„Nach Brava fahrt Ihr? Bei uns auf Fogo ist es ja schon relaxt. Brava aber ist tiefenentspannt.“
Der Rezeptionist aus Fogo, mit dem wir beim Check-out noch kurz smalltalkten, sollte Recht behalten. Auf Brava, der kleinsten kapverdischen Insel, bekommen wir das, was wir suchen: Ruhe pur. Ilha Brava ist wie gemacht für uns, ist ein Tipp für Kapverdenreisende mit Sinn fürs Einfache und Authentische.
Badestrände? Kaum vorhanden. Gute Restaurants und schicke Hotels? Nada. Dafür schroffe Landschaften, grüne Täler und kleine Dörfer, die an Hängen kleben. Die längste Straße führt vom Hauptort im Halbrund gen Süden nach Cachaço. Elf Kilometer ist sie lang. Das Verkehrsaufkommen? Mehr als gering. Mal ein Auto, mal ein Esel, und dann eine Stunde lang nichts. Brava ist eine Insel für Stillesucher.
Das entrückte Eiland ist bis heute relativ isoliert. Einen Flughafen gibt es nicht beziehungsweise nicht mehr. Nur Fähren, die sich durch den hier wogenden Atlantik pflügen. Ist der Seegang zu hoch, fallen die Fähren aus. Wer Brava wählt, sollte Zeit mitbringen und sich auf Planänderungen gefasst machen.

Seefest sollte man außerdem sein oder zumindest ein Mittelchen zur Hand haben. Die Fähre von Fogo (1 Std.) bzw. von Santiago (6 Std.) hat es in sich. Zur Begrüßung werden bunte Plastiktüten an Bord verteilt. Schon 20 Minuten nach dem Ablegen hängen die ersten Passagiere über diesen Tüten wie Pferde über ihren Futtersäcken. Details ersparen wir Euch, Schlimmeres haben wir selten gesehen und gehört.
Doch die Übelkeit ist schnell vergessen. Schon kurz nach der Ankunft auf Brava wird man ein paar Gänge runterschalten. Und wird ankommen auf einer Insel, auf der Morabeza, die kapverdische Gastfreundschaft, nicht nur eine PR-Floskel ist. Auf Brava freut man sich noch über jeden, der den Weg hierher gefunden hat – nicht wie auf → Santo Antão, wo wir uns leider nicht immer willkommen fühlten.
Tipps und Reiseinfos zu Brava (Hinkommen, Rumkommen, Unterkommen, Essen usw.) findet Ihr geballt am Ende dieses Beitrags.
Inhaltsverzeichnis
Kurzüberblick Ilha Brava
- Inselzwerg: Ilha Brava, die „Wilde“ oder „Unzähmbare“, ist mit 67 Quadratkilometern die kleinste bewohnte Insel der Kapverden. Gleichzeitig ist sie die westlichste Insel der Sotavento-Gruppe, wie die südlichen Inseln der Kapverden genannt werden. 6300 Einwohner hat das karge, fast kreisrunde Inselchen, Tendenz sinkend. Der Süden ist nahezu unbewohnt.
- Im Abseits: Brava liegt jwd, janz weit draußen im Atlantik, rund 800 Kilometer vom afrikanischen Festland entfernt. Segelt man gen Westen, kommt lange nichts. Nach über 2000 Seemeilen erreicht man die Karibik. Gen Norden trifft man nach über 3000 Seemeilen auf Grönland. Gen Süden sind es fast 10.000 Kilometer Blauwasser bis zur Antarktis. Wegen Ihrer Abgeschiedenheit, ihrer schroffen Küstenlandschaft und den bescheidenen Ankermöglichkeiten führte die Ilha Brava lange ein Schattendasein unter den Kapverdischen Inseln. Erst im 17. Jahrhundert, nach einem Vulkanausbruch auf der Nachbarinsel Fogo, wurde die Insel von Fogo aus in größerem Maße besiedelt.
- Von was lebt man? Von der Landwirtschaft, von der Fischerei, von den wenigen Touristen und vor allem: von den Geldsendungen der Emigrierten. Im 19. Jahrhundert wurden die USA zum Sehnsuchtsziel der Insulaner. Viele wanderten damals in die Walfanghäfen Neuenglands ab. Die transatlantischen Verbindungen sind bis heute eng, Englisch ist auf Brava deutlich verbreiteter als auf den Nordinseln.
- Die Sache mit den USA: Doch „in den Staaten ist nicht alles Gold, was glänzt“, hören wir in einer Kneipe. Viele Kapverdier enden dort in Fabriken, in denen sie für Mindestlohn niederen Tätigkeiten nachgehen. Andere werden kriminell. „Die meisten aus den USA nach Brava zurückgekehrten Insulaner waren dort in dodgy things verwickelt“, erzählt uns ein auf Brava lebender Expat.

Streifzug durch Vila Nova Sintra
Exakt 99 Kurven soll das Sträßlein haben, das vom Fährhafen Furna (null Höhenmeter) hinauf nach Nova Sintra (rund 500 Höhenmeter) führt. Keine Ahnung, ob das stimmt. Ein Kurvenstar ist das schmale Asphaltband in jedem Fall. Nach jeder Kehre wird es kühler. Wir ziehen uns die Hoodies über und werden sie in den nächsten Tagen kaum ablegen. Es weht ein frisches Lüftchen. Abends so stark, dass man gerne drinnen sitzt.
Vila Nova Sintra ist ein bildhübsches Kleinstädtchen, das weitestgehend noch so aussieht, wie es die Kolonialherren einst verlassen haben. Die weißgetünchten Häuser des friedvollen Orts besitzen farbige Fensterumrahmungen, manchmal hellblau, meist aber grau. Die Plantagenbesitzer von Fogo schätzten Nova Sintra in den heißen Monaten als Sommerfrische. Jetzt im Februar schafft es das Thermometer tagsüber auf maximal 20 Grad. Und auch nur dann, wenn die Sonne durchkommt. Oft trägt Nova Sintra eine graue Wolkenmütze. Nachts brauchen wir dicke Decken.


Zentrum des verträumten Städtchens bildet die Praça Eugénio Tavares, benannt nach dem gleichnamigen Schriftsteller (1867–1930). Eugénio Tavares war ein Kapverdier portugiesischer Abstammung. Er setzte sich für die Armen und Unterdrückten ein und wird bis heute hoch verehrt. Sein einstiges Wohnhaus dient als Museum.
Gepflastert ist die Praça Eugénio Tavares mit der typischen Calçada Portuguesa. Das wellenförmige Muster kennt jeder, der schon einmal in Portugal oder in einer der ehemaligen Kolonien unterwegs war. Viel los ist auf der Praça nie. In Nova Sintra ist es so still, als wäre jeder Tag ein Sonntag.
Nahebei stehen zwei Kirchen und ein Krankenhaus. In Letzterem arbeiten mal zwei, mal drei Ärzte. Die Ärzte seien gut, erzählt uns einer, der davor wartet. Die Ausstattung hingegen eine Katastrophe. Wer auch nur ein Röntgenbild brauche, müsse rüber nach Fogo. Notfallpatient möchte man auf Brava nicht sein. Eigentlich nirgendwo auf dem Archipel, das nicht einmal einen Rettungshelikopter besitzt.

Auf dem kleinen Mercado Municipal kaufen wir Papayas, Bananen und ein bisschen Gemüse. Die Auswahl ist bescheiden, aber das, was die Böden hergeben, schmeckt köstlich. Manchmal ist weniger einfach mehr.

Immer wieder schauen wir auf einen Kaffee, ein Sandwich oder ein Bier bei der Shell-Tankstelle vorbei. Klingt zunächst komisch. Doch die Tankstelle ist das Herz und die Seele des Städtchens. Minimercado, Bar und Café in einem. Hier trifft sich alles auf einen Schwatz, inklusive der gefühlt fünf Inseltouristen.
Nach drei Tagen sind wir in Nova Sintra schon stadtbekannt. In der Tankstellenbar werden wir mit Handschlag begrüßt. Aus dem Aluguer winken uns Leute zu. Und im Supermarkt bekommen wir die Petersilie geschenkt. Aufs Haus, zwinker.
Wo essen in Nova Sintra?
Die Küche der Kapverden ist keine, die betört, sie ist selten richtig gut, eher eintönig. Auf dem Inselzwerg Brava aber gestaltet sich das Thema extraschwierig. Die wenigen Restaurants von Nova Sintra servieren in der Regel nur nach Vorbestellung. Reserviert für den Abend bis spätestens am Mittag des gleichen Tags!
Nachdem unser erstes Abendessen im Restaurant unseres Hotels Cruz Grande von der wirklich traurigen Sorte war (trockenes Hühnchen, trockener Reis, gekochter Kürbis), suchen wir uns für die nächsten Abendessen andere Locations. Zwei Empfehlungen:
Restaurante & Pensão Paulo: Im kleinen Neonlichtlokal von Paulos Pension läuft wie in allen Lokalen der Fernseher (meist Fußball, egal ob die portugiesische, spanische oder türkische Liga). Unser Abendessen besteht aus Fisch, Salat, Reis und Cachupa, dem kapverdischen Nationalgericht aus Hülsenfrüchten.

Restaurante Segredo é Alma do Negocio: Ein von Wellplatten überdachtes, recht liebevoll dekoriertes Hoflokal ums Eck vom Hauptplatz. Hier sitzen die Locals beim Grogue vorm Fernseher, wir bei Rotwein vor Fisch und Salat.
Wo trinken in Nova Sintra?
Gemessen an der Einwohnerzahl (1500) gibt es in Nova Sintra ziemlich viele Bars. Sie sind laut ohne voll zu sein. Brava ist die Insel der schreienden Männer, zumindest dann, wenn ein paar Schnäpse im Spiel sind. Am frühen Abend haben hier viele schon richtig einen sitzen.
Die Neugierde treibt uns in fast alle Nova-Sintra-Bars. In einer treffen wir Manuel. Manuel hat nur noch wenige Zähne, dafür eine wunderschöne gehäkelte Rastamütze. In den 1980er-Jahren war er arbeiten in Deutschland. Seitdem ist Bremerhaven für ihn die geilste Stadt. „Viel besser als Bremen und Hamburg.“
In einer anderen Bar, sie trägt den netten Namen Morabeza, steht ein Grüppchen beim Schnaps zusammen. Einer aus der Gruppe war mit uns auf der Fähre. Er fiel uns bei der Ankunft auf, als er kurz vor der Polizeikontrolle versuchte, einem französischen Paar die eigene Tasche aufzudrängen. Nun erzählt er, er käme aus Sal und habe „geschäftlich“ auf Brava zu tun. Die „Geschäfte“ können wir uns vorstellen. Er friert. „Come on, auch wenn’s etwas kühler ist, so ist das Wetter doch ganz gut“, sagt ein anderer.
„Im Juni und Juli kannst du hier manchmal im Nebel die andere Straßenseite nicht mehr erkennen.“

Der, der das sagt, heißt Dede, ein smarter hochgewachsener Typ, dem man sein Alter (Anfang 50) nicht ansieht. Elf Jahre arbeitete Dede in den USA. Dort zeugte er zwei Töchter, die in der gleichen Woche von zwei verschiedenen Müttern im gleichen Krankenhaus geboren wurden. Dann kehrte er zurück auf sein Inselchen. Heute ist Dede KFZ-Mechaniker, Musiker (CDs von ihm gibt’s in der Shell-Tankstelle) und Allround-Künstler in einem.
Derzeit schweißt Dede, so erzählt er uns, die Gallionsfigur für einen der vier Karnevalstrucks zusammen. „Ein Löwe mit einem Kopf wie ein Wackeldackel soll es werden.“ Das Defilee findet stets am Karnevalsdienstag statt und dauert rund vier Stunden – dann ist das Inselchen außer Rand und Band. Dede lädt uns ein, am nächsten Tag in seiner Werkstatt hinter der Shell-Tankstelle vorbeizuschauen. Lassen wir uns nicht entgehen. Brava, was bist du liebenswert!

Rundtour um Nova Sintra
Die karg-schöne Insel Brava ist durchzogen von alten Maultierwegen und Pfaden. An sich ein Traum für kürzere oder längere Routen. Wer auf der Ilha Brava wandern möchte, sollte allerdings hart im Nehmen sein und sich nicht auf Wegbeschreibungen oder GPS-Tracks seines Wanderführers verlassen.
Wir unternehmen von Nova Sintra aus mehrere Touren. Eine wird im Wanderführer als kleine Runde ums Dorf propagiert. Sie beginnt mit extrem steilen Anstiegen in die Oberstadt von Nova Sintra. Wir quälen uns die gepflasterten Serpentinen hoch, während Kinder an uns vorbeispringen und junge Frauen federngleich hinaufschweben. Männer in Badelatschen überholen uns, 30 Kilo Zement auf den Schultern. Gockel krähen, Hunde bellen.

Boa tarde hier, Boa tarde da. „Was hat das eigentlich mit den Stöcken beim Wandern auf sich?“, fragt einer. Er sieht aus wie Yotam Ottolenghi. Wir erzählen unsere Geschichten vom dritten Bein und der Entlastung für die Knie. „Klingt gut“, sagt Yotam der Zweite. Am Abend treffen wir ihn wieder, am nächsten Tag auch. Er ist wie wir Stammgast in der Shell.
Später schlittern wir steile Berghänge hinab, grüßen Esel, schlagen eine Kuhfamilie in die Flucht und kriechen unter Dornengestrüpp hindurch. Wer genusswandern will, ist auf Brava einfach falsch. Wer ein wenig Abenteuer sucht, hingegen richtig.

Auf den höchsten Inselberg: Von Cachaço auf den Monte Fontainhas
Auch unser nächstes kleines Wanderprojekt geht in die Hose: der Versuch, von Cachaço auf den Monte Fontainhas, mit 976 Metern der höchste Inselberg, zu wandern und von dort zurück nach Nova Sintra zu gehen. Rund drei Stunden dauert die Tour.
Cachaço, das abgelegenste Dörfchen Bravas, erreichen wir mit einem Aluguer. Schon auf der Fahrt sehen wir Wolken über die Bergkämme ziehen. Wenig später, als wir den Weg nach oben suchen, beginnen sich die Wolken an den Hängen aufzustauen und abzusacken.

Je höher wir kommen, desto dichter werden die Nebelschwaden. Wir sehen – nichts. Keine Ausblicke, keine Wegmarkierungen.
Über Kuhweiden und auf dornigen Pfaden steigen wir ab nach Nova Sintra. Irgendwann schlupfen wir unter der Wolkenmütze heraus und können wieder das Meer erblicken. Schließlich passieren wir auch eine hübsche Kapelle:

Fajã d’Água: Abhängen in der Traumbucht
So gut uns Nova Sintra auch gefällt: Wir haben die Faxen dick von den kühlen Temperaturen und dem Wind dort oben. Wir wollen Sonne und Wärme. Also nichts wie ab nach Fajã d’Água! Das Fischerdorf im Nordwesten der Insel kann herrlicher nicht liegen. Die Häuser verteilen sich zu Füßen einer steil aufragenden Felswand. Davor der Atlantik.

In atemberaubenden Serpentinen führt eine spektakulär in den Fels gehauene Pflasterstraße hinab in die halbkreisförmige Bucht. Die leuchtet in allen möglichen Farben: mal wie ein Aquamarin, mal wie ein Smaragdcollier, mal wie Listerine. Fajã d’Água ist ein Realität gewordener Kapverdentraum.
„Und die touristische Infrastruktur?“, werdet Ihr fragen. Absolut in den Kinderschuhen, antworten wir und hoffen, dass dies immer so bleiben wird. In Fajã d’Água gibt es bislang nur einige wenige einfache Unterkünfte, eine derbe Fischerkneipe, die auf Vorbestellung auch Essen serviert, und einen Laden, in dem man nicht viel kaufen kann.

„Schlafen auf Brava ist eine Flucht vor dem Luxus.“
So steht’s auf der Webseite von visit-caboverde.com. Ein Satz, den wir nur unterschreiben können. In Fajã d’Água beziehen wir eines der drei simplen Apartments der → Kaza di Zaza, die der nette Holländer Erik, ein Segler, vermietet.
Die Anlage ist hippiesk durch und durch. In unserem bunten Selbstversorgerapartment mit der gefühlt schönsten Meerblickterrasse der Insel krabbeln auch Kakerlaken und Riesenspinnen umher. Einmal rennt nachts eine Maus übers Bett. Wer Brava wählt, wählt die Natur, wählt das einfache Leben. Brava ist nichts für Sissys.
Hinweis: Erik plant, Brava über kürzer oder länger zu verlassen. Die Zukunft der Kaza di Saza ist damit also leider ungewiss.

Fajã d’Água ist fürs Nichtstun wie geschaffen. Wir schauen aufs Meer oder in unsere Bücher, kochen Spaghetti und trinken Eriks hausgemachten Maracuja-Wein (!). Baden ist vor Ort nicht drin: Über den groben Kiesstrand rollen die Wellen, springen zuweilen sogar über die Ufermauer und fluten die einzige Straße dahinter.
Transport von und nach Fajã d’Água: Kein einfaches Thema. Die Anzahl der Aluguers, die in die abgelegene Bucht fahren, ist mehr als überschaubar (ein Fahrzeug alle ein bis zwei Stunden) und tendiert am Wochenende gegen Null. Habt einfach Geduld! Wer nach Brava kommt, muss Zeit im Gepäck haben.
Die Hippieyacht
Zum obligatorischen Sonnenuntergangsbierchen spazieren wir in die Dorfkneipe, in dem die Fischer bereits seit dem Nachmittag beim Grogue sitzen. Wenig später wird das ganze Dorf in goldene Tunke getaucht und die Uferstraße zum Sunset Boulevard.

Während Himmel und Meer in Pastellfarben verschwimmen, tanzt ein Neohippie zum Morna-Sound aus den Boxen. Er gehört zur Besatzung der in der Bucht schaukelnden Segelyacht, die wegen des Wellengangs seit Tagen nicht auslaufen kann. Die jungen Leute auf der Yacht sind auf Brava genauso gestrandet wie wir. Tagelang wird wegen der rauen See keine Fähre fahren.
Am nächsten Tag treffen wir die Kapitänin der Yacht: ein nussbraun gebranntes Mädchen in Leggins, barfüßig, die dunkelblonden Haare vom Meersalz zerzaust. Oberarme wie ein Bauarbeiter, eine Schulter merkwürdig verformt. „Ein Segelunfall“, erzählt uns Alice. Die Atlantik-Undine ist 21 (!) Jahre jung und dem Pass nach Französin. Doch Nationalitäten sind ihr egal:
„I was born on a boat and I will die on a boat.“
In den nächsten Tagen kommt sie regelmäßig an Land geschwommen, trinkt Schnaps mit den jungen Fischern und verdreht ihnen reihenweise den Kopf. Einer wird irgendwann mit zur Yacht schwimmen dürfen.
Ein modernes Märchen aus Brava.
Brava-Tragödie: Der Untergang der Matilde
Leider gibt es nicht nur romantische Geschichten aus Brava zu erzählen. Erhöht über der Uferstraße von Fajã d’Água steht eine kleine Kapelle. Die mit Palmen bestückte Plattform gleich nebenan ist ein herrliches Plätzchen für den Sonnenuntergang und zugleich ein Gedenkort, der an ein tragisches Ereignis erinnert.

1943 kauften junge Glücksritter von der Insel ein abgetakeltes Segelboot namens Matilde. Ihr Ziel: Neuengland. Der Grund: Sie wollten dem Hunger auf Brava entgehen und hofften auf ein besseres Leben auf der anderen Seite des Atlantiks. Anfang der 1940er-Jahre gab es auf den Kapverden dürrebedingt eine der schlimmsten Hungersnöte ever.

Die Crew legte am 21. August 1943 vom Strand in Fajã d’Água ab. Schon kurz nach Verlassen der Insel bemerkte ein Junge ein Leck. Als Angsthase wurde er verspottet. Er sprang ins Meer und schwamm zurück nach Brava. Der Zwölfjährige sollte der einzige Überlebende der Matilde werden. Auf Höhe der Bermudas geriet das Boot in einen Hurrikan und ging unter. Die komplette Besatzung (53 Männer) ertrank.
Der aufgegebene Flughafen
Die Serpentinenstraße hinab nach Fajã d’Água wurde Anfang der 1990er-Jahre als Zufahrtsstraße zum nahe gelegenen Flughafen gebaut. Der Airport entstand im Rahmen eines von Deutschland finanzierten Food-for-Work-Programms und sollte die Infrastruktur auf dem kleinen Eiland verbessern.

Doch man hatte die Rechnung ohne den Wind gemacht. Nur zwölf Jahre lang war der kleine Flughafen in Betrieb, von 1992 bis 2004, dann gab man ihn auf. Die enorm starken Seitenwinde ließen keinen rentablen Flugbetrieb zu, ständig mussten Verbindungen gecancelt werden.
Wer heute auf der verlassenen Landebahn unterwegs ist und dort fast weggeblasen wird, fragt sich, wie man überhaupt auf die Idee kommen konnte, hier einen Flughafen zu bauen.

Die Landebahn und die desolaten Gebäude des ehemaligen Airports zwischen Meer und Berghängen sind ein wunderbares Ziel für Lost-Place-Fans und eine tolle Fotokulisse!

Der Lost Airport liegt auf der Wanderroute zu einigen Naturpools und zum dunklen Sandkiesstrand Praia de Portete. Jetzt im Februar ist die See viel zu rau zum Baden. Im Sommer aber sollen die Orte bestens besucht sein.

Christina und der Abschied von der Insel
Die Ilha Brava will uns nicht gehen lassen. Der Atlantik bleibt aufgewühlt. Die Fähre, die uns zurück nach Fogo bringen soll, wird immer wieder aufs Neue gecancelt. So verlängern wir nicht nur einmal – für Gastgeber Erik kein Problem. Wenn keine neuen Gäste anreisen können, ist Platz für Gäste, die bleiben müssen. „Brava-Alltag“, sagt Erik und grinst. No stress.
Auf unserer Terrasse sind wir mittlerweile zu dritt: Die Dritte im Bunde heißt Christina – die schwarz-weiße Mischlingshündin folgt uns auf Schritt und Tritt. Erstmals sahen wir sie in Nova Sintra, schwanzwedelnd kam sie dort über eine Mauer auf uns zugesprungen. Über eine Woche später und acht Kilometer weiter steht sie nun mit der gleichen guten Laune auf unserer Terrasse und hüpft auf die Hippiecouch – als wäre es ihre.
Christina ist auf der Insel bekannt wie ein bunter Hund. „Sie gilt als Rassistin, weil sie immer nur Weißen hinterherläuft“, klärt uns Erik auf. Christina bekäme Futter von einer Pension in Nova Sintra, sei aber sonst auf sich gestellt. Herrchenlos und Spaß dabei, sozusagen. „Ihre Wege sind lang, zehn Kilometer sind ein Klacks für sie“, sagt Erik.

Während unserer letzten Tage ist Christina stets an unserer Seite. Sie geht mit uns wandern und abends in die Kneipe. Die Nächte verbringt sie auf unserer Terrasse – seitdem sind die Mäuse weg.
Einmal wandern wir mit ihr durchs spektakulär schöne Tal von Fajã d’Água hoch ins Dorf Nossa Senhora do Monte. Es geht vorbei an Bananenplantagen, Zuckerrohr, Palmen und verlassenen bzw. fast verlassenen Dörfern.
Als eines Morgens das Taxi kommt, um uns zum Fährhafen zu bringen, weiß Christina Bescheid. Sie zieht den Schwanz ein, versteckt sich traurig hinter einem Busch und beobachtet von dort, wie wir die Taschen in den Kofferraum verstauen. Wieder gehen welche. Doch neue Freunde werden kommen. Ganz bestimmt.
Ilha Brava: Tipps und Infos
Grundsätzliches
Eine Reise nach Ilha Brava erinnert an die Zeit, als das Reisen noch aus Überraschungen bestand. Hier kann man nicht alles vorausplanen und sollte unbedingt an Puffertage denken. Besucht Brava am Anfang Eurer Reise, keinesfalls am Ende!
Hinkommen
Sofern Wind, Wellen und Maschine es zulassen, legt Mo/Do/Sa (Stand 2025) morgens um 7 Uhr eine Fähre von Praia (Santiago) nach Fogo ab, von wo es mittags um 12 Uhr weiter nach Brava geht. Um 14 Uhr verlässt die Fähre Brava wieder und fährt über Fogo zurück nach Santiago (Ankunft gegen 20 Uhr).
Kauft die Tickets am besten → online einige Tage vorab! Nicht an jedem Hafen könnt Ihr Tickets kaufen, am Hafen von Fogo beispielsweise nicht!
Wer nicht seefest ist, sollte unbedingt ein Mittelchen gegen Seekrankheit dabei haben (gibt es in jeder Inselapotheke!). Hat uns super geholfen.
Der kleine Fährhafen von Brava heißt Furna. Der niedliche Hafen, den eine weiße Kapelle überblickt, erwacht eigentlich nur zu den Ankunfts- und Abfahrtszeiten der Fähren aus seinem Dämmerschlaf. Als Standort würden wir ihn nicht empfehlen. Bei Ankunft der Fähren stehen Aluguers parat.
Unterkommen
Mal gibt es nur ein Hotel, das zu Eurem Termin über die herkömmlichen Portale zu buchen ist, mal mehrere, mal gar keins – doch macht Euch keine Sorgen, auf Brava schläft keiner auf der Straße. Fragt rum (am besten in der Shell-Tankstelle in Nova Sintra) oder schaut, was sich hinter den jeweiligen Google-POIs versteckt und versucht, dort anzurufen bzw. einfach vorbeizuschauen. Kaum eine Unterkunft hat einen ordentlichen Internetauftritt.
Wie lange es Eriks → Kaza di Zaza in Fajã d’Água noch gibt, wissen wir nicht.
Rumkommen
Wir erwähnten es bereits: Man braucht viel Geduld und afrikanischen Gleichmut. Irgendwann kommt man aber mit den Aluguers immer von A nach B. Einmal nahm uns der Schulbus mit. Wir und zehn Mädchen, die lautstark sangen – unvergesslich. Wer ein Privattaxi (sprich: ein Aluguer ohne Mitpassagiere) ordern möchte, fragt rum. Einen Mietwagenverleih gibt es nicht.

Essen und Trinken auf Brava
In Bars, Restaurants und Unterkünften wird nach Vorbestellung für Euch gekocht: Fisch (fangfrisch, wenn die See nicht allzu rau ist) oder Fleisch, Reis, Gemüse und Cachupa.
Wer das Glück hat, sich selbst versorgen zu können, findet einen größeren Supermarkt in Nova Sintra und kleinere Läden in Nossa Senhora do Monte. In Fajã d’Água gibt es weniger als das Nötigste zu kaufen.
Trinkgeld soll man ausdrücklich nicht geben, befahl uns Erik. Wir haben es trotzdem selten übers Herz gebracht, gar nichts zu geben.
Wandern auf Brava
Die Ilha Brava ist von ihrer Topographie her an sich eine Insel, die fürs Wandern wie geschaffen ist. Es gibt zahlreiche gepflasterte Wege und Maultierpfade, die über die Insel führen, tolle Aussichten und spannende Ziele. Nur fehlt es vielfach an Markierungen.
Ein empfehlenswerter Wanderführer in Buchform ist uns unbekannt – unserer war veraltet und/oder schlecht recherchiert, selbst die heruntergeladenen GPS-Tracks führten uns oft ins Dornengebüsch.
Wie lange?
Wir waren dank ausgebliebener Fähren fast zwei Wochen auf Brava und haben keinen Tag auf der Insel missen wollen. Anderen reichen ein, zwei Nächte.
Mehr Kapverden und andere Atlantikinseln hier auf dem Blog
- Highlights und Downsides Santo Antão: Wie wir die zweitgrößte Insel der Kapverden erlebten
- Lost Places auf den Azoren: Ruinensuche im Inselparadies
- Strände, Pools und heiße Quellen: Badespaß auf São Miguel
- Azoren: Welche Insel passt zu wem?
- Kurvenstar La Gomera: Wo der Winter Frühling spielt
- Sodade: Auf den Spuren Cesária Évoras durch Mindelo

































Spannend, dass es solche untouristischen Inseln noch gibt. Aber das Hin- und Herumkommen scheint ja auch echt nur was für die Harten zu sein. 😅
Danke fürs Mitnehmen! Superschön erzählt!
Liebe Grüße
Angela
Dankeschön, Angela, freut uns, dass dir der Artikel gefallen hat. Oh ja, Brava ist nichts für Sissys :-D, aber genau das wegen auch so wunderbar. Liebe Grüße zurück!
Ich liebe eure bildhafte Sprache. Das mit der Fähre erinnert mich stark an ein Erlebnis auf den Philippinen, da gab es einige Parallelen. Die Kapverden stehen schon so lange auf meiner Liste. Ich bin gespannt, ob ich es demnächst auch einmal dorthin schaffe. Ob es dann tatsächlich Brava wird, steht in den Sternen. Die Überfahrt schreckt ab ;-). Aber die Insel hat schon etwas Faszinierendes. Ich denke, dass es mir dort durchaus gefallen könnte. Danke für diesen authentischen Bericht über eine noch wenig bekannte Insel.
Herzliche Grüße
Carola
Danke für dein nettes Feedback, Carola. Die Fährfahrten auf den Kapverden waren allesamt nicht ohne, aber Brava hat echt den Vogel abgeschossen. Dabei haben wir den Wahnsinn nur angedeutet, Details möchten wir den Leser:innen echt ersparen :-D.
Noch einen schönen Sommer dir und herzliche Grüße zurück
Gabi und Michael
Vielen Dank fürs Mitnehmen! Seit ich die Kap. Inseln letztes Jahr entdeckt habe, will ich unbedingt zum Wandern Mal hin. Leider ist es von meinem Wohnort doch sehr schwierig hinzukommen. Irgendwann also Mal ☺️.
Liebe Janine, mit deiner Freude am Wandern wärst du auf manchen kapverdischen Inseln sicher optimal aufgehoben. Vielleicht klappt’s ja irgendwann mal!
Hey ihr zwei,
was für ein wunderbarer Einblick in das Leben auf dieser Insel. Ich kenne nur von den kapverdischen Inseln nur Santiago, Sal und Boa Vista und wäre sehr gerne in den Norden gereist. Brava hatte ich gar nicht aufm Schirm. Bei uns wäre das aber auch schwierig geworden, weil auch einfach keine Fähren gefahren sind…
Erfahrungen mit Alguer hatte ich auch, aber ich stelle mir das auf Brava alles noch viel mehr Basic und traditionell vor. Mäuse finde ich zwar süß, aber ob ich sie unbedingt auf meinem Bett haben müsste, nee, glaub nicht.
Sollte es mich noch ein drittes Mal auf die Kapverden verschlagen, steht Fogo auf jeden Fall auf dem Plan – und dann wäre ein kurzer (falls die Fähren fahren) Abstecher nach Brava durchaus reizvoll.
Liebe Grüße von Miriam von Nordkap nach Südkap
Liebe Miriam,
das mit den Mäusen war überhaupt kein Spaß, wir sind ja auch einiges gewohnt, aber das war eindeutig too much;-). Brava war wirklich toll, Fogo übrigens auch (Artikel folgt), aber Fogo ist deutlich touristischer und internationaler, Brava hingegen wirklich noch ein echtes Landei. Haben es keinen Tag bereut, dort gestrandet zu sein, fühlten uns einfach sauwohl und willkommen – ganz im Gegensatz zu Santo Antao, wo die Leute unserer Meinung nach ziemlich abgegessen vom Tourismus sind.
Herzliche Grüße
Gabi und Michael