Lissabon ist gelebte Street Art. Über 1000 Murals prangen an Lissaboner Wänden, und jährlich werden es mehr. Lissabon zählt zu den großen Street-Art-Metropolen dieser Erde. Das hat seine Gründe: Die Lissaboner Stadtverwaltung fördert urbane Kunst. Dank ihrer Unterstützung werden Projekte ermöglicht, bei denen vernachlässigte Viertel durch Street Art aufgewertet werden. Auf der Suche nach guter Street Art in Lissabon spazieren heute Touristen auch durch Gegenden, in die sie früher nie einen Fuß gesetzt hätten.
Eines der Projekte, das die Lissabonner Stadtverwaltung unterstützt, ist das alle zwei Jahre stattfindende Festival → Muro. Hinzu kommen private Initiativen. Führend ist dabei die → Underdogs Gallery im Stadtteil Marvila, die 2013 vom Street-Art-Künstler Vhils, einem der ganz Großen der Szene, ins Leben gerufen wurde.
In diesem Beitrag stellen wir Euch die für uns schönsten Murals Lissabons vor. Wir haben über 40 Arbeiten ausgewählt, angesteuert haben wir deutlich mehr. Die Selektion ist selbstverständlich subjektiv, Geschmäcker sind eben verschieden.
Lissabons schönste Murals: Inhaltsverzeichnis
ZENTRUM: Frederico Draw & Ergo Bandits, Jacqueline de Montaigne, Shepard Fairey, Daniel Eime, Vhils, Mariana Duarte Santos, Violant, Afonsoul, Bordalo II, PichiAvo
NORDEN: Borondo und andere, Samina, ParizOne & Edis One, Daniel Eime,
NORDOSTEN: Jacqueline de Montaigne, Jorge Charrua, Mabel Vicentef, Pedro Podre, Rocket01
OSTEN: Bordalo II, Vhils, Okuda, Ricardo Romero, Luís Santos, Kobra, Steep, GLeo, Patrícia Mariano, Jacqueline de Montaigne, 7Matrix
SÜDEN: Julien Raffin, Mariana Duarte Santos, O Gringo, ParizOne
WESTEN: Patrícia Mariano, Nevercrew, Tamara Alves, Huariu & Bigod
ZENTRUM
Murals nahe der Metrostation Rato
Frederico Draw & Ergo Bandits: Batuko (2019)
Adresse: Largo Hintze Ribeiro (Metrostation Rato)
→ Frederico Draw ist ein Streetart-Künstler aus → Porto, den wir sehr schätzen. Dieses schöne Mural entstand in Zusammenarbeit mit dem Kollektiv → Ergo Bandits. Geschaffen wurde es anlässlich der Eröffnung des kapverdischen Kulturzentrums. Batuko bezeichnet eine traditionelle kapverdische Musik und einen Tanz, der fast ausschließlich von Frauen getanzt wird.

Jacqueline de Montaigne: The Language of Flowers (2022)
Adresse: Rua de São Bento 644 (Metrostation Rato)
Was die Lissabonner Street-Art-Szene besonders macht, ist auch die Tatsache, dass sie von vielen Frauen aufgemischt wird. → Jacqueline de Montaigne ist eine von ihnen. Ihr großes Thema: Die Verbindung zwischen Mensch und Natur. Jacqueline de Montaigne hat weltweit bislang über 120 Murals geschaffen. Die Künstlerin lebt abwechselnd in Cascais und auf der afrikanischen Insel Príncipe.
Diese durch und durch feminine Arbeit zeigt ein junges Mädchen mit Blumenhaar. Die floralen Motive des Murals sind an die Floriographie im viktorianischen England angelehnt, eine Stilrichtung, bei der jede Blume eine ganz eigene Symbolik bekam. So konnten mittels Blumen Dinge ausgedrückt werden, für die Worte oft nicht schicklich waren.

Graça
Graça ist ein schönes historisches Viertel mit tollen Aussichtspunkten und einer noch vergleichsweise authentischen Atmosphäre ohne den touristischen Trubel anderer zentraler Stadtteile.
Shepard Fairey: Peace Guard (2017, erneuert 2023)
Adresse: Rua Natália Correia 11 (Tram 28E oder 12E bis Haltestelle Sapadores)
Das erste Mural, auf das wir in Graça stoßen, stammt von dem US-amerikanischen Streetart-Hero Shepard Fairey aka → Obey Giant. Eine Ikone urbaner Kunst in der portugiesischen Hauptstadt! Das Mural des Soldaten mit der Blume im Gewehrlauf erinnert an die Nelkenrevolution des Jahres 1974 und damit an den friedlichen Übergang vom Faschismus zur Demokratie in Portugal. Andere Arbeiten von Shepard Fairey haben wir bereits in → Johannesburg und in → Berlin-Schöneberg gesehen.

