Mindelo steht für die Morna, so sagt man. Für eine Musik mit einem ordentlichen Schuss Weltschmerz. Berühmt gemacht hat die Musik Cesária Évora, die bekannteste Sängerin der Kapverden und ein Kind Mindelos. 2011 starb sie im Alter von 70 Jahren, das Herz versagte. Noch heute wird Cesária hoch verehrt. Sie ist eine Ikone.
Cesariás eindrucksvolles Porträt des Kummers, mit geschlossenen Augen und der Hand an der Stirn, ist auf den Inseln allgegenwärtig. Auf T-Shirts genauso wie auf Wänden. Kein Tag vergeht, an dem man ihren zutiefst melancholischen Ohrwurm „Sodade“ nicht hört. „Sodade“ vermischt sich mit dem Wind und dem Rauschen der Wellen zum Soundtrack jeder Kapverdenreise. Die Kapverdier sind stolz auf ihre Grande Dame, die die Musik der kleinen kargen Eilande in die Welt hinausgetragen hat. „Sodade“ (Kreol für das portugiesische Wort „Saudade“) ist so etwas wie die inoffizielle Nationalhymne der Kapverden:
Auch vom 2000-Escudo-Schein grüßt das Konterfei Cesária Évoras, der Königin der Morna. Die Morna, gerne mit dem portugiesischen Fado verglichen, wird vornehmlich kreolisch gesungen. Die Hauptthemen der traurigen Weisen: Sehnsucht, Emigration, Heimweh. Seit 2019 steht die Morna auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes.
Mindelo liegt auf der Insel São Vicente und ist die zweitgrößte Stadt der Kapverden. In Mindelo wollten wir auf den Spuren von Cesária Évora wandeln, Stationen ihres Lebens aufspüren und herausfinden, was dran ist am Mythos der Capital da música Cabo Verdes. Spoiler: weniger als man denkt.
Inhaltsverzeichnis
Ankunft auf São Vicente
Aeroporto Internacional Cesária Évora. Die Luft ist trocken, und es bläst ein frischer Wind, als wir aus dem Terminal des kleinen Inselflughafens treten. Und wer steht vor der Tür? Césaria Évora, vollschlank, mit dem Mikrofon in der Hand, barfüßig. Zeit ihres Lebens trat die Sängerin ohne Schuhe auf, um so ihre Solidarität mit den armen Menschen der Kapverden zu zeigen.
Die Fahrt ins Zentrum ist kurz und günstig. Ratet mal, welche Musik im Taxi läuft? Richtig: „Sodade“, der liedgewordene Inbegriff melancholischer Sehnsucht. Ob der Chauffeur jeden ankommenden Tourist und heimkehrenden Kapverdier damit begrüßt, wissen wir nicht. Vor lauter Klischee vergessen wir glatt, einmal nachzufragen.
Vhils: Cesária Évora an der Praça Dom Luís
Wir sind schon lange große Fans des Lissaboner Street-Art-Künstlers Vhils, haben Murals von ihm bereits in → Berlin, → Porto, → Johannesburg und auf den → Azoren gesehen. Vhils aka Alexandre Farto nutzt für seine großflächigen Murals Hammer und Meißel, manchmal sogar Sprengstoff. Er zerstört Altes, um Neues zu schaffen.
Auch das Porträt von Cesária Évora an der zentralen Praça Dom Luís in Mindelo ist aus der Wand geschlagen. Für uns gehört das 2019 entstandene Werk zu Vhils Meisterwerken, ein bleibendes Denkmal, das von Locals wie Touristen geschätzt wird. Viel Ausdruck und Gefühl steckt in diesem Porträt an der städtischen Bibliothek. Ganz großes Streetart-Kino und der beste Ort, um eine Tour auf den Spuren Cesária Évoras in Mindelo zu starten.

