusammengetroffen. Er war ein Vertreter des Rationalismus (Razionalismo), einer puristischen italienischen Strömung innerhalb der internationalen Architekturmoderne.
Für die Interbau entwarf Baldessari ein 17-stöckiges Punkthochhaus mit 131 Wohnungen. Alle Wohnungen haben Loggien mit schönen Ausblicken, sind aber recht klein (maximal 55 Quadratmeter). Unser Lieblingshaus ist es nicht, um ehrlich zu sein.

Eiermannhaus: Das Haus des Möbeldesigners
Egon Eiermann kennen viele nur als Möbeldesigner. Sein Schreibtischdrehstuhl und die auf ein Minimum reduzierten Tischgestelle sind Klassiker. Doch auch als Architekt war Eiermann, der bei Hans Poelzig studiert hatte, überaus produktiv und erfolgreich. Unter den Nazis vermied er es, ideologisch zu bauen, verlagerte sich auf die Planung von Industriebauten – so konnte er nach 1945 weiter an seiner Karriere feilen. Eines seiner bekanntesten Berliner Gebäude ist der Neubau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (1959-1961).
Adresse: Bartningallee 2–4 | Architekt: Egon Eiermann (1904–1970)
Eiermanns Gebäude zeichnen Einfachheit und strengste Geometrie aus, was auch diesem neungeschossigen Scheibenhochhaus im Hansaviertel anzusehen ist. Der geradlinige Baukörper besitzt an seinen Schmalseiten Treppentürme. Jede Wohnung verfügt über eine Loggia mit einem filigranen Gitter. Wer hier auf seinem Balkon sitzt, blickt auf Bäume und hört die Vögel zwitschern.

Weitere Gebäude an der Bartningallee
Das 16-geschossige Punkthochhaus mit der Hausnummer 7 ist eine Gemeinschaftsarbeit der holländischen Architekten Johannes Hendrik van den Broek (1898–1978) und Jacob Berend Bakema (1914–1981). Die aus vorgefertigten Betonplatten bestehenden Außenfassaden werden durch Bänder in den Grundfarben Rot, Blau und Gelb aufgelockert.
In der Nachbarschaft reckt sich das ebenfalls 16-geschossige Hassenpflug-Haus dem Berliner Himmel entgegen (Bartningallee 9). Gustav Hassenpflug (1907–1977) studierte am Bauhaus in Dessau und war später ein Mitarbeiter von Walter Gropius. 1945/46 wirkte er als Professor für Städtebau in Weimar. Das Punkthochhaus, das sehr schlicht daherkommt, wuchs ohne Baugerüst empor. Im Dachgeschoss befinden sich fünf Atelierwohnungen mit umlaufendem Terrassenzugang – nicht die schlechtesten Wohnverhältnisse, die sich hier auftun.

Beim nächsten Haus waren Franzosen im Spiel. Verantwortlich für dieses Punkthochhaus an der Bartningallee 11–13 zeichneten die Architekten Raymond Lopez (1904–1966) und Eugène Beaudouin (1898–1983). Das Gebäude ist weiß-grau-metallisch gehalten und steht auf Stelzen – nicht zuletzt deshalb wirkt es sehr leicht.

Akademie der Künste: Düttmanns Betonkiste
„Eine klare unpathetische Kiste.“
Adresse: Hanseatenweg 10 | Architekt: Werner Düttmann (1921–1983) | https://adk.de/
So nannte Architekt Werner Düttmann die von ihm entworfene Akademie der Künste, die 1960 und damit erst nach der Interbau am Rand des Tiergartens eröffnet wurde. Errichtet wurde das Gebäude, heute der Publikumsmagnet im Hansaviertel, als Konkurrenz zur Akademie der Künste Ost-Berlins.
Zur Architektur: Auf ein verglastes Sockelgeschoss setzte Düttmann einen fensterlosen Quader. Dieser ist ummantelt mit Waschbetonplatten, die wiederum mit Kieseln aus Carrara-Marmor verkleidet sind. Das Ergebnis: ein brutalistisches und gleichzeitig elegantes Gebäude. Wer spätere Werke des Architekten wie die übel beleumundete Düttmann-Siedlung in Kreuzberg kennt, mag nicht glauben, dass die Akademie der Künste ein „Düttmann“ ist.

Die „Liegende“, wie die markante Bronzefigur vor dem Gebäude genannt wird, ist ein Werk des englischen Bildhauers Henry Moore (1956).
Die Ausstellungsfläche der Akademie der Künste beträgt 2000 Quadratmeter – hineingehen lohnt immer, egal was läuft. Krönender Abschluss: ein Getränk im Café.
Interbau-Gebäude außerhalb des Hansaviertels
Aus verschiedenen Gründen wurden drei Gebäude der Interbau außerhalb des Hansaviertels platziert. Hier sind sie:
Hansa-Grundschule
Adresse: Lessingstr. 5 (S-Bahnhof Bellevue) | Architekt: Bruno Grimmek (1902–1969)
Die Hansa-Grundschule, ein mehrteiliger Bau mit angeschlossener Sporthalle, befindet sich in Bestlage an der Spree – nur der Uferweg trennt das Areal vom Fluss. Verantwortlich: Bruno Grimmek, der in der NS-Zeit Verwaltungsbauten für Albert Speer entworfen hatte und nach dem Krieg mit Werner Düttmann arbeitete. Die bekanntesten Bauten Grimmeks sind das Amerika-Haus in Charlottenburg und (zusammen mit Düttmann) das Palais am Funkturm.

