„Kreta murmelte ich, Kreta – und mein Herz schlug rascher.“ (Nikos Kazantzakis)

Oben Winter, unten Frühling. Oben Schnee, unten fette Wiesen. Uns geht jetzt noch das Herz auf, wenn wir uns in diesen Kreta-Frühling zurückbeamen. Wir erinnern uns an die klare Luft der Berge, die hier bis über 2000 Höhenmeter ansteigen. An Olivenbäume, die ihre Füße in bunten Blumenteppichen wärmen. An bauchige Rakiflaschen. An Joghurt mit Honig. An Orangen, die von Ästen plumpsen. An Zaziki-Spritzer am Kinn.

Und an Traumbuchten mit einem türkisfarbenen Meer davor. Nur gebadet haben wir nicht darin. DENN, und nun gleich der einzige Nachteil unseres Kreta-Roadtrips im Frühjahr: die Wetterunsicherheit! Wir waren im April unterwegs und dachten bei der Buchung unseres Flugs an einen Ort, an dem schon Sommer ist, wenn wir in Berlin noch davon träumen. Denkste! Wir spazierten im Fleecepulli den Strand entlang, während die Wetter-App 25 Grad in Berlin anzeigte. Zum Glück nicht immer. Aber ein paar Nächte verbrachten wir mit Wollmütze unter drei Decken. Lasst Euch davon nicht abschrecken! Kreta kann im April angeblich auch Sommer spielen, wie wir hörten.

Touristen mit dicken Pullis auf Kreta
Kreta im Frühjahr: wunderschön, aber oft auch ein wenig frisch

Wir waren auf der hier beschriebenen Route rund drei Wochen mit einem Mietwagen unterwegs. Überlegt Euch vorab, was Ihr sehen wollt! Die Insel ist groß: 260 Kilometer lang, zwischen 50 und 60 Kilometer breit. Die oft höllisch kurvigen Straßen fressen Zeit, aber belohnen mit gigantischen Aussichten. Wir haben uns auf die Südküste fokussiert und großen Mut zur Lücke bewiesen. So einige archäologische Stätten und bekannte Ferienorte haben wir ausgelassen, uns dafür viel Zeit zum Wandern und „On-the-road-sein“ genommen.

Ein paar praktische Infos zu unserem Roadtrip gibt es am Ende des Beitrags. Auf der Karte seht Ihr unsere Route. Die Orte mit Marker sind die Orte, an denen wir Station machten. Beim Anklicken  auf „Weitere Details“ unter dem Ortsnamen springt Ihr gleich zum Text.

#1: MIRTOS – EIN DORF RIECHT NACH FRISCHEM BROT

Vom Flughafen Iráklion nach Mirtos sind es 78 Kilometer, ohne Pause ist man etwa eineinhalb Stunden unterwegs. Man durchquert dabei Kreta von Nord nach Süd, passiert weitläufige Weinanbaugebiete. Schnell wird klar: Wahnsinn, wie viel Landschaft auf diese Insel passt!

Die erste Station unserer Reise entpuppt sich als kleines Urlaubernest am Ausgang eines langen fruchtbaren Tals. Uns begrüßt die melancholische Tristesse der Vorsaison. Erst wenige Restaurants und Hotels haben geöffnet. Am schmalen Strand liegt noch das Treibholz des letzten Wintersturms, die Uferpromenade dahinter ist weitestgehend verwaist. Nur da, wo ein Windschutz gespannt ist, sitzen Leute beim ersten Bier vor vier zusammen. Vorrangig solche, die in Mirtos überwintern oder dahin ausgewandert sind.

Kalimera! Am Morgen riecht das ganze Dorf nach Brot aus dem Ofen, am Abend nach gegrillten Sardinen. In kleinen Läden kaufen wir Honig, Schafsjoghurt und Mispeln, ein aprikosenartiges Kernobst, das es hier nur bis etwa Ostern gibt. Wir sagen uns: „Nett hier!“ Ohne zu wissen, was uns noch erwartet. Vergleichen wir alle bereisten Orte im Nachhinein, belegt Mirtos eher einen hinteren Platz.

