Tarrafal ganz im Norden der Kapverdeninsel Santiago ist ein Ort, über den Reiseschreiber und Reiseveranstalter schwärmen: „Schönster Palmenstrand der Kapverden!“ „Kleines Paradies mit großer Wirkung!“ „Malerisches Fischerdorf!“ Dazu sieht man Bilder von bunten Holzbooten am Strand oder eine adrette Palmenreihe auf hellem Sand vor einem türkisblauen Meer. Das alles macht an. So sehr, dass es auch uns während unserer Kapverdenreise nach Tarrafal zog.
In der Tat hat der windgeschützte Strand von Tarrafal was, das kann man nicht abstreiten. Doch Tarrafal ist nicht nur Strand. Sobald man sich auf dem Liegetuch umdreht, sieht die Welt anders aus. Was nämlich hinter dem Beach von Tarrafal steht und entsteht, ist teils furchtbar. So furchtbar, dass es die Sau graust, wie die Bayerin von uns sagt. Alte und neue Ruinen, Baustellen, aufgerissene Straßen, Müll.


Dabei war das 17.000-Einwohner-Städtchen Tarrafal einst ganz hübsch anzusehen. Doch der Wandel vom Fischerdorf zu einer größeren Nummer im internationalen Pauschaltourismusgeschäft tut dem Ort nicht gut. Ein Hotel nach dem nächsten wird hochgezogen.
Wo wohnen in Tarrafal, wo essen und wie hinkommen? Praktische Infos zu Tarrafal auf Santiago gibt es am Ende dieses Beitrags.
Es soll Touristen geben, die ihren kompletten Urlaub in Tarrafal verbringen. Die Armen. Als Standort für ein paar Strandtage und Erkundungstouren ist Tarrafal aber unserer Meinung nach okay. Nur solltet Ihr Eure Unterkunft vorab gut recherchieren – ansonsten drohen Baulärm und Bauschutt vorm Balkon.
Tipps und Infos Tarrafal de Santiago: Inhaltsverzeichnis
Der Strand: Das Aushängeschild von Tarrafal
Der Strand von Tarrafal hat Temperament, ist eine Bühne – vor allem am Wochenende, wenn auch Expat-Grüppchen aus der Inselmetropole Praia anreisen. Joints werden gerollt und Tanzseile zwischen Palmen gespannt, Volleybälle fliegen durch die Luft. Touristen räkeln sich mit dem Buch in der Hand im Liegestuhl. Locals picknicken im Schatten.

Vom Strand fällt der Blick auf einen schwarz-weiß geringelten Leuchtturm, der nördlich von Tarrafal auf dem kargen Fels thront. Der Farol da Ponta Preta, der „Leuchtturm vom Schwarzen Kap“, wäre theoretisch das Ziel einer netten Kurzwanderung. Wir sehen davon ab, denn zu glaubwürdig klingen die Google-Rezensionen von Touristen, die auf dem Weg dorthin überfallen worden sind. Erkundigt Euch bei Eurem Aufenthalt nach dem aktuellen Stand!

Kurz bevor die Sonne gülden untergeht, ist der Strand am schönsten. Die Stimmung ist relaxt und wäre noch chilliger, wenn der Pavillon auf der Felsnase einen anderen Alleinunterhalter unter Vertrag hätte. So aber wird die komplette Bucht mit „No Women, no Cry“ in der schlimmsten Coverversion ever ever beschallt. Zum Weinen.
Wir verziehen uns in die zweite Bar am Strand, die Kabungo Bar. Unsere klare Empfehlung für den Sundowner!

Der Hafen
Im Süden geht der Touristenstrand von Tarrafal fließend in den Fischerstrand über. Am Steg landen allabendlich die Boote an. Kübelweise werden Bonitos an Land geschleppt und fortgetragen, während Hunde aufgeregt auf und ab wuseln. Ein netter Ort, Zaungäste sind willkommen.

Hinter den Booten am Strand verkauft eine so hübsche wie freundliche Dame Bier, Wein, Schnaps und Zigaretten aus einem Verschlag heraus. Ihre Kundschaft besteht hauptsächlich aus Fischern. Wir holen uns zwei Strelas, wie das hiesige Bier genannt wird, setzen uns auf Hockerchen und freuen uns über die authentische Location.


