Ein lang gezogenes „Hooooonk“ aus dem Schiffshorn, dann legt die Skopelitis, unser herrlich altmodisches Fährschiffchen, im Hafen von Irakliá an. Der mediterrane Sommer ist schon verglüht, als wir Mitte Oktober auf der größten Insel der Kleinen Kykladen ankommen. „Größte Insel“ klingt hochgegriffen, denn mit knapp 18 Quadratkilometern ist Irakliá nicht viel mehr als ein Inselzwerg, ein Felstüpfelchen zwischen Náxos und Ios.
Irakliá (auch: Irakleia) ist kein Tipp für alle auf der Suche nach der perfekten Kykladenschönheit. Irakliá ist ein struppiges Landei, geprägt von Viehzucht und Landwirtschaft, mit wenigen Stränden und keinerlei Touristenbespaßung. Die Freizeitgestaltung kann hier zur Herausforderung werden, wenn man nicht gerne wandert oder liest. Doch wer sich für Irakliá entscheidet, weiß in der Regel, auf was er sich einlässt. Weniger ist hier mehr. Jetzt im Spätherbst sind die Sommerhäuser verrammelt und die meisten Tavernen geschlossen, nur zwei öffnen noch am Abend. Gerade 80 Einwohner zählt Irakliá im Winter, im Sommer sind es erheblich mehr.

Irakliá ist Kykladenliebe auf den zweiten Blick. Irakliá ist nicht gefällig, doch genau deswegen gefiel uns die Insel. Iraklía ist tiefenentspannt, unaufgeregt und deutlich grüner als so manch felsige Nachbarin. Allerdings muss man schon ein bisschen genauer hinschauen, um den Charme der Insel zu entdecken.
Info vorab: Praktische Reisetipps zu Irakliá (Hinkommen, Unterkunftstipps etc.) findet Ihr am → Ende dieses Artikels. Was Ihr hier nicht findet: dröge KI-Texte. Hinter diesem Blog stecken zwei langjährige Reisebuchautoren, die keine künstliche Hilfe bei der Erstellung von Texten brauchen. Alle Infos, die Ihr hier lest, wurden vor Ort recherchiert.
Reisetipps Irakliá: Inhaltsverzeichnis
Hafenörtchen Agiós Geórgios
Weiß-blaue Würfelhäuschen ziehen sich vom Hafen die Anhöhen hinauf. Viele Häuser des Hafenorts Agiós Geórgios sind neueren Datums. Einen alten Kern gibt es nicht. Die Insel Irakliá, auf der zwar schon in der Antike Menschen gelebt hatten, wurde erst in den 1830er-Jahren neu besiedelt. Vom späten 15. bis ins 19. Jahrhundert, als Piraten im Mittelmeerraum für Angst und Schrecken sorgten, wohnten hier nur ein paar Mönche oben im Dorf Panagia. Wir kommen noch darauf zurück.

Die typische Kykladenarchitektur ist in Agiós Geórgios zwar präsent, allerdings nicht für Instagram aufpoliert. Auf Irakliá inszeniert man sich nicht. Hier gibt es kein Putziges-Café-Gedöns, keine extra für Fotos hindrapierten Blumentöpfe, keine Besucherschlangen vor blauen Kuppeln. Stattdessen: Hühnerställe neben weißen Kuben. Weiter draußen Schafe, Ziegen und Kühe.
„Wir haben alles, was wichtig ist“ sagt Anthi, die Betreiberin der kleinen Studioanlage → Sunset*, in der wir untergekommen sind. Zu diesen wichtigen Dingen gehören ein Doktor und zwei Krankenschwestern, die wechselweise in Agiós Geórgios und oben in Panagia praktizieren. Die Inselkinder können bis zur zweiten Klasse zur Schule gehen, die Schülerzahl bewegt sich im einstelligen Bereich. Danach müssen sie nach → Náxos, manchmal sogar bis nach Athen weiterziehen. „Das ist schwierig“, sagt Anthi. „Für Eltern, die dort keine Verwandtschaft haben, bei der die Kinder wohnen können, wird es teuer.“


Polizei gibt es keine. Und auch keinen Bäcker. Bislang zumindest. „Es soll aber wieder einer kommen“, weiß Anthi. Dann muss nicht mehr das Brot aus → Amorgós oder Schinoússa angeschifft werden.
Der einzige Insel-Supermarkt hat sich im Oktober schon in die Winterpause verabschiedet. Dann bleibt nur noch Melissa. Melissa ist keine Inselschönheit, sondern eine Institution: uriges Kafenion, Tante-Emma-Laden und Fährticketverkauf in einem. Melissa ist der Treffpunkt schlechthin und außerhalb der Saison der wichtigste Anlaufpunkt in Sachen Lebensmittel. Dann suchen dort Selbstversorger-Touristen nach Zutaten fürs Abendessen: Konserven, Wein, Öl, Pasta, ein bisschen Gemüse. Kartoffeln und Zwiebeln werden auf der Terrasse in der Holzbank gelagert. Bei Kaffee, Schnaps und Zigaretten sitzen dort die Alten zusammen, husten und lachen gleichzeitig. Manchmal muss man einen Opa bitten, aufzustehen, um an die Kartoffeln zu kommen.