Daniel Eime: Sophia (2014)
Adresse: Rua Josefa de Óbidos 17 (Tram 28E bis Haltestelle Rua Graça)
Arbeiten von → Daniel Eime konnten wir schon in seiner Heimatstadt → Porto, aber auch auf den → Azoren bewundern. Mit diesem Mural an einem mit Azulejos geschmückten Stadthaus hat der Stencil-Meister sich wieder einmal selbst übertroffen. Das Porträt zeigt die Dichterin Sophia de Mello Breyner Andresen (1919‒2004), die eng mit dem Viertel verbunden war. Die Arbeit ist zwar schon älter, aber noch immer sehr eindrucksvoll.

Vhils und Shepard Fairey: Untitled (2017)
Adresse: Rua da Senhora da Glória 39 (Tram 28E bis Haltestelle Rua Graça)
Nur einen Steinwurf von „Sophia“ entfernt, stoßen wir erneut auf Shepard Fairey. Hier arbeitete der amerikanische Künstler mit Alexandre Farto aka → Vhils zusammen, einem der bedeutendsten Street-Art-Künstler nicht nur Portugals, sondern weltweit. Man kann Vhils Arbeiten überall begegnen, in → Berlin genauso wie in → Johannesburg oder auf den → Kapverden.
Während Shepard Fairey für seinen Part des Frauenporträts Farbe verwendete, benutzte Vhils wie bei vielen seiner Arbeiten einen Presslufthammer. Oft zerstört Vhils Altes, um Neues zu schaffen, manchmal sogar mit Sprengstoff. Das Porträt zeigt eine junge Frau mit zwei ganz verschiedenen Persönlichkeiten in einem Gesicht. Der eine Teil verhüllt sich mit einem Kopftuch, der andere trägt sein Haar offen und wild.

Arroios
Im quirligen Stadtteil Arroios, der sich grob von der gleichnamigen Metrostation bis hinunter zur Praça Martim Moniz zieht, sind uns folgende Murals aufgefallen:
Mariana Duarte Santos: The Grocery Shop (2021)
Adresse: Rua Nova do Desterro (Metrostation Intendente)
→ Mariana Duarte Santos kam 1995 in Lissabon auf die Welt, malte ihr erstes Mural 2019 und ist seitdem ungeheuer produktiv. Arbeiten von ihr, viele schwarz-weiß und die Vergangenheit thematisierend, sind an zahlreichen Orten der Tejo-Stadt zu sehen.
Das Mural des Gemüsehändlers, das wir an einem ziemlich verregneten Tag aufnahmen, ist einem Bild von Artur Pastor nachempfunden, einem der wichtigsten portugiesischen Fotografen des 20. Jahrhunderts. Es erinnert an die zahlreichen Gemüsehändler des Viertels, die in den vergangenen Jahrzehnten verschwunden sind. Heute quietscht die Tram hier vorbei an kitschigen Souvenirläden, die allesamt den gleichen Tand verkaufen.

Violant: Gaia (2016)
Adresse: Rua do Saco 36, nahe Metrostation Intendente
Der portugiesische Streetart-Künstler João Maurício aka → Violant kreiert Murals, auf denen sich Fantasywesen und mythologische Gestalten tummeln. Auf diesem Mural bildete er die Erdmutter Gaia mit einem Bärchen auf der Schulter ab. Nicht jeder Anwohner war sogleich begeistert von dem Kunstwerk an der Fassade. Violant berichtet auf seinem Instagram-Account von einem alten Mann, der ihn mit seinem Stock schlagen wollte, sich später aber beruhigte und ihm sogar Kaffee spendierte.

Afonsoul: Flor e Ser (2024)
Adresse: Rua Gomes Freire 161A (Metrostation Anjos)
In einem Viertel mit hübschen Pflastergassen und lauschigen Plätzen befindet sich das Kunstzentrum Jardins do Bombarda, an dessen Außenmauer dieses Mural prangt. Das traurig-müde, von Pflanzen umgarnte Mädchen stammt vom Streetart-Künstler → Afonsoul, einem in Portugal lebenden Brasilianer. Afonsoul liebt es, realistische Porträts mit Elementen der Natur zu verbinden.
Das Kunstzentrum liegt auf dem Areal des einstigen psychiatrischen Hospitals Miguel Bombardon. Die berüchtigte Anstalt wurde 2011 geschlossen, behandelt wurden dort vornehmlich psychisch kranke Kriminelle.