Einer der pichelnden Fischer am Nebentisch bittet uns um eine Zigarette. Wir haben keine. Mit den nächsten zwei Strelas kaufen wir ihm eine bei der Dame des Hauses. 30 CVE (umgerechnet 0,30 €) kostet die Kippe. Freudestrahlen im Gesicht des Fischers. Und weg isser. Keine Minute später aber kommt er schon wieder angeeilt, in jeder Hand einen Fisch an der Schwanzflosse – als Dankeschön. Wir müssen ablehnen, unsere Unterkunft hat keine Kochmöglichkeit. Später im Restaurant zahlen wir 15 Euro für die Portion Grillfisch. Soviel zur Relation zwischen „Tourist isst Fisch“ und „Kapverdier isst Fisch“.
Kühe zwischen Bauschutt: Hinter Strand und Hafen
In unmittelbarer Strandnähe befinden sich zahlreiche Ruinen, mindestens zwei davon waren mal Hotels. Einer dieser Lost Places ist eine aufgegebene Bungalowanlage hinter dem nördlichen Strandende. Wir gehen davon aus, dass man hier mal recht schön gewohnt hat, auf jeden Fall saß man in der ersten Reihe. Heute wachsen Bäume auf den Dächern, die Anlage ist vermüllt und verpinkelt.
Mehr Hotelruinen weltweit beschreiben wir in diesem Artikel: Lost Hotels: Wo wir spannende Hotelruinen entdeckten
Das nächste Lost Hotel befindet sich ebenfalls in Bestlage direkt hinter dem Fischerstrand: das ehemalige Hotel Tarrafal. Auch diese Herberge, vermutlich einmal so etwas wie das beste Haus am Platze, steht leer und gammelt samt Pool vor sich hin. Zukunft: Fragezeichen.

Während Toplagen brachliegen, entstehen rund ums Zentrum hässliche Neubauviertel, scheinbar ohne jeglichen städteplanerischen Ansatz. Auch wir sind in einem dieser Viertel gelandet. Von unserem gebuchten „Meerblickzimmer“ im Hotel Pôr do Sol* schauen wir auf Betonskelette und Bauschutt. Nebenan eine lärmige Baustelle, aus den Lesestunden auf dem Balkon wird nichts. In der Ferne ein Fetzen Meer. Drum herum: Brachen, neu gebaute Solitäre und Bauruinen, die schon wieder marode werden. Dazwischen weiden Kühe im dürren Gras. Gesamteindruck: zum Davonlaufen. Immerhin hält die Kapverdensonne die Tristesse in Schach.


Mercado und Street Art: Spaziergang durchs Zentrum
Tarrafal mag mäßig pittoresk sein, hat aber durchaus auch ein paar nette Ecken. Dazu gehört das klitzekleine historische Zentrum. Es erstreckt sich rund um die Praça de Tarrafal, einen quadratischen Platz mit Pavillon, kleinem Rathaus und der Kirche Igreja Santo Amaro. Im ehemaligen Mercado wird heute Kunsthandwerk verkauft.


Der neue Mercado Municipal befindet sich ein Stück weiter südlich, also stadtauswärts. In der Halle und drum herum wird alles Mögliche feilgeboten, was die Inselböden so hergeben: Süßkartoffeln, Weißkohl, Karotten, Erdbeeren und alle möglichen Zutaten für eine Cachupa, wie das Nationalgericht der Kapverden heißt.
An Cachupa führt auf den Kapverden kein Weg vorbei – für alle, die länger bleiben, ein „Ach nicht schon wieder“-Gericht. Wer den sättigenden Hülsenfrüchteeintopf aber noch nicht probiert hat und mal kosten will, kann dies auf dem Fressmarkt neben der Markthalle tun. Dort wird auch gegrillt, wahlweise Fisch oder Gockel – ebenfalls Klassiker der kapverdischen Küche.

Was man Tarrafal lassen muss: Im Städtchen gibt es für Street-Art-Fans einiges zu entdecken. Wir sehen tolle Pieces, nicht die größten, aber von sehr guter Qualität. Auch → Daniel Eime, einer der wichtigsten portugiesischen Streetart-Künstler, war an den hiesigen Wänden schon zugange. Details folgen in einem separaten Artikel.


Ehemaliges Konzentrationslager Tarrafal
Tarrafal hat sich aber nicht nur als kapverdisches Tropenparadies einen Namen gemacht. Tarrafal verband man einst auch mit einem überaus düsteren Kapitel der portugiesischen Kolonialgeschichte. Zwei Kilometer südlich des Zentrum liegt das ehemaligen Konzentrationslager Tarrafal. Das heute dort untergebrachte Museum ist erschütternd.
Das Campo de Conçentração do Tarrafal (auch: Colónia Penal do Tarrafal) ist der wohl widerwärtigste Ort, den die portugiesischen Kolonialherren auf den Kapverden hinterlassen haben. Ab 1936 wurden hier Gegner des Salazar-Regimes interniert und gefoltert. Ein Teil des Wachpersonals war im KZ Dachau ausgebildet worden.