Vor Ort wurden einige nette Wanderwege angelegt. Wir wandern einen Tag lang durch ausgedehnte Olivenhaine, vorbei an Blumenteppichen aus Margeriten und Klatschmohn. Kreta, wir sind angekommen!

Olivenhain auf Kreta, dahinter das türkisfarbene Meer
Rund um Mirtos wurden schöne Wanderwege angelegt

#2: LÉNTAS – IDYLLE AM TAMARISKENSTRAND

Für die 130 Kilometer von Mirtos nach Léntas (auch: Lendas) braucht man etwa sechs Stunden. Unterwegs kann man die kleine Ausgrabungsstätte Gortis besuchen – kein Muss. Zudem zuckelt man an unzähligen Treibhäusern vorbei und passiert weißgetüpfelte Berghänge. Die Tupfen sind Schafe.

Die Straße hinab von Gortis in die Siedung Léntas ist derart spektakulär, dass man die Augen gar nicht weit genug aufreißen kann, um die ganze Schönheit der Landschaft aufzusaugen. Teilweise haben wir das Gefühl, direkt ins Meer zu fahren – puh!

Die kleine, am Fuße eines Felskaps gelegene Siedlung Léntas ist supercharmant. So, wie es sich für Griechenland gehört, ziehen sich weiße Häuser mit teils blauen Fenstern und Türen die schmale Bucht hinauf. Darunter ein rund 200 Meter langer, von Tamarisken beschatteter Strand mit dunklem Sand. Im Sommer kann man sich hier bestimmt übelst die Füße verbrennen. Kann uns nicht passieren – wir wagen nicht mal, unsere Flipflops auszupacken.

Wir tun zunächst das, was wir künftig an jedem neuen Standort machen werden: Wir suchen uns die Unterkunft mit dem schönsten Meerblick aus. Das ist das Großartige an der Nebensaison! Schnapperzeit! Keine Vorausbuchung ist nötig. Man checkt einfach da ein, wo es einem gefällt. Unser kleines 40-Euro-Studio in Léntas besitzt eine Terrasse, auf der man Sirtaki tanzen könnte. Da baumelt die Seele nicht nur, da macht sie Freudensprünge!

Mann mit rotem Kapuzenpulli blickt über die Bucht von Léntas auf Kreta
Blick über Léntas

In der Schlucht des Riesen

Einmal ziehen wir los und durchqueren die Trafoulas-Schlucht, ein bildhübscher Canyon voller Oleanderbüsche, der den Wanderer an einem, zumindest im April, menschenleeren Strand ausspuckt. Riesige Kieselsteine gibt es hier, wie Spielzeuge des Goliath. Und davor das Libysche Meer als Zugabe.

Wandern macht hungrig. Schnell haben wir ein Lieblingsrestaurant, das Porto Lentas. Wir werden mit dem bekocht, was wir uns am Vortag wünschen. So gibt es Artischocken aus dem Garten des Wirts. Dakos, die kretische Bruschetta mit Gerstenbrot und Schafskäse. Und Rotbarben – so lecker, dass man beim Essen am liebsten stöhnen möchte. Bei Törtchen und Raki zum Abschluss kommen wir mit dem Nachbartisch ins Gespräch. Deutsche, wie fast alle Touristen hier. Deutsche Touristen der angenehmen Art. Keine Ballermänner. Sondern Grauköpfe, die früher als Hippies am Strand schliefen und heute als Althippies in Ferienwohnungen.

#3: AGÍA GALÍNI – SOUVENIRS, SOUVENIRS!

50 Kilometer sind es auf dem kürzesten Weg von Léntas nach Agía Galíni. Wählt den Umweg durch die Berge! Dann könnt Ihr Euere Mittagspause im wasserreichen Städtchen Zaros verbringen – dort gibt es geniale Forellenrestaurants. Im Anschluss könnt Ihr wie wir ein wenig wandern, bevor es wieder hinab an die Küste geht.

Schäfer müsste man sein! Immer nur dasitzen. Und gucken. Den Schäfer treffen wir auf einer kurzen Wanderung an den Ausläufern des Ída-Massivs. Weniger Meter weiter eine Bank. Wir setzen uns und tun’s dem Hirten nach. Gucken auch. Über eine anmutige Landschaft hinweg. Wo keine Schafe weiden, keine Ziegen kötteln und kein Gemüse angebaut wird, erstrecken sich silbrige Olivenhaine. Auf vielen Hügeln thronen kleine Kapellen.

Nach der Ruhe in den Bergen geht uns der Hafenort Agía Galíni trotz seiner Überschaubarkeit fast ein wenig auf den Keks. Das ehemalige Fischerdorf mit seinen ineinander verschachtelten Häusern und dem kleinen Strand war früher mal ein Backpackerziel, richtet sich heute aber eher an Pauschaltouristen. In den Bummelgassen der typische Konsum-Klimbim der Ferienorte, dazu Pizzerien und „traditional restaurants“. Uns reicht eine Nacht.

Zwei Stühle auf einem Hotelbalkon auf Kreta, dahinter das Meer
Agía Galíni: Hotelbalkon und Hafenstimmung

#4: MYRTHIOS – FUTTERN WIE BEI MUTTERN

Die 46 Kilometer von Agía Galíni nach Myrthios (auch Mírtios) kann man in etwa einer Stunde fahren. Vermutlich aber braucht Ihr länger – wie wir. Unterwegs nämlich lohnen Stopps an den idyllischen Stränden Agíos Pávlos (tolle Steinverwerfungen) und Triopetra.

Die Foodies unter Euch sollten nun den Marker zücken. Im Bergdorf Myrthios wohnen die, die sich mit allerbester kretischer Hausmannskost den Bauch vollstopfen wollen. Wie wir. An der Durchgangsstraße gibt es mehrere Tavernen. Unser absoluter Favorit: die Taverna Dionyssos. Zuerst geht es zum fröhlichen Töpfegucken in die blitzblanke Küche und dann mit viel Vorfreude an den Tisch. Was essen wir nicht alles bereits am ersten Tag? Sepia mit Fenchelreis. Oktopussalat. Horta, den kräftigen Wildspinat. Hasen-Stifado. Dazu schütten wir Olivenöl, eine Karaffe Inselwein und hinterher ein Fläschchen (!) Raki in uns hinein. Der hiesige Raki kennt im Gegensatz zum türkischen übrigens keinen Anis. Einen Sonnenuntergang vom Feinsten gibt es dazu – wie den Raki für umme. Hier möchte man am liebsten am Stuhl festkleben.

Irgendwann rollen wir dann doch selig nach Hause, ist ja nur über die Straße. Zum Absacker (einer geht noch) schauen wir von unserem aussichtsreichen Balkon hinab nach Plakiás, wie der Badeort unter uns heißt. So, von oben, im Licht der Laternen, sieht Plakiás ganz nett aus. Ist man dann unten, ist es mit dem Charme vorbei – Plakiás kann man auslassen.

Préveli – Strand und Kloster

Besser zurrt man die Wanderschuhe fest und fährt in Richtung Préveli-Strand etwa zehn Kilometer östlich von Myrthios. Der Bilderbuchstrand ist nur zu Fuß erreichbar. Die Südsee lässt grüßen! Ein ins Meer mündender Fluss bildet eine Lagune mit einem Palmenhain hinter dem Strand. Im Wasser Felsen – fast wie auf den Seychellen –, am Strand ein Kapellchen.

Siesta unter Palmen geht bei unserem Besuch leider nicht. Wir tippen auf 16 Grad. Es zieht wie Hechtsuppe. Manchmal nieselt es. Nur selten reißt die Sonne Löcher in die Wolkendecke. Jacke aus, Jacke an. Aber egal. Die Landschaft entschädigt über alle Maßen. Auf dem Weg zum Strand durchlaufen wir eine raue Szenerie, die an den Kaukasus oder auch an Schottland erinnert.

Nahebei gibt es auch etwas zu besichtigen: das Kloster Préveli, das stolz über der Küste thront. Nur zwei Mönche leben noch hier. Sehenswert ist insbesondere die Klosterkirche aus dem 19. Jahrhundert mit ihrer prächtigen Altarwand aus Zypressenholz.

Wanderin mit roter Jacke in den Bergen von Kreta
Den Strand von Préveli (unten rechts) kann man nur auf einem Wanderweg (oben) erreichen; zum Kloster Préveli (unten links) hingegen gibt es auch eine Straße

 

#5: KOMITÁDES – UNTERWEGS IN DER ÍMBROS-SCHLUCHT

Vom einen Bergdorf geht’s ins nächste. Zwischen Myrthios und Komitádes liegen 50 Kilometer. Unterwegs kann man an der weit verstreuten Feriensiedlung Frangokástello einen Stopp einlegen. Wer ein wenig Portugiesisch kann, denkt bei dem Namen sofort an eine Hühnerburg. Doch wir sind nicht in Portugal: Der Name kommt vom hiesigen venezianischen Kastell.

In Komitádes beziehen wir ein einfaches Zimmer in der Taverne von Giorgos und seiner deutschen Frau Anette. Wie bei fast jedem Zimmerbezug heißt es auch hier: Fenster auf und Sonne rein, um dem Zimmer die Kühle zu nehmen.

Komitádes ist ein an sich nettes Örtchen mit weitem Meerblick und insgesamt acht Kirchen in den Gassen. Gleichzeitig aber auch ein schwer touristisches, zumindest tagsüber. Alle wollen hier das Gleiche: die Ímbros-Schlucht durchwandern, die hier beginnt bzw. endet. Für die sieben Kilometer lange Strecke braucht man, egal ob von unten (Komitádes) nach oben oder andersrum etwa zweieinhalb Stunden. Eine easy Geschichte also, die sich auch viele der an der zugeklotzten Nordküste stationierten Badeurlauber nicht entgehen lassen.

Das hat seine Folgen. In der Ímbros-Schlucht erleben wir zum ersten Mal Touristen in Massen auf dieser Reise. Schon im April ist es hier knackevoll. Oben werden die Busgruppen ausgespuckt, unten wieder aufgesammelt. Die Schlucht ist toll, wie Ihr hier seht, doch der starke Andrang kratzt am Reiz der Tour.

Schlucht von Imbros auf Kreta mit zwei Wanderinnen
Standort für die Wanderung durch die Ímbros-Schlucht: das Dörfchen Komitádes mit vielen Kapellen und der Taverne von Giorgos und Anette

Tipp für die Wanderung durch die Ímbros-Schlucht: Man ist keinesfalls auf ein Taxi (bis zu 20 Euro für den Transfer werden verlangt!) angewiesen, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren, wie man Euch vor Ort vielleicht verklickern will. Nehmt den Linienbus, der zwischen Chaniá und Chóra Sfakíon verkehrt, Zeiten auf e-ktel.com! Die Schlucht ist kostenpflichtig (2,50 Euro).

#6: LOUTRO – KEINE AUTOS, KEINE HEKTIK

Loutro ist eine Bucht mit weißen Häusern und türkisfarbenem Wasser in SüdkretaWeiße Schuhschachtelhäuser in einer bezaubernden Bucht. Davor ein Meer, so türkisblau und klar, dass man die Meerjungfrauen in der Tiefe tanzen sieht. Im Nacken des Ortes bimmelnde Kühe. Loutro ist realitätgewordener Sehnsuchtsort. Einer, der nie durch eine Straße an die restliche kretische Welt angebunden wurde. Nach Loutro gelangt man nur mit dem Schiff oder zu Fuß.

Von Komitádes sind es nur fünf Kilometer bis zum Hafen von Chóra Sfakíon, wo die Fähren nach Loutro ablegen. Die Schifffahrt dauert 20 Minuten.

Noch wenige Tage bis zum orthodoxen Osterfest. Das Örtchen, in dem gerade mal zehn Menschen ganzjährig leben, bereitet sich auf den ersten Ansturm vor. Es wird fleißig restauriert. Alljährlich im Frühjahr scheinen die Kreter sämtliche weißen und blauen Farbeimer Europas aufzukaufen, und es wird gepinselt, was geht. Gelegentlich sägt eine Säge, gelegentlich hämmert ein Hammer. Nachts hingegen kein Mucks. Wenn das Mondlicht im schwarzen Wasser widerscheint, ist es so still, dass man sein eigenes Herz schlagen hört.

Unterkunftstechnisch können wir mal wieder aus dem Vollen schöpfen. Wir entscheiden uns für ein großes Studio mit herrlichem Buchtblick, vermietet vom Restaurant Ilios. Dass die Taverne auch noch sensationelles Essen bietet, wussten wir beim Einchecken nicht.

Lebendige und tote Ziegen

Unsere Tage in Loutro haben ihren eigenen Rhythmus: Mit dem ersten Fährschiff am Morgen kommt das Brot. Dann gehen wir einkaufen, anschließend wandern. Eine traumhafte Wanderung führt uns die Küste entlang durch duftende Pinienwälder gen Westen nach Agía Rouméli. Etwa fünf Stunden sollte man für die Tour einplanen. Entlang des Wegs versteckt sich eine Kapelle in einer Höhle, eine andere steht mitten am Strand. Der Weg ist übrigens Teil des Fernwanderweges E4.

Historische Kapelle am Strand an Kretas Südküste
Wanderung von Loutro nach Agía Rouméli: Ziegen, Meer und eine Kapelle am Strand

Ein andermal wandern wir durch die Aradena-Schlucht, eine sehr anspruchsvolle Tour. Eine zum In-die-Hose-scheißen gar, mit steilen, gerölligen und dazu ungesicherten Passagen. Immer wieder fallen Steine von den hohen Felswänden. Manchmal wohl auch Tiere. Wir sehen das Skelett einer Ziege. Und wir sehen zwei Wanderstiefel. Kein Paar. Zwei verschiedene. Creepy! Wir sehen aber auch viele lebende Ziegen, vergnügt meckernd. Hören Hummeln brummeln, Vögel tschilpen. Es ist ein kleines Arkadien, das man in der Aradena-Schlucht durchläuft. Am Schluchtausgang liegt der namengebende Ruinenort Aradena. Kein antiker, sondern ein neuzeitlicher. Nach einer Blutrachefehde wurde das Dorf Ende der 1940er-Jahre verlassen und verfiel. An dem pittoresk-bizarren Plätzchen samt verfallener Kreuzkuppelkirche packen wir unsere Brotzeit aus.

Brücke bei Aradena auf Kreta
Auf dem Weg zurück nach Loutro

#7: SOÚGIA – BEI DEN FRIERENDEN HIPPIES

Wer das Fährschiff nimmt, gelangt von Loutro in etwa zwei Stunden nach Soúgia (Fahrplan auf anendyk.gr). Wer es wie wir verpasst, muss einen riesigen Bogen über Chaniá fahren: 130 Kilometer! Dabei durchquert man das kretische Orangenparadies und danach Berge, wo die Temperaturen im Frühjahr im einstelligen Bereich liegen können.

Peace! Wieder so ein friedvolles Örtchen. Wer in Soúgia urlaubt, will nah an der Natur sein, seine Ruhe haben und nimmt dafür die lange Anfahrt gerne in Kauf. Hinter dem Kiesstrand ein paar bunte Kneipchen. Direkt am Strand, gen Osten, schlagen Dreadlock-Hippies ihre Zelte auf. Der Ort selbst zählt keine 100 Häuser, die meisten haben nicht mehr als zwei Etagen, jeder zweite Raum wird vermietet.

Alle frieren. Draußen ist es wärmer als in den noch vom Winter kalten Zimmern. Also los, bewegen! Die weite Bucht von Soúgía bietet sich für Wanderungen nur so an – und die Küste auch, egal, ob man nach Osten oder nach Westen loszieht. Schnaufen wird man immer, die bergige Küstenlandschaft hat es in sich.

Kreuzkuppelkapelle über Soúgia auf Kreta
Lieblingsplatz: die Kreuzkuppelkapelle über Soúgia
Kapelle von Lissos auf Kreta
Die Kapelle von Lissos

Eine kürzere, rund einstündige Genusswanderung führt hinüber nach Lissos mit den Resten einer antiken Hafensiedlung. Eine Ausgrabungsstätte, wie wir sie lieben, frei zugänglich, mit der Natur scheinbar verwachsen. Wir entdecken einen Asklepieion-Tempel mit schönem Mosaikboden, im Erdreich versunkene Grabkammern und eine byzantinische Kapelle mit sagenhaften Wandfresken.

#7: KALIVIANI – GUTER STANDORT AN DER WESTKÜSTE

Ca. 90 Kilometer sind es von Soúgia ins Dorf Kaliviani.

Der Hahn kräht, der Hund bellt, der Kuckuck kuckut. Und Autos machen „Brummbrumm“. Zumindest am Tage. Das Dorf Kalivianí ganz im Norden Kretas wäre an sich ganz nett, würden sich hier nicht die Mietwagenkonvois zur Traumbucht von Balos schieben. Der Tagestourismus tut der Gastronomie nicht sonderlich gut. Dafür kann man schön wohnen – das hübsche Dorfhotel Kaliviani mit Blick über Olivenhaine hinweg aufs Meer können wir Euch als Basis zur Erkundung der Region empfehlen.

Die Natur hat der kretischen Westküste die instagramtauglichsten Strände spendiert. Ganz vorne die Lagune von Balos – sensationell! Wer den größten Ansturm vermeiden will, sollte allerdings möglichst früh oder möglichst spät anreisen, bevor die Ausflugsschiffe aus Kissamos eintreffen bzw. nachdem sie sich wieder verabschiedet haben. Von Kaliviani gelangt man zur Lagune von Balos über eine acht Kilometer lange Schotterpiste. Am Ende der Piste beginnt ein Trampelpfad, der Euch in 20 bis 30 Minuten hinunter zur Lagune bringt. Dort erwartet Euch diese Schönheitskönigin unter den kretischen Stränden:

Leerer Trausmtrand mit weißem Sand und türkisfarbenem Wasser auf Kreta
Beachbeauty: Bucht von Balos

Elafonísi und Falassarna

Elafonísi ist eine weitere türkisfarbene Lagune, dieses Mal ganz im Südwesten Kretas. Die Heiterkeit eines sonnenwarmen Frühlingstages bleibt uns in Elafonísi allerdings wieder einmal versagt. Es pfeift ordentlich, als wir ankommen. Der Wind bläst uns Sand ins Gesicht – puderfeinen, weißen, stellenweise sogar rosafarbenen Muschel- und Korallensand.

Auf dem Rückweg nach Kaliviani schauen wir uns Falassarna an. Die Überreste der antiken Hafenstadt – ein Sarkophag, Wehrmauern, Pflasterstraßen und Hausfundamente – sind zwar insgesamt wenig spektakulär. Im Frühjahr jedoch liegen sie verstreut in bunten, vom Wind gestreichelten Blumenfeldern – ein bezaubernder Anblick.

Blumen und verstreute Ruinen auf Kreta
Blumenteppich umschmeichelt Ruinen: Falassarna

#8: CHANIÁ – STADTGEFLÜSTER ZUM ABSCHLUSS

Die 45 Kilometer von Kaliviani nach Chaniá legt man auf den bestens ausgebauten Straßen entlang der Nordküste in weniger als einer Stunde zurück. Von Chaniá ist man übrigens auch schnell am Flughafen in Iráklion (150 Kilometer, zweieinhalb Stunden).

Fahrt da hin!“ „Chaniá ist sooo schön!“ So viele Lobeshymnen haben wir in den letzten Wochen auf Chanía, Kretas zweitgrößte Stadt (55.000 Einwohner) gehört, dass wir jetzt da sind. Ursprünglich stand Chaniá nicht auf unserer Liste. Wir haben uns ein hübsches Apartment in der autofreien Altstadt ausgeguckt und stiefeln los.

Grandezza kann man der venezianischen Altstadt wahrlich nicht absprechen. Erker, Balkönchen, geheimnisvolle Durchgänge, Treppe rauf, Treppe runter. Chaniá hat Geschichte faustdick hinter den Ohren, und das sieht man ihr an. Der Hafen wird umrahmt von Terrassenrestaurants, venezianischen Palazzi, einem Leuchtturm und dem im Hafenkastell untergebrachten Maritime Museum.

Hafenstadt vor schneebedeckten Bergen auf Kreta

An der Uferpromenade steht zudem eine Moschee mit großer Kuppel, die kurz nach der türkischen Eroberung im 17. Jahrhundert erbaut wurde. Ihr Minarett büßte sie im Zweiten Weltkrieg ein. Aus den Häuserzeilen dahinter lugen Kirchtürme hervor. Dazwischen die Etz-Hayyim-Synagoge aus dem 17. Jahrhundert im ehemaligen jüdischen Viertel Evraiki, dem einzigen Zeugnis der jüdischen Geschichte Kretas. Chaniás multireligiöse Vergangenheit ist staunenswert.

Den schönsten Blick haben die Anarchos

Am Abend, wenn die Stadt in goldenen Brauntönen badet und die Sonne sich zur großen Show anschickt, geht man am besten hoch ins Viertel Kastelli, dem ältesten Siedlungsgebiet Chaniás. Vom freien Platz vor dem Anarcho-Wohnprojekt Rosa Nera, einer einst stattlichen Villa, hat man einen wunderbaren Blick über die Hafenszenerie. Junge Leute sitzen dort mit einem Bierchen auf der Mauer bzw. auf der Lauer. Marihuanaschwaden ziehen vorbei. Hier wirkt die Stadt natürlich, fast ein bisschen wie Berlin mit Meer. Hier ist sie keine reine Touristennummer wie unten in den Gassen um den Hafen, wo auch Plastikscheiß aus China verkauft wird und Speisekartenwedler vor den Restaurants nerven.

Lichter leuchten am Hafen von Chaniá auf Kreta
Abendlicher Blick vom Viertel Kastelli

Prozessionszauber: Chaniá am Karfreitag

Ein weiteres Eck, das uns gefällt, ist Splantzia, das ehemalige türkische Viertel. In der Chatzimichalis-Dalianis-Straße reiht sich eine nette Taverne an die nächste, und auch ums Eck an der Platia 1821 schieben sich Hipster jede Menge Oktopusärmchen in den Mund. Der Eyecatcher auf dem hübschen Platz ist die Ágios-Nikoláos-Kirche, die zu venezianischer Zeit einem Dominikanerkloster angegliedert war und von den Türken in eine Moschee umgewandelt wurde. Seither trägt die Kirche Glockenturm und Minarett gleichzeitig. Steht ihr gut!

Heute ist viel los in der mit unzähligen Kerzen geschmückten Kirche. Heute ist nämlich Karfreitag. Das orthodoxe Osterfest auf Kreta gehört zu den größten Ereignissen des Jahres und auch Chaniá befindet sich in einer eigenartig hibbeligen Stimmung. Am Karfreitag wird prozessiert, was geht. Dann trägt man Jesus symbolisch zu Grabe – sehenswert! Ab Sonntag wird gefeiert und gegessen bis zum Abwinken. Und zwar zuhause. Dann sind die meisten Restaurants dicht und auch sonst ist nicht viel los im Städtchen. Nur Touristen mit traurigen, hungrigen Augen ziehen am Ostersonntag durch die Gassen.

Menschenmassen bei der Karfreitagsprozession vor erleuchteter Kirche auf Kreta
Karfreitagsprozession

Ausflug auf die Akrotíri-Halbinsel

Beste Zeit füeinen Ausflug! Wir nehmen uns das Agía-Triáda-Kloster auf der einsam-kargen Akrotíri-Halbinsel vor. Im Kloster aus dem 17. Jahrhundert wurden Szenen für den Film „Alexis Sorbas“ gedreht. Die Mönche produzieren ihren eigenen Wein und ihr eigenes Olivenöl – ein großartiges Zeug, lasst dafür unbedingt Platz im Koffer frei!

Agía-Triada-Kloster

Vom Agía-Triáda-Kloster fahren wir weiter zum Kloster Gouvernéto, das mit seinen wehrhaften Mauern mehr wie eine Festung wirkt. Nicht ohne Grund, denn Piratenüberfälle waren häufig. Vom Kloster Gouvernéto führt ein wunderschöner Wanderweg an einer Tropfsteinhöhle samt Marienkapelle vorbei zu den Ruinen des Klosters Katholikó. Vom Konvent kann man durch eine Schlucht bis zum Meer absteigen. Dort ziehen wir unsere Stinkstiefel aus, blinzeln in die Frühlingssonne. Und sehnen uns schon jetzt zurück nach Kreta, das wir bald verlassen werden.

Wanderin in karger Landschaft, dahinter das Meer
Fantastische Aussichten, eine Tropfsteinhöhle und Klosterruinen: Wanderung auf der Akrotíri-Halbinsel

ROADTRIP KRETA IM FRÜHLING – PRAKTISCHE INFOS

Unterkünfte

Wir waren im April unterwegs. In dieser Zeit haben noch viele Unterkünfte geschlossen oder machen gerade erst auf. Die Preise sind niedrig, wir haben selten mehr als 40 Euro für ein schönes Studio mit dem Meer im Ohr gezahlt. Seid flexibel und bucht nichts vor – man hat die Qual der Wahl unter vielen schönen Quartieren. Achtung: Die heizungslosen Zimmer sind nachts sehr kalt – nehmt Euch entsprechend Klamotten mit!

Gelbe Blumen an der Küste von Kreta
Ein fast sonniger Tag am Strand von Agíos Pávlos

Das Wetter

Wir sind keine Hellseher, können nur sagen, wie es bei uns war: Von frostigen zehn Grad bis frühsommerlichen Tagen mit Sonnenbrandgefahr hatten wir alles. Grundsätzlich war’s uns eher zu kühl, wie Ihr bestimmt herausgelesen habt – die Flipflops haben wir erst in den letzten Tagen aus der Tasche gekramt. Also nicht zuviel erwarten und dann enttäuscht sein.

Verkehr

Alles prima, alles lässig. Nehmt Euch viel Zeit! Streckenweise kommt man nur mit etwa 30 Stundenkilometern voran. Den vierten Gang braucht man an der Südküste eigentlich nicht. Mietwagen sind im Frühjahr noch sehr billig, unserer hat 18 Euro pro Tag inklusive aller Versicherungen gekostet.Schafe queren Straße auf Kreta

Das Essen

Schlicht aber ergreifend und im Deutschlandvergleich sehr sehr günstig. Wie haben wir uns jeden Tag aufs Essen gefreut! Vegetarier können sich glücklich schätzen, da in vielen kretischen Lokalen, insbesondere in den Bergdörfern, eine gute Auswahl an fleischlosen Gerichten offeriert wird. Dazu gibt’s Leckeres aus dem Meer. Fleisch spielt eine deutlich geringere Rolle als man glauben mag. Und erst der Wein! Und das Öl! Und die Süßspeisen!

Literaturtipp

Wir haben uns wie meistens beim eigenen Verlag bedient und den dicken Wälzer „Kreta“ unseres Kollegen Eberhard Fohrer mitgenommen. Lohnt sich! In der Bibel deutscher Kretaurlauber wird jeder Stein umgedreht, dazu findet man auch etliche Wanderungen.

 

Mit uns auf Kreta – hat’s Euch gefallen? Dann pinnt uns doch! 

 

4 Kommentare

  1. Einfach wundervoll beschrieben! Man möchte sofort los um alle Orte zu besuchen. Mir geht’s gut 😉 denn ich bin zur Zeit in Frangocastello und genieße meinen Urlaub. Morgen ist die Imbros Schlucht geplant. Juchuu💃🏚

    • Herzlichen Dank! Und dir noch ganz viel Spaß auf dieser wunderschönen Insel, die man einfach wundervoll beschreiben muss.

Gib süßen oder scharfen Senf dazu (E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt)

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