SORELA, das klingt wie eine duftende Blume. Oder wie eine Märchenfigur. Doch weit gefehlt: Sorela, das sind monumentale Gebäude an breiten leeren Straßen. Das sind Reliefs mit glücklichen Arbeitern. Sorela, das ist sozialistischer Realismus. Der Kunst- und Architekturstil entwickelte sich Anfang der 1930er-Jahre in der Sowjetunion und schwappte nach dem Zweiten Weltkrieg auf die kommunistischen Staaten Osteuropas über.
Socialistický realismus heißt der Stil auf Tschechisch. Oder eben kurz und blumig gesagt: Sorela. In Deutschland ist umgangssprachlich oft vom „Stalinbarock“ die Rede, wenn man die historisierenden Bauten aus den 1950er-Jahren meint. Man findet sie zum Beispiel an der Berliner Karl-Marx-Allee oder im brandenburgischen → Eisenhüttenstadt. Doch Stalinbarock ist eine irreführende Bezeichnung. Der sozialistische Realismus lehnt sich nämlich stilistisch eher an die Renaissance oder an den Klassizismus an als an den Barock. Daher spricht man auch vom sozialistischen Klassizismus oder Zuckerbäckerstil.
In den frühen 19050er-Jahren wurden in der Tschechoslowakei mehrere Industriestädte im Sorela-Stil aus dem Boden gestampft. Dazu gehören Poruba, heute ein Stadtteil von Ostrava, und Havířov im nordmährischen Kohlepott. Wie man sich die beiden Städte im einstigen schwarzen Herz der Tschechoslowakei heute vorzustellen hat, zeigen wir Euch in diesem Artikel. Vorab ein paar Stichworte zum Sorela-Stil.

Inhaltsverzeichnis
SOZIALISTISCHER REALISMUS: KURZÜBERBLICK
1932 wurde der sozialistische Realismus vom Zentralkomitee der KPdSU als offizielle Richtlinie für Kunst, Kultur und Architektur verabschiedet. Literaten, bildende Künstler und Architekten hatten fortan die Aufgabe, die Größe des herrschenden Systems zu betonen und es zu verherrlichen. Die Künstler sollten dem Regime treu ergeben sein und kommunistische Werte weitertragen. Eine individuelle Note war ausdrücklich nicht erwünscht.
Bilder, Mosaiken und Reliefs an Gebäuden zeigten glückliche Familien beim Aufbau des Sozialismus, dazu muskulöse Arbeiter und kräftige Bauern. Das Schöne an der Arbeit sollte im Vordergrund stehen, auf den Feldern genauso wie in der Fabrik. Zentrale Themen: die Modernisierung des ländlichen Raums und der Segen der Industrialisierung.

In der Architektur brachte der Sozialistische Realismus palastartige Gebäude hervor, die aber nicht unbedingt Herrschaftszwecken dienen sollten. Die monumentalen Bauten mit ihren Giebeldreiecken, Säulen und Turmaufsätzen wurden oft als Wohn- oder Kulturpaläste errichtet. Sozialistischer Realismus spiegelte Stalins Anspruch an die Architektur wider.
Mit dem Sieg der Kommunisten in der Tschechoslowakei im Jahr 1948 wurde der sozialistische Realismus auch dort eingeführt. Während das altehrwürdige Prag von Sorela-Gebäuden weitgehend verschont blieb, baute man in anderen Teilen des Landes ganze Stadtteile und Städte in der neuen Formensprache. Diese sollte eine Art Antibewegung zur Architektur der tschechoslowakischen Funktionalisten sein. Funktionalismus und die Neue Sachlichkeit wurden dem Kapitalismus zugeordnet und galten damit als gefährliche westliche Stile. „Monumentalismus statt Minimalismus“ lautete nun die Devise.
PORUBA
1783 wurden Kohlevorkommen bei Ostrava (Ostrau) entdeckt, 1828 entstand die erste Eisenhütte. Ostrau stieg zum größten Industriezentrum der Habsburger Monarchie auf, was einen gewaltigen Zuzug mit sich brachte. Dieser brach bis ins 20. Jahrhundert nicht ab. Der frei werdende Wohnraum der vertriebenen Deutschen reichte nicht für die Zehntausenden von Slowaken, die nach dem Zweiten Weltkrieg kamen. Rund um die Gruben und Hüttenkombinate entstanden Satellitenstädte. Poruba, neun Kilometer westlich des Zentrums von Ostrava, war eine von ihnen.

1952 begann mit dem Bau der Wohnpaläste auf zwangsenteigneten Feldern nahe eines Dörfchens, das Poruba hieß und heute Alt-Poruba (Stará Poruba) heißt. Alt-Poruba ist in Teilen noch erhalten, doch darum soll es in diesem Artikel nicht gehen.
Bereits 1957 wurde die Schlafstadt Poruba in Ostrava eingemeindet. Durch diese Eingemeindungen stieg Ostrava zur drittgrößten Stadt Tschechiens auf. Bis in die 1980er-Jahre entwickelte sich aus Poruba eine Siedlung mit 100.000 Einwohnern. Nach der Samtenen Revolution und dem Niedergang der Gruben und Hütten sank die Bevölkerung rapide. Heute ist Poruba mit rund 61.700 Einwohnern immerhin noch der bevölkerungsreichste Stadtteil Ostravas (283.000 Einwohner) und Sitz der Universität für Bergbau und Technologie. Trotz vieler Studenten gilt Poruba als überaltert.
Von der Leninka zur Hlavní třída
Mit der Tram fährt man vom Zentrum Ostravas in etwa einer halben Stunde nach Poruba. Die Linka 8 hält direkt an der Hlavní třída. Die wichtigste Straße Porubas ist leer und breit. Was heute schlicht „Hauptstraße“ genannt wird, hieß früher Leninka, „Leninstraße“. Der Boulevard erinnert an eine Kleinausgabe der Berliner Karl-Marx-Allee.

Genau in der Mitte wird die Straße von einem Rondell geteilt. Drum herum palastartige Bauten mit neoklassizistischen Pilastern samt ionischen Säulenkapitellen und allegorischen Figuren auf dem Dach. Heute sind die meisten Gebäude des Zentrums von Poruba in einem zarten Rosa, Apricot oder Hellgelb gestrichen. Als die Schlote Ostravas noch qualmten und der Feuerschein der Hütten nachts den Himmel erleuchtete, lag Ruß über dem Putz.
Mehrmals werden die Häuserreihen von monumentalen Tordurchfahrten unterbrochen. Diese besitzen Kassettendecken, wie sie auch in der Renaissance beliebt waren.
Über die Porubská zum Oblouk
Nächstes Ziel auf unserer kleinen Sorela-Tour durch Poruba ist das ehemalige Haus der Kultur (Dum Kultury). Solche Kulturhäuser mit Veranstaltungshalle, Ausstellungsräumen und teils auch Bibliotheken gab es in den sozialistischen Ländern in nahezu jeder größeren Stadt. Das Haus der Kultur von Poruba nennt sich heute POKLAD. Errichtet wurde es im Jahr 1962.
Im Gebäude befinden sich unter anderem Theatersäle und ein Kino. Von der Fassade grüßt selbstverständlich auch ein Bergmann. Schade, dass der Ursprungsbau durch die vorgeschobene Glasfront ziemlich entstellt wurde. Die hässliche Bannerwerbung tut dem Auge zusätzlich weh.

Unser nächstes Ziel ist die Straße Porubská, die gen Süden Richtung Alt-Poruba verläuft. Dort stehen einige Gebäude mit aus der Renaissance entlehnten Schmuckelementen. Einige von ihnen sind turmartig in die Höhe gebaut, besitzen an die Renaissance erinnernde Schweifgiebel und angedeutete Pilaster. Auf einem Fassadenfries sehen wir spielende Kinder.


Die Porubská findet ihr Ende am so genannten Oblouk („Bogen“), einem riesigen halbkreisförmigen Gebäudekomplex mit zwei abschließenden Türmen und einem Triumphtor. Das Relief obenauf zeigt Arbeiter und eine glückliche sozialistische Familie.
Architekt Evžen Šteflíček ließ sich bei dem Gebäude von der Bebauung gegenüber der Eremitage am Palastplatz in St. Petersburg inspirieren. Trotzdem konnte man mit dem Oblouk von Poruba wohl nicht jeden Russen mitreißen: Der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschows war wenig begeistert, als er vom tschechoslowakischen Staatspräsidenten Antonín Novotný 1957 hierher geführt wurde. Ihm war das Ensemble zu pompös.

Die Höfe am Nábřeží svazu protifašistických bojovníků
Was für ein Name: Uferstraße der antifaschistischen Kämpfer. Was so durch und durch heroisch klingt, entpuppt sich vor Ort als einfache Wohnstraße mit manchmal grauen und manchmal pastellfarbenen Gebäuderiegeln. Auf dem Putz rußgeschwärzte Reliefs oder Sgraffiti.
Hier und da führen Durchgänge in die dahinter liegenden grünen Höfe. Große Innenhöfe sind typisch für sozialistische Wohnanlagen jener Zeit. Hier konnten Kinder unbeaufsichtigt spielen und Frauen Wäsche aufhängen.
Manche Durchgänge sind hübsch bemalt. Im Sorela-Stil, der stark nationalistisch geprägt war, kamen auch folkloristische Motive zum Zuge. Die Malereien dieses leider auch von schlechter Graffiti verunstalteten Durchgangs erinnern beispielsweise an die volkstümlichen Bauernmalereien der mährischen Walachei:

HAVÍŘOV
Havířov, eine weitere Satellitenstadt im Sorela-Stil, liegt etwa 15 Kilometer östlich des Zentrums von Ostrava. Das Wohnungsbauprojekt auf grüner Wiese, das zunächst für rund 2000 Bergarbeiter mit ihren Familien geplant war, startete 1946. 1955 wurde es fertig gestellt. Havířov ist damit die jüngste Stadt Tschechiens. 69.000 Einwohner hat sie heute. Es waren schon mal mehr: 1985 lebten 94.000 Menschen in Havířov. Die fehlenden Bewohner sind der Stadt anzumerken. Sie wirkt leer.
Havířov bedeutet „Bergmann“. Und die Bergmänner sollten es von ihrem neuen Zuhause nicht weit haben zu den Gruben und Industriebetrieben. Wer vorher nur Außenklo und Holzofen kannte, war begeistert. Wo gab es sonst schon derart luxuriösen Wohnraum mit eigenen Bädern, Balkon und Zentralheizung? Außerhalb der eigenen vier Wände sah es in der Anfangszeit aber weniger prickelnd aus in Havířov. Viele Straßen waren noch gar nicht geteert, nach Regen musste man durch den Matsch zur nächsten Bushaltestelle stiefeln. Auch Einkaufsmöglichkeiten oder irgendeine Art von Kulturangebot gab es in Havířovs ersten Jahren nicht.

Nach der Samtenen Revolution schlossen die Hütten, zogen viele Menschen weg. 2007 stellte das letzte Bergwerk der Umgebung, die Mine Dukla, den Betrieb ein. Ein neues Industriegebiet auf dem alten Tagebaugelände soll die Arbeitslosigkeit eindämmen. Wird es gelingen?
Náměstí Republiky
Am besten öffnet Ihr vor der Stadtbesichtigung Google Maps und guckt Euch Havířov zunächst einmal von oben an. Das rechtwinklige Stadtbild von Havířov mit seinen vielen grünen Innenhöfen ist aus der Satelliten-Perspektive besser auszumachen als vor Ort.
Die Tour selbst könnt Ihr am Náměstí Republiky starten lassen. Am „Platz der Republik“ picheln ein paar Penner auf den Bänken, ansonsten ist er ziemlich leer und trostlos.
Wichtigstes Gebäude am Platz ist das Labužník, ein Wohngebäude mit Supermarkt (im Erdgeschoss) und Café (im Obergeschoss). Das Neon-Fassadenlogo gilt als ikonisch. Allerdings ist mittlerweile nicht mehr das Original zu sehen, sondern eine Retro-Nachbildung, die 2019 angebracht wurde.
Das Labužník entstand erst 1962, als es schon vorbei war mit dem Stalinismus und damit auch mit dem sozialistischen Realismus, der Staatsarchitektur Stalins. Das Gebäude mit seinem abgerundeten Fassadenteil steht im klaren Gegensatz zur übermäßig ornamentierten Sorela-Architektur – als wäre der Funktionalismus wiederbelebt worden, nur schwungvoller und dynamischer. Diese bewusste Neuausrichtung der Architektur nach dem Stalinismus nennt man in Tschechien „Brüsseler Stil“, angelehnt an den großen Erfolg des tschechoslowakischen Pavillons bei der EXPO 58 in Brüssel.
Von der Gottwaldova zur Hlavní třída
Benannte man die Hauptstraße von Poruba nach dem guten Lenin, so wählte man für die Hauptstraße von Havířov den Namen des Staatspräsidenten Klement Gottwald, einer Art tschechoslowakischen Stalin-Inkarnierung. Heute heißt die Hauptstraße wie in Poruba einfach Hauptstraße, Hlavní třída.
Der Grünstreifen in der Mitte der leeren breiten Straße wird von Blumenrabatten aufgemöbelt – ein Grund, weswegen Havířov auch gerne „Stadt der Blumen“ genannt wird. Neben Blumen schmücken die Stadt auch zahlreiche Skulpturen.


Spannendstes Gebäude an der Straße ist das 1956 eröffnete Kulturní dům Radost, das „Kulturhaus Freude“. Das Gebäude präsentiert Sorela at its Best, alle möglichen Stilelemente der Renaissance werden hier zitiert. Dazu gehört der Schweifgiebel genauso wie die Fassadengestaltung. Das briefumschlagförmige Muster an den Wänden, typisch für Renaissancegebäude, nennt man in der Kunstgeschichte „Briefchensgraffiti“.

Ansonsten bietet die Hlavní třída von Havířov ähnliche Elemente, die wir bereits in Poruba gesehen haben: Reliefs, Türme, Bögen und Arkaden.

PRAKTISCHE INFOS PORUBA UND HAVÍŘOV
Ankommen und Rumkommen
Regelmäßige Zugverbindungen zwischen Prag und Ostrava (Dauer etwa 3:30 Std.) und mehrmals tägl. zwischen Wien und Ostrava (Dauer 3–3:45 Std.). Infos auf cd.cz
Vom Zentrum Ostravas gelangt Ihr mit der Tram (unter anderem mit der Linie 8) in knapp einer halben Stunde in den neun Kilometer westlich gelegenen Stadtteil Poruba.
Vom zentrumsnahen Bahnhof Ostrava-Stodolní fahren etwa jede halbe Stunde Züge nach Havířov.
Übernachten
Wir würden als Standort auf jeden Fall Ostrava wählen – Poruba und Havířov sind dafür in der Summe doch zu langweilig. Mehr als einen Halbtagesausflug (jeweils) geben die beiden (Vor-)Städte nicht her.
Eine gute Wahl im Zentrum von Ostrava ist das → Hotel Stračena City*. Zeitgemäß eingerichtete Zimmer, im Erdgeschoss ein nettes Bäckereicafé und ein schickes Restaurant.
Literaturtipp
Mehr über Ostrava und Mähren überhaupt gibt es in unserem → Reiseführer zu Tschechien*. Erschienen ist er im Michael Müller Verlag.

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