„Du warst in Moskau und Miami, in Mailand, Tokio und Neu Delhi, in Phnom Penh und Angkor Wat. Und wo war ich? In Eisenhüttenstadt.“

Das sind die Lyrics des Songs Eisenhüttenstadt der Kreuzberger Post-Punk-Band Acht Eimer Hühnerherzen. Nun sind auch wir in Eisenhüttenstadt. Viele Jahre nach Moskau, Miami, Mailand und Angkor Wat.

Die Tour durch Eisenhüttenstadt beschreiben wir in ähnlicher Form auch in unserem erlebnisorientierten Reiseführer → „Berlin außenrum. Überlandabenteuer Brandenburg“.

Die Sonne lacht vom Frühlingshimmel. Voller Neugier machen wir uns auf zu einer Tour durch die sozialistische Planstadt Eisenhüttenstadt, deren erste Wohnkomplexe in den 1950er-Jahren entstanden. Die DDR war damals noch jung und kannte keine Plattenbauten.

Eisenhüttenstadt war als Idealstadt gedacht, in der Arbeiten, Wohnen und Erholen eine Symbiose eingehen sollten. Garniert mit Bauten, die dem sowjetischen Zuckerbäckerstil nacheiferten. Maßgeblich entworfen von dem Architekten Kurt W. Leucht, der zuvor an der Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee in Berlin mitgewirkt hatte.

Auch Eisenhüttenstadt hieß mal anders, bis 1961 Stalinstadt. Aus der Taufe gehoben wurde das Vorzeigeprojekt zusammen mit dem ersten Großstahlwerk der DDR, dem Eisenhüttenkombinat Ost.

 

Bestattungshaus in historischem Gebäude
Friedrich-Engels-Straße: Bestattungshaus im Palästchen

 

 

 

Tour durch Eisenhüttenstadt: Ein paar Infos vorab

  • Start: Start (und Ende) dieses Spaziergangs ist die Touristeninformation in Eisenhüttenstadt (Lindenallee 25). Dort bekommt Ihr einen Flyer samt Karte zur Architektur der Stadt.
  • Von Berlin nach Eisenhüttenstadt: Vom Hauptbahnhof fährt die Regionalbahn RE1 in 90 Minuten nach Eisenhüttenstadt. Vom Bahnhof noch ca. 2 km zu Fuß bis zum Startpunkt. Oder Ihr nehmt vom Bahnhof Bus 453 in die Lindenallee.
  • Wie lange? Mit Fotostopps und Museumsbesuch solltet Ihr vier bis fünf Stunden einplanen.
  • Übernachten: In den 50er-Jahre-Bauten der Stadt gibt es ab ca. 50 Euro pro Nacht Ferienwohnungen zu mieten. Falls Ihr deutlich länger bleiben wollt: Für ca. 840 Euro warm bekommt man in Eisenhüttenstadt eine 100-Quadratmeter-Wohnung. Alle Infos hier.

 

Von der Lindenallee zum Platz des Gedenkens

Wir starten unseren Spaziergang durch „Hütte“, wie die Einwohner Eisenhüttenstadts ihre Stadt nennen, vor der Touristeninformation auf der Lindenallee. Die Lindenallee ist eine überbreite Straße, früher trug sie den Namen Leninallee. Die Linke hat hier ihr Parteibüro. Kebab gibt’s bei Lindendöner. Davor wenig Verkehr. Viele freie Parkplätze. Leere auch auf den Gehwegen. Zu DDR-Zeiten hatte die Stadt über 50.000 Einwohner. Seit der Wende hat sich diese Zahl mehr als halbiert.

 

Märkische Oderzeitung Gebäude
Leerstand an der Lindenallee

 

Neben der Touristeninformation befindet sich das Friedrich-Wolf-Theater (1955). Mit seinen Säulen und dem Giebeldreieck wirkt es ein wenig wie ein antikes Tempelchen.

 

Theater, das wie ein antiker Tempel aussieht
Friedrich-Wolf-Theater

 

Über die Rosa-Luxemburg-Straße spazieren wir zu einem weiten Platz, den ein Obelisk dominiert. Es ist der Platz des Gedenkens, ehemals der Platz der deutsch-sowjetischen Freundschaft. Unter dem Platz befinden sich Grabkammern mit den sterblichen Überresten von Kriegsopfern, Kriegsgefangenen und gefallenen russischen Soldaten. Außer uns auf dem Platz noch eine junge Frau mit Kampfhund. Der knurrt uns an. In Eisenhüttenstadt können Klischees Realität werden.

 

Leerer Platz mit Obelisk
Viel Platz auch auf dem Platz des Gedenkens

 

Die Wohnkomplexe: Wohnen im Grünen

Südlich des Platzes des Gedenkens erstreckt sich WK I. „WK“ steht für „Wohnkomplex“. Die ersten vier Wohnkomplexe, die entstanden, basierten auf den „16 Grundsätzen des Städtebaus.“ Diese Grundsätze formulierten in den 1950er-Jahren die Leitlinien des neuen Bauens in der DDR und brachten unter anderem den „sozialistischen Klassizismus“ hervor.

