Stellt Euch ein Gebiet vor so groß wie die Fläche von Leipzig. Nur ohne Bebauung, leer. Statt Häuser und Menschen weite Kiefernwälder, felsige Anhöhen, Wiesen. Und Ruinen, immer wieder Ruinen. Der Geopark Ralsko keine Autostunde nordöstlich von Prag ist eine schicksalhafte Region. Wo sich heute ein 294 Quadratkilometer großes Naturparadies erstreckt, befand sich bis 1945 eine deutsch geprägte Agrarlandschaft mit 27 Dörfern und verstreuten Meierhöfen.
Die meisten Bewohner wurden nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben. Ab 1947 riss man das Gros der Dörfer ab. Aus der Region um den Berg Ralsko (Rollberg) wurde ein Militärübungsplatz, auf dem zunächst tschechoslowakische, dann sowjetische Soldaten den Kriegsfall übten.

Als die Russen 1991 abzogen, dauerte es Jahrzehnte, das geschundene Gebiet von Munition und Schadstoffen zu befreien. Heute durchstreifen es wieder Wanderer und Pilzsucher. Die Kräfte der Natur taten ihr Bestes, das Schicksal des Landstrichs vergessen zu lassen. Hier und da verstecken sich aber noch immer Ruinen im Wald, legen Mauerreste, Hangars und Betonpisten Zeugnis von der Vergangenheit ab. Diese Ruinen haben wir gesucht. Und sind dabei auf Namen gestoßen, die Geschichte schrieben und schreiben.
Lost Places im Geopark Ralsko: Haltet die Lost-Place-Etikette ein! Nehmt nichts mit und betretet keine Orte, deren Begehung offiziell verboten ist. Dort kann noch immer Munition schlummern. Am einfachsten erkundet Ihr den Geopark Ralsko mit dem Rad. Für motorisierte Fahrzeuge sind viele Wege tabu.
Lost Places im Geopark Ralsko: Inhaltsverzeichnis
Die Oberdörfer
Östlich von Niemes, heute heißt das Städtchen Mimoň, lagen die „Oberdörfer“, so genannt wegen ihrer erhöhten Lage. 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung war deutsch. Man lebte vom Ackerbau, von der Viehzucht und der Forstwirtschaft. Nach Kriegsende hielten manche Tschechen weiterhin zu ihren deutschen Nachbarn. Bei anderen gärte der Hass auf alles Deutsche, die Beneš-Dekrete befriedigten ihre Gier.
Erste wilde Vertreibungen aus den Oberdörfern fanden bereits vor dem Potsdamer Abkommen am 2. August 1945 statt. Danach folgte Transport auf Transport, mit Menschen, die nicht mehr als 30 Kilogramm Heimat und Lebensmittel für sieben Tage bei sich haben durften.
„So leer und kahl wie die Stoppelfelder sah jetzt unsere Heimat aus, leer und verlassen wie ein abgemähtes Kornfeld.“
Der Satz stammt aus den „Erinnerungen an mein Leben in Gablonz bei Niemes“ von Emilie Kratzmann. Kratzmann gehörte zu den wenigen Deutschen, die in der Tschechoslowakei bleiben durften. Ihr Zuhause im Oberdorf Gablonz aber musste sie dennoch verlassen. Das Gebiet sollte zu einem Truppenübungsplatz der Tschechoslowakischen Armee werden. Im Frühjahr 1947 wurde das Gros der Oberdörfer geräumt.