Cesárias Kindheit und Jugend
Cizé, so Cesárias Spitzname, kommt am 27. August 1941 in einfachen Verhältnissen zur Welt, in einem Viertel der Dockarbeiter und Prostituierten. Von der Mutter, Hausangestellte bei reichen Leuten, lernt sie die Liebe zum Kochen, vom Vater, einem Virtuosen auf der Gitarre und der Geige, erbt sie die musikalische Ader. Der aber stirbt, als sie erst sieben Jahre alt ist. Ein Schlag für eine Mutter mit fünf Kindern.

Weil die Mutter nicht alle ernähren kann, steckt sie Cesária ins Waisenhaus. Dort aber hält es das Mädchen nicht lange aus und fleht die Großmutter an, sie herauszuholen. Das einstige Waisenhaus Mota Carmo ist heute ein Jugendhilfezentrum namens nhô Djunga:

Die Großmutter ist religiös und versucht dem Kind die strengen Moralvorstellungen der Kirche beizubringen. Vergebens. Immerhin singt die kleine Cesária sonntags im Kirchenchor. In die Schule geht sie nur ein paar Jahre. Trotz des tiefblauen Atlantiks und der schönen Strände ihrer Heimatinsel lernt das Mädchen nie schwimmen. Ihr Leben lang hat sie Angst vor dem Meer.

Als Teenager singt Césaria bereits den Matrosen in den Bars von Mindelo vor. Ihre Gage beläuft sich oft nur auf ein paar Grogues und Zigaretten. Mit 16 lernt sie ihre erste große Liebe kennen, den Gitarre spielenden Matrosen Eduardo de João Chalino. Eduardo aber geht irgendwann auf ein Boot nach Europa und kehrt nie zurück. Er wird Teil ihrer traurigen Morna-Texte werden.
„Morna ist unsere Religion und Therapie, nur sie kann unsere Leiden lindern und unsere Schwierigkeiten vergessen lassen.“
Cesária Évora
Erster großer Auftritt, erstes Kind, erste Aufnahmen
Ihr Debüt auf großer Bühne folgt im zarten Alter von 17 Jahren. Es findet im Kino Eden Park an der Praça Nova statt, einem Art-déco-Kino aus den 1920er-Jahren. Heute steht das Gebäude leer und versteckt sich hinter einem lieblos davorgeklatschten Neubau:

Ein Jahr später verliebt sich Cesária in einen portugiesischen Seemann, auch er verschwindet irgendwann hinter dem Horizont. Von ihm aber bekommt Cesária ihr erstes Kind. Frauen, die ihre Kinder alleine großziehen, sind auf den Kapverden allgegenwärtig. Weitere „Husbands“, wie sie ihre Liebschaften nennt, und ein weiteres Kind folgen. Von längeren Beziehungen ist nichts bekannt.
Ebenfalls an der Praça Nova steht das Centro Nacional de Artes e Design, ein architektonisch interessantes Kunst- und Designmuseum. Es besteht aus einem historischen Gebäude und einem zeitgemäßen Neubau mit einem Brise-Soleil aus über 2500 farbig lackierten Fassdeckeln.
Im historischen Trakt war zu Kolonialzeiten der Radiosender Rádio Clube do Mindelo untergebracht. Darin spielt Cesária in den frühen 1960er-Jahren ihre ersten Lieder ein. Und die Transistorradios bringen ihre Stimme in die letzten Winkel des Archipels. Spätestens jetzt kennt jeder Kapverdier die spätere „Königin der Morna“. Doch Geld verdient sie damit wenig, die Gagen fließen spärlich.
Von den dunklen Jahren zum internationalen Durchbruch
Beifall zu bekommen, ist gut für die Seele, füllt aber keinen Magen. Mitte der 1970er-Jahre wird es still um Cesária Évora. Sie tritt nicht mehr auf, sucht sich lukrativere Jobs, um ihre Kinder zu ernähren. Und verfällt dem Alkohol. Als „meine dunklen Jahre“ wird sie diese Zeit später beschreiben.
Ihr Neustart in den 1980er-Jahren ist dem Morna-Sänger Bana zu verdanken, einem ebenfalls in Mindelo geborenen Kapverdier, der zu jener Zeit in Lissabon lebt. Bana überredet Cizé, mit ihm durch die USA zu touren und im Anschluss in Lissabon aufzutreten. Dort wird José da Silva, ein wiederum in Frankreich lebender Kapverdier, auf sie aufmerksam. Er lädt Cesária nach Paris ein, wird ihr Manager, organisiert Konzerte und lässt das Album „La diva aux pieds nus“ („Die barfüßige Diva“) aufnehmen. Es erscheint 1988.
„La diva aux pieds nus“ bringt Cizé den internationalen Durchbruch, mit 47 Jahren. Zu jener Zeit ist Weltmusik schwer angesagt. Nostalgische Lieder, gesungen von exotischen Stimmen, sind in. Die Schnaps trinkende, rauchende Cizé, die die Aura des Genies aus niederer Herkunft umweht, kommt da genau richtig.
1991 reist Cesária wieder nach Paris, dieses Mal mit einem One-Way-Ticket. Im folgenden Jahr kommt das Album „Miss Perfumado“ heraus, Cizés Meisterwerk. Le Monde kriegt sich gar nicht mehr ein:
„Cesária Évora singt mit ihren fünfzig Jahren die Morna mit verruchter Hingabe. (…) Sie gehört zur weltweiten Aristokratie der Barsängerinnen.“
Für „Voz d’amour“ bekommt Cesária 2004 den Grammy. Eine Tournee jagt die nächste, es geht über den ganzen Globus, die Hallen sind ausverkauft. Wenn Cesária nicht irgendwo auf der Welt auf der Bühne steht – was in den folgenden Jahren meist der Fall ist –, lebt sie in Paris. Doch bereits ab 2005 kränkelt sie zunehmend. Das Herz, der Kreislauf. 2008 bekommt Cesária nach einem Konzert in Australien einen Schlaganfall. 2010 verabschiedet sie sich krankheitsbedingt aus dem Musikbusiness und kehrt nach Mindelo zurück.

Nucléo Museológico Cesária Évora
Das kleine, liebevoll eingerichtete Museum an der Rua Guerra Mendes ist ein Muss für Cizé-Fans. Zwar wohnte Cesária Évora ums Eck in einem deutlich größeren Haus, empfing hier aber ihre Gäste. Später lebte eine ihrer Töchter im Haus.

In jedem Raum erklingt Cesárias Stimme, die Gegenwart der Sängerin scheint übermächtig. In Vitrinen persönliche Gegenstände der Grande Dame, der Pass, die Kaffeetasse, Kleidungsstücke. Videos zeigen ein facettenreiches Bild ihres Lebens und ihres Schaffens, darunter einen Auftritt in Macau vor 50 (!) kapverdischen Emigranten. Auf einem Tisch steht ein Aschenbecher. Cesária galt als notorische Raucherin, sie qualmte bis kurz vor ihrem Tod. Mit dem Trinken hörte sie allerdings schon 1994 auf.

Cizé kochte und aß leidenschaftlich gern. Ihre Lieblingsgerichte: Makrelenreis und Cachupa, der allgegenwärtige kapverdische Hülsenfrüchteeintopf mit Schweinswurst oder einem Stück Fisch. Cesária liebte es, Gäste zu bewirten, und zwar nicht nur daheim. Manchmal fuhr sie ihr Chauffeur in die Armenviertel der Stadt, wo sie Essen und Grogue ausgab. Obwohl sie selbst nicht mehr trank, ließ sie sich weiterhin Schnaps liefern – um ihn weiterzureichen.


Cesárias eigentliches Wohnhaus, die Casa Cesária Évora, findet Ihr übrigens an der Avenida Fernando Ferreira Fortes 17. Es ist ein ziemlich langweiliger Klotz:
Die Barfußdiva ist tot
Am 17. Dezember 2011 stirbt die größte aller kapverdischen Sängerinnen im Krankenhaus von Mindelo. Das Land fällt in eine Schockstarre. Eine 48-stündige Staatstrauer wird angeordnet.

Die Trauerfeier findet im Palácio do Povo statt, dem rosafarbenen Gouverneurspalast aus der Kolonialzeit. Zehntausende nehmen am Begräbnis teil. Im Museum ist ein Video vom Trauerzug zu sehen, das uns auch 14 Jahre später noch zutiefst rührt.
Cesárias Grab, das sie sich mit ihrer Mutter teilt, findet Ihr auf dem Friedhof von Mindelo. Die Lage des Friedhofs neben ein paar Autowerkstätten ist leider alles andere als idyllisch. Die Gräber stehen eng an eng, das von Cesária ist das mit den meisten Blumen – kapverdentypisch aus Plastik.
Das Grab ist leicht zu finden, selbst bei Google Maps besitzt es einen POI. Insofern braucht Ihr Euch nicht den halbseidenen Typen vor dem Friedhof anvertrauen, die Euch gegen ein Trinkgeld zum Grab führen wollen.
Auf der Suche nach der Morna in Mindelo

„Musik war überall“,
sagte Cesária einmal über das Mindelo ihrer Jugend. Das Mindelo des Jahres 2025 macht einen anderen Eindruck. Wie fieberten wir der Stadt und ihrer legendären Musikkultur entgegen! Wir träumten von Morna-Sessions in Hinterhöfen und abgehalfterten Hafenspelunken.
Doch wir werden enttäuscht. Jeden Abend ziehen wir durch das Zentrum mit seinen bunten Kolonialhäusern auf der Suche nach wilden Musikbars. Letztendlich sitzen wir Gringos da, wo andere Gringos sitzen und hören mal mehr, mal weniger peinliche „Sodade“-Coverversionen. Nix da vom ach so besonderen Mindelo-Feeling, wie wir vielfach gelesen hatten. Stattdessen entdecken wir Restaurants, die sogenannte „Noites Caboverdeanas“ bieten, touristische All-inklusive-Veranstaltungen mit Essen und Morna als ein Stück Touristenkult. So ziemlich das Gegenteil von unserer Einflugschneise.

Die Bars, in denen die junge Cesária auftrat, sind fast alle von der Landkarte verschwunden. Eine Ausnahme ist das Café Royal, ein Caférestaurant mit Bühne (Rua de Libertad d’Africa 2110). Wir gehen hin.
Der altmodische Saal hat was, doch der Abend ist schrecklich. Die Atmosphäre schrecklich, das Essen schrecklich. Und zur Live-Musik läuft auf dem Bildschirm neben der Bühne auch noch der Karnevalsumzug vom letzten Jahr. Mit Ton!
Einmal landen wir im Innenhof eines kleinen Einkaufszentrums, wo wir durchaus ein schönes Konzert mit Lokalkolorit miterleben. Die Mindelenser mögen noch weitere Konzertlocations kennen. Uns aber verraten sie sie nicht.
Zwei Adressen, die uns versagt blieben: Livemusik soll es an Wochenenden in der Livraria Nho Djunga (Rua Sen. Vera Cruz 84) geben – als wir dort vorbeischauten, war der Laden wegen Renovierung geschlossen. Außerdem könnt Ihr Euer Glück im Jazzy Bird Bar Pub (Avenida Baltazar Lopes da Silva) versuchen. Allerdings fangen die Konzerte dort sehr sehr spät an!

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Vielen herzlichen Dank für den tollen Beitrag. Ich liebe Cesaria Evora! Ich habe sie 2007 in Bonn auf einem Konzert gesehen. Mir war gar nicht bewusst, dass das einer ihrer letzten Auftritte war. Eine wirklich tolle Sängerin! Schade, dass man heute solch authentische Musik nicht mehr auf den Kapverden findet. Daher umso mehr Dank für den Einblick in ihr Leben.
Danke, liebe Sabine. Oh wow, du hast sie gesehen, da sind wir jetzt aber echt neidisch. Mit Sicherheit findet man auf den Kapverden noch authentische Morna, aber eben leider nicht da, wo wir gesucht haben. Mindelo ist mittlerweile ziemlich touristisch geworden, und in den dortigen Bars konnten zumindest wir nur sehr seichte Musik hören. Schade.