Die Wohnkomplexe I–III stehen heute unter Denkmalschutz. Die WKs sind je nach Bauzeit unterschiedlich gestaltet, meist vier- oder fünfstöckige Zeilen, manche mit Arkaden und historisierenden Erkern, andere mit folkloristischen Reliefs und Malereien.

Allen Wohnkomplexen gemein sind die riesigen begrünten Innenhöfe. Der Brunnenring ist einer davon. Leere Bänke gruppieren sich dort um leere Wasserbecken, die hier und da von Akt-Skulpturen geschmückt werden. Die vielen Teppichstangen von einst werden heute zum Wäscheaufhängen genutzt.

 

Aktstatue in einem leeren Brunnen
Der Brunnenring

 

Das verlassene Gästehaus und die Großgaststätte Aktivist

An der Ecke Straße der Republik / Karl-Marx-Straße entdecken wir ein Gebäude, das sich deutlich abhebt von den historisierenden Häuserzeilen, die wir bislang gesehen haben. Das ehemalige Gästehaus ist ein sechsstöckiger Plattenbau aus den frühen 1980er-Jahren.

 

 

Heute dämmert das Gebäude als Lost Place vor sich hin. Davor eine überbreite Straße und eine Bushaltestelle. Auf seinem Rollator sitzend, wartet ein Mann auf den Bus:

 

Mann auf Rollator wartet auf Bus an breiter Straße

 

Next Stopp: das Gebäude der einstigen Großgaststätte Aktivist aus dem Jahr 1953. Aus der Großgaststätte ist mittlerweile eine Kleingaststätte geworden. Als man im „Akki“ noch mit Ostmark bezahlen konnte, war es Restaurant, Bierlokal und Cafe in einem. Samstags wurde geschwooft. Heute wird der größte Teil des langen Riegels von der Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugesellschaft genutzt.

 

Restaurant Aktivist: Die einstige Großgaststätte wird heute von der Wohnungsbaugesellschaft genutzt

 

Museum Utopie und Alltag

Auch am → Museum Utopie und Alltag führt unser Weg vorbei. Das klein-feine Museum ist in einem schmucken, klassizistisch anmutenden Bau untergebracht. Mit der ockerfarbenen Fassade und der Balustrade auf dem Dach hat das Gebäude fast Kurortcharakter. Dabei war es mal eine Kindertagesstätte.

Eyecatcher vor dem Museum ist die große, bronzene Weltkugel des Schwedter Künstlerpaars Cornelia und Axel Schulz aus den Jahren 1977/78. Die didaktische Arbeit ist herzallerliebst: Während sich oben auf der Kugel Eisenbären versammeln, kleben Pinguine kopfüber am Südpol und Elefanten am afrikanischen Kontinent.

 

 

Auch das Treppenhaus des Museums hat einen echten Wow-Moment: Auf den großen Buntglasfenstern tummeln sich glückliche Kinder in allen Hautfarben. Das Fenster stammt von Walter Womacka (1925–2010), eines überaus aktiven DDR-Künstlers. Wir begegnen ihm später nochmals.

Die Dauerausstellung des Museums zeigt den Widerspruch zwischen dem, was die DDR versprach, und dem, was den Alltag der Menschen ausmachte. Familie und Arbeit, Bildung und Konsum gehören unter anderem zu den Themen. Die Exponate – darunter Kleider aus dem Kunstfasermaterial Präsent 20, aber auch eine kanariengelbe Schwalbe – lassen lächeln, staunen und erschrecken.

 

 

Entlang der Friedrich-Engels-Straße

Wir streifen weiter durch die Stadt, spitzen in diese Straße, in jenen Hof. Spazieren unter Arkaden hindurch, begucken Reliefs. Menschen sehen wir kaum. Stattdessen: ein Bestattungshaus, Autos mit dem Schriftzug Essen auf Rädern, Pflegedienste.

 

Kurz darauf stehen wir vorm Krankenhaus, das von einer adretten Parkanlage umgeben ist. Das Krankenhaus wurde 1959 fertig gestellt und hat schon fast etwas Palastartiges. Auch ein Ministerium könnte darin residieren:

 

Das Krankenhaus

 

Der nächste „Palast“ folgt 500 Meter weiter nordwestlich, nachdem die Friedrich-Engels-Straße in die Maxim-Gorki-Straße übergegangen ist: das Gebäude der Gesamtschule bzw. einstigen Oberschule III. Hat auch was, oder?

 

Gebäude mit Türmchen auf dem Dach

 

Kunst am Gartenfließ

Wir kehren den 1950er-Jahren kurz mal den Rücken und wenden uns dem Gartenfließ zu, einem begrünten Rechteck, um das bereits Gebäude aus den 1960er-Jahren stehen.

 

Der kleine Park bietet ein Stück Stadtidylle mit bunten Blumenrabatten und einem hindurchfließenden Bächlein. Außerdem sind hier rund 20 der 100 Skulpturen Eisenhüttenstadts zu finden. Sie stammen vornehmlich aus den 1970er- und 1980er-Jahren und standen ursprünglich teils an ganz anderen Orten. Zu den Künstlern gehören Bernd Göbel (geb. 1942), Arnt Wittig (1921–1999) und Heinrich Drake (1903–1994).

 

Bronzeskulptur in einem Park
Kunst am Gartenfließ: Das grüne Rechteck zieren rund 20 Skulpturen

 

Folklore und Märchen: Wohnkomplex III

Nun geht es hinein in den Wohnkomplex III, für uns einer der schrägsten und interessantesten. Ockerfarben dominieren. Der Komplex ist ganz im ländlichen Heimatstil gehalten. Er bietet romantisierende Reliefs, Erker, Walmdächer, Tordurchgänge und Reliefs mit folkloristischen bis märchenhaften Motiven.

 

Grünes Haus mit Tordurchgang und Reliefs

 

Der Wohnkomplex III ist mit Statuen geschmückt, die ebenfalls der Märchenwelt entlehnt wurden. Im Vergleich zu anderen Plastiken, die wir in der Stadt gesehen haben, kommen uns diese – hüstel – jedoch ein wenig plump vor. Was meint Ihr?

 

Leicht plump ausgeführte Skulpturen
Statuengruppe im Wohnkomplex III

 

Etwas weiter steht die erste Selbstbedienungs-Kaufhalle Eisenhüttenstadts. Sie stammt aus den 1960er-Jahren und erinnert an die puristische Formensprache des Bauhaus. Mit ihrer Eleganz und Transparenz wirkt das ostmoderne Gebäude an dieser Stelle wie ein Fremdkörper – die Umgebung macht es aber umso schöner.

Nach der Wende wurde die Halle zum Schnäppchenmarkt downgegraded. Derzeit steht sie leer, wie so vieles in der Stadt. Künftig soll daraus eine Kunsthalle werden.

 

Leer stehendes niedriges Glasgebäude
Die einstige Selbstbedienungshalle

 

Rathaus und Hotel Lunik

Unser Weg führt weiter Richtung Rathaus. Unterwegs passieren wir einen riesigen, leeren Parkplatz und das Restaurant Rose. Dort serviert man Deftiges wie Schweinefilet mit Rahmchampignons, überbacken mit Käse und Sauce Hollandaise.

Doch zum Essen sind wir nicht hier. Wir wollen uns das Rathaus aus dem Jahr 1955 angucken, an diesem Frühlingsfeiertag leider nur von außen. Seinen Treppenaufgang schmückt ein riesiges Mosaik von Walter Womacka. 100.000 Natursteinteilchen soll der Künstler für diese Arbeit verbraten haben. Zu DDR-Zeiten hieß das Gebäude „Haus der Parteien und Massenorganisationen“.

 

Brunnen mit Skulptur vor repräsentativem Gebäude
Am Rathaus

 

Schräg gegenüber dem Rathaus steht das zweite Lost Hotel der Stadt: das Hotel Lunik. Das einstige erste Haus am Platze wurde in den frühen 1960er-Jahren errichtet. Innen gab es ein Edellokal und einen Intershop. Heute ist das Lunik das letzte Haus am Platze.

 

Heruntergekommene Hotelruine Hotel Lunik
Vom ersten Haus zum letzten Haus: Hotel Lunik

 

Der Kreis schließt sich: Zurück auf der Lindenallee

Das ehemalige Hotel Lunik steht am südlichen Ende der Lindenallee. Am entgegen gesetzten Ende der Straße haben wir unseren Spaziergang begonnen.

In Nachbarschaft der Hotelleiche erhebt sich das Lindenzentrum, ein Bau, der zu DDR-Zeiten Textilkaufhaus Magnet genannt wurde. Das Mosaik auf seiner Nordseite dürft Ihr nicht verpassen: Dort steigt eine Friedenstaube auf. Der Künstlers wieder einmal: Walter Womacka. „Deutsch-polnisch-sowjetische Freundschaft“ nennt sich das Werk. Das Mosaik ist ein Highlight dieser Tour und eine Ikone in Sachen Kunst im öffentlichen Raum der DDR.

 

Friedenstaube an einer Kaufhauswand
Walter Womackas Friedenstaube

 

Wir spazieren die baumbestandene Allee weiter gen Norden. Einst führte die Straße direkt auf den Hochofen zu. Inflationär viele Sitzbänke gibt es hier, dazu den einen oder anderen niedrigen Bau, der komplett verkachelt ist. „Kosmetik“ steht dort in Retrobuchstaben auf der einen Fassade, „Möbel“ auf der anderen. Hinter der Kosmetik-Fassade residiert heute eine Anwaltspraxis. Im Möbel-Bau werden noch immer Möbel verkauft. Direkt davor haben wir geparkt.

 

Kosmetik verkachelte Fassade

 

Wir steigen ein, starten den Motor, drehen den Laustärkeregler hoch und singen mit:

 

 

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