StartEuropaTschechienSalon der Republik: Architekturspaziergang durch Hradec Králové

Salon der Republik: Architekturspaziergang durch Hradec Králové

-

Hradec Králove, das ostböhmische Elbmetropolchen, hat zwei ganz verschiedene Gesichter. Da gibt es die historische Altstadt rund um den Velké náměstí, den großen Marktplatz. Und da gibt es die modernistische Neustadt, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand. Der Aufbau der Neustadt von Hradec Králové bzw. Königgrätz war eines der umfassendsten urbanen Projekte im ländlichen Böhmen jener Zeit. Es war der Versuch, die Großstadt in die Kleinstadt zu bringen. Um 1900 hatte Hradec Králové keine 30.000 Einwohner, 1950 bereits doppelt so viele. Heute zählt Hradec Králové rund 93.000 Einwohner.

Das „moderne Hradec Králové“ entwickelte sich in zwei Bauphasen – in einer vor dem Ersten Weltkrieg (als Böhmen noch zu Österreich-Ungarn gehörte) und in einer zweiten in der Ersten Republik (1919–1938). Initiator war der progressive Bürgermeister František Ulrich, der die Geschicke der Stadt ab 1895 für mehr als drei Jahrzehnte leitete. Nach der Schleifung der Stadtmauern ließ Ulrich ein neues Hradec Králové auf grüner Wiese neben der Altstadt aufbauen. Als Liebhaber moderner Architekturströmungen lud er dafür die Avantgarde nach Hradec Králové.

 

Bahnhof Architekturmoderne
Moderne Architektur in Hradec Králove: Unsere Tour bringt Euch zu den wichtigsten Gebäuden (im Bild der Hauptbahnhof)

 

Zu den Big Names, die Ulrich rief, gehörten Jan Kotěra (1871–1923) und dessen Schüler Josef Gočár (1880–1945). Während Ersterer als Begründer der modernen tschechoslowakischen Architektur den Jugendstil „entdekorierte“, wurde Letzterer vor allem als der kubistische Architekt bekannt. Gočárs 1911/1912 errichtetes Haus zur Schwarzen Madonna in Prag fehlt in keinem Bildband zur Architektur des frühen 20. Jahrhunderts.

Zusammen mit anderen Architekten machten Kotěra und Gočár aus Hradec Králové ein architektonisches Reklameplakat, den „Salon der Republik“. Das Architekturbüfett dieses Salons ist reich gedeckt und fasziniert bis heute. Bauten im späten Jugendstil sind genauso zu finden wie solche im Rondokubismus und Funktionalismus. Die spannendsten Gebäude zeigen wir Euch in diesem Artikel.

Hinweis: Um alle Gebäude sehen zu können und auch noch Zeit für Museumsbesuche zu haben, solltet Ihr mindestens einen ganzen langen Tag einplanen, besser zwei.

 

Moderne Architektur in Hradec Králové: Inhaltsverzeichnis

 

 

Ostböhmisches Museum

Fangen wir mit dem architektonischen Ausrufezeichen von Hradec Králové an: dem Ostböhmischen Museum (Muzeum východních Čech) am Elbufer. Es entstand zwischen 1909 und 1912 nach Plänen von Jan Kotěra und gilt als dessen Meisterwerk.

„Wenn ich meine ersten großen Werke mit strenger Selbstkritik betrachte, kann ich guten Gewissens zugeben, dass ich meine Kräfte richtig eingesetzt habe und der Bau des Museums zu den bedeutendsten meines Schaffens zählt.“

Jugendstilgebäude aus Backstein
Kotěras Meisterwerk: Das Ostböhmische Museum gehört zu den Highlights moderner Architektur in Hradec Králové

 

Kotěra hatte in Wien bei Josef Wagner studiert und dort Bekanntschaften mit Adolf Loos und Josef Hoffmann gemacht. In Amerika lernte er das Werk von Frank Lloyd Wright kennen.

Der Museumsbau ist faszinierend, von außen wie von innen. Der Eingang wird von zwei monumentalen, sphingenähnlichen Figuren bewacht. Die androgyn wirkenden Statuen, das Werk von Stanislav Sucharda, symbolisieren Kunst und Gewerbe. Die Außenhaut des Gebäudes besteht aus Sichtziegeln, grob gewelltem Putz und glasierter Keramik.