Alfama
Die Alfama, ein an sich ungemein atmosphärisches Viertel unterhalb des mittelalterlichen Castelo de São Jorge, ist gleichzeitig eine der überlaufensten Ecken der Stadt. Die 08/15-Lokale wirken wie geklont, und die Bica, wie der Espresso in Lissabon genannt wird, kann am ach so authentischen Kiosk auch schon mal das Fünffache des Üblichen kosten.
Vhils: Tribute to Amália (2017)
Adresse: Ecke Rua dos Cegos/ Calçada do Menino Deus (Tram 12E bis Haltestelle São Tomé)
Für diese kleinere Arbeit, die man auf einem hübschen Alfama-Plätzchen findet, verwendete der Lissaboner Streetart-Künstler Vhils eine für ihn sehr ungewöhnliche Technik: die Calçada. So nennt man die uralte Kunst des Pflastermosaiks, die aus Portugal nicht wegzudenken ist. Unterstützt wurde Vhils von den versiertesten Straßenpflasterern seiner Stadt.

Und wen sieht man hier? Porträtiert wurde die Fado-Sängerin Amália Rodrigues (1920‒1999), die „Königin des Fados“ und bedeutendste Fado-Sängerin des Landes. 2020 erschien das Album → „O Melhor de Amalia“* mit neu abgemischten Songs.
Bordalo II: Half Young Panda (2022)
Adresse: Rua São Tomé 74 (Tram 12E bis Haltestelle São Tomé)
Dürfen wir vorstellen: → Bordalo II, einen Lissaboner Streetart-Künstler, der wie Vhils zu den Big Names der Szene weltweit zählt. Bordalo II ist international unterwegs, eine Arbeit von ihm ist auch auf dem RAW-Gelände in → Berlin-Friedrichshain zu sehen. Seine „Trash Animals“ sind Kult. Er bastelt diese Tiere aus Schrott und Müll zusammen, den er vor Ort findet.
Im Eingangsbereich des Pestana Hotels in der Alfama grüßt seit 2022 dieser kleine Pandabär. Die Bordalo-II-Tiere gehören zu den großen Aushängeschildern der Street Art von Lissabon ‒ wir werden Euch hier noch diverse Tiere mehr zeigen.

PichiAvo: Poseidon (2018)
Adresse: Calçada da Santa Apólonia (Bahnhof Santa Apólonia)
Wo die Alfama das Meer küsst, liegt der Zugbahnhof Apólonia. Dort findet man ein Mural des spanischen Künstlerduos → PichiAvo, das leider mittlerweile ziemlich verblasst ist. PichiAvo widmet sich oft Themen der Mythologie. Eine schöne Arbeit des Duos passiert man auch auf unserer → Street-Art-Tour durch Kreuzberg.

NORDEN
Bairro Padre Cruz
Das insgesamt wenig aufregende Bairro Padre Cruz im Norden von Lissabon ist ein Viertel im Umbruch. Bislang dominiert sozialer Wohnungsbau, doch auch lichte Neubauten sind im Entstehen. Derzeit könnt Ihr dort noch viele schöne Murals entdecken ‒ wie lange noch, ist allerdings fraglich. Wir haben über das Bairro Padre Cruz einen → separaten Artikel geschrieben.
Eines unserer Lieblingsmurals des Bairro Padre Cruz stammt vom spanischen Streetart-Künstler → Borondo:

Alvalade
Alvalade ist ein netter gehobener Stadtteil mit einer Reihe von niveauvollen Restaurants und Delikatessenläden. Hier lässt es sich gut aushalten und zudem ein paar Murals entdecken. Im Norden schließt das Stadion von Sporting Lisboa an den Stadtteil an.
Samina: Nuno Teotónio Pereira (2017)
Adresse: Avenida Rio de Janeiro (Parkplatz beim Mercado Alvalade Norte), Metrostation Alvalade
Mit diesem kleineren Mural kommt ein neuer Protagonist der portugiesischen Street-Art-Szene ins Spiel: João Samina aka → Samina. Einige Murals des 1989 in Setúbal geborenen Künstlers haben wir auf unserer → Street-Art-Tour durch Lagos entdeckt. Die portugiesische Hauptstadt dürfte noch mehr von ihm vertragen.