Der schnauzbärtige Melissa-Wirt wirkt zunächst stinkstiefelig. Doch schon ab Tag 3 auf Irakliá winkt er uns grinsend vom Moped entgegen. Viele Menschen trifft man hier immer wieder, Touristen genauso wie Locals.
In Agiós Geórgios scheint die Siesta den ganzen Tag zu dauern. Nur wenn das Schiffshorn der Skopelitis ertönt, wacht das Dorf auf. Dann düsen Mopeds und Pick-ups hinunter zum Hafen und wenige Minuten später beladen mit Paketen wieder hinauf. Dann spaziert man zur Anlegestelle, schaut, wer so Neues kommt, winkt Abreisenden hinterher. Wir sitzen auf der Bank und beobachten. Es braucht nicht viel zum Glücklichsein. Das Blau der Ägäis und eine tutende Skopelitis reichen.
Strände um Ágios Geórgios
Auf Irakliá kann man baden. Eine Badeinsel par excellence ist das Eiland jedoch nicht. Manche der ohnehin nur wenigen Strände sind nicht ganz sauber, andere nur mit dem Boot oder über abenteuerliche Pfade erreichbar.
„Katzenklo, Katzenklo, ja das macht die Katze froh,“ sang Helge. Im Falle von Irakliá muss man sagen, dass es der Dorfstrand von Ágios Geórgios ist, der die hiesigen Katzen (und es gibt viele!) froh macht. Mit Abstrichen ist das von Tamarisken und Bänken gesäumte Katzenklo-Sandfleckchen aber schon sehr gemütlich. Es taugt gut für zwei, drei Buchkapitel und ein Nickerchen im Schatten.

20 Minuten Fußweg sind es vom Dorf bis zum Livádi-Strand, dem besten Strand der Insel. 300 Meter Sand, glasklares Wasser davor, hoch darüber die Überreste einer Zitadelle. Mitte Oktober hat man den Strand manchmal ganz für sich alleine.

Wanderung zur Höhle Ágios Ioannis
Vögel zwitschern, Gockel krähen. Wir stapfen los. Unsere erste Wanderung führt uns zur so genannten Höhle des heiligen Johannes. Anstrengend, aber schön. Wir wandern hoch und höher ins Inselinnere hinein, blicken über die Macchia-Hügel hinweg aufs Meer, pausieren an einer weißen Kapelle. Die Insel riecht wie ein Kräutergarten, der Duft des wilden Thymians begleitet uns auf all unseren Wegen.


Hinter Ágios Athanásios, einem Weiler, in dem nur noch zwei Familien leben, bringt uns ein herrlicher Maultierpfad weiter in die Berge hinein und dann wieder hinab gen Küste.


Schließlich stehen wir vor der Tropfsteinhöhle Spílion Agíou Ioánnou. Die Höhle erhielt ihren Namen, weil ein Schäfer darin einst zufällig eine Ikone des heiligen Johannes fand. Das zumindest weiß Wikipedia. Die ersten Meter bis zur ersten Kammer (angeblich 27 mal 17 Meter groß und zehn Meter hoch) muss man durch einen schmalen dunklen Korridor kriechen. Nichts für uns. Erzählt uns, wie’s war, falls Ihr weniger klaustrophobisch veranlagt seid.
Steinige und teils recht steile Pfade führen weiter über die Landzunge im Südwesten der Insel und schließlich zurück nach Ágios Geórgios. Traumschöne Szenerien begleiten uns.

Unterwegs fällt der Blick auf die halbrunde Sandbucht Alimia, die von oben ein Bild für Götter abgibt, wie geschaffen für romantische Robinsonaden. Um zum Strand zu gelangen, braucht man Abenteuerlust (viel Spaß bei der Suche nach dem richtigen Pfad!) oder jemanden, der einen mit dem Boot hinbringt.