Auf Druck der Vereinten Nationen ließ Salazar das Lager 1954 schließen. Aber schon 1961 eröffnete man es in ähnlicher Form wieder. Dieses Mal nicht für Portugiesen. Dieses Mal wurden hier afrikanische Regimekritiker und Unabhängigkeitskämpfer aus den Kolonien gequält. Bis 1974 sah der Ort Entsetzliches. Seit 2006 steht die Anlage unter Denkmalschutz, ein Museu da Resistência wurde eingerichtet. Man kann das Areal selbstständig erkunden.

„Lager des langsamen Sterbens“ wurde das Konzentrationslager Tarrafal genannt. Dass hier „nur“ 32 Menschen starben, ist der großen Solidarität der Insassen untereinander zu verdanken. Auch in medizinischer Hinsicht unterstützten sie sich gegenseitig. Von den Lagerärzten war keine Hilfe zu erwarten. Vom Lagerarzt Esmeraldo Pais Prata ist überliefert. „Ich bin nicht hier, um zu heilen. Ich bin hier, um Totenscheine auszustellen“.

Die wohl Schlimmste aller Folterstätten im Lager hieß „Frigideira“ („Bratpfanne“). Dabei handelte es sich um einen fensterlosen Betonbau, in dem Temperaturen von bis zu 50 Grad herrschten. Wer hier landete, musste nicht viel verbrochen haben, ein kleiner Protest gegen das katastrophale Essen im Lager reichte. Bis 70 Tage (!) ließ man Gefangene in der Frigideira ausharren, ohne Frischluft und ohne eine Möglichkeit, sich zu waschen oder eine Toilette zu benutzen.
Ausflug nach Ribeira da Prata
Ein schwarzer Strand und darüber ein gemütliches Dorf mit dem guten Restaurante Gosto & Sabor: Ribeira da Prata sieben Kilometer südlich von Tarrafal ist ein beliebtes Ausflugsziel von Santiago-Urlaubern. Der Aluguer-Verkehr ist unregelmäßig, man kann von Tarrafal aber auch hinwandern.

Der schwarze Lavastrand Praia dos Sonhos, auf den sich hin und wieder auch Kühe verirren, ist von der eher einsamen Sorte – uns einen Tick zu einsam. Zwischen den Kokospalmen dahinter springen Affen hin und her.

Big Bar nennt sich die gar nicht so große Open-Air-Bar am Ortseingang. Hippieflair, viele Katzen, Hühner. Betreiber Erik, ein dünner, grauhaariger Hamburger, serviert hier kühle Getränke, Kaffee und Kokosnüsse, die Sohn Jon mit der Machete köpft. Erik ist schon lange hier und kennt Tarrafal noch aus anderen Zeiten. Was mit Tarrafal passiert, gefällt ihm genau so wenig wie uns:
„Mittlerweile ist Tarrafal ja so was wie Mallorca für Arme.“
Wanderhighlight: Serra da Malagueta und Vale Gom Gom
Eine der schönsten Aktivitäten, die man von Tarrafal aus unternehmen kann, ist eine Wandertour durch den Naturpark Serra da Malagueta. Wir können die Wanderung hinab ins Vale Gom Gom sehr empfehlen. Sie ist lang (rund fünf Stunden) und anstrengend, aber ein Fest.
Startpunkt ist das Naturpark-Besucherzentrum an der Straße von Tarrafal nach Assomada (regelmäßiger Aluguer-Verkehr ab Tarrafal, Fahrtdauer keine 30 Minuten). Dort gibt es eine kleine naturkundliche Ausstellung, und dort ist auch der kleine Parkeintritt zu entrichten. Der Trail startet nahebei. Die meisten Touristen sind mit Guide unterwegs, was unserer Meinung nach nicht nötig ist – der Weg ist leicht zu finden.

Der erste Teil der Wanderung geht stetig bergauf durch die Serra da Malagueta, die zentrale Hochebene mit ihrem halbfeuchten Nebelwald und endemischen Pflanzenarten. 774 Hektar davon sind heute geschützter Naturpark.
Die Berge präsentieren sich im dunstigen Sommer grün, im trockenen Winter braun und ausgedörrt, was die imposante Szenerie aber keinesfalls beeinträchtigt. Spektakuläre Aussichten begleiten uns. Immer wieder halten wir an – um durchzuschnaufen, aber auch, um die gigantischen Panoramen aufzusaugen. Wer diese Tour nicht unternimmt, ist selber schuld!