Der Grundriss des Museums, das über die Geschichte und Architektur der Stadt informiert, ist asymmetrisch. Spektakulär präsentiert sich der monumentale Eingangsbereich mit Kuppel. Seht selbst:

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Kommerzbank, Sokolovna und Stadtbad

Nördlich des Museums steht etwas zurückversetzt vom Elbufer das Gebäude der Komerční banka (Kommerzbank). Es entstand zwischen 1930 und 1932 nach Entwürfen des Architekten Jan Rejchl. Jan Rejchl (1899–1985) war Königgrätzer und ein Schüler Josef Gočárs.

 

Monumentales Bankgebäude
Die Komerční banka

 

Das nächste augenfällige Gebäude am Elbufer ist die Sokolovna, das ehemalige Turnvereinshaus von Königgrätz. Hinter der Umsetzung des puristischen Gebäudes im „weißen Funktionalismus“ steckte der Prager Architekt Milan Babuška. Fast erinnert es an einen Industriebau. Eingeweiht wurde die Sokolovna 1930. Für das Innere plante man neben der eigentlichen Turnhalle auch ein Restaurant, ein Kino (heute der Konzertsaal der Philharmonie) und Schlafsäle für Jugendgruppen.

 

Funktionalistisches weißes Gebäude
Sokolovna

 

Der südliche Anbau mit dem bronzenen Ballspieler davor stammt aus spätsozialistischer Zeit und hat mit dem funktionalistischen Ursprungsbau nichts zu tun:

 

Sozialistische Bronzeskulptur eines Sportlers

 

Nördlich schließt das Stadtbad Městské lázně aus dem Jahr 1933 an, ein weiteres Aushängeschild des „Salons der Republik“. Federführender Architekt war Oldřich Liska (1881–1959), der in Dresden studiert hatte. Trotz Weltwirtschaftskrise konnte Liska eine Wellenmaschine für das 12 mal 30 Meter große Badebecken durchsetzen – damals eine ziemlich dekadente Sensation und einzigartig in Böhmen. Anderes musste der Architekt aus ökonomischen Gründen weglassen, so die ursprünglich geplante Dachterrasse des Hallenbads. Das Gebäude besitzt in fast schon „scharounscher Manier“ Anklänge an die Seefahrt, so beispielsweise einige Bullaugen.

 

Funktionalistisches Gebäude Aufschrift Mestské lazne
Stadtbad Městské lázně

 

Das funktionalistische Parkhaus

Über eine schmale Brücke wechseln wir auf die andere Seite der Elbe. Dort stehen wir schon bald vor einer architektonischen Kuriosität: einer funktionalistischen Megagarage. Die Palace Garáže (auch: Novák-Garage) wurde im Jahr 1932 eingeweiht und muss im Zeitalter des aufstrebenden Autoverkehrs todschick gewesen sein. Architekt: der Autonarr Josef Fňouk. Auftraggeber: der Autonarr Jaroslav Novák.

Das riesige, horizontal ausgerichtete Gebäude mit den Bandfenstern war mehr als ein Parkhaus, es war ein „Wellnesshotel für Autos“ mit Autowerkstätten, Ersatzteilläden, zwei Waschanlagen und 52 Parkplätzen pro Etage.

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Über viele Jahrzehnte hinweg blieb die Funktion der Garáže Palace erhalten. Erst in den Zehnerjahren dieses Jahrhunderts machte man sich Gedanken zur Umnutzung. Kunstgalerie? Einkaufszentrum? Wohnungen? Heute wird das Gebäude ganz unterschiedlich genutzt. Unter anderem findet man hier einen Radladen und die tolle Hipsterbäckerei Optimista – dort fühlt man sich fast wie in Berlin.

Optimista
Optimista: Hipsterbäckerei im funktionalistischen Parkhaus

 

Die ehemalige Anglo-Tschechoslowakische Bank

Über den grünen Platz Náměstí 5. května gelangen wir zur Třída Karla IV. mit ebenfalls ein paar spannenden Gebäuden und von dort weiter zum Masaryk-Platz (Masarykovo náměstí). Dort steht ein Prachtbau des Architekten Josef Gočár: die ehemalige Anglo-Tschechoslowakische Bank aus den Jahren 1924 bis 1926. Gočár, der vorher kubistisch baute und später funktionalistisch, war hier gerade in seiner rondokubistischen Phase.

