„Das Wasser grau und schwer , Und Wolken drüberher, Und über den Mauern Liegt es wie in Trauern.“

(Theodor Fontane über Küstrin)

Es war einmal ein stolzes brandenburgisches Städtchen namens Küstrin 80 Kilometer östlich von Berlin. Über 20.000 Menschen lebten dort. Küstrin besaß eine barocke Altstadt auf einer von Wasser umflossenen Landzunge, die von mächtigen Bollwerken geschützt war. Und es gab eine elegante Neustadt aus dem 19. Jahrhundert, die sich jenseits der Warthe erstreckte.

All das ist passé. Aus der eleganten Neustadt wurde ein farbloses Plattenbaukonglomerat mit einem trostlosen Kreisverkehr als Zentrum. Und die Altstadt zwischen Warthe und Oder präsentiert sich als verwilderte Ödnis. Ein melancholischer Ort, von dem wir Euch heute erzählen möchten. Küstrin ist spannender als so manche antike Ruinenstätte.

Küstrin wird immer wieder als „Pompeji des Ostens“ bezeichnet. Ein Vergleich, der hinkt. Am Untergang Pompejis war ein Vulkan namens Vesuv schuld. Am Untergang Küstrins ein Monster namens Mensch.

Doch was ist passiert?

 

 

Historisches Foto einer Stadt von oben
Stolze Stadt: So sah Küstrin einst aus

 

Von der Stadt zum Trümmerhaufen: Die Geschichte Küstrins im Schnelldurchlauf

Das frühe Küstrin ist eng mit dem Namen Markgraf Johann von Brandenburg-Küstrin verbunden. Er erhob die Siedlung an der Warthemündung im 16. Jahrhundert zur Residenzstadt, indem er ihr bzw. sich ein Schloss schenkte. Städtchen und Schloss ließ er von dicken Klinkerbastionen und Mauerringen umgeben.

Nach seinem Tode wurde Küstrin Garnisonsstadt und im darauf folgenden Jahrhundert zu einer der stärksten deutschen Festungen ausgebaut. Mit dem Bau der Preußischen Ostbahn Mitte des 19. Jahrhunderts stieg Küstrin auch zu einem bedeutenden Verkehrsknotenpunkt auf.

Zeitsprung.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Küstrin an der Oder zur letzten Bastion vor Berlin. Zum einzig verbliebenen Hoffnungsschimmer, der den Marsch der Russen auf die Hauptstadt stoppen konnte.

Ende Januar 1945 fuhren die ersten sowjetischen Panzer vor. Doch der Großangriff auf Küstrin ließ erst einmal auf sich warten. Zunächst sammelten die Sowjets ihre Verbände entlang der Oder. Nach und nach verließen alle Frauen, Kinder und nicht wehrfähigen Männer Küstrin. Als wehrfähig galt jeder, der eine Waffe tragen konnte. So stand es im Räumungsbefehl. Im Museum in der Bastion Filip (siehe unten) ist der Räumungsbefehl nachzulesen.

Der Großangriff auf Küstrin begann am 18. März 1945. Es hagelte Bomben und Geschosse, Hunderttausende. Fast zwei Wochen lang. Immer neue Viertel brannten, Brücken wurden zerstört. Ende März wurde die Festung von 20.000 sowjetischen Soldaten gestürmt.

In der Altstadt lag kaum mehr ein Stein auf dem anderen. Lediglich ein Teil der Festungsmauern hatte den Angriffen stand gehalten. Insgesamt starben beim Kampf um Küstrin etwa 10.000 Menschen.

 

Historisches Foto einer zerbombten Stadt
So sah Küstrin unmittelbar nach dem Krieg aus. Das Foto ist im Museum in der Bastion Filip zu sehen. Oben rechts eines der Geschosse, die die Stadt zerstörten.

Auf den Trümmern der Neustadt baute man in den Nachkriegsjahren die polnische Stadt Kostrzyn. Die Ruinen der Altstadt beseitigte man, die meisten zumindest. Gras und Dornengestrüpp wuchsen fünf Jahrzehnte lang über das, was einst eine lebendige Stadt war. Die Natur holte sich Küstrin zurück wie der kambodschanische Dschungel die Tempelstadt von Angkor.

Erst 1992 wurde der Grenzübergang an der Oder wieder geöffnet. Und erst in den Nullerjahren begann man, das Gelände freizuschneiden und den Grundriss der Altstadt wieder sichtbar zu machen. Auf dem Areal der ehemaligen Altstadt entstand so etwas wie eine Mischung aus Freilichtmuseum und Gedenkort.

 

Über die Oderbrücke zum Berliner Tor

Unser Auto parken wir auf deutscher Seite, in Küstrin-Kietz, einem ehemaligen Küstriner Stadtteil und heutigem Ortsteil der brandenburgischen Gemeinde Küstriner Vorland. Über die Oderbrücke spazieren wir hinüber nach Polen.

 

Grenzübergang nach Polen

 

Links von uns eine rostrot leuchtende Eisenbahnbrücke, die der sumpfigen Szenerie etwas Tropisches verleiht. Sie könnte auch als Kulisse für Die Brücke am Kwai herhalten. Passend dazu Armadas von Moskitos, die an diesem schwülwarmen Junitag ihr Bestes geben und gar nicht erst auf den Abend warten, um kraftvoll zubeißen zu können. Rechts von uns die backsteinrot leuchtenden Mauern und Bastionen Küstrins.

 

Eisenbrücke über einen Fluss
Festung Küstrin: Mauern, Bastionen und eine Flusslandschaft fast wie in den Tropen

 

Schon bald stehen wir vor dem so genannten Berliner Tor. Als es die Altstadt noch gab, fuhren Straßenbahnen hindurch. Ein dort aufgemalter weißer Pfeil trägt die Aufschrift „Böhmerwald“. Die Ausflugsgaststätte, die diesen Namen trug, ist so dahin wie ganz Küstrin. Und der Böhmerwald heißt heute Šumava.

 

Hinweisschild Böhmerwald an Backsteinwand
Hinweisschild zu einer Ausflugsgaststätte, die es längst nicht mehr gibt

Im Berliner Tor ist eine Ausstellung über Schusswaffen des Zweiten Weltkriegs untergebracht. Ist uns zu martialisch. Stattdessen betreten wir das, was einst die Altstadt war.

 

Verschwundenes Schloss, verschwundene Kirche

Gelbe Wildblumen blühen zwischen niederen Backsteinruinen. Wir gehen über uraltes Granitpflaster. Manche Bordsteinkanten und Gullydeckel sind noch erhalten.

 

Granitpflasterweg im Nirgendwo

 

Treppen führen in den Untergrund, in ehemalige Kellergewölbe. Führen in Vorräume mit schwarz-weißen Bodenkacheln, in Räume ohne Wände und Dächer, voller Dornengestrüpp. Und im Buschwerk dahinter zwitschern Vögel.

 

Kachelboden einer Häuserruine im Wald
Zu welchem Raum gehörten diese Fliesen? Und wohin führten diese Treppen?

Treppenaufgang einer Häuserruine

 

Zur Oder hin, wo einst das prächtige Schloss stand, erstreckt sich ein von Bäumen umringter Platz. In der Mitte der surreal wirkende Sockel eines Denkmals. Er wurde 2013 rekonstruiert. Das Original wurde wie der Markgraf, der einst obenauf stand, im Krieg zerstört.

 

Sockel eines Denkmals in eine Park
Einsamer Sockel

 

Während wir über das halbwegs intakte Kopfsteinpflaster spazieren, lassen wir die Stadt im Geiste wieder aufleben. Wir stellen uns das geschäftige Markttreiben in der Kietzer Straße vor. Glauben Kinderlärm in der Schornsteinfegergasse zu vernehmen. Sehen Fischer ihre Netze flicken. Hören die lauten Spelunken in der Badergasse. Sehen die Säufer im Funzellicht der Gaslaternen über die Webergasse torkeln.

 

Kietzer Straße Küstrin

 

Und plötzlich scheinen Glocken zu läuten. Glockenläuten! Natürlich ist auch von der Küstriner Kirche so gut nichts übrig geblieben. Ein schlichtes Holzkreuz markiert die Stelle, wo sich der Sakralbau mit seinem quadratischen Turm befand:

 

Holzkreuz vor Ruinen
Alles, was von der Küstriner Kirche übrig blieb

 

Leider mangelt es an Infotafeln auf dem Areal. Wir würden gerne mehr erfahren. Immerhin hat man Straßenschilder aufgestellt, die auch die alten deutschen Namen nennen.

Auf der Seite cuestrin.de kann man sich durch alte Fotos klicken. Bei so manchen kann man noch heute erahnen, an welcher Stelle sie aufgenommen wurden.

 

Das Museum in der Bastion Filip

In der Bastion Filip, einer der drei erhaltenen Bastionen von Küstrin, wurde ein Museum eingerichtet. Den Besuch solltet Ihr Euch nicht entgehen lassen. In den einstigen Kasematten bekommt man eine Gänsehaut, und zwar nicht nur, weil es dort zu jeder Jahreszeit ganz schön frisch ist.

In einer Ecke sieht man steinerne Überbleibsel – sie schmückten einst das Schlossportal. In einem anderen Raum ist ein Modell Küstrins ausgestellt, wie es vor 1945 aussah.

Außerdem sehen wir Geschosse und Schwarz-Weiß-Fotos einer völlig ausgebombten Stadt, wie sie schlimmer nicht sein können. Der blanke Horror. Hier ein paar Eindrücke aus dem Museum:

Kostrzyn nad Odrą heute

Die polnische Stadt Kostrzyn nad Odrą entstand nach dem Krieg wie Phönix aus der Asche. Man brauchte Wohnungen für die Arbeiter der Zellstofffabrik, die im Krieg verwüstet, aber dann wieder aufgebaut wurde. Als Papierfabrik produziert sie bis in die Gegenwart.

Auf dem Weg vom Ruinengelände nach Kostrzyn auf der anderen Seite der Warthe kommt Ihr an einem fürchterlichen Ramschmarkt mit aufdringlichen Händlern vorbei. Dass manche Leute extra aus Berlin anfahren, um an diesem Unort Schnaps, Zigaretten und Viagra zu kaufen, bleibt uns ein Rätsel.

Auch sonst entdecken wir keinen Grund für einen Stopp in Kostrzyn. Wirklich nicht. Wir sehen eine langweilige Ansammlung von Arbeiterschließfächern in Plattenbauformat und einen Lidl am zentralen Kreisverkehr. Dahinter noch eine gepflegte Parkanlage.

 

Wohnsiedlung in Polen
Kein Ort zum Bleiben: Kostrzyn nad Odrą

 

Da müssen wir wieder an Fontane denken, dem Küstrin schon im späten 19. Jahrhundert ein wenig spooky vorkam. In seinen „Wanderungen durch die Mark“ nämlich beschrieb er den Ort Küstrin auch so:

„Etwas finster Unheimliches ist um ihn her, und in meiner Erinnerung sehe ich den Ort (…) unter einem ewigen Novemberhimmel.“

Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

 

BESICHTIGUNG DER FESTUNG KÜSTRIN – PRAKTISCHE INFOS

  • Anreise mit dem Zug: Regionalbahnen fahren von Berlin-Ostkreuz nach Küstrin-Kietz (deutsche Seite) und weiter bis Kostrzyn (Polen) in ca. einer Stunde. Vom Bahnhof Küstrin-Kietz sind es noch ca. 2,5 Kilometer bis zu den Ruinen der Altstadt, vom Bahnhof in Polen 1,8 Kilometer.
  • Öffnungszeiten: Das Ruinengelände ist stets zugänglich. Das Museum in der Bastion Filip Di–Fr 10–16 Uhr, Sa/So bis 18 Uhr.
  • Preise: Das Ruinengelände kann kostenlos besichtigt werden, für das Museum werden 2,50 Euro fällig (alles Stand 2021).
  • Führungen: Für Individualreisende in der Regel nur sonntags, Infos auf tourist-info-kostrzyn.de und klaus-ahrendt.de.
  • Weitere Infos: Auf https://muzeum.kostrzyn.pl/de findet Ihr alles, was Ihr braucht.

 

6 Kommentare

  1. Hallo Ihr Beiden. Klingt irgendwie ambivalent aber auf alle sehr Fälle spannend. Vielen Dank für die kompakte Ausführung – werde ich mir bestimmt irgendwann mal anschauen. Lg Sandra

    • Liebe Julia, oh, das freut uns sehr. Ja, es gibt einfach soviel Spannendes, da kommt man gar nicht hinterher. Viele Grüße!

  2. Hallo ihr beiden Hierdadort! Danke für den Bericht, der die Zerrissenheit und den Verlust mit jedem Wort deutlich macht Schon lange überlege ich, ob ich mal nach Küstrin fahre. Nach eurer eindringlichen Beschreibung nehme ich es mir nochmals vor. Bin gespannt, Marike

    • Liebe Marike, Küstrin ist wirklich ein sehr interessantes Ziel. Und auf eine seltsame Art und Weise ist es bis heute wichtig, solche Orte anzusteuern, da man immer wieder daran erinnert wird, was Kriege anrichten.

Gib süßen oder scharfen Senf dazu (E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt)

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