Vom Truppenübungsplatz zum Geopark
Die Idee der Tschechoslowaken, hier einen Truppenübungsplatz einzurichten, kam nicht von ungefähr. Denn Krieg hatte man hier schon zuvor geprobt. 1938 begann das Deutsche Afrikakorps im sandigen Ralsko-Boden für den Einsatz in der nordafrikanischen Wüste zu trainieren.
Ab 1947 wurden die meisten Oberdörfer dem Erdboden gleichgemacht. Häuser, Kirchen und Friedhöfe – von all dem blieb nur ein Haufen Schutt und Asche übrig in der sanfthügeligen Landschaft. Die Felder drum herum bestellte niemand mehr.
„Über unsere Wälder und Wiesen fuhren Panzer, vernichteten das fruchtbare Land.“
Emilie Kratzmann
Lediglich jene Dörfer, für die man einen militärischen Nutzen vorsah, ließ man stehen. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 löste die sowjetische Armee die tschechoslowakische ab. 7000 Sowjets waren hier stationiert. Am Flughafen starteten Kampfjets, um Bombardierungen zu üben. Für die Bewohner der umliegenden Siedlungen muss sich jeder Tag wie Krieg angehört haben. Zugleich wurde im Norden bei Stráž pod Ralskem Uran abgebaut und in die Sowjetunion exportiert.
1991 verließen die Russen Ralsko. Ihr Erbe: vergewaltigte Erde. Rund 120.000 Stück Munition soll der Kampfmittelräumdienst im Ralsko-Areal aufgespürt, entschärft und vernichtet haben. Ein Megaproblem war zudem das kontaminierte Grundwasser infolge des Uranabbaus.
Nach und nach wurde das einst von der Außenwelt abgeschnittene Gebiet wieder zugänglich gemacht. Vertriebene suchten ihre verschwundenen Dörfer. Und Regisseure leckten sich die Finger nach der dystopischen Kulisse. Josef Vilsmaier drehte im Ralsko Szenen von „Stalingrad“ (1993), Jan Svěrák von „Dark Blue World“ (2001).

Verschiedenste Zukunftspläne für das riesige Areal wurden geschmiedet. Man dachte an ein Testgelände für Škoda-Fahrzeuge, an einen Vergnügungspark und selbst an die Ansiedlung von Nashörnern (!). Aus all dem ist nichts geworden. Heute ist die Landschaft mit all ihren Wunden, Narben und Lost Places ein geschütztes Naturparadies, in dem sanfter Tourismus im Vordergrund steht. Wahrzeichen der Region ist der gleichnamige, knapp 700 Meter hohe Kegelberg Ralsko mit einer mittelalterlichen Burgruine obenauf.
Weitere Informationen über den Geopark Ralsko auf https://www.visitralsko.com/de/.

Das Museum in Náhlov
Das Dorf Náhlov ganz im Osten des Ralsko-Gebiets wurde nie zerstört, aber bis 1991 militärisch genutzt. Aus dieser Zeit zeugen noch einige Plattenbauten aus den 1960er-Jahren, in denen Angestellte eines Militärguts lebten. Der alte deutsche Name des Ortes war Nahlau.

Wer als Besucher nach Náhlov kommt, will in der Regel das Museum in der ehemaligen deutschen Schule besichtigen – ein guter Startpunkt für die Spurensuche im Ralsko. Es ist ein Museum im Doppelpack: Im Obergeschoss widmet es sich der Geschichte der Oberdörfer und seiner Bewohner (Muzeum Horních Vsí). Unten steht die böhmische Auswanderung nach Brasilien im 19. Jahrhundert (Muzeum vystěhovalectví do Brazílie) im Mittelpunkt – eine ganz andere Geschichte, aber ebenfalls eine spannende.
Im charmant-schrulligen Ambiente des Museums, dessen Ausstellungsräume gleichzeitig als Café und Unterkunft (!) dienen, treffen wir Petr Polakovič. Der Museumsdirektor, ein jung gebliebener, schmaler Mann in den Sechzigern, ist eng mit dem Ralsko verbunden und eine unerschöpfliche Quelle für Geschichten aus der Region.
Polakovičs Mutter war Deutsche, ihre Familie stammte aus Holičky (dt. Hultschken), eines der untergegangenen Oberdörfer. „Mein Großvater fiel als Wehrmachtssoldat bei Stalingrad“, erzählt er. Dass die Mutter und die Großmutter nicht vertrieben wurden, sei einfach nur Glück gewesen. „Sie blieben dem Termin fern, bei dem die Deutschen ihre Schlüssel abzugeben hatten, und versteckten sich stattdessen bei tschechischen Verwandten.“ Später kochten die Frauen für die russischen „Befreier“ und wurden damit unabkömmlich. „In ihr Haus durfte meine Großmutter allerdings nie mehr zurück“, sagt Petr Polakovič. Ihr ließ man nur ein Foto des verstorbenen Mannes – herausgerissen aus dem Holzrahmen.