 

Rondokubistische Architektur
Moderne Architektur in Hradec Králové: Auch an der Třída Karla IV. gibt es Spannendes zu entdecken

 

Mehr Infos zum Prager Kubismus und Rondokubismus gibt es hier: Prag mit Ecken und Kanten: Kubismus-Tour durch die Moldaustadt.

Rondo-was? Der Rondokubismus entwickelte sich nach der Gründung der Ersten Republik 1918 quasi als Fortsetzung des Kubismus. Die eckigen, prismatischen Formen des Kubismus wurden dabei durch weichere ersetzt. Der Rondokubismus war eine patriotische Bewegung und wurde auch, da eben nicht mehr von der österreichischen Bautradition geprägt, „Nationaler Stil“ genannt.

Die Fassade des plastisch gestalteten Bankgebäudes erinnert an Renaissancefassaden und wird von symbolischen „M“-Giebeln abgeschlossen. M wie Masaryk. Tomáš G. Masaryk (1850–1937) war der erste Staatspräsident der Tschechoslowakei, ein liberaler Humanist, der maßgeblich am Aufbau eines der progressivsten demokratischen Staatsgebilde im Europa jener Zeit beteiligt war. Die Statue am tortenstückförmigen Masaryk-Platz entstammt den begnadeten Händen des Künstlers Otto Gutfreund.

 

Statue eines Politikers vor einem rondokubistischen Gebäude
Masaryk-Platz

 

Wenn Ihr schon mal in der Ecke seid, könnt Ihr auch einen kurzen Blick in die abgehende Straße Švehlova (Hnr. 14) werfen. Das tolle altrosafarbene Stadthaus dort – interessante Fassade, hübsche Reliefs – war das Wohnhaus des Architekten Oldřich Liska (1881–1964), den wir bereits als Architekten des Stadtbads kennen gelernt haben:

 

Rondokubistisches Gebäude Hradec Kralove
Wohnhaus des Architekten Oldřich Liska

 

Ulrichplatz und Herz-Jesu-Kirche

Unser nächstes Ziel ist der Ulrichovo náměstí, der Ulrichplatz, vom Masaryk-Platz nur ein Steinwurf entfernt. Benannt ist der Platz nach dem freigeistigen Bürgermeister František Ulrich. Geplant wurde er von Josef Gočár als Zentrum des modernen Hradec Králové. Heute wirkt der durch die breite Gočár-Straße zweigeteilte Ulrichovo náměstí etwas zu groß geraten, leer und düster.

Zwei monumentale Bauten flankieren den Platz. Auf der Nordseite steht der schlossähnliche, modernistische Steinský-Palast, der zwischen 1928 und 1929 vom Architekten Otakar Novotný für den schwerreichen Textilmagnaten Rudolf Šteinský-Sehnoutka errichtet wurde. Der Palast diente ihm als repräsentativer Firmensitz und Wohnhaus. Eyecatcher ist das allegorische Relief ganz oben an der Fassade. Es zeigt den antiken Gott Merkur mit Spindel und Webstuhl.

 

Steinský-Palast

 

1948 emigrierte die Familie Šteinský-Sehnoutka nach Kanada und verlor dadurch alles: Vermögen, Staatsangehörigkeit und selbstverständlich auch den Palast. Den erhielt die Familie erst im Zuge der Restitution 1991 zurück. Während der sozialistischen Zeit diente der Palast unter anderem als Kinderkrankenhaus. Derzeit residiert hier die Polizei.

Auch in dem viergeschossigen Riegel auf der Südseite sitzen die Ordnungshüter. Das Gebäude aus den Jahren 1929/1930, ursprünglich als Verwaltungsgebäude der Staatlichen Bahnen vorgesehen, stammt von Josef Gočár. Die betont horizontale Fassadengestaltung mit den vielen regelmäßigen Fenstern soll an Züge erinnern. Innen gehen Büros wie Gefängniszellen von Galerien ab.

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Bevor wir uns den Hauptbahnhof von Königgrätz ansehen, legen wir noch kurz einen Stopp bei der Herz-Jesus-Kirche (Kostel Božského Srdce Páně) am Náměstí 28. října ein. Sie wurde zwischen 1928 und 1932 errichtet – und zwar mitten in ein hier damals noch bestehendes Dorf. Architekt: Bohumil Sláma, der bei Jan Kotěra studiert hatte. Das Gotteshaus mit seinem 46 Meter hohen Turm und den Stahlbetonbögen im schlicht-schönen Inneren präsentiert sich durch und durch modern.