Gewidmet ist das Mural Nuno Teotónia Pereira, einem der bedeutendsten Vertreter der modernen portugiesischen Architektur. Er lebte hier im Viertel und wäre 2017 95 Jahre alt geworden.
ParizOne, Edis One: Futuro (2025)
Adresse: Avenida Rio de Janeiro 27A (Metrostation Alvalade)
Beim Lidl nur ein paar Schritte weiter begegnen wir einer Gemeinschaftsarbeit von → Edis One und → ParizOne, beide keine Unbekannten in der Szene. Auf dem noch sehr frischen, bunten Mural sieht man zwei Kinder, die hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Thema: Die Verantwortung der Älteren für die Zukunft der Jüngeren. Auftraggeber: der WWF.
„A Message of Hope.“
ParizOne

Daniel Eime: José Alvalade (2023)
Adresse: Rua Prof. Fernando da Fonseca (Metrostation Teilheiras)
Am Stadion des Fußballvereins Sporting Lisboa porträtierte Stencil-Meister Daniel Eime José Alvalade (1885‒1918), den Gründer des Vereins, der offiziell Sporting Clube de Portugal heißt (Kurzform SPC). José Alvalade, eigentlich José Alfredo Holtremann Roquette, wurde in eine adelige Familie hineingeboren. Das Stadion entstand auf dem Landgut der Familie. Mit nur 33 Jahren starb Alvalade an der Spanischen Grippe. Man findet das Mural zwischen den Gates 3 und 4.

NORDOSTEN
Der Passeio do Báltico beim Bahnhof Oriente
Der Passeio do Báltico ist ein schmales Sträßchen voller Murals, eine Art Lissaboner Pendant zur Berliner Eastside Gallery ‒ aber mit weniger Touristen. Der Passeio führt vom spektakulären Bahnhof Oriente des spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava gen Süden. Von den vielen vielen Murals an der Mauer zwischen Gleisen und Straße gefielen uns zwei besonders gut.
Jacqueline de Montaigne: Untitled (2021)
Adresse: Passeio do Báltico (Bahnhof Oriente)
Die Künstlerin Jacqueline de Montaigne plaudert auf ihrer Homepage oft aus dem Nähkästchen, erzählt Geschichten über ihre Murals. Über dieses junge, androgyn wirkende Gesicht schweigt sie sich jedoch aus:

Jorge Charrua: Tudo è comum (2022)
Adresse: Passeio do Báltico/Ecke Praça Príncipe Perfeito (Bahnhof Oriente)
Gleich nebenan sehen wir eines der für uns spannendsten Murals auf dieser Street-Art-Tour durch Lissabon. Die detailliert ausgearbeitete Szene einer Gruppe junger Menschen mit dem Fokus auf einem Jungen im Vordergrund ist enorm ausdruckskräftig. Der Künstler → Jorge Charrua solidarisiert sich damit mit den jungen Menschen der Lissaboner Suburbs, die gehört und gesehen werden wollen.
Jorge Charrua studierte Malerei und arbeitet seit 2004 auf der Straße. Er begann mit Graffiti Writing und widmet sich heute vorrangig dem Fotorealismus.

Moscavide
Moscavide ist ein Viertel aus Beton nur ein paar Fußminuten vom Bahnhof Oriente entfernt ‒ übelste Lärmlage direkt neben der Autobahn. Von den Murals an den Wohnblocks gefielen uns die folgenden drei besonders gut.
Mabel Vicentef: Perspectivas (2021)
Adresse: Rua Padre Abel Varzim 15 (Metrostation Moscavide)
Eine schwarze junge Frau hält einer weißen jungen Frau die Augen zu. Das Mural ist riesig, eines der größten, die wir auf dieser Tour sehen. Seine Erschafferin: die argentinische Künstlerin → Mabel Vicentef. Mabel reist als Nomadin durch die Welt, hinterlässt ihre großflächigen Murals in Uruguay genauso wie in Bosnien oder Spanien. Ihre Themen: Frauenrechte und Ungerechtigkeit.

Pedro Podre: Unity (2021)
Adresse: Rua Padre Abel Varzim 7 (Metrostation Moscavide)
Das Mural des Künstlers → Pedro Podre aus Porto zeigt eine Fantasy-Gestalt, die nur aus Händen besteht. Ein Gesicht aus Händen, Haare aus Händen, Beine aus Händen, Hände aus Händen. Hände sind ein sehr beliebtes Motiv in der Urban Art.