Seine als Edeltraut geborene Mutter nannte sich nach dem Krieg in Vlasta um. „Vlast“ heißt im Tschechischen „Heimat“. „Es gab damals nur noch ein Wort“, sagt Petr Polakovič. „Hass“.
Alle wichtigen Infos über das Museum gibt es hier. Im Museum kann man sich auch mit Infomaterial zur Region eindecken. Zudem wird Literatur zum Thema verkauft, darunter die bereits erwähnten „Erinnerungen an mein Leben in Gablonz bei Niemes in den Jahren 1925 bis 1947“ von Emilie Kratzmann.
Die Felsenkeller von Holičky
Wir fragen Petr Polakovič, wo wir denn hinfahren sollen auf der Suche nach Spuren der Vergangenheit. Er schickt uns nach Holičky, das ehemalige Hultschken, das untergegangene Dorf seiner Vorfahren. Wir holpern über löchrige Sträßchen. Um uns herum Wiesen, Wälder und sanfte Hügel. Sonst nichts. Wo kein Dorf mehr ist, kann man auch keines fotografieren.
Hultschken hatte bis zum Zweiten Weltkrieg 200 Einwohner, stattliche Gutshöfe und eine Schule. Übrig blieb ein Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs und das, was man nicht so einfach platt machen kann: uralte Felsenkeller im Wald. Ganz früher sollen darin Menschen gelebt haben. In den letzten Jahrzehnten von Hultschken dienten die Keller nur noch zum Kühlen von Vorräten, in einem war zudem eine Schmiede untergebracht. „Zum Felsenkeller“ hieß auch einer der beiden Hultschkener Gasthöfe.


In den geheimnisvollen Kellern lassen sich noch eingekratzte kyrillische Buchstaben aus der sowjetischen Zeit erkennen. Anderswo kann man kleine Kunstwerke entdecken. Seit 2016 wird im Geopark Ralsko ein → Landart-Festival veranstaltet, bei dem sich Künstler:innen aus Deutschland, Polen und Tschechien mit der Geschichte der zwangsveränderten Landschaft auseinandersetzen.

Tipp für autarke Camper: Petr Polakovič vom Museum in Náhlov ist dem untergegangenen Dorf seiner Mutter bis heute emotional sehr verbunden. So kaufte er sich ein Grundstück im Holičky-Wald, auf dem er heute einen wildromantischen Stellplatz anbietet. Buchen kann man hier.
Über Svébořice nach Nový Dvůr
Die Stille Ralskos kann man hören. Wir stehen an einer Waldkreuzung, die leise vor sich hin zwitschert. Dort, wo vor geraumer Zeit noch Kalaschnikows den Ton angaben, fühlen sich heute nicht nur Fuchs und Hase pudelwohl – der Geopark Ralsko ist auch ein Vogelparadies.
Rechts von uns lag einst das Dorf Schwabitz (tschechisch Svébořice). Es hatte nicht nur eine der größten Kirchen der Oberdörfer, sondern auch einen prominenten Ehrenbürger: Rainer Maria Rilke. Aus Schwabitz stammte der Vater des großen Literaten.
Wir fahren weiter nach Nový Dvůr. Im 19. Jahrhundert begann man in Neuhof, wie der Ort früher hieß, Militärpferde zu züchten, eine Tradition, die auch in der Tschechoslowakei der Ersten Republik weitergeführt wurde. Heute stehen auf der Waldlichtung diverse Ruinen, die wir auf die Zeit des Kalten Kriegs datieren. Während manche Ruinen frei zugänglich sind, sind andere Areale abgesperrt. „Zakáz vstup“, „Zutritt verboten“ steht auf den Schildern. Man sollte sie ernst nehmen, nicht nur, weil man sich hier mir nichts, dir nichts die Knochen brechen kann. Im Ralsko gab es schon tote Beerensammler, die auf im Boden schlummernde Munition getreten waren.

