„Ihr fahrt wegen Friedhöfen extra den weiten Weg hierher? Habt Ihr auch noch andere Hobbys?“
Das fragt uns der junge Campingplatzbetreiber beim Check-in. In seiner Stimme schwingt Verwunderung bis Misstrauen mit. Okay, wir sind im touristischen Abseits. Ausländer verirren sich selten an den Rożnowskie-Stausee. Und wenn, dann zum Baden.
Wir aber sind der Friedhöfe wegen gekommen. Die Soldatenfriedhöfe bei Gorlice keine Fahrstunde östlich des Rożnowskie-Stausees gehören zu den bedeutendsten Erinnerungsorten des Landes. Auf einer Fläche von rund 10.000 Quadratkilometern gibt es dort 378 Gräberfelder, auf denen rund 65.000 Soldaten ruhen – das ist schon eine Hausnummer. Die meisten Soldaten starben in der so genannten Durchbruchsschlacht im Mai 1915. In dieser Schlacht siegten die Mittelmächte (Deutsches Kaiserreich und Österreich-Ungarn) über die russische Armee.
Noch im Jahr der Schlacht beschloss man, die Opfer zu exhumieren, an Ort und Stelle in Würde zu bestatten und zugleich Orte des Ruhms zu schaffen. Zur Umsetzung der „Heldengräber“ rief man renommierte Architekten, darunter den Slowaken Dušan Jurkovič. Dessen eigenwillige architektonische Formensprache, eine Mischung aus Jugendstil und folkloristischer Volksarchitektur, erregte zu jener Zeit Aufsehen.

Von Dušan Jurkovič stammen rund 20 der Militärfriedhöfe bei Gorlice. Sie befinden sich vorrangig im Süden des ehemaligen Schlachtfelds in der idyllischen Hügellandschaft der Niederen Beskiden. Vier große und zwei kleinere Friedhöfe haben wir uns einmal näher angeschaut. Die Gräberfelder tragen Zahlen und sind vor Ort gut ausgeschildert, in Teilen auch auf Deutsch.
Jeder Friedhof sieht anders aus, jeder ist auf eine andere Art interessant, und zwar nicht nur für Jurkovič-Fans. Neben ihrer architektonischen Bedeutung wirken die Friedhöfe fast wie erhobene Zeigefinger. 100 Kilometer weiter, in der Ukraine, wird die Erde gerade wieder massiv mit Blut getränkt.
Inhaltsverzeichnis
Wo und warum: Hintergründe zu den kleinpolnischen Militärfriedhöfen
Friedhof Nr. 123: Das Gräberfeld auf dem Pustki-Hügel
Friedhof Nr. 11: Vom Krieg zum Frieden
Friedhof Nr. 8: Wo Lazarettopfer liegen
Friedhof Nr. 51: Der Promi unter den Jurkovič-Friedhöfen
Wo und warum: Hintergründe zu den kleinpolnischen Militärfriedhöfen
Die Gegend, von der dieser Artikel handelt, liegt im Südwesten Polens in der heutigen Woiwodschaft Kleinpolen, etwa 100 Kilometer südöstlich von Krakau. Als es hier im Mai 1915 zur Durchbruchsschlacht bei Gorlice-Tárnow kam, war die Region Teil des österreichisch-ungarischen Kronlands Galizien, in das die 3. russische Armee vorgedrungen war.
Der Schlacht bei Gorlice-Tárnow war die Winterschlacht in den Karpaten vorausgegangen, eine der verlustreichsten Schlachten des Ersten Weltkrieges. Je nach Quelle liest man von 500.000 bis 700.000 Verwundeten, Toten und Vermissten. Österreich-Ungarn war danach geschwächt, die Doppelmonarchie fürchtete einen Vorstoß russischer Truppen auf Budapest und Wien. Und Deutschland hatte Angst vor dem Verlust seines wichtigsten Verbündeten. So stellte die deutsche oberste Heeresleitung Truppenverbände zur Unterstützung der österreichisch-ungarischen Einheiten für eine Entlastungsoffensive bereit.
Mit über 200.000 Mann gelang zwischen Gorlice und Tárnow der Durchbruch durch die russischen Linien (daher der Name „Durchbruchsschlacht“). Die Schlacht sorgte für einen Wendepunkt des Krieges an der Ostfront. Bereits im Juni wurde die galizische Hauptstadt Lemberg zurückerobert, daraufhin Russisch-Polen, das Weichselland.