Info: Die hier beschriebene Wanderung ist mittelschwer, ca. 13 km lang und dauert rund 5 Std. Eine Infotafel samt grober Skizze mit Wanderrouten auf Irakliá findet Ihr am Hafen.
Kurzwanderung zur Bucht Vorini Spilia
Bei einer kleinen Wanderung von Ágios Geórgios zur Bucht Vorini Spilia (einfach keine zwei Kilometer) sollte der Weg das Ziel sein. Der Wanderweg ist genau so schön wie die meisten anderen Pfade auf diesem Inselchen. Leider aber erweist sich die Bucht, die aus der Ferne aussieht wie aus einem Werbeprospekt, vor Ort als ziemlich vermüllt. Immerhin scheint es fleißige Müllsammler zu geben, die die Bucht vom Gröbsten reinigen.
Panagia und die Bucht Turkopigado
Gibt’s eigentlich ein Café in Panagia?“, fragen wir unsere Zimmernachbarin Isolde. Isolde war bereits am Vortag oben im Dörfchen gewesen. „Ein Café?“, fragt sie grinsend zurück. „Ich hab’ da nicht mal einen Menschen gesehen.“
So geht es auch uns. Nach einer Wanderstunde auf einem steilen alten Maultierpfad kommen wir an im hübschen Panagia mit seiner Kirchenkuppel im schönsten Kykladenblau. Anders als in Agiós Georgiós wohnten in Panagia, das vom Meer und damit von den Piraten nicht gesehen werden konnte, schon im 18. Jahrhundert Menschen. Genauer: Mönche des Klosters Chosowiótissa aus Amorgós, dem die Insel gehörte. Sie betrieben hier Ackerbau und Viehzucht.
Die Granatäpfelbäume hängen voller Früchte. Niemand da. Nur einmal zerreißt ein Knattermofa die Stille. Dann breitet sich wieder Lautlosigkeit in den Gassen aus.
Von Panagia wandern wir auf einem einsamen, 2,5 Kilometer langen Sträßlein hinunter in die Bucht Turkopigado. Auf dem Weg passieren wir auch eine verrostete Beförderungsanlage. Spannendere Rostleichen aus der Zeit des Bergbaus auf den Kykladen sieht man auf Náxos.
Turkopigado: Eine Bucht wie ein Fjord, darin ein grober Sand-Kies-Strand. Bunte Boote dümpeln im Türkisgrün. Durchs glasklare Wasser erkennen wir spitze Steine und Seeigel.
Über unsere Buchseiten hinweg sehen wir draußen die Skopelitis durchs Wasser pflügen. Sie fährt gen Süden ihrem Heimathafen Katápola entgegen, wo sie die Nacht verbringen wird. In unserem nächsten Leben, denken wir uns, möchten wir auf den Kykladen wiedergeboren und zwei Fährschiffkapitäne werden. Tag für Tag durch dieses inselgetüpfte Superblau zu tuckern, fernab vom Wahnsinn der Welt, das kommt dem Paradies bestimmt ganz schön nahe.
Praktische Infos Irakliá
Hinkommen
Irakliá gehört zu den so genannten Kleinen Kykladen, einer Untergruppe der Kykladen südlich von Náxos. Mit dabei im Team „Kleine Kykladen“ außerdem: Schinoússa, Páno Koufonísi und Donoússa. Den Rhythmus dieser Inseln bestimmt die Skopelitis, das Fährschiff, das die Inseln mit Náxos und Amorgós verbindet. Über den Fahrplan und Verbindungen nach Piräus informiert unter anderem → Ferryhopper*.
Die nächstgelegenen Flughäfen sind Náxos (JNX) und Santorini (JTR), für Flüge kann man hier* schauen.
Rumkommen
Es gibt zwei Taxis und im Sommer Leute, die Scooter verleihen. Ansonsten bleiben nur die Füße.
Unterkommen
Rund 25 Studio- und Zimmervermietungen sind auf dem Infoschild am Hafen mit Telefonnummer verzeichnet. In der Nebensaison aber ist die Auswahl bescheiden. Wir haben uns in unserem Studio im → Sunset* sehr wohlgefühlt. Neben einer liebenswerten Betreuung gibt’s eine große Terrasse mit Sunset-Blick für alle.

Literaturtipp
Der → Kykladen-Reiseführer* unseres Kollegen Eberhard Fohrer widmet Irakliá fünf Seiten. Erschienen ist das Buch im Michael Müller Verlag.

Mehr Griechenland hier auf dem Blog
- Kreta im Frühjahr: Roadtrip im Fleecepulli
- Amorgós: Im Rausch des tiefen Blaus
- Wo Náxos am schönsten ist: Unterwegs im stillen Osten der Kykladeninsel
- Donoússa: Kykladenzwerg mit herrlichen Badespots
- Street Art unter der Akropolis: Athens schönste Murals

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