StartDeutschlandBaden-WürttembergAusgekurt: Aufgegebene Hotels an der Schwarzwaldhochstraße

Ausgekurt: Aufgegebene Hotels an der Schwarzwaldhochstraße

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Die Schwarzwaldhochstraße zwischen Freudenstadt im Süden und Baden-Baden im Norden ist eine Straße der Geisterhotels. Zahlreiche aufgegebene Hotels stehen an der 60 Kilometer langen Panoramastraße im nördlichen Hochschwarzwald. Die meisten stammen aus einer Zeit, als es die Schwarzwaldhochstraße selbst noch gar nicht gab, nämlich aus dem späten 19. Jahrhundert. Damals wurde die Region auf 800 bis 1000 Metern Höhe als Luftkurort en vogue. Was vorher als „feindlicher Lebensraum“ galt, avancierte bei der Hautevolee nun zum Place to be.

Die eleganten Höhenhotels waren zunächst nur vom Rheintal aus zu erreichen und, wenn überhaupt, über schmale Waldwege miteinander verbunden. Erst ab den späten 1920er-Jahren wurde das Idyll für „Automobilisten“ erschlossen. Die ersten Etappen der Schwarzwaldhochstraße entstanden 1930. Nun fuhren Luxuslimousinen die kurvige Ferienstraße mit ihren herrlichen Ausblicken entlang. Die Nächte verbrachte man in den feinen Betten der Kurhotels.

Blick über eine gebirgige Waldlandschaft

Der Einsatz von Schneeräumfahrzeugen ermöglichte schließlich Wintersport auch in den oberen Regionen des Schwarzwaldes. Liftanlagen wurden gebaut. In einem Hotelprospekt aus dem Jahr 1960 heißt es:

In kristallklarer Höhenluft schenken sonnige Hochwaldkuppen dem Wintersportler wie dem Erholungssuchenden neue Spannkraft und Lebensfreude.

Doch mit der Massenmotorisierung in den Wirtschaftswunderjahren wurden Ferien im sonnigen Süden populär. Deutschland wollte nach Italien oder Jugoslawien, die Hotels im Schwarzwald blieben zunehmend leer. Als wärmere Winter auch dem Skitourismus zu schaffen machten, kam es zum Nobelhotelsterben.

 

Kurhaus Plättig marodes Hotel mit Holzfassade
Viele der aufgegebenen Hotels an der Schwarzwaldhochstraße sind so marode, dass es nur so kracht im Gebälk. Hier das ehemalige Kurhaus Plättig.

Die mondäne Epoche der Schwarzwaldhochstraße ist vorbei. Trotz immer noch vieler Touristen hat die Straße einen eher schlechten Ruf: viel Verkehr, viel Motorradlärm, viele Unfälle. Die Hotelgebäude an der Straße sind in unterschiedlichen Zuständen. Manche hält man als Denkmäler am Leben, in der Hoffnung auf Investoren und damit verbundener neuer Blüte. Andere gammeln vor sich hin oder sind so marode, dass der Abriss nur noch eine Frage der Zeit ist. Und bei wieder anderen heißt es seit Jahren: Zukunft ungewiss.

Hinweis: Wir fahren die verlassenen Hotels von Süd nach Nord ab, und zwar auf den beiden Bundesstraßen, die zusammen die Schwarzwaldhochstraße bilden. Von Freundenstadt geht es zunächst auf der B28 bis zum Hotel Alexanderschanze und dann gen Norden weiter auf der B500.

 

Aufgegebene Hotels an der Schwarzwaldhochstraße: Inhaltsverzeichnis

 

 

Hotel Waldlust: Vom Lost Place zum Art Place

Das Hotel Waldlust nannte man einst in einem Atemzug mit dem „Adlon“ in Berlin. In dem weißen Schlösschen in Freudenstadt residierte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Who’s who seiner Zeit. Es checkten unter anderem Stummfilmstars wie Douglas Fairbanks und Mary Pickford oder berühmte Musiker wie Fritz Kreisler ein. Heute ist das im Jahr 2005 aufgegebene Hotel das einzige in diesem Beitrag, das man im Rahmen von regelmäßigen Führungen besichtigen kann.

Das Grand Hotel am Waldrand des Höhenkurorts ging 1902 durch Umbauten aus einer Sommervilla hervor und erlangte durch Anbauten 1921/22 seine heutige Größe. Fortan gab es 140 Zimmer, teilweise mit großen „Liegebalkonen“ – ein Wörtchen, das einen direkt an den unter Decken ruhenden Hans Castorp im „Zauberberg“ denken lässt…

 

Hotel mit weißen Balkonen Waldlust
Das Hotel Waldlust in Freudenstadt ist das einzige aufgegebene Hotel an der Schwarzwaldhochstraße, durch das regelmäßige Führungen angeboten werden

Nazizeit und Krieg bedeuteten auch für die Waldlust dunkle Jahre. Mal wurde das Hotel von der Wehrmacht okkupiert, mal diente es als Lazarett. Während Freudenstadt im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört wurde, blieb das Hotel weitgehend unversehrt.

In den 1950er-Jahren blühte die Waldlust wieder auf. In jener Zeit wurde auch die „Zwitscherstube“ im Untergeschoss eröffnet, ein legendäres Tanzlokal. Doch in den darauf folgenden Jahrzehnten ging der Schwarzwaldtourismus peu à peu zurück. Auch um die Waldlust wurde es still und stiller. Die Besitzer wechselten, hin und wieder herrschte Leerstand. 2005 war endgültig Schluss mit waldlustig.

Räuberpistolen erzählt man sich vom letzten Geschäftsführer. Der soll die Einnahmen in Baden-Baden verzockt haben, während das Personal auf seine Löhne wartete. Aus Frust schraubten die Angestellten alles Mögliche ab, was nicht niet- und nagelfest war und verscherbelten es. Noch heute, so erfährt man bei der Führung, tauchen auf Flohmärkten und in Antiquitätenläden Inventarstücke aus der Waldlust auf.

Führungen (kostenlos, aber Spende erwünscht) finden mittwochs um 10.30 Uhr statt (Stand: 2026). Infos zu Fototouren auf der Webseite.

Dass es überhaupt Führungen durch den maroden Hotelpalast gibt, ist dem rührigen Verein → Denkmalfreunde Waldlust e.V. zu verdanken, der sich 2021 gegründet hat. Er bietet auch mehrstündige Fototouren an, organisiert kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte und Kunstausstellungen im Haus, kümmert sich um Filmdrehs und überhaupt um alles, was mit dem Erhalt des riesigen Gebäudes zu tun hat.

Im Innern erwarten einen die verschiedensten Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts, von der Art Nouveau über Mid-Century bis zu 80s-Stilbrüchen. Die Waldlust ist hotelgewordenes Beispiel dafür, dass man guten Geschmack mit Geld nicht kaufen kann.

 

Plüschiges Interieur im Inneren eines Hotels
Plüschig: Interieur der Waldlust

 

Highlight ist der verspiegelte Ballsaal aus den 1920er-Jahren. Der ganze Stolz des Vereins ist dort ein Kronleuchter, der von einem Uhrmacher aus Freudenstadt liebevoll restauriert wurde. 28 Kilogramm wiegt der Lüster.

 

Ballsaal eines plüschigen Hotels
Der Ballsaal der Waldlust

 

Geschlossene Unterkünfte auf dem Kniebis

Kniebis“ bezeichnet zum einen einen knapp 1000 Meter hohen Bergrücken, zum anderen einen kleinen Höhenort mit viel Wiese zwischen den verstreuten Häusern. Der Ortskern liegt zurückversetzt von der Schwarzwaldhochstraße.

Es ist Juli, als wir uns hier umsehen. Während eine Hitzewelle Europa plagt, ziehen wir uns die Pullis an. Im Sommer zu kalt, im Winter keine Schneesicherheit mehr – zu einem Urlaubsmagneten bringt man es so nicht. Kniebis wirkt traurig. Die Bäckerei an der Durchgangsstraße: dicht. Das ehemalige Café Hauser: geschlossen, genauso wie die Kneipe Stolperfalle. Das hiesige Schwimmbad: leer. Die Pension Klosterhof: verrammelt. Die Pension Waldeck: morbide und ungenutzt.

 

Am Ortseingang modert das ehemalige Hotel Waldhorn vor sich hin. LKWs und Motorräder rauschen auf der B28 an dem Gebäude vorbei, das seit den Zehnerjahren geschlossen ist. Nebenan ein pensionierter Schlepplift, der einst Kinder den Hang hochzog:

 

Verrostete Skiliftanlage
Längstens aufgegeben: Skilift neben dem ehemaligen Hotel Waldhorn auf dem Kniebis

Die Gardinen hinter den schmutzigen Scheiben sind wie von Geisterhand zerrissen. Eine Tür steht offen. Vor dem geschlossenen Restaurant Stühle neben verdursteten Topfpflanzen. Die Speisekarte hängt noch in ihrem Glaskasten: „Schwäbischer Wurstsalat 7,95 Euro, Schwarzwälder Kartoffelsalat mit Blattsalat und Ei 12,40 Euro, Matsaman Curry 14,60 Euro.“

 

Fenster mit zerrissenen Gardinen
Aufgegebene Hotels an der Schwarzwaldhochstraße: Das Hotel Waldhorn ist heute ein Lost Place

 

Hotel Alexanderschanze: Zukunft in Sicht

An einer T-Kreuzung auf einer Passhöhe nordwestlich von Kniebis zweigt die B500 Richtung Baden-Baden ab. Hier beginnt der spektakulärste Abschnitt der Schwarzwaldhochstraße. Und genau hier steht auch das ehemalige Hotel Alexanderschanze.

Das Hotel in Alleinlage erhielt seinen Namen von einer nahen Festungsanlage, die Herzog Karl Alexander von Württemberg im Jahr 1734 errichten ließ. Das heutige Gebäude aus dem Jahr 1915 ersetzte die Brandruine des Vorgängerbaus. Mit 28 „Fremdenzimmern“, fließendem Wasser und elektrischem Licht war die neu errichtete Alexanderschanze zu jener Zeit so etwas wie der heiße Scheiß unter den Höhenhotels des Nordschwarzwalds.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden im Hotel ausgebombte Kinder aus den Städten untergebracht. Ab den 1970er-Jahren ging es mit der Alexanderschanze zunehmend bergab. Aus dem noblen Hotel wurde nach und nach eine einfache Unterkunft für Wanderer. 2015 wurde der Betrieb eingestellt.

 

Detail eines leer stehenden Hotels
Aufgegebenes Hotel Alexanderschanze: Seit 2015 wurden hier keine Laken mehr gewechselt

Offene Tür eines maroden Beherbergungsbetriebs

 

Wer heute am Hotel vorbeifährt, sieht eine Baustelle. Anders als andere Höhenhotels an der Schwarzwaldhochstraße hat das Hotel Alexanderschanze eine Zukunft. Das Gebäude, mittlerweile im Besitz des Landes Baden-Württemberg, wird restauriert und soll künftig als Rangerstation des Nationalparks Schwarzwald dienen.

 

Höhenhotel Unterstmatt: Aus Alt mach Neu

Einen erbarmungswürdigen Anblick bietet das ehemalige Höhenhotel Unterstmatt, auch wenn es in manchen Monaten noch bewohnt wird – nicht aber von Urlaubern, sondern von Angestellten des ebenfalls an der Schwarzwaldhochstraße gelegenen → Hotels Schliffkopf*.

historische Aufnahme Hotel Unterstmatt
Postkarte Hotel Unterstmatt, verschickt 1932

Errichtet wurde das Hotel Unterstmatt 1904 als „Gasthaus mit Übernachtungsmöglichkeit“. Von 1922 bis 1992 war es im Besitz einer Familie, der Reymanns. Josef Reymann schaffte sich den damals ersten motorgetriebenen Schneepflug weit und breit an. Das war 1931. Von da an war sein Hotel auch im Winter erreichbar.

Josef Reymanns Witwe, die das Hotel nach dessen Tod alleine weiterführte, ließ 1950 den ersten Skilift der Schwarzwaldhochstraße neben dem Hotel errichten. Betrieben wurde er mit einem alten Panzermotor – man war kreativ in der Nachkriegszeit. Das Skigebiet erlebte einen derartigen Ansturm, dass es jeden Sonntag Verletzte und jede Skisaison einen Toten gab.

Apropos Skilift: Der erste Skilift überhaupt entstand ebenfalls im Schwarzwald. Der Gastwirt Winterhalder hatte ihn 1908 in Schollach erbaut und mit Wasserkraft angetrieben.

 

Aufgegebenes Hotel
Hotel Unterstmatt: Nicht viel übrig geblieben außer traurige Erinnerungen an bessere Zeiten

 

Anfang der 1970er-Jahre wollte übrigens der damalige Bundeskanzler Willy Brandt im Hotel Unterstmatt übernachten. Durfte aber nicht. Betreiber Hans Reymann, Josef Reymanns Sohn, wollte keine SPD-Politiker in seinem Hotel haben. Überliefert ist folgendes Zitat: „Ich beherberge keine Roten in meinem Hotel, er soll schauen, wo er unterkommt.“

Das Höhenhotel Unterstmatt, dessen Betrieb 1992 eingestellt wurde, soll abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Zeitpunkt? Ungewiss.

 

Hotel Hundseck: Zimmer frei

Zimmer frei“ hat mal jemand an die Reste der Holzfassade des Hotels Hundseck genagelt. Ein Gag? Eine Kunstinstallation? Wir wissen es nicht. Das Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Kur- und Höhenhotel ist salopp gesagt völlig am Arsch. Mehr als nur vergammelt. Und von dem, was noch übrig ist, wird eventuell nicht mehr viel zu sehen sein, wenn Ihr Euch hierher aufmacht.

Kurhotel Hundseck 1904

Das Hundseck, ein einst villenartiger Holzbau mit hübschem Türmchen, diente nur bis 1957 als Hotel. Dann ging es bergab. Der nahe Skilift zog im Winter zwar noch Urlauber an, im Sommer aber lagen die Buchungszahlen unter Soll. Bis 1982 konnte das Hundseck immerhin noch als Erholungsbetrieb für Bergarbeiter des Ruhrgebiets überleben. Dann war auch damit Schluss. Von einem kurzfristigen Jugendhotel-Dasein um die Jahrtausendwende einmal abgesehen, stand das Hundseck nur noch leer.

 

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Es folgte eine (Zwangs-)Versteigerung nach der nächsten. Eigentümer tauchten ab. Das ewige Hin und Her beschäftigte irgendwann sogar den Landtag. 2012 wurde ein Teil des Gebäudes abgerissen. Noch 2026 soll der sturmgeplagte Rest des einstigen Hotels von Bulldozern zermalmt werden. Es wird das traurige Ende der Hotel-Hundseck-Geschichte sein.

 

Kurhaus Sand: Wie anno dazumal

Über Führungen kann man sich bei der Kurhaus Sand GmbH (Patrick Nölten, Tel. 01573-7299902) oder im → Rathaus von Bühl erkundigen. Viel Glück!

Der Letzte hat hier nicht das Licht ausgemacht. Wir sehen den schwachen Schein einer Funzellampe, als wir neugierig durch die trüben Fenster ins Innere des ehemaligen Kurhauses Sand lugen. Mehr als vertrocknete Blumen in Porzellanväschen hinter dicken Spinnweben können wir nicht erspähen. Den Rest müssen im wir uns im Netz zusammensuchen.

Ein paar Glückliche konnten bei den seltenen Führungen Fotos von der puppenstubenhaften Innenausstattung machen, die in weiten Teilen noch erhalten ist. Diese Bilder dokumentieren Nostalgie pur: ausgestopfte Tiere und Hirschgeweihe in der Jägerstube, Rüschengardinen vor Butzenscheiben, Kruzifixe, handgedrechselte Betten, Plüschkram. Eine Filmkulisse, komplett aus der Zeit gefallen.

 

Porzellanväschen komplett hinter Spinnweben
Wir konnten das Kurhaus Sand leider nur von außen begutachten. Wer Glück hat, kann an einer der seltenen Führungen teilnehmen.
Sand Buchstaben an marodem Gebäude
Von den aufgegebenen Hotels an der Schwarzwaldhochstraße ist das ehemalige Kurhaus Sand das geheimnisvollste

Das elegante Kurhotel mit seinen Türmchen und Schnitzbalkonen entstand 1890 im Schweizer Chalet-Stil als Erweiterungsbau einer Schutzhütte. Der Betreiber Friedrich August Maier („Sandmaier“) schaffte es innerhalb kürzester Zeit, aus dem Haus eines der angesehensten Höhenhotels im Nordschwarzwald zu machen. Hierher zog es den Geldadel mit Atemwegsproblemen. Und selbst Königin Wilhelmine aus Holland kam mit ihrer Mutter und verweilte gleich einen ganzen Monat „auf dem Sand“.

Die Ausstattung war für jene Zeit hochmodern. Dank einer Zentralheizung konnte man auch Wintergäste aufnehmen. In einem alten Hotelprospekt heißt es:

 Auch in hygienischer Hinsicht ist den Bedürfnissen der Neuzeit vollständig gedient. In allen Stockwerken ist eine Wasserleitung eingerichtet und überall bestehen Spülklosetts.

Im Jahr 1920 entstand eine Tankstelle neben dem Kurhaus. Sie ist zwar nicht mehr in Betrieb, aber noch erhalten. Auch hatte das Kurhaus einen eigenen Skilift, verrostete Überbleibsel verrotten im Gebüsch. Die Liftanlage wurde Ende der 1980er-Jahre aufgegeben.

 

Verrosteter Skilift im Gebüsch
Was übrig blieb von der Liftanlage des Kurhauses Sand

 

Und das Hotel selbst? Das teilte in der Nachkriegszeit das Schicksal der anderen Nobelherbergen an der Schwarzwaldhochstraße. Gäste blieben aus. Ab 1994 konnte das Haus nur noch für geschlossene Gesellschaften gebucht werden. Amanda Wiedemann, die letzte Betreiberin des Hotels, wohnte noch bis 2007 im Hotel. Seitdem wird aus dem Kurhaus ein Geisterhaus, das der Tannenwald zunehmend verschlingt.

 

Terrasse eines aufgegebenen Hotels
Lost Place Hotel Sand: Ein Kurhaus wird zum Geisterhaus

 

Kurhaus Plättig: Ein Habicht passt auf

Eine Kur in Plättig macht kerngesund“, steht unterm Hygrometer im Eingangsbereich des geschlossenen Hotels Plättig. Der Haupteingang des ehemaligen Beherbergungsbetriebs auf dem Bergsattel Plättig wird geschmückt von einem Türöffner, der so kitschig ist, dass er schon wieder cool wirkt. Der Habicht mit den gelben Augen, der das Portal bewacht, könnte gleichzeitig so etwas wie ein Wappen sein und an die Familien Habich und Kern erinnern, denen das Kurhaus Plättig im 20. Jahrhundert gehörte. Dahinter sieht man einen Lüster im Foyer glitzern.

 

Errichtet wurde das Kurhaus Plättig wie die meisten Höhenhotels des Nordschwarzwalds Ende des 19. Jahrhunderts. Schon bald kam ein Erweiterungsbau samt Parkanlage hinzu. 160 Betten in 100 Zimmern zählte das vornehme Haus. Während die Gästezahlen in den 1960er-Jahren zunehmend zurückgingen, wagte das Plättig zu jener Zeit noch einen modernen Anbau.

Postkarte Kurhaus Plättig 1907

Mangels Rentabilität und Perspektiven wurde das Hotel 2010 geschlossen. Eine Investorengruppe aus Kasachstan kaufte das Kurhaus Plättig 2013 für 22,5 Millionen Euro zusammen mit dem Schlosshotel Bühlerhöhle (siehe unten). Es kamen Arbeiter aus Litauen, die Modernisierungsmaßnahmen durchführen sollten. Und es kam die Feuerwehr, die den Brandschutz bemängelte und eine Fluchttreppe forderte. Warum man diese vor die Frontfassade setzte, ist ein Rätsel. Genauso wie die Zukunft des Gebäudes. Irgendwann waren die Arbeiter wieder weg. Die rostfarbenen Fensterrahmen hängen traurig in den Angeln oder sind bereits abgefallen.

 

Vergammeltes Hotel mit Holzfassade und roten Fensterrahmen
Lost Places an der Schwarzwaldhochstraße: Das Hotel Plättig ist seit 2010 geschlossen

 

Schlosshotel Bühlerhöhe: Wo Boris Becker seine erste Hochzeitsnacht verbrachte

Wir kommen bis zum Tor und nicht weiter. Das auf einem Bergsporn thronende Schlosshotel Bühlerhöhe ist nicht einfach so zu besichtigen. Auch der Waldpark drum herum bleibt unseren neugierigen Blicken verwehrt. Seit 2010 ist das einstige Luxushotel geschlossen. Seine Geschichte ist bewegt.

Errichtet wurde der festungsartige, neobarocke Bau im Jahr 1912. Ein Offiziersgenesungsheim sollte er werden, doch dazu kam es nie. Stattdessen wurde hier ab 1920 ganz mondän gekurt, auch Gustav Gründgens schaute vorbei. Später trafen sich hier Adolf Hitler und Benito Mussolini. Klar, die Bühlerhöhe ist ein Bau, den Nazis gut finden: groß und protzig. In den 1950er-Jahren pflegte Konrad Adenauer hier zu urlauben.

 

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Der Kurbetrieb konnte bis 1986 aufrecht erhalten werden. Danach wurde aus der Bühlerhöhe ein Luxushotel samt sternegekröntem Lokal. Boris Becker und Barbara Feltus verbrachten hier 1993 ihre Hochzeitsnacht. Und das englische Fußballnationalteam hatte hier während der WM 2006 sein Mannschaftsquartier.

Letzter deutscher Besitzer des Hotels (bis 2010) war SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp. Er verkaufte die Bühlerhöhle an besagte Investorengruppe aus Kasachstan (siehe Kurhaus Plättig). Seitdem ist es still im Hotel – außer zu Drehtagen, in der beliebten Kulisse entstand auch schon ein Tatort. Nach dem langen Leerstand schätzt man die Sanierungskosten mittlerweile auf rund 100 Millionen Euro. Der Hotelkrimi, also der echte, läuft weiter.

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Praktische Infos: Übernachten und Camping

Wer die aufgegebenen Hotels entlang der Schwarzwaldhochstraße der Reihe nach angucken will, startet entweder in Freudenstadt (Süden) oder in Baden-Baden (Norden).

Poshestes Hotel in Freudenstadt ist das → Fritz Lauterbad*. Günstig und dennoch gut übernachtet man im → Gästehaus Brigitte*.

Baden-Baden ist deutlich teurer, unter 100 Euro gibt es höchstens eine private Ferienwohnung. Ein schönes Hotel in der Vier-Sterne-Liga ist der → Badische Hof*.

Camper haben diverse Möglichkeiten entlang der Route. Superschön fanden wir den → Campingplatz Königskanzel auf einem Plateau über Dornstetten. Komfortabel, sauber, mit kleinem Pool.

Einfacher ist der → Camping Murhof beim hübschen Ottenhöfen im Schwarzwald. Geht eher Richtung Womo-Stellplatz, Sanitäranlagen in Containern, Self-Check-in.

 

Mehr verlassene Orte hier auf dem Blog

 

 

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12 Kommentare

  1. Was für eine tolle Idee, mal eine andere Seite des Schwarzwalds zu beleuchten. Traurige Bilder, aber hoffentlich mit schönen Erinnerungen vieler Menschen verknüpft. Wirklich ganz berührend. Danke dafür!

    Liebe Grüße

    Kathleen

    • Danke fürs Feedback, Christian. Hin und wieder gibt es ja auch im Kurhaus Sand Führungen, aber leider nicht, als wir da waren.

    • Liebe Romy, nein, das konnten wir natürlich nicht. Das einzige verlassene Hotel, in dem dank eines rührigen Vereins regelmäßig Führungen angeboten werden, ist das Hotel Waldlust in Freudenstadt. Das Kurhaus Sand kann unregelmäßig besichtigt werden, da hatten wir aber kein Glück. Und alle anderen Häuser dürfen nicht betreten werden, da gäbe es sonst wirklich Ärger.

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