StartEuropaRumänienKlein-Wien im Banat: Sightseeing in Timişoara

Klein-Wien im Banat: Sightseeing in Timişoara

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Eine prächtige Kathedrale, Jugendstilpaläste und Bilderbuchplätze: Es gibt viel zu sehen in Timişoara, dem einstigen Zentrum der historischen Region Banat. Timişoara ist eine Perle und eine Empfehlung für alle, die eine Städtereise abseits der ausgetretenen Pfade ins Auge fassen. 319.000 Einwohner zählt Timişoara heute. Als hier noch viele Deutsche lebten, nannte man die Stadt auch Temeswar.

Unser kleiner Städtetrip nach Timişoara war nicht geplant. Es verschlug uns eher zufällig dahin, die gute alte Eisenbahn war schuld. Wir wollten den Gleisen des Orient Express folgen und reisten per → Zug von Istanbul nach Berlin, ganz gemächlich, ohne Stress, mit mehreren Zwischenstopps. Einer davon war Timişoara. Dort sahen wir uns zwei Tage in Ruhe um, bevor es weiter nach Budapest ging. Hier erzählen wir Euch, was wir entdeckt haben.

 

Bahnhof Timisoara im Stil der sozialistischen Moderne
Reisetipps Timişoara: Wir kamen mit dem Zug

 

 

Timişoara / Temeswar: Ein paar Facts über die Kulturhauptstadt 2023

  • Herz des Banat: Timişoara (dt. Temeswar) ist die drittgrößte Stadt Rumäniens und das Zentrum der historischen Region Banat, der westlichsten Ecke des Landes.
  • Deutsches Erbe: Im 18. Jahrhundert wurden Kolonisten aus dem Deutschen Reich angeworben, um die nach den Türkenkriegen dünn besiedelte Region zu beleben. Man nannte sie „Banater Schwaben“, obwohl sie aus den verschiedensten Regionen des Reichs stammten. Um 1900 zählte Temeswar etwa 60.000 Einwohner. Etwa die Hälfte sprach Deutsch. Ein Drittel der Bevölkerung waren Ungarn, Rumänen gibt die Statistik mit 6300 an. Dazu gab es noch rund 2700 Serben, 300 Slowaken und einen fröhlichen gemischten Satz.
  • Abwanderung: Nach dem Zweiten Weltkrieg ließen Flucht, Verschleppung, Vertreibung und Abwanderung die deutschsprachige Bevölkerungsgruppe schrumpfen. Allein in den 1980er-Jahren kehrten rund 200.000 Rumäniendeutsche dem Land den Rücken, viele wurden von Deutschland freigekauft. Heute leben vermutlich keine 15.000 „Schwaben“ mehr in Rumänien.
  • Vorreiter: Temeswar war die erste Stadt Europas mit elektrischer Straßenbeleuchtung. Das war 1884.
  • Tarzans erster Schrei: Am 2. Juni 1904 kam in Temeswar (genau genommen im Vorort Freidorf) János Weissmüller auf die Welt. Als Johnny Weissmüller schrieb er Filmgeschichte.
  • Vor der Atemschaukel: In Temeswar ging Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller aufs Gymnasium.
  • Ausgangspunkt der Revolution: In Timişoara nahm im Dezember 1989 die rumänische Revolution ihren Lauf, die in Windeseile auf das ganze Land übersprang. Auslöser war die Versetzung eines systemkritischen Pfarrers im südlichen Vorort Elisabetin. Die Kirchengemeinde (es war übrigens die reformierte ungarische) lehnte sich dagegen auf. Aus diesem Unmut heraus entwickelte sich eine Protestbewegung gegen das Ceauşescu-Regime, der die ganze Stadt und schließlich ganz Rumänien aufwiegelte. Die Panzer rollten. Über 100 Temeswarer starben.
  • Kulturhauptstadt: 2023 war Timişoara Europäische Kulturhauptstadt.

 

Menschen flanieren im Abendlicht in einer schönen Fußgängerzone in Timisoara
Sehenswürdigkeiten in Timişoara : Die Altstadt ist ein Schmuckkasten

 

Catedrala Ortodoxă: Eine Kathedrale wie eine Burg

Was ist das denn, fragen wir uns. Derart untypisch wirkt die Kathedrale von Timişoara auf den ersten Blick, dass man gar nicht weiß, in welche Schublade man dieses Bauwerk stecken soll.

Die Kathedrale erhebt sich ganz im Süden der eierförmigen Altstadt in einem grünen Park. Sie ist kein Jahrhunderter alter Bau. Errichtet wurde die Kathedrale spät, erst zwischen 1936 und 1946. Sie verbindet neobyzantinische mit altrumänischen Elementen. Etliche Türme und Türmchen schmücken sie, verziert mit gelb und grün glasierten Ziegeln.