Rocket01: The World in our Hands (2021)
Adresse: Rua Padre Joaquim Alves Correia 14 (Metrostation Moscavide)
Das dritte Mural in Moscavide, das wir Euch vorstellen möchten, geht auf den englischen Künstler Chris Butcher aka → Rocket01 zurück. Rocket01 stammt aus Sheffield, lebt mittlerweile aber in Porto. Seit fast 20 Jahren ist er an Mauern zugange.
Mädchen mit Helmen im Retro-Science-Fiction-Look sind der rote Faden seiner Arbeiten, so auch auf diesem schönen Mural. Umweltschutz und die Hoffnung auf Frieden spielen große Rollen in Butchers Œuvre. Auf fast allen seiner Arbeiten tauchen Peace-Symbole auf.

OSTEN
Estrada de Chelas
Entlang der Estrada de Chelas fährt Bus 794, der zwischen der Metrostation Terreiro do Paço und dem Bahnhof Oriente verkehrt.
Chelas ist bislang noch ein raues Viertel von eher schlechtem Ruf. Entlang seiner Hauptachse Estrada de Chelas wechseln sich aufgegebene Fabriken mit leer stehenden oder zumindest schwer vernachlässigten historischen Gebäuden ab. Genau diese Straße stand 2024 im Mittelpunkt eines spannenden Street-Art-Festivals mit dem Namen Cor de Chelas.
Seitdem zieht es Muralfans nach Chelas. Die Estrada de Chelas ist eine urbane Leinwand geworden, eine Hall of Fame, wie man so einen Ort im Graffiti-Jargon nennt. Kurator des Festivals war kein geringerer als Bordalo II, von dem auch einige der schönsten Arbeiten stammen.
Weiterlesen: Mehr über das Festival erfahrt Ihr im Artikel unseres Bloggerkollegen Wolfgang vom Blog Groovy Planet: → Cor de Chelas Festival in Lissabon: Farbexplosion an grauen Mauern
Bordalos Trash Animals in Chelas (2024)
Ein Waschbär, eine niedliche Maus, ein halber Tiger ‒ welches von Bordalos Mülltieren ist Euer Favorit?

Bordalo II arbeitete während des Festivals auch mit zwei anderen Koryphäen zusammen. Ganz großartig ist das gemeinsame Mural von Bordalo II und Vhils, das die Evolutionstheorie thematisiert. Rechts sieht man einen detailverliebt zusammengebastelten Bordalo-II-Schimpansen. Auf der linken Seite wiederum schlug Vhils das halbe Gesicht des Naturforschers Charles Darwin aus der Wand. Die „Scratching“ genannte Technik von Vhils, bei der der Künstler die oberste Schicht des Mauerwerks freilegt, um so seine unverwechselbaren Gesichter zu schaffen, fasziniert immer wieder.

Supersüß ist auch das Schwein, ein Ergebnis der Kooperation von Bordalo II mit dem spanischen Streetart-Akteur → Okuda. Okuda hat sich ganz dem kunterbunten „Popsurrealismus“ verschrieben, der eher typisch für südamerikanische Street Art ist. Er gehört zu den erfolgreichsten Streetart-Künstlern weltweit und ist breit aufgestellt ‒ auch farbenfrohe Skulpturen sind Teil seines Werks. Wer es nicht nach Lissabon schafft, kann ein wunderschönes Okuda-Mural übrigens auch in → Mannheim bewundern.

Ricardo Romero: Refugees (2024)
Der 1981 in Évora geborene → Ricardo Romero ist als Künstler multimedial unterwegs. Die meisten seiner oft riesigen Murals sind monochrom gehalten. Hier sieht man eine kleinere Arbeit.
In Chelas widmet sich Ricardo Romero einem immer aktuellen Thema: Flucht und Vertreibung. Vorlage für dieses Mural waren die Bilder des amerikanischen Fotografen Lewis Hine, der 1918 die Arbeit des nordamerikanischen Roten Kreuzes in Europa dokumentierte und Flüchtlinge, Waisen und Kriegsverletzte fotografierte.

Marvila
Marvila ist kein Viertel, das Touristen auf ihre Lissabon-Bucketlist setzen. Marvila ist eine trostlose, unsaubere Wohnsiedlung, in der es jedoch ein paar bemerkenswerte Murals gibt.
Luís Santos: Untitled (2021)
Adresse: Zwischen der Rua Eduarda Lapa und Rua Alberto José Pessoa (Bahnhof Marvila)
Das erste Mural, das wir uns in Marvila ansehen, stammt von einem, der hier aufgewachsen ist: von Luís Santos aka → LS. LS ist fasziniert vom traditionellen Kunsthandwerk der Spitzenklöppelei in Portugal ‒ die filigranen Muster zieren viele seiner Arbeiten, so auch das in Blau gehaltene Porträt einer jungen Frau.

Kobra: Raoni Metuktire (2017)
Adresse: Rua Alberto José Pessoa 7 (Bahnhof Marvila)
Eine Fantasygestalt? Weit gefehlt! Der geniale brasilianische Muralist → Kobra würdigt hier Raoni Metuktire, den Häuptling des Kayapo-Volkes. Durch seinen unermüdlichen Einsatz für den Erhalt des Amazonas-Regenwaldes wurde Raoni zu einer internationalen Symbolfigur. Um 1932 geboren, ließ er sich mit 15 Jahren eine hölzerne Platte unter die Unterlippe legen. Auch in anderen afrikanischen und amerikanischen indigenen Kulturen gehören derartige Lippenteller zum Schönheitsideal.
Kobra, ein Streetart-Gott und einer der weltweit bekanntesten Künstler seiner Art, ist ungemein produktiv. Seine Murals haben einen hohen Wiedererkennungseffekt. Kobras spektakuläre → Mural-Wand in Rio de Janeiro, auf der sich der Künstler ebenfalls indigenen Völkern widmet, stellen wir in einem eigenen Artikel vor. Auch wenn das Mural in Marvila schon reichlich Patina angesetzt hat, so ist es immer noch ungemein beeindruckend.

Steep: Water Council (2017)
Adresse: Rua Alberto José Pessoa 14 (Bahnhof Marvila)
Der im Wasser stehende Indio des Ecuadorianers → Steep wurde im gleichen Jahr wie Kobras Mural geschaffen, ist aber interessanterweise deutlich besser erhalten. Steep ist in erster Linie in den urbanen Landschaften seines eigenen Kontinents unterwegs, in Europa begegnet man ihm selten. Steep nennt seinen Stil „Explosive Realism“.

GLeo: Heart of Gold (2017)
Adresse: Rua José do Patrocínio 4 (Bahnhof Marvila)
Aller guten Indios sind drei. Dieses Indiomädchen mit den weißen Sneakers stammt von → GLeo aus Kolumbien. Hinter dem Pseudonym versteckt sich Natalia Gallego Sánchez, eine 1992 in Cali geborene Künstlerin. Ihre riesigen Arbeiten, zu denen sie sich von den Legenden und Volksmärchen ihrer Heimat inspirieren lässt, versprechen ganz großes Street-Art-Kino. Sehen kann man sie in Brasilien, Mexiko und Kolumbien, aber auch in Frankreich, Holland, Belgien und eben in Lissabon. Markenzeichen ihrer Murals sind die pfauenaugenartigen goldgelben Bälle am Kopfschmuck ihrer Protagonist:innen.

Okuda: Jungle King (2014)
Adresse: Rua Marvila 49C (Bahnhof Marvila)
Auf der anderen Seite der Bahngleise begegnen wir dem uns bereits bekannten Okuda erneut. Auch wenn dieses Mural zu den ältesten auf unserer Street-Art-Tour durch Lissabon zählt, so hat es doch immer noch eine immense Strahlkraft. Ein Highlight mit den für Okuda typischen geometrischen Strukturen und leuchtenden Farben! Weniger umwerfend ist die Gegend, in dem Okuda diese Auftragsarbeit ausgeführt hat: ein an sich nettes, aber seltsam düsteres und leeres historisches Wohnviertel von fast dörflichem Charakter.

Braço de Prata
Braço de Prata ist ein Industrieviertel, das nach einer ehemaligen Munitionsfabrik benannt wurde. Hier stellten die Portugiesen einst die Schusswaffen für die Kriege in den Kolonien her.
Murals in der Kunstgalerie Because Art Matters
Adresse: Praça David Leandro da Silva 8 (zu erreichen mit Bus 718, der zwischen der Metrostation Areeiro und Chelas verkehrt)
Die → Kunstgalerie mit Bar, die in ihrer Halle auch Platz für Autos (!) und kleinere Urban-Art-Projekte bereithält, residiert in einer ehemaligen Lagerhalle. Vorbeischauen lohnt immer, die Arbeiten wechseln. Wir entdeckten hier zuletzt ein schönes Frauenporträt der portugiesischen Künstlerin → Patrícia Mariano, eine spannende Arbeit des Brasilianers → 7Matrix und ein blumiges Werk der Euch bereits bekannten Jacqueline de Montaigne.


SÜDEN
Julien Raffin: La Folie des Grandeurs (2021)
Santos ist ein wunderschönes Viertel mit kachelgeschmückten Stadthäusern und ansteigenden Gassen, in dem man gerne wohnen möchte. Kein Wunder, dass die Gegend bei hippen Expats schwer angesagt ist. Es gibt Cafés zum Sehen und Gesehen werden, nette Restaurants, Lädchen zum Stöbern und Shoppen, und ein nostalgisches Bähnchen, das an all dem vorbeiholpert. Auch hier wurden einige Wände von Street-Art-Künstler:innen bespielt. Eine Arbeit fanden wir besonders interessant. Ihr findet sie an einer Mauer des Zugbahnhofs Santos (meerseitig).
Der französische Künstler → Julien Raffin zeigt auf dieser aus Fliesen zusammengesetzten Tafel zwei Frauen, die sich über eine surrealistisch geschrumpfte Brücke beugen, die sie scheinbar gerade zusammenbauen. Es handelt sich um die Ponte 25 de Abril in Lissabon, die drittlängste Hängebrücke weltweit. 1966 unter dem Namen „Salazar-Brücke“ eingeweiht, wurde sie nach der Nelkenrevolution am 25. April 1974 umbenannt. Passend dazu tragen die beiden Frauen rote Nelken wie Broschen an ihren Pullovern.

Mariana Duarte Santos: Memories of the Invasion (2021)
Adresse: Rua Armando de Lucena 9. Einen guten Blick auf das Mural habt Ihr von der Rua Sá Nogueira, unter anderem zu erreichen mit Bus 760 von der Metrostation Cais do Sodré.
Das Viertel Bairro 2 de Maio hoch über dem Tejo ist heute vom sozialen Wohnungsbau geprägt. Das war einmal anders. Gegen Ende der Salazar-Zeit sollte hier eine noble Wohngegend für Mitglieder der Geheimpolizei entstehen. Das Viertel wurde nie fertig gestellt, denn die Nelkenrevolution kam dazwischen. Die Bauruinen ohne Fenster und Türen wurden schnell von den Ärmsten der Armen in Beschlag genommen. Später konnten sie in neu gebaute Wohnblöcke einziehen.
Eine der Bewohnerinnen des Bairro 2 de Maio ist auf diesem Mural von Mariana Duarte Santos abgebildet. Umgeben ist die alte Dame von Fotos und Zeitungsausschnitten aus jener turbulenten Zeit Portugals.

Street Art in der LX Factory
Kasten: Rua Rodrigues de Faria (Bahnhof Alcântara-Mar)
Die LX Factory im Stadtteil Alcântara ist eine Mischung aus Touristenhotspot und Hipsterhotspot. Oder anders gesagt: Ein Place to be für viele Lissabonbesucher. Auf dem aufgegebenen Industrieareal gibt es coole Läden, schicke Restaurants, Craftbeer-Bars und natürlich jede Menge Street Art. Auch der gute Bordalo II war hier mit am Start. Für die LX Factory hat er sich eine Hummel ausgedacht:

Hübsche kleinere Eyecatcher sind die gekachelten Porträts von Bastien Tomasini aka → O Gringo. Der in Nizza geborene Künstler lebt und arbeitet heute in Portugal, wo er umringt ist von dem, was er liebt und was ihn inspiriert: Azulejos. O Gringo reanimiert die traditionelle portugiesische Kachelkunst und interpretiert sie neu. Man kann seinen schönen kleinen Arbeiten überall in der Stadt begegnen. Hier ein paar Beispiele aus der LX Factory:

Die größte Arbeit auf dem Areal stammt von ParizOne, er nennt sie „Listen to your soul“. Das Mural, das 2023 entstand, ist bunt, catchy und sehr ansprechend. Oder seid Ihr anderer Meinung?

WESTEN
Bairro Bela Flor
„Das Viertel der schönen Blume“ ist leider nicht so blumig wie der Name vermuten lässt. Die niedrigen Wohnblocks liegen so nahe an der Stadtautobahn, dass die Bewohner Tag und Nacht beschallt werden. Das soll aber niemanden von Euch abhalten, hier einmal vorbeischauen ‒ im Bairro Bela Flor gibt es nämlich ein paar außergewöhnlich schöne Kunstwerke zu bestaunen. 2025 fand hier das Urban Art Festival Muro Lx statt, zu dem tolle Künstler:innen geladen wurden.
Patrícia Mariano: Calypso (2025)
Adresse: Rua Bela Flor D, zu erreichen mit Bus 61B von der Bahnstation Sete Rios
Hinter dem wunderschönen Mural der badenden antiken Nymphe Calypso steckt die Lissaboner Muralistin → Patrícia Mariano. Ihre Frauenporträts sind von ausnehmender Ästhetik und Eleganz. Die Autodidaktin hat ihre Wurzeln in der Werbebranche.