Mit der Hansa-Grundschule verwirklichte der Architekt einen sehr luftigen und filigranen Schultypus. Auf dem Bild seht Ihr den aufgestelzten Gebäudeteil, in dem sich die Klassenräume mit Spreeblick befinden. Hell, transparent, modern und demokratisch.
Haus der Kulturen der Welt
Adresse: John-Foster-Dulles-Allee 10 (U-Bahnhof Bundestag) | Architekt: Hugh A. Stubbins (1912–2006)
Das Haus der Kulturen der Welt liegt ebenfalls an der Spree, nicht mal ein halbes Stündchen Fußweg vom Hansaviertel entfernt. Die Berliner Schnauze nannte den muschelförmigen Bau, der ursprünglich als Kongresshalle geplant war, auch schon „Schwangere Auster“. Er war der US-amerikanische Beitrag zur Interbau. Ein Geschenk.
Die Entwürfe stammen von Hugh A. Stubbins, einem Ex-Assistenten von Walter Gropius. Gropius lehrte ab 1937 für 13 Jahre an der Harvard University. Der Standort für den Bau war politisch sehr geschickt gewählt: Die Kongresshalle befand sich direkt an der Zonengrenze, grüßte hinüber in die DDR und schien förmlich „Schaut mal, wie modern und fortschrittlich wir sind!“ zu rufen.

Heute befindet sich in dem avantgardistischen Bau ein intellektueller Ort für Kunst, (Multi-)Kultur und aktuelle Diskussionen. Mit dabei sind ein Restaurant in tollen Mid-Century-Räumlichkeiten und ein unprätentiöser Self-Service-Biergarten zur Spree hin. Hier trifft sich Berlin.
Die Skulptur „Schmetterling“ (1986) im Wasserbecken vor dem Gebäude stammt ebenfalls von Henry Moore. Sie wiegt zehn Tonnen.
Corbusierhaus
Dieser Klotz steht da, wo er steht, weil er für das Hansaviertel einfach zu groß war – dort hätte man Le Corbusiers vertikale Stadt mit ihren 527 Apartments auf 17 Etagen nicht untergebracht. So musste der Schweizer Architekt seinen Beitrag für die Interbau 1957 in die Nähe des Olympiastadions setzen. Als Le Corbusier das Olympiastadion des Nazi-Architekten Werner March sah, soll er ausgerufen haben:
„Hier will ich bauen. C’est une architecture très forte!“
Adresse: Flatowallee 16 (S-Bahnhof Olympiastadion) | Architekt: Le Corbusier (1887–1965)
Le Corbusier ist wegen seiner Sympathien für den Faschismus bis heute umstritten. Dessen ungeachtet ist sein Berliner Bauwerk, das wie aufgebockt auf Betonwänden steht, ein Spektakel. Es ist eines von insgesamt fünf ähnlichen Bauten, die Le Corbusier „Unité d’habitation“ („Wohneinheiten“) nannte. Der spätere Begriff „Wohnmaschine“ geht auf den Architekten selbst zurück:
„Ein Haus ist eine Maschine zum Wohnen.“


Eine andere Wohnmaschine Le Corbusiers, das bahnbrechende Projekt Cité Radieuse (1947–1952), konnten wir in → Marseille bewundern. Anders als in Marseille musste Le Corbusier in Berlin auf einiges verzichten. So durfte er weder ein Ladengeschoss in einer der oberen Etagen umsetzen noch eine Dachterrasse für alle.
Ein Blick in eine Musterwohnung ist nur zu besonderen Gelegenheiten wie dem „Tag des offenen Denkmals“ oder bei einer Führung möglich. Führungen (nur für Gruppen ab vier Personen nach Voranmeldung) können → hier gebucht werden.
Literaturtipps
- Ausführliche Informationen über alle Gebäude des Hansaviertels (selbst Grundrisse) findet man im vom Bürgerverein Hansaviertel 2022 herausgegebenen Architekturführer Hansaviertel Berlin kompakt. Architekturführer zur Interbau 57 . Dieses Buch haben wir auch bei der Recherche für diesen Artikel benutzt.
- Das Hansaviertel findet selbstverständlich auch Erwähnung in dem von uns verfassten → Reiseführer über Berlin*. Erschienen ist er im Michael Müller Verlag.

Übernachten im Hansaviertel
FUCKINGFANTASTIC.studio bietet ein Apartment im 16. Stock des Giraffe-Hochhauses an, → hier* kann man buchen.
Mehr Artikel über moderne Architektur
- Wat für Jotteshäuser: Kirchenbauten der Moderne in Berlin
- Salon der Republik: Architekturspaziergang durch Hradec Králové
- Mendelssohn & Co: Tour zu den Bauschätzen der Breslauer Moderne
- UNESCO-Welterbe Pampulha: Die Gartenstadt des jungen Oscar Niemeyer
- Portugiesische Moderne an der Algarve: Architektur-Sightseeing in Faro
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Danke fürs Mitnehmen und den Blick hinter die Kulissen in einem Stadtviertel, dass ich bei meinen Stadtwanderungen entlang der Spree bisher buchstäblich links liegen gelassen habe. Ich freue mich schon aufs Nach-Spazieren!
Liebe Grüße
Angela
Liebe Angela, unbedingt mal hin! Und hinterher einen Kaffee oder ein Bier in der Akademie der Künste oder im Haus der Kulturen der Welt. 😉
Beste Grüße zurück von Gabi und Michael