 

Die orthodoxe Kathedrale von Timisoara sieht aus wie eine Burg
Hingucker im Süden der Altstadt: die orthodoxe Kathedrale

 

Der goldglänzende Innenraum mit seinen Fresken an der Decke ist düster wie der vieler orthodoxer Kirchen und leer wie alle orthodoxen Kirchen. Die wenigen Kirchenbänke sind für die Alten und Gebrechlichen reserviert. Nach orthodoxer Tradition stehen die Gläubigen während des gesamten Gottesdiensts.

Es herrscht ein Kommen und Gehen, während wir die Kathedrale besichtigen. Heiligenbilder und Ikonen werden gestreichelt oder geküsst. Manche Gläubige werfen sich sogar nieder. Die Rumänen sind sehr religiös. Fast 87 Prozent der Bevölkerung bekennen sich zur rumänisch-orthodoxen Kirche.

 

Das düstere Innere der Kathedrale von Timisoara
Im Inneren der Kathedrale

 

Piaţa Victoriei: Tauben am Siegesplatz

Dass Timişoara so ausnehmend gechillt wirkt, hängt mit seinem spaziergängerfreundlichen Zentrum zusammen, das rund um drei fast autofreie Plätze angelegt ist. Die Piaţa Victoriei ist eine davon. Sie erstreckt sich direkt vor der Kathedrale.

Ganze Taubenschwärme ziehen hinweg über den langen, schmalen Platz. Stattliche Wohnpaläste im Sezessionsstil flankieren die Längsseiten. Es sind prächtige Bauten, die doch nicht protzen. Wir stellen uns die riesigen Wohnungen darin vor, mit knarrendem Fischgrätenparkett, Flügeltüren und Kathedralenblick vom Feinsten.

Andere Wohnungen blicken auf die Oper, dem architektonischen Star am nördlichen Ende der Piaţa. Der eigenwillige Opernbau wurde zwischen 1872 und 1875 errichtet. Verantwortlich zeichnete das Wiener Architektenbüro Fellner & Hellmer, das, so könnte man meinen, nahezu alle Theaterbauten Österreich-Ungarns entwarf. Die Fassade in Form eines Triumphbogens kam aber erst später hinzu.

 

Prächtiger Opernbau mit Säulen am Siegesplatz in Sighisoara
Die Oper am Siegesplatz

 

In Nachbarschaft der Oper stehen zwei völlig unterschiedliche Bauten: links das Hotel Timişoara, das aus dem Jahr 1933 stammt. Rechts die Casa de Mode, ein Bau der sozialistischen Moderne. Darin eine Deichmann-Filiale. Das war’s mit der Mode. Zum Shoppen kommt heute kaum einer mehr ins Zentrum. Im Süden der Stadt gibt es die Shopping City Timişoara – fast so groß wie die gesamte Altstadt.

 

Piaţa Libertăţii: Weiter zum Freiheitsplatz

Der Freiheitsplatz wird dominiert vom Alten Rathaus, einem weinroten Bau aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Davor steht eine Pestsäule mit dem Heiligen Nepomuk obenauf. Österreich-Ungarn lässt grüßen. Vieles wirkt vertraut, erinnert gar an die österreichische Hauptstadt. Ob man Timişoara aber gleich als „Klein-Wien“ bezeichnet muss, ist fraglich.

 

Bromzestatue eines telefonierenden Jungen am Freiheitsplatz in Timisoara
Freiheitsplatz: Der Telefonierende ist eine Arbeit von Bogdan Rata

 

Egal, was für eine fesche Stadt! Studenten ziehen durch die Straßen, auch hier am Platz der Freiheit gibt es eine Fakultät. Die Tische der Restaurants und Cafés sind bis in den späten Abend hinein bestens belegt.

 

Schön restauriertes Jugendstilhaus in der Altstadt von Timisoara
Da macht Häusergucken Spaß

 

Wenn die Leute aber nach Hause gehen, bleibt ein leeres Zentrum zurück. Gefühlt ist jedes zweite Haus in der Altstadt unbewohnt. Wir sehen viel blankes Mauerwerk, der Stuck abgefallen. Andere Häuser sind frisch restauriert, sehen so übermanikürt aus, dass man ihnen schon fast wieder etwas Patina wünscht.

Ums Eck an der Strada Mărăşeşti steht die Synagoge, die zwischen 1863 und 1865 errichtet wurde. Sie besitzt maurische Stilelemente. Wegen der ständig schrumpfenden jüdischen Gemeinde Temeswars wurde die Synagoge bereits 1985 geschlossen. Heute finden hin und wieder kulturelle Veranstaltungen darin statt.

 

Rosette der geschlossenen Synagoge von Timisoara
Sightseeing in Timişoara: Hingucker an der Synagoge

 

Piaţa Unirii: Platz der Vereinigung

Die Laternen werfen ihr butterweiches Licht auf das Kopfsteinpflaster des Platzes der Vereinigung. Ein junger Straßenmusikant klampft und singt. Irgendwas von Nirvana. Passt vielleicht nicht hundertprozentig zu so viel Barock, ist aber dennoch sehr stimmungsvoll.

 

Mann mit Gitarre spielt vor der Kathedrale von Timisoara
Ein perfekter Abend am Platz der Vereinigung

 

Die Piaţa Unirii ist so etwas wie die gute Stube Timişoaras, der malerischste der drei zentralen Plätze, vor allem am Abend. Rund um die barocke Pestsäule stehen die serbische Kathedrale mit schönen Deckenfresken und ihr gegenüber die römisch-katholische Kathedrale.

In einem beachtlichen Barockpalais, das einst dem österreichischen Kaiser als Unterkunft diente, ist das hiesige → Kunstmuseum untergebracht. In festen und wechselnden Ausstellungen zeigt man moderne und zeitgenössische Kunst. Leider ist das Museum während unserer Tage in Timişoara geschlossen. Dafür entschädigt spannende Open-Air-Kunst rund um den Bilderbuchplatz.

 

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Auch ein beeindruckendes Jugendstilgebäude aus dem Jahr 1911 ist an der Piaţa Uniri zu finden: die Casa Brück. In der darin untergebrachten Farmacie arbeiten die Apotheker*innen bis heute umgeben von feinsten Jugendstildetails. Einziger Stilbruch: die hässliche Neonreklame an der Außenfassade.

 

Schön restaurierte Häuser am Platz der Vereinigung in Timisoara
Die Casa Brück ist das türkisfarbene Eckhaus; ohne die hässliche Neonreklame wäre das Gebäude noch deutlich schöner

 

Nördlich der Piaţa Unirii, schon außerhalb der runden Altstadt, gibt es ein weiteres Museum, das wir gerne besucht hätten. Leider ist es ebenfalls dicht: das Revolutionsmuseum → Memorialul Revoluţiei in einer ehemaligen Militärkaserne, das die 1989er-Revolution dokumentiert.

 

Villengucken im Fabrikviertel

Es sind 15 Spazierminuten stadtauswärts Richtung Osten bis zum so genannten Fabrikviertel (Cartierul Fabric). Wer hier an Industrietristesse denkt, liegt falsch. Vielmehr handelt es sich beim Fabrikviertel in Timişoara um kleinere Fabrikgebäude und Manufakturen, die hier ab dem 18. Jahrhundert entstanden. Im frühen 20. Jahrhundert entwickelte sich um diese Fabriken herum ein so prächtiges wie heute ziemlich zerfleddertes Ensemble aus Villen und Häusern im Jugendstil und historisierendem Stil. Dieses Ensemble haut uns richtig aus den Latschen.

 

Merkurstatue an einer Jugendstilville im Fabrikviertel von Timisoara
Merkur grüßt an der Piata Traian

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Die verwitterten Palazzi haben teils wunderschöne Details. Selbst die Fensterbeschläge im sezessionistischen Stil sind oft noch im Original erhalten, fielen keinen geschmacklosen Plastikrenovierungen zum Opfer. Wir recken unsere Hälse hinauf zu bröckelnden Balkonen und zur Merkur-Statue auf dem Dach eines Palais an der Piaţa Traian. Die Piaţa ist so etwas wie das Zentrum dieses so leprösen wie charmanten Viertels. Anderswo in Europa wäre es schon längstens durchgentrifiziert. Anderswo gäbe es hier Kaffeeröstereien und Craft-Beer-Bars, in denen Apple-Hipster sitzen, die in luxussanierten Stuckaltbauten mit Luxusmieten wohnen. Nicht aber in Timişoara.

Der Traian-Platz ist alles andere als ein Touristen-Hotspot, eher ein Shitspot der hiesigen Tauben, die zu dieser Stadt gehören wie die Schwäne zum Berliner Landwehrkanal. In der einzigen Kneipe sitzen schreiende Altmännergrüppchen bei Bier und Schnaps. Das war’s.

 

Niederes historisches Gebäude im Fabrikviertel von Timisoara
Unterwegs im Fabrikviertel

 

Timişoara – praktische Infos

  • Hinkommen: Am schnellsten gelangt man natürlich mit dem Flieger nach Timişoara. Der → Flughafen von Timişoara taucht im Flugplan von Lufthansa City Airlines (ab München) und Wizz Air (ab Nürnberg, Hahn und Basel) auf. Langsamer, aber deutlich umweltverträglicher ist eine Fahrt mit dem Zug oder Bus nach Timişoara – eine Anreisevariante, die für Österreicher durchaus eine realistische Variante zum Fliegen ist. Direktbusse gibt es Wien (neun Stunden). Ähnlich lange dauert die Fahrt mit dem Zug ab Wien.
  • Unterkommen: Massig Unterkünfte für jedes Budget*. Zudem gibt es einen → Campingplatz ca. drei Kilometer nordöstlich des Zentrums. Checkt mal die Bewertungen!
  • Essen: Im Zentrum fanden wir zwei stylishe Lokale gut. Im Zai Après Café (Strada Florimund Mercy 5) gibt es Frühstück, Burger, Pasta, aber auch Käsespätzle oder Kürbisrisotto. Gleich gegenüber befindet sich das gemütliche The Scotland Yard (Strada Eugeniu de Savoya 9), ebenfalls ein stilsicheres All-Day-Restaurant, in dem wir hervorragende Suppen gegessen haben. Gute Pizza und viele andere qualitativ hochwertige mediterrane Gerichte serviert Massimo an der Strada Johann Wolfgang von Goethe 2 (= Piaţa Victoriei).
  • Trinken: In Sachen Bier geht nichts über den
    Mann sitzt mit Rumänien-Reiseführer im Zug
    Beste Reiselektüre

    Gerstensaft der örtlichen Brauerei Bere Timişoarena, die seit dem 18. Jahrhundert im Fabrikviertel (Strada Ştefan cel Mare) produziert. Damit ist sie die älteste Brauerei des Landes. Auf dem denkmalgeschützten Areal gibt es auch eine zünftige Bierhalle. Wir badeten im Ungefilterten! Im Zentrum bekommt Ihr das Bier in der Brauereischänke Curtea Berarilor Timişoreana an der Strada Proclamația de la Timișoara 7 (Zugang im Hof).

  • Weiterlesen im Netz: Auch Tom vom Blog Explorertom war in Timişoara. Seine Tipps findet Ihr hier: Timisoara: Sehenswürdigkeiten der Kulturhauptstadt 2023

 

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12 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen kleinen “Urlaub auf dem Laptop”
    Du schreibst tolle Berichte, Deine Art zu schreiben ist ein Vorbild für mich!
    Man fühlt sich als Leser voll bei der Reise dabei
    LG aus München

  2. Ein ausgesprochen anregender Bericht über meine Geburtsstadt. Mit etwas Melancholie betrachte ich die ausdruckstarken Bilder und erkenne darin ehemalige Lieblingsorte. Danke.
    Herzliche Grüße Renate

    • Liebe Renate, über dieses nette Feedback freuen wir uns ganz besonders. Beste Grüße zurück, Gabi und Michael

  3. Hallo, eine großartige Reise, die Ihr gemacht habt. Die Fotos machen Lust, dort ebenfalls einen längeren oderen kürzeren Stopp einzulegen. Vorher hatte ich noch nichts von dieser Stadt gehört. LG Marie

    • Liebe Marie, oh ja, diese Reise werden wir in Erinnerung behalten, vor allem weil auch die Zeit (im tiefsten November) ideal war, um Städte wie Temeswar nahezu touristenfrei zu erleben. Das macht so einen Trip nochmals spannender. Danke fürs Feedback und viele Grüße, Gabi und Michael

    • Liebe Nadine, leider sind wir alles andere als Rumänien-Experten. Wir haben das Land auf unserer Zugrückreise von Istanbul ja nur passiert und dort zwei mal zwei Tage pausiert, in Craiova und in Timisoara. Daher auch keine Ahnung, wie es da am Meer aussieht. Dass Rumänien aber mit Familien gut machbar ist, daran herrscht glaub‘ ich kein Zweifel. Ist ein unglaubliches freundliches Volk und mit Kindern bzw. Teens gibt’s da sicher auch einiges zu entdecken. Sind gespannt auf deine nächsten Reisen, viele Grüße, Gabi und Michael

  4. Hi Ihr Beiden,

    spannend – diese Stadt hatte ich noch nie wirklich auf dem Schirm. Die Kathedrale sieht mächtig schön innen aus! Vielen Dank für´s Mitnehmen.
    Lg Sandra

    • Liebe Sandra, nichts zu danken. Ja, eine tolle Kirche. Orthodoxe Sakralbauten haben ja immer eine besonders schöne Stimmung. Viele Grüße!

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