Irgendwo in der Gegend soll eine Abschussrampe für Panzerabwehrwaffen gestanden haben. Heute verstecken sich hier Fassaden hinterm Gebüsch. Bordsteinkanten einstiger Wege verlieren sich im Wald. An einem Gebäude erkennen wir einen gelben Stern (der vermutlich mal rot war). Auch glauben wir, einen Soldatenkopf auf dem morbiden Mauerwerk zu erkennen:
Šidliště Ploužnice: Die Plattenbauten im Wald
Südlich der Stadt Mimoň, wo sich der Hauptsitz der russischen Kommandozentrale befand, erstreckt sich die verlassene Siedlung Ploužnice. Sie ist ein Dorado für Lost-Place-Fans. Im duftenden Kiefernwald stehen vor sich hin gammelnde Plattenbauriegel, in denen einst die Familien der Militärangehörigen wohnten. Nahebei die alte Grundschule der Rotarmisten.

Die Ruinen können besichtigt werden, offizielle Verbotsschilder gibt es keine. Wer mag und genügend Mumm hat, geht hinein. Die Modularbauten bestehen übrigens nicht nur aus schnödem Beton, sondern sind mit unzähligen kleinen Mosaikplättchen verkleidet:

Die alte Eisenbahnbrücke
Ahoj“ ruft es. Kanuten, die auf dem Flüsslein Ploučnice wasserwandern, winken uns zu. Sie rasten unter der maroden und komplett verrosteten Eisenbahnbrücke im Wald. Wieder so ein unwirklicher Ort. Auf dem Weg dahin versinken Holzschwellen im Gras, die Gleise im Wald sind längst abmontiert und als Altmetall zu Geld gemacht. Hier waren einst Züge unterwegs, die Soldaten und Militärausrüstung transportierten.

Bewacht wurde die Brücke von einem nahen Einmann-Bunker. Auch dieser ist noch vorhanden, so sieht er aus:
Über den sandigen Boden stapfen wir zurück zum Auto. Der Ralsko ist eine für Tschechien sehr untypische Landschaft, erinnert eher an Brandenburg. Eine böhmische Sandkiste mit Kiefern, die stramm stehen wie die Soldaten von einst.
Hinkommen: Auf Google Maps findet Ihr die Brücke, indem Ihr „Starý železniční most“ eingebt.

Hradčany: Flughafen und Wohnort der Klitschko-Familie
Südlich der Siedlung Ploužnice befindet sich das Dorf Hradčany, ehemals Kummer. Als Wohnort für Offiziere und deren Familien blieb es nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten. Den Namen einer Familie, die hier ansässig war, kennt heute jeder: die Klitschko-Familie. Als Söhne eines sowjetischen Offiziers lebten Vitali und Wladimir von 1980 bis 1985 in Hradčany. In die Schule gingen sie in Mimoň.
Deutlich aufregender als das Dorf ist der nahe Flughafen. Mit dessen Bau wurde bereits unter den Nazis begonnen, unter der tschechoslowakischen Armee wurde er fertig gestellt. Während der Nutzung durch die Sowjets starteten Mig-27-Kampfflugzeuge auf der zweieinhalb Kilometer langen Landebahn. Der Flughafen war auch für die sowjetische Raumfähre Buran als Schlechtwetterersatz für den Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan gedacht. Heute geht es auf dem Areal ruhig zu, gelegentlich heben noch Leichtflugzeuge ab.
Von Hradčany muss man zu Fuß zur Landebahn spazieren, für motorisierte Fahrzeuge ist die Fahrt dorthin verboten. Mit uns sind Wanderer und Radfahrer unterwegs. „Betreten auf eigene Gefahr“, warnen Schilder. Gefahren aber machen wir keine aus. Bunte Schmetterlinge flattern umher und setzen sich auf unsere Schultern. Ein Mann steht in einer Sommerblumenwiese, scheint etwas zu suchen. Pilze oder Beeren? Dort, wo einst für den Kriegfall geübt wurde, ist es heute wieder ganz friedlich.
Wie Hobbithäuschen gammeln rechts und links der Landebahn die alten Hangars vor sich hin. Man kann sie besteigen und von oben hinüber zum Ralsko-Berg blicken.

Auch wenn alles übrigens so idyllisch aussieht: Der Erdboden und das Grundwasser rund um den Flughafen gelten bis heute als stark kontaminiert.
Kuřivody: Das „Zentrum“ von Ralsko
Ralsko ist heute nicht nur der Name eines Bergs und eines Geoