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Dichter in Holz: Das architektonische Erbe von Dušan Jurkovič in Böhmen und Mähren

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Ihn faszinierte die walachische Volksarchitektur Mährens mit ihren dekorativen Holzschnitzelementen genauso wie die verspielte Sezession und der frühe Modernismus. Er mischte die Stile und kreierte damit einen ganz persönlichen. Der Slowake Dušan Jurkovič (1868–1947) gehört zu den wohl eigenwilligsten osteuropäischen Architekten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Geboren nahe der westslowakischen Stadt Myjava, ging Jurkovič als junger Mann nach Wien. Dort studierte er von 1884 bis 1889 an der Staatsgewerbeschule Architektur. 1899 machte er sich in Brünn als Architekt selbstständig. Nach der Gründung der Tschechoslowakei verließ er Brünn, um in Bratislava Akzente zu setzen.

Mann mit Schnauzer schaut streng in die Kamera
Dušan Jurkovič (Quelle: Wikipedia)

In Böhmen und Mähren holte Dušan Jurkovič über 20 Aufträge an Land. Er entwarf nicht nur Villen, Restaurants und Hotels, die an Lebkuchenhäuser erinnern, sondern auch einen Aussichtsturm und selbst einen Kreuzweg. Jurkovič wurde zudem gerne gerufen, wenn es darum ging, Schlösser oder Burgen umzugestalten.

Die bedeutendsten Gebäude und Projekte Dušan Jurkovičs in Tschechien – sie haben uns auf unseren zahllosen Recherchereisen durchs Land immer wieder staunen lassen – stellen wir Euch nun einmal vor.

 

Jurkovič-Gebäude in Tschechien: Inhaltsverzeichnis

 

 

Villa Jurkovič in Brünn: Wohn- und Ausstellungshaus

Dieses architektonische Juwel steht in Brno-Žabovřesky, Brünn Sebrowitz. Žabovřesky ist so etwas wie das Jugendstil-Pendant zum „Funktionalismusviertel“ Černá Pole mit der UNESCO-Welterbe-Villa Jugendhat. Die Villa Jurkovič, 1906 errichtet, sollte das Privathaus des Architekten und ein begehbares Aushängeschild werden. Wiener Jugendstil, englische Moderne und Elemente der mährischen Volkskunst verschmelzen hier zur unverkennbaren Jurkovičschen Architektursprache. We love it.

 

Villa mit Holzelementen in Winterlandschaft
Die Villa Jurkovič in Brünn gehört zu den bedeutendsten Jurkovič-Bauten Tschechiens (© Moravian Gallery Archive)

 

Wer in der Mischung aus kuscheligem Blockhüttenambiente und elegant-geschmackvollem Zeitgeist des frühen 20. Jahrhunderts umherwandelt, versteht, warum Dušan Jurkovič „Dichter in Holz“ genannt wurde.

Alle weiteren Infos zur Villa Jurkovič findet Ihr hier

 

Jurkovičův dům in Luhačovice: Kurhotel in Südmähren

Ihr wollt einmal in einem Jurkovič-Bau übernachten? Dann hätten wir einen ersten Tipp für Euch: das Vier-Sterne-Haus Jurkovičův dům* im südmährischen Heilbad Luhačovice. 5100 Einwohner zählt die Stadt, die in einem grünen Tal zu Füßen der Weißen Karpaten liegt. Die Luft ist sauber, Heilquellen sprudeln, kein Lärm, nur Ruhe – beste Voraussetzungen also, um zu genesen.

Das vierflügelige Kurhotel mit zwei Innenhöfen steht direkt an der Promenade. Dušan Jurkovič schuf hier 1901/1902 kein neues Hotel, sondern baute ein älteres Gebäude nach seiner Fasson um. Er setzte ein Fachwerkgeschoss auf den klassizistischen Ursprungsbau und dekorierte das Gebäude mit Elementen der Volksarchitektur. Seitdem zieren auch Gauben das Walmdach.

 

Hotelbau mit hölzernem Fachwerkaufbau
Kurhotel in Südmähren: Jurkovičův dům in Luhačovice

 

Im Inneren bezaubert die zweigeschossige Halle mit ihren wunderschönen Treppenlösungen. Auch sonst begegnen den Hotelgästen viele hübsche Details wie die schmucken Türen der Umkleidekabinen im Hallenbad. Die Zimmer sind holzig-gemütlich, das Ambiente des Hauses ist aber insgesamt etwas bieder – wie in den meisten Kurhotels des Landes.

 

Der Kreuzweg auf dem Hostýn: Jurkovič goes sakral

Auf dem 735 Meter hohen Berg Hostýn (Hostein) erhebt sich stolz, fast arrogant, eine mächtige Maria-Himmelfahrts-Basilika aus dem 19. Jahrhundert. Die Statue der „Maria von Hostein“ über dem Hauptaltar ist ein Pilgerziel. Deutlich weniger Besucher kommen, um die Stationen des nahen Kreuzwegs von Dušan Jurkovič abzulaufen.

13 Stationen mit ganz unterschiedlichen Holzkapellen im unverwechselbaren Jurkovič-Stil besitzt dieser Kreuzweg. Die Entwürfe stammen aus dem Jahr 1903, die Arbeiten an dem Kreuzweg zogen sich allerdings bis 1933 hin.

 

Allein stehende Holzkapelle im grünen
Jurkovič-Kreuzweg auf dem Hostýn

 

Die ersten Keramikmosaike der Kapellen hielten dem unwirtlichen Wetter in dieser Höhe nicht stand. Sie mussten bereits ersetzt werden, bevor alle Stationen fertig waren. Die Mosaike, die man heute sieht, stammen von Jano Köhler. Der renommierte Sakralkünstler, der eigentlich eher für seine Sgraffiti und Fresken bekannt war, schuf sie ab 1912.

In den Zehner- und Zwanzigerjahren dieses Jahrhunderts wurde der Kreuzweg restauriert und ist seitdem wieder ein Highlight für Kunstfans. Jurkovičs Holzarchitektur ist in Kombination mit der moderne Bildsprache der Glasuren besonders faszinierend. Seht selbst:

 

Jesus unter Kreuz wird beweint Keramikmosaik
Künstlerisches i-Tüpfelchen des Jurkovič-Kreuzwegs auf dem Hostýn: die Keramikglasuren von Jano Köhler

 

Tipps für die Anreise: End­sta­tion für Mo­to­ri­sier­te ist der Park­platz zu Fü­ßen des Hostýn, von wo man mit Bussen (Mo–Fr 6.40–16.15 Uhr etwa im stündl. Rhythmus, Sa/So bis 17.30 Uhr, im Win­ter weniger Fahr­ten) hinauf­fahren oder die 3 km zu Fuß zurücklegen kann. hostyn.cz.

 

Der Aussichtsturm in Rožnov pod Radhoštěm

Im Städtchen Rožnov pod Radhoštěm in den Mährischen Beskiden zieht das Walachische Freilichtmuseum jährlich rund eine halbe Million Besucher an. Das Museum umfasst mehrere Areale mit rund 120 historischen Objekten, die aus verschiedenen Dörfern der Beskiden hierher geschafft wurden – Blockhütten genauso wie eine Kirche, Werkstätten und vieles mehr.

Eine jüngere Attraktion ist der auf einem bewaldeten Hügel stehende Jurkovič-Aussichtsturm. Er wurde erst im Jahr 2012 errichtet, 65 Jahre nach dem Tod des Architekten. Die Geschichte dazu geht so:

Im Jahr 1896 erhielt Dušan Jurkovič vom Klub Tschechischer Touristen (Klub českých turistů) den Auftrag, Entwürfe für einen Turm bei Brünn anzufertigen. Doch dem Klub waren die Pläne zu teuer. So verstaubten sie für über ein Jahrhundert in der Schublade – bis die Stadtverwaltung von Rožnov pod Radhoštěm von den unverwirklichten Turmplänen Wind bekam. Die Stadtoberen entschlossen sich, den Turm errichten zu lassen – nach den Originalentwürfen und mit alten Arbeitstechniken.

 

Schöner Holzturm auf Waldkuppe
Neubau nach Originalentwürfen: Jurkovič-Aussichtsturm in Rožnov pod Radhoštěm

 

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Der Turm ist ohne Umschweife der schönste Aussichtsturm Mährens – auch wenn man von ihm nicht nur die liebliche Beskidenlandschaft überblickt, sondern auch die Plattenbauten von Rožnov.

 

Blick auf eine Stadt in grüner Hügellandschaft
Blick auf Rožnov

 

Der Holzbau ruht auf einem Steinfundament, obenauf ein Pyramidendach mit Kupferspitze. Da Jurkovič in seinem Entwurf noch keine Farbgebung vorgegeben hatte, orientierte man sich an anderen Bauten von ihm. Und in der Tat wirkt der Turm heute so, als wäre Jurkovič mal kurz aus seinem Sarg gesprungen, um den Malern zur Seite zu stehen.

Praktische Infos: Der Turm erhebt sich abseits der Museumsareale. Man erreicht ihn nach einem zehnminütigen Anstieg durch den Wald. Die Details, Öffnungszeiten und Eintrittspreise findet Ihr hier.

 

Nur ein Windzug unterm Beskidenhimmel: Die Jurkovič-Bauten in Pustevny

Wir bleiben in den Beskiden. Pustevny ist eine Häuseransammlung auf einem Bergsattel zu Füßen des Radhošt-Gipfels (1129 m). Hier stehen zwei der prominentesten Bauten von Dušan Jurkovič: das Hotel Mamenka und die benachbarte Baude Libušin.

Wer im reich mit Schnitzwerk verzierten Hotel Mamenka* übernachten will, sollte Monate im Voraus buchen. Es gibt nur wenige Zimmer und das Erlebnis, einmal direkt unterm Beskidenhimmel zu übernachten und Traumsonnenuntergänge zu genießen, ist begehrt. Die gemütlichen aber etwas hellhörigen Zimmer mit Holzböden haben leichten Bauernstubentouch, Balkendecken und folkloristische Wandmalereien inklusive.

 

 

Die benachbarte, nicht minder attraktive Baude Libušin musste nach einem Brand 2014 rekonstruiert werden. Selbst der wunderschöne Speisesaal mit Wandmalereien nach Entwürfen des Künstlers Mikoláš Aleš, mit dem Jurkovič befreundet war, wurde wiederhergestellt – eine Augenweide! Im Restaurant kommt walachische Küche auf den Tisch: Blaubeerknödel, Brimsen (Schafsmilch-Frischkäse) und Halušky (Beskiden-Spätzle) mit Speck. Besser reservieren (Tel. 00420-603-343888).

 

Wunderschönes Restaurant mit türkisfarbenem Holz getäfelt
Hier lässt es sich aushalten: Speisesaal der Baude Libušin

 

Anfahrt: Hinauf nach Pustevny kann man entweder mit dem eigenen Auto anreisen (oben jedoch nur begrenzte, kostenpflichtige Parkplätze!) oder von Trojanovice mit der Seilbahn gondeln.

 

Jiráskova chata: Ausflugslokal bei Náchod

Dušan, verzeih uns, aber dieses Ausflugslokal samt Aussichtsturm scheint uns weniger gelungen – trotz seiner schönen Lage und der Aussichten bis hin zum Rožkos-Stausee. Aber vielleicht kannst du gar nichts dafür. Auf historischen Aufnahmen wirkt die vergleichsweise schmucklose Baude (1921–1924), weniger plump, sondern deutlich graziler. Vielleicht liegt’s an den massiven Fensterrahmen, die einer Renovierung geschuldet sind.

 

Holzbau, in dem ein Ausflugslokal untergebracht ist
Jiráskova chata

 

Die Jiráskova chata findet man auf einem Hügel keine zwei Kilometer südlich der ostböhmischen Stadt Náchod. Das Restaurant besitzt eine große Terrasse mit Selbstbedienung. Der Frittiergeruch im Inneren ließ uns schnell wieder gehen. Eine Einkehr empfehlen wir nicht.

 

Schloss Nové Město nad Metují: Jurkovič als Innenarchitekt

Im heimeligen ostböhmischen Kleinstädtchen Nové Město nad Metují steht ein Schloss, das sich Architekturfans auf den Zettel schreiben sollten. Das Schloss mit seinen Renaissance- und Barocksälen ging im frühen 20. Jahrhundert in die Hände des Textilindustriellen Josef Bartoň über. Dieser Mann mit Faible fürs Zeitgemäße ließ sich seine Residenz ab 1908 von renommierten Architekten umbauen. Darunter war auch Dušan Jurkovič.

Als Bindeglied zwischen Garten und Schloss schuf Jurkovič eine überdachte Holzbrücke, sie wirkt wie aus einem Märchen gefallen:

 

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Im Inneren des Schlosses wurden zudem einige Räume von Jurkovič eingerichtet. Dazu gehört der Wintergarten, dessen Wände mit Mosaiksteinchen aus dem nahen Fluss Mettau verziert sind. Dieser lichte Raum ist der für uns der schönste und stimmigste des Schlosses:

 

Reich verzierter Wintergarten eines Schlosses

 

Der so genannte Rippensaal, benannt nach dem markanten Kreuzrippengewölbe, wirkt hingegen ziemlich düster. Jurkovič soll sich dabei am englischen Arts & Crafts Movement orientiert haben. Uns erinnert der Raum eher an einen mittelalterlichen Rittersaal. Die Bartoňs nutzten ihn als Speisezimmer, an den Wänden kleben schwere Ledertapeten.

 

Raum mit Gewölberippen

 

Besser gefallen uns die von Jurkovič eingerichteten Schlafzimmer, die sich in spektakulär schönen Renaissance- und Barocksälen befinden. Die Mahagonimöbel wurden ebenfalls von Jurkovič entworfen.

 

Schlafzimmer mit Holzmöbeln unter schönem Gewölbe

 

Das Schloss gehört heute den Erben des Textilindustriellen Josef Bartoň. Man kann darin auch sehr nett übernachten – die für Touristen eingerichteten Suiten im Schloss* sind stilvoll. Alle weiteren Infos zum Schloss gibt es hier.

 

Gaststätte Peklo: Ausflug in die Hölle

Auf einer Lichtung im grünen Wald fünf Kilometer nordöstlich von Nové Město nad Metují treffen sich im Sommer die Radler und Wanderer zu Entenbraten und Schnitzel. Das zauberhafte Holz-Naturstein-Ensemble in Jurkovičs typischem Pfefferkuchenhaus-Stil ist ein populäres Ausflugsziel. Im Biergarten der Gaststätte Peklo (= Hölle) sitzt man und sitzt man und sitzt man.

 

Restaurant mit Biergarten im Blockhüttenstil
Dušan-Jurkovič-Architektur in Tschechien: Ausflugsgaststätte Peklo

 

Das Gebäude mit den abwechslungsreichen Dachformen war erneut kein von Jurkovič projektierter Neubau, sondern ein Umbau. Zwischen 1908 und 1910 wandelte der Architekt hier eine frühere Mühle in eine Ausflugsgaststätte um.

Weitere Infos zur Gaststätte findet Ihr hier.

 

Villa Bartelmus: Industriellenvilla am Waldrand

Nové Město nad Metují zum Dritten. Für den Brünner Industriellen Robert Bartelmus errichtete Dušan Jurkovič in den Jahren 1900/1901 eine Villa, in der man selbst gern wohnen möchte. Die Bartelmusova vila (auch: Vila na Rezku) steht zweieinhalb Kilometer südöstlich von Nové Město nad Metují in idyllischer Alleinlage zwischen Wald und Feldern.

Auch bei dieser Villa sind alle wichtigen Elemente der Jurkovičschen Formensprache zu finden: ein grob behauener Sandsteinsockel, Balkone, Dachgauben, detailverliebtes Schnitzwerk. Leider befindet sich das von einem weitläufigen Garten umgebene Gebäude heute in Privatbesitz und ist nicht zugänglich – wir konnten immerhin mal kurz über den Zaun knipsen und den schönen Schuppen im Eingangsbereich aufnehmen. Das Wohnzimmer, so lasen wir, ist doppelgeschossig. Die Schlafräume darüber sind über eine umlaufende Veranda zu erreichen.

 

 

Funfact: Während des Projekts lernte der Architekt die Tochter des Auftraggebers kennen und lieben. Dušan Jurkovič und Božena Bartelmus heirateten 1903.

 

Villa Raab in Písek: Industriellenvilla in der Stadt

Zuletzt stellen wir Euch noch die Raabova vila vor, den für uns langweiligsten Bau auf den Spuren von Dušan Jurkovič in Tschechien. Die Villa befindet sich im südböhmischen Städtchen Písek und stammt aus dem Jahr 1901. Der Industrielle Adolf Raab wollte hier nicht nur selbst residieren, sondern auch Wohnraum für hohe Verwaltungsangestellte seiner Fabrik schaffen. So beherbergt die Villa insgesamt drei Apartments. An der Fassade fällt neben der hübschen Blumenornamentik ein Gemälde mit dem Heiligen Wenzel auf, dem böhmischen Landespatron.

Ihr findet das Haus an der Sedláčkova 434.

 

Haus mit Dachgauben und Gemälde an der Fassade
Villa Raab in Písek

 

Mehr Dušan Jurkovič hier auf dem Blog

Rund um das Städtchen Gorlice im heutigen Südosten Polens liegen Hunderte von Soldatenfriedhöfen, die nach der Durchbruchsschlacht im Mai 1915 nötig geworden waren. Für deren Planung rief man renommierte Architekten, darunter auch Dušan Jurkovič. Von Jurkovič stammen rund 20 Friedhöfe. Die spannendsten haben wir uns angeschaut und in diesem Artikel zusammengefasst: Tote Seelen: Die Soldatenfriedhöfe von Dušan Jurkovič in Kleinpolen

 

Der beste Reiseführer zu Tschechien*

… stammt natürlich von uns ;-). Er ist im Michael Müller Verlag erschienen und gibt ausführliche Tipps zu Sehenswürdigkeiten, Übernachten, Essen & Trinken, Bahnfahren usw.

 

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