In diesem Mural feiert Patrícia die Schönheit und Bedeutung des Meeres. 2025 wurde das Mural von der Plattform → Street Art Cities unter die besten urbanen Kunstwerke der Welt gewählt. Die Jury begründete ihre Wahl mit der technischen Brillanz der Arbeit, der wichtigen Umweltbotschaft und der ganz eigenen künstlerischen Stimme Patrícia Marianos.
Nevercrew: Pulse (2025)
Adresse: Rua Bela Flor Lt, zu erreichen mit Bus 61B von der Bahnstation Sete Rios
Als wir diese blau glänzenden „Walballons“ sahen, ging uns das Herz auf. Leider aber konnten wir aufgrund der davor parkenden Autos nur einen Teil des Murals fotografieren. Die Wale nämlich sind „angeleint“ an einem kleinen Wohnhaus, das ebenfalls Teil der Arbeit, aber hier nicht zu sehen ist.
Erschaffer des Murals sind die Schweizer Künstler Pablo Togni und Christian Rebechhi, die bereits seit 1996 als → Nevercrew zusammenarbeiten. Ihr Thema: die Kontroversen zwischen der modernen Gesellschaft und der Natur. Wale sind so etwas wie der rote Faden ihres Œuvres, sie gibt es als Murals oder als kleinere Kunstwerke.

Die Murals beim Skatepark Campolide
Der Skatepark von Campolide befindet sich direkt unter der Stadtautobahn, die hier auf mächtigen Betonsäulen steht. Diese Säulen werden von immer wieder anderen Streetart-Künstler:innen bespielt, was die an sich trostlose Ecke für Fans der Urban Art recht spannend macht.
Tamara Alves: Untitled (2025)
Adresse: Rua B. do Bairro da Liberdade, zu erreichen mit Bus 702 von der Metrostation Marquês de Pombal
Bei unserem letzten Besuch gefiel uns hier insbesondere das Mural von → Tamara Alves, das ebenfalls im Rahmen des Festivals Muro Lx entstand. Arbeiten von Tamara Alves haben wir schon auf Street-Art-Touren durch → Lagos und → Porto entdeckt. Die Künstlerin lebt in Lissabon. Ihr immer wieder kehrendes Motiv: Frauen, oft sie selbst.

Huariu und Bigod: Untitled (2025)
Man braucht sich vom Skatepark nur umzudrehen und Richtung Wohnblocks zu laufen, um dem letzten Mural auf dieser Tour gegenüber zu stehen. Die Gemeinschaftsarbeit von → Huariu und → Bigod ist mehrteilig und ziemlich catchy. Mit dem Mural würdigen die beiden Künstler den Stadtteil Campolide, dessen Entwicklung mit dem Bau des Aquädukts im 18. Jahrhundert begann.
Bigod heißt im echten Leben João Domingos, er stammt aus Santarem. Oft verbindet er in seinen Stencils Organisches mit Geometrischem. Huariu, ein Meister der Linien, arbeitet in der Regel nur schwarz-weiß.

ALLES WISSENSWERTE ÜBER LISSABON
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Hallo, das sind wirklich tolle Murals dabei und das alles aufzuzeichnen , da steckt wirklich viel Arbeit drin. ich liebe Street Art und dein Blogbeitrag ist wirklich hilfreich um in Lissabon die besten Kunstwerke zu finden. mein persönlicher Favorit ist der bunte Pandabär. vielen Dank für diesen tollen Blogbeitrag und liebe Grüße Jenny
Herzlichen Dank für die netten Worte, Jenny. Oh ja, hinter diesem Artikel steckt viel Arbeit – wir waren alleine vier Tage kreuz und quer in der Stadt unterwegs, um die Murals überhaupt erst alle zu sichten und auszuwählen. Liebe Grüße zurück, Gabi und Michael
Ich liebe ja Lissabon und die Murals sind immer ein Highlight. Danke, dass ihr euch diese Mühe gemacht habt, so viele zusammenzutragen. Das macht mir meinen nächsten Besuch um einiges einfacher! Wirklich schön geworden.
Danke fürs Feedback, Romy. Freut uns, wenn wir die Vorfreude ein wenig steigern konnten.
Hallo
Was für eine andere Seite der portugisischen Hauptstadt. Eine Seite von vielen, welche Lissabon zu bieten hat. Und eine Seite, die ich so noch gar nicht gesehen habe. Zumindest nicht richtig wahrgenommen. Danke dafür.
Mike
Oh ja, die urbane Kunst spielt eine wichtige Rolle in der Stadt. Danke dir fürs Feedback und viele Grüße, Gabi und Michael