Wir überwinden den höchsten Punkt der Serra da Malagueta und sehen das tief eingeschnittene Vale Gom Gom schon vor bzw. unter uns:
Wir passieren ein aufgegebenes Dorf, in dem heute nur noch Ziegen wohnen. Dann wandern wir eine Felswand entlang, für die man unbedingt schwindelfrei sein sollte.

Die Wanderung endet im Dorf Hortelão (mit Restaurant!), von wo man mit dem Sammeltaxi zurück nach Tarrafal gelangt.
Tipps und Infos Tarrafal de Santiago
Hinkommen
Wer keinen Mietwagen* hat, gelangt mit Sammeltaxis (Aluguers) problemlos von Praia nach Tarrafal. In Praia starten die Minibusse nahe dem Sucupira-Markt, die Stelle zeigt Euch jeder Passant.

Unterkommen
Vor der Buchung einer Unterkunft in Tarrafal solltet Ihr Euch Zeit nehmen und die Rezensionen genau lesen, vor allem im Hinblick auf Baustellen und Baulärm in der Umgebung.
Die charmanteste und schönstgelegene Unterkunft ist das Kingfisher Village* über der Steilküste. Etwas außerhalb des Zentrums, schöner Garten, Pool und recht viel Komfort. DZ mit Frühstück ab ca. 164 Euro.
Eine gute Adresse in der Mittelklasse (wenn auch bei unserem Aufenthalt von Baustellen umgeben) ist das Hotel Por do Sol* nahebei. Moderne Zimmer mit ordentlichen Betten. Der angepriesene Meerblick ist alles andere als der Renner, dennoch solltet Ihr ein Zimmer mit Meerblick und Balkon wählen – es gibt nämlich auch Zimmer, die lediglich kleine Fenster auf die nächste Bauruine oder ins Treppenhaus haben. Das Frühstück auf der Dachterrasse beinhaltet in jedem Fall Meerblick.
Essen
Viele Touristenlokale mit ähnlichem Angebot. Schön sitzt man im Sol e Luna nahe dem Steg am Hafen. Wir haben dort sehr guten Grillfisch gegessen, auch der Meeresfrüchtereis ist klasse.
Super Pizza im blau-weißen Griechenlandambiente (!) serviert die Pizzeria Alto Mira an der Rua Ponte nahe der Praça de Tarrafal. Reservieren (Tel. +238 956 08 74)!
Im Ponto do Encontro, nicht mehr als eine Terrasse mit rauchendem Grill an der Hauptstraße nahe dem Mercado Municipal, kommt leckerstes Grillhähnchen mit Pommes und Salat auf den Tisch.
Mehr Kapverden hier auf dem Blog
- Wandern, Wein und Feuer unterm Arsch: Tipps für die Vulkaninsel Fogo
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Liebe Gabi,
lieber Michael,
ein interessanter Artikel ist Euch hier gelungen, irgendwo zwischen Begeisterung und Ernüchterung, sicherlich näher an letzterer. Aber ich kann Eure Gefühle nachvollziehen und mir bestens vorstellen, wie Ihr Euch gefragt habt, wie konnte aus diesem traumhaften Ort so ein schäbiges Städtchen werden. Mir war der Name tatsächlich vor allem wegen des Konzentrationslagers bekannt. Davon habe ich in Portugal dann doch schon oft gehört. Die Wanderung durch das Vale Gom Gom klingt schon sehr spannend, genau so wie Eure Streetart-Fünde sich unbedingt sehen lassen dürfen. Danke für diesen besonderen Artikel!
Herzliche Grüße,
Jens
Danke fürs ausführliche Feedback, lieber Jens.
„Schäbiges Städtchen“ ist etwas zu gemein, das kommt der Sache nicht gerecht ;-), aber schön ist es dennoch nicht, was dort passiert. Es wird halt ohne jeglichen Plan oder Sinn für die traditionelle Struktur des einstigen Dorfs geklotzt, und das ist furchtbar schade. Aber vermutlich sieht es auf den klassischen kapverdischen Urlauberinseln Sal und Boavista noch deutlich schlimmer aus – da aber waren wir nicht.
Herzliche Grüße zurück
Gabi und Michael