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Der Hauptbahnhof

Der monumentale Bahnhof (1929–1935) geht auf den Architekten Václav Rejchl jun. zurück, den Neffen des uns bereits bekannten Jan Rejchl. Václav Rejchl jun. schuf einen der damals modernsten Bahnhöfe Europas. 46 Meter hoch ist der Turm. Die Dachplastik besitzt ein Flügelrad, ein weltweit verwendetes Symbol für die Eisenbahn.

 

Modernistischer Bahnhof
Damals einer der modernsten Bahnhöfe Europas: der Bahnhof von Václav Rejchl jun. in Hradec Králové

 

Ein Hingucker ist das große Glasfenster über dem Haupteingang mit einem stilisierten Hutgesicht. Überhaupt wurde mit Glas nicht gespart. Die vielen Oberlichter machen die elegante Bahnhofshalle hell und luftig.

 

 

In dem mächtigen Bahnhofsgebäude gab es früher auch ein Hotel. Diese Zeiten sind leider vorbei. Das Privileg, im Bahnhof von Hradec Králové zu wohnen, ist heute ausschließlich Dauermietern vorbehalten.

 

Ambrosiuskirche und ehemaliges Rašín-Gymnasium

Wir spazieren in die südliche Neustadt. Dort knöpfen wir uns zunächst die funktionalistische Ambrosiuskirche (Sbor kneže Ambrože Církve československé husitské) vor. Die Kirche der hussitischen Gemeinde wurde zwischen 1926 und 1929 errichtet. Ihr Planer: der breit aufgestellte Josef Gočár, der sich mit diesem Gotteshaus dem Funktionalismus zuwendete.

Der überaus spannende, luftige Bau mit dem 30 Meter hohen Turm besitzt auch ein stilvolles Kolumbarium im Innenhof. Leider ist die Kirche an der Ambrožova in der Regel verschlossen.

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Auf der anderen Straßenseite beginnt ein weitläufiges Schulareal, das sich bis zur Elbe hinzieht und von parkähnlichen Grünflächen umgeben ist. Es entstand zwischen 1925 und 1928. Verantwortlich zeichnete auch hier Josef Gočár. Das spannendste Gebäude ist das ehemalige Rašín-Gymnasium (heute: Tyl-Gymnasium). Vor der monumentalen Eckfassade grüßt die Bronzeskulptur eines Siegers auf einer Säule. Im Inneren befindet sich unter anderem eine Turnhalle mit Bogendach.

 

Modernistisches Schulgebäude, davor die Skulptur eines Turners auf einer Säule
Josef Gočár ist in Hradec Králové dauerpräsent, hier das ehemalige Rašín-Gymnasium

 

Fast schon extravagant wirkt der ehemalige Kindergarten in einem halbrunden funktionalistischen Gebäude. Die maritime Symbolik von einst fiel leider in Teilen der Umwandlung in eine Schulkantine zum Opfer.

Halbrunder Bau im funktionalistischen Stil
Der ehemalige Kindergarten

 

Jirásek-Park: Wasserkraftwerk und Pavillon

1908 war die Grundsteinlegung, 1931 vollendete man den Bau: Das Wasserkraftwerk im Jirásek-Park am Elbufer war eine schwere Geburt. Geplant wurde es noch im geometrischen Jugendstil, fertig gestellt wurde es zu einer Zeit, als der Jugendstil out war. Egal: Einnehmend ist der hübsche Bau des Architekten František Sander allemal.

Das Kraftwerk mit dem Namen Hučák ist bis heute funktionsfähig. Wer sich dafür interessiert, kann versuchen, an einer Führung teilzunehmen, hier gibt es Infos. František Sander entwarf übrigens nicht nur technische Bauwerke. Er traute sich auch an die Einrichtung von Wirtshäusern heran. Bekanntestes Beispiel: die Innenausstattung der Brauereigaststätte U Fleků in Prag.