Wie viele Soldaten bei der Schlacht ihr Leben ließen, weiß man nicht, die Quellen sind sich uneins. Auf den Tafeln vor Ort liest man, dass hier rund 65.000 Soldaten begraben liegen. Wikipedia gibt auf Seite der Mittelmächte 40.000 Tote und Verwundete an, auf russischer Seite 100.000 – in sieben Tagen. Darunter waren Ukrainer, Österreicher, Deutsche, Russen, Tschechen, Italiener, Slowaken, Ungarn, Bosnier und Polen.
Bereits im November 1915 begann man mit der Planung der Soldatenfriedhöfe – in Kriegszeiten ein logistisches Großprojekt, denn Mann und Material waren rar. Das Holz für die Jurkovič-Friedhöfe musste beispielsweise aus dem mährischen Olmütz (Olomouc) herbeigeschafft werden. Der Bau der Friedhöfe selbst (ab Mitte 1916) fand unter Einbeziehung von Kriegsgefangenen, vorrangig Russen und Italienern, statt.
Zentrum der Region ist heute das 25.000 Einwohner zählende Gorlice.
Steckbrief Dušan Jurkovič
Dušan Jurkovič (1868–1947) gehört zu den wohl eigenwilligsten osteuropäischen Architekten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Geboren in der westslowakischen Kleinstadt Myjava, ging er als junger Mann nach Wien, wo er von 1884 bis 1889 an der Staatsgewerbeschule Architektur studierte.

Fasziniert von der walachischen Volksarchitektur, versuchte Jurkovič bei vielen seinen Bauten, eine Verbindung zwischen Jugendstil bzw. frühem Modernismus und der folkloristischen Holzarchitektur der Beskidenlandschaft herzustellen. Die Ergebnisse sind oft bezaubernd, man denke nur an die Berghütten Maměnka und Libušin in Pustevny nahe dem Beskidengipfel des Radhošt (heute Tschechien).
1899 machte sich Jurkovič in Brünn selbstständig. Mit seiner Familie (er hatte drei Kinder) zog er 1906 in eine von ihm selbst entworfene Villa, die heute besichtigt werden kann – ein Schmuckstück! Wer die kuschelige Mischung aus Blockhüttenambiente und elegant-geschmackvollem Zeitgeist des frühen 20. Jahrhunderts betritt, versteht, warum Jurkovič auch „Dichter aus Holz“ genannt wird. Ab 1920 lebte der Architekt in Bratislava.
Bei den Soldatenfriedhöfen rund um Gorlice ist Dušan Jurkovičs Stil sofort zu erkennen. Auch wenn jedes Gräberfeld völlig anders aussieht, so gibt es doch Gemeinsamkeiten. Stets wurde hiesiges Gestein verwendet und versucht, die Friedhöfe einfühlsam in die Landschaft zu integrieren.
Friedhof Nr. 123: Das Gräberfeld auf dem Pustki-Hügel
Eyecatcher des Friedhofs Nr. 123 ist eine 25 Meter hohe Kapelle mit Walmdach – ein Sakralbau im typischen Jurkovič-Stil. Dass die Kapelle mit dem eleganten Symbolschmuck aus weißen Kreuzen aussieht wie vor kurzem erst erbaut, kommt nicht von irgendwo. 1985 brannte sie nieder und musste neu aufgebaut werden – nicht der einzige Holzbau des slowakischen Architekten, dem dieses Schicksal widerfuhr. Leider ist die Kapelle in der Regel verschlossen.

Die Kapelle steht auf dem von Wald umgebenen Pustki-Hügel und blickt auf die Kleinstadt Łużna. Davor zieht sich ein Meer aus Kreuzen den Hang hinunter. Unzählige, könnte man meinen, doch tatsächlich gibt es genaue Zahlen: 912 Soldaten des österreichisch-ungarischen Heeres liegen hier begraben, dazu 65 deutsche und 227 russische Soldaten. An manchen Gräbern findet man frische Blumen. Allzu viele Besucher bekommen die Friedhöfe aber vermutlich nicht zu sehen. Auf keinem begegnen wir auch nur einem Menschen.

Friedhof Nr. 11: Vom Krieg zum Frieden
Von der Verbindungsstraße Gorlice – Nowy Żmigród führt bei Wola Cieklińska ein holpriger Feldweg zu unserem zweiten Jurkovič-Militärfriedhof. Er ist deutlich kleiner, aber ebenfalls sehr atmosphärisch. Eine stolze Fichte wacht über den stillen, friedlichen Ort.

Man betritt den Friedhof durch einen Bogen mit einem Zitat, bei dem man erstmal schlucken muss. Der Tod als höchste Auszeichnung, die ein Soldat bekommen kann, wird heroisiert:
„Wir zogen zum Streit und wir fanden Frieden.“

Der kleine Friedhof besteht aus zwei überlappenden Kreisen. Mittig eine Rotunde, in der zwei deutsche Offiziere begraben liegen, ein österreichischer Soldat und ein unbekannter russischer Soldat. Insgesamt fanden hier 114 Armeeangehörige ihre letzte Ruhestätte. Darunter sind allerdings nicht nur Gefallene der Maischlacht von 1915, sondern auch Tote der Kämpfe um die Karpatenpässe im Winter 1914/15.
Friedhof Nr. 8: Wo Lazarettopfer liegen
Neben dem Dorffriedhof von Nowy Żmigród erinnert ein bescheidener kleiner Friedhof nicht nur an die Gefallenen der umliegenden Schlachten, sondern auch an Lazarettopfer. Jurkovič verwendete hierfür die gleichen Kreuze wie für Friedhof Nr. 11. Außerdem schuf er ein Denkmal aus fünf Steinsäulen, deren Kapitelle pflanzliche Motive zieren.

Auch hier ist wieder ein schwer heroischer Spruch zu lesen:

Der Friedhof besteht aus 157 einzelnen Grabstätten und 27 Massengräbern. Insgesamt sind hier 216 Soldaten begraben.
Nr. 51: Der Promi unter den Jurkovič-Friedhöfen
Ganz im Süden des einstigen Schlachtfeldes, nahe der Ortschaft Regetów und ganz nah an der Grenze zur Slowakei, befindet sich die Rotunda-Höhe – eine heute bewaldete Bergkuppe auf etwa 770 Höhenmetern. Der Friedhof ist der plakativste und spannendste aller Jurkovič-Militärfriedhöfe, gleichzeitig aber auch der abgelegenste. Vom Wanderparkplatz beim Zeltplatz Studencka Baza Namiotowa ist der Friedhof auf einem Wanderweg in 40 bis 50 Minuten zu erreichen.

Oben angekommen, staunt man erstmal. Ein fast surrealer Ort! Auf einem kreisförmigen Areal mit einem Durchmesser von 38 Metern verteilen sich vier geschindelte Holztürme von zwölf Metern Höhe und ein Hauptturm, der die anderen Türme um nochmals fünf Meter überragt. Drum herum Gräber, die die für Jurkovič typischen Holzkreuze markieren. „Nur“ 54 Soldaten wurden hier beigesetzt, 42 aus der österreichisch-ungarischen Armee, bein Rest handelt es sich um russische Gefallene.
Die meisten von ihnen verloren ihr Leben aber nicht bei der Durchbruchsschlacht, sondern bereits am 27. März 1915 und damit bei einem früheren Versuch, die Russen zum Rückzug zu zwingen. Der Plan ging an dem nebligen, verschneiten Tag aber nicht auf. Die Rotunda-Höhe blieb noch bis zum Mai in russischer Hand.

Heute gleicht das Friedhofsareal einer Lichtung. Zu Jurkovičs Zeiten war der Rotunda-Berg waldlos und aussichtsreich. Wie spektakulär der Anblick des 1918 fertig gestellten „Turmfriedhofs“ zu jener Zeit gewesen war, beweisen alte Zeichnungen wie auf dieser Postkarte:

Mangels Pflege verschlechterte sich der Zustand des abgelegenen Friedhofs schnell. Bereits um 1930 brachen die ersten Kreuze von den Türmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente einer der Türme als Beobachtungsposten für den Grenzschutz. Als der Kommunismus in Rente ging, waren von den stolzen Türmen nur noch Skelette übrig. Die ersten Restaurierungsarbeiten (besser: Rekonstruktionsarbeiten) begannen im Jahr 2002. Sie dauerten bis 2018 an. Geldgeber war der Verein Schwarzes Kreuz, der in Österreich für die Kriegsgräberfürsorge zuständig ist.

Friedhof Nr. 55: Miniaturfriedhof im Wäldchen
Während Friedhof Nr. 51 auf der Rotunda-Höhe die Gänsehaut fördert, ist Friedhof Nr. 55 vor allem eins: idyllisch. An einer Frühlingsblumenwiese vorbei spazieren wir durch eine liebliche Beskiden-Hügellandschaft zum Friedhof am Waldrand.
Der Mini-Friedhof mit nur zwölf Gräbern (davon vier Massengräber) lag einst ebenfalls frei in der Landschaft und wirkte dadurch deutlich imposanter. Heute ist es einfach nur ein schön-schattiger Ort zum Durchschnaufen und Zu-sich-Kommen. Der Friedhof befindet sich nahe der Straße 977, etwa einen Kilometer nördlich von Gładyszów.
Friedhof Nr. 56: Morsche Kreuze
Der kleine Jurkovič-Militärfriedhof nahe der Siedlung Smerekowiec grenzt direkt an den Friedhof der „Normalsterblichen“ bzw. „normal Gestorbenen“. Nebenan weiden Kühe, auch hier Beschaulichkeit noch und nöcher.

Der Friedhof besteht aus 14 Einzel- und zwei Massengräbern. 22 Soldaten des österreichisch-ungarischen Heers liegen hier begraben, nur eine einzige russische Soldatenseele hat sich zu ihnen gesellt. Das Holz der schönen Kreuze mit ihren gebogenen Metallhauben ist mittlerweile ordentlich morsch. Das macht den Ort nur atmosphärischer.
Zerfetzte Leiber, klaffende Wunden, leblose Körper kann man sich in dieser friedlichen Szenerie heute so ganz und gar nicht mehr vorstellen. Zerfetzte Leiber, klaffende Wunden, leblose Körper liegen heute verstreut in einem Land nur 100 Kilometer weiter. Ukraine ist sein Name.
Wir waren nie dort. Die Landschaft muss ähnlich schön sein.
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