 

Wasserkraftwerk im Jugendstil an einem Fluss
Geometrischer Jugendstil: Wasserkraftwerk Hučák in Hradec Králové

 

Wir spazieren nun einmal quer durch den Park in Richtung des Flüsschens Adler (Orlice) – in Hradec Králové vereinigen sich Elbe und Adler. Zwischen Bäumen versteckt sich ein funktionalistisches Flachdachgebäude mit rot lackierter Holzverkleidung und Ziegelsockel (1933). Architekt Jan Rejchl soll den Pavillon, den er als Restaurant plante, der Kabine eines Flusskreuzfahrtsschiffs nachempfunden haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Pavillon unter anderem als Kindergarten und Kantine genutzt. Heute dient er schulischen Zwecken.

 

Rot lackierter Holzpavillon
Der Pavillon im Park

 

Hotel Okresní dům und Grand Hotel

Wir schlendern die Elbe entlang gen Norden und passieren dabei die Prager Brücke (Pražský most). Sie wurde zwischen 1908 und 1912 an der Stelle einer hölzernen Festungsbrücke errichtet. Während die Brücke auf den Ingenieur Adolf Janoušek zurückgeht, steuerte Jan Kotěra vier Pavillons an den Brückenköpfen sowie die Laternen bei. Ursprünglich nutzte man die Kioske als öffentliche Toilette, als Obst- und Blumenladen sowie als Wachstube. Heute werden aus den Kiosken heraus Eis und Kolatschen verkauft.

 

 

Spaziert man von der Brücke das Elbufer noch ein wenig weiter nach Norden und biegt dann rechts ab in die Palackého, steht man alsbald vor Jan Kotěras einstigem Bezirkshaus (1903–1904), dem heutigen Hotel Okresní dům. Das Bezirkshaus war eines der ersten Projekte Kotěras in Hradec Králové. Der Bau mit seinem gewellten Gesims kommt abgesehen von einigen folkloristischen Elementen relativ schlicht daher. Er spiegelt Kotěras Anliegen wieder, den Jugendstil von allzu übertriebenen Jugendstilelementen zu befreien.

Im Haus tagte nicht nur die Kreisvertretung. Hier gab es auch ein schönes Café (heute das Hotelrestaurant) und schon damals zwölf Gästezimmer im zweiten Stock. Kotěra plante auch die Innenausstattung, viel davon ist noch erhalten: Lampen, Wand- und Deckenmalereien. Für Architekturfans ist das Hotel der wohl beste Übernachtungsplatz in der Stadt, hier gibt es mehr Infos.

 

Jugendstilhotel im Abendlicht
Moderne Architektur in Hradec Králové: Kotěras Okresní dům

 

Neben dem Hotel Okresní dům steht das Grand Hotel. Es hat eine bewegte Gebäudegeschichte hinter sich. Als es Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurde (30 Zimmer, Klo und Bad auf dem Gang), sah es noch ganz anders aus, da trug es ein neobarockes Mäntelchen.

 

Graues Eckgebäude Grand Hotel
Das Grand Hotel präsentiert sich heute ziemlich schlicht

 

Ab 1911 fanden unter dem neuen Betreiber Jaroslav Urban zahlreiche Umbauten statt. Dazu rief man die uns bereits bekannten Architekten der Moderne. Jan Kotěra verwandelte das benachbarte Neorenaissancegebäude zu einem Annex mit palmenbestücktem Multifunktionssaal. Oldřich Liška gestaltete den Eingangsbereich, das Interieur des Hotelcafés und die kubistisch angelehnte Treppe im Foyer. Auch Josef Gočár und Josef Fňouk hatten ihre Finger im Spiel.

Ob die vielen Köche den Brei verdorben oder bereichert haben, muss jeder für sich entscheiden. Heute wirkt das Gebäude recht schlicht. Einzige Eyecatcher: die hübschen Maskaronen an der Fassade. Die Zimmer sind bieder und jeglicher Mondänität beraubt.

 

 

Altstadt: Kunstgalerie und Gočár-Treppe

Auch in der tropfenförmigen Altstadt mit ihren vornehmlich historischen Bauten gibt es zwei Anlaufpunkte für Fans moderner Architektur. Zum einen das Gebäude der Galerie der modernen Kunst (Galerie moderního umění) am zentralen Velké náměstí. 1912 wurde es im späten Jugendstil als Kreditsicherungsinstitut errichtet. Die Entwürfe stammen von Osvald Polívka (1859–1931).

 

Jugendstileingang mit Statuen
Eingangsportal zur Galerie der modernen Kunst

 

Durch einen von zwei monumentalen Skulpturen gesäumten Haupteingang gelangt man in einen wunderschönen Lichthof, die ehemalige Schalterhalle. Das Buntglas des Oberlichts ist im Stil der englischen Arts-and-Crafts-Bewegung gestaltet. In den Ausstellungsräumen wird tschechische, slowakische und tschechoslowakische Kunst gezeigt. Unbedingt sehenswert, alle Infos findet Ihr hier.

 

Jugendstilschalterhalle einer Bank
In der ehemaligen Schalterhalle kauft man heute Tickets

 

Schräg gegenüber der Galerie steht die barocke Marienkirche. Von ihr führt eine architektonisch konträre Betontreppe hinab zur Komenského-Straße. Der Designer des minimalistischen Stufenbaus mit seiner schönen Laternenlösung: Josef Gočár. Die Verwendung von Beton war zu jener Zeit (1910) revolutionär. Gočár entschied sich für das Material, weil es witterungsbeständiger und günstiger als Stein war.

 

Kubistisch anmutende Straßenlaternen
Betontreppe mit schöner Beleuchtungslösung: Gočár-Treppe in Hradec Králové

 

In der Bevölkerung war die Treppe schwer umstritten. Mit einer Ästhetik wie dieser konnte man in der altehrwürdigen Altstadt wenig anfangen. „Es ist zwar modern, aber schön ist das nicht“, schrieb die Lokalpresse über das Bauwerk.

 

Moderne Architektur rund um die Altstadt

Wenn Ihr die Komenského von der Gočár-Treppe gen Osten weitergeht, steht Ihr schon bald vor der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder. 1912 wurde sie fertig gestellt.

Schon viele Jahre vorher wollte die evangelische Gemeinde von Hradec Králové eine schicke Kirche. Nur fehlten die finanziellen Mittel. Entwürfe kamen unter anderem von Josef Gočár (der dachte an eine riesige Kirche im Stil des italienischen Futurismus) und dem jungen Otto Bartning (der spätere Bauhaus-Professor in Weimar). Keiner der Entwürfe wurde umgesetzt, alle waren sie zu teuer. Das Los zog schließlich Oldřich Liska: Der gläubige Protestant verzichtete auf sein Honorar.

 

Graue Kirche
Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder

 

Die Kirche präsentiert eine seltsame Mischung aus spätem Jugendstil, Art déco und Neoklassizismus. Über dem Giebeldreieck sieht man einen goldenen Becher. Die Bechersymbolik erinnert an die Hussiten, als deren Nachfolger sich die Böhmischen Brüder sehen. Das Gotteshaus ist meist verschlossen. Wer Glück hat, kann wie wir durchs Gitter nach innen lugen:

 

Blick durch ein Gitter in eine Kirche

 

Von der Kirche muss man nur die Straße U Kavalírů überqueren, um vor dem nächsten Bau der Moderne zu stehen: dem monumentalen Gerichtsgebäude (Krajský soud). Václav Rejchl jun. klotzte hier mehr, als dass er kleckerte. 1935 war der Bau samt Knast fertig. Den Eingang bewachen zwei Skulpturen, die Figur der Gerechtigkeit mit Waage und ein junger Mann mit Hand auf dem Herzen, dem Symbol für Wahrheit und Redlichkeit.

 

Monumentales Gebäude Krajský soud
Monumentaler Klotz: das Gerichtsgebäude von Hradec Králové

 

Traurige Ironie der Geschichte: 1953/54, also in der kommunistischen Ära, wurde Václav Rejchl jun. in dem von ihm selbst entworfenen Gebäude in Haft genommen, nachdem er sich geweigert hatte, sein Architekturbüro in staatliche Hände abzugeben.

Wer von der Architektur der Rejchl-Familie gar nicht genug bekommen kann, kann zum Abschluss unserer Tour durch Hradec Králové noch zur Medizinischen Fakultät der Karlsuniversität an der Šimkova spazieren. Das von Jan Rejchl projektierte, eher traditionalistische Monumentalgebäude, wurde 1939 eingeweiht, damals noch als Hauptquartier des II. Armeekorps.

 

Lekarska fakulta Großes Gebäude
Medizinische Fakultät

 

Biertipp im Zeichen der Architektur

Wer nach Abschluss der Architekturrunde durch Hradec Králové mit Gočár und Kotěra auf Gočár und Kotěra anstoßen will, kann das in der rustikalen Bierkneipe Pivovarská brána an der V Kopěcku 83/5 tun. Die sympathische Kneipe hat zahlreiche Biere im Angebot, darunter eben auch die beiden Architekten – Gočár ist dunkel, Kotěra ist hell :-D. Die Biere werden von der Klosterbrauerei Břevnov in Prag gebaut und gehören zu unseren landesweiten Favoriten. Die gehen runter wie Öl!

 

 

Weitere Bauten der Architekturmoderne in Ostböhmen

Pardubice zum Ersten: Die Automatischen Mühlen

Ganz großes Architekturkino! Die Automatischen Mühlen (Automatický mlýny) in der nur 25 Kilometer südlich von Hradec Králové gelegenen Stadt Pardubice sind ein gelungenes Beispiel für die Umnutzung von Industriebauten in Tschechien.

Die Mühlen liegen etwas außerhalb der Altstadt am Flüsschen Chrudimka und wurden 1909/1910 unter Regie von Josef Gočár errichtet. Bis 2013 arbeiteten sie ohne Unterbrechung, dann standen sie still. Seit ihrer Umwandlung in ein spektakuläres Kunst- und Kulturzentrum (2024 eröffnet) ist Pardubice um eine neue Sehenswürdigkeit reicher. Am Wochenende werden Führungen angeboten, alle Infos findet Ihr hier.

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Pardubice zum Zweiten: Das Krematorium

Auch wenn man das Pardubitzer Krematorium ganz im Süden der Stadt an der Straße U Krematoria nur von außen besichtigen kann, so lohnt sich die Fahrt für Architektur-Aficionados. Es gilt als das schönste rondokubistische Bauwerk des Landes, seine Fassade ist reich mit geometrischen Mustern verziert. Errichtet wurde es zwischen 1921 und 1923.

Hinter dem Bauwerk steckt Pavel Janák (1882–1956), ebenfalls ein ganz großer Name unter den modernen tschechischen Architekten. In Hradec Králové hatte er jedoch nie gewirkt. Pavel Janák studierte bei Otto Wagner in Wien, arbeitete nach seiner Rückkehr für Jan Kotěra und entwickelte nach dem Ersten Weltkrieg zusammen mit Josef Gočár den Rondokubismus. Später wandte er sich dem Funktionalismus zu.

Folkloristisches Gebäude
Meisterwerk von Pavel Janák: das Krematorium von Pardubice

 

Jaroměř: Das Wenke-Haus

Die Kleinstadt Jaroměř 25 Kilometer nordöstlich von Hradec Králové ist an sich ziemlich langweilig. Genau hier aber findet man eine weitere Architekturperle: das Wenke-Haus, ein nach seinem Bauherrn benanntes ehemaliges Warenhaus (Husova 295). Das 1919/1911 nach Entwürfen von Josef Gočár errichtete Gebäude gilt als eines der ersten vorsichtigen Experimente Gočárs mit der kubistischen Architektur.

Ein Stahlbetongerüst ermöglichte eine für damalige Zeiten revolutionäre Glasfront und neue Raumaufteilungen. Spektakulär: die runde Öffnung, die vom Untergeschoss ins Obergeschoss und auf dessen herrliche Decken blicken lässt. Heute befindet sich im Gebäude das → Städtische Museum. Vom Originalmobiliar ist leider kaum etwas erhalten.

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Weiterführender Link und Literaturtipp

  • Wer noch tiefer in die Materie einsteigen will, bekommt auf der umfassenden Online-Datenbank → Královéhradecký architektonický manuál (Architekturhandbuch Hradec Králové) auf zehn verschiedenen Stadtspaziergängen über 200 Objekte vorgestellt. Die Datenbank diente auch als Quelle für diesen Artikel.
  • Den besten → Reiseführer über Tschechien haben natürlich wir selbst geschrieben ;-). Falls Ihr Euch für eine Architekturreise nach Ostböhmen entscheidet, findet Ihr dort alle wichtigen Infos.

 

Mehr Beiträge über Architektur in Tschechien auf diesem Blog

 

 

Wir freuen uns auf Eure Kommentare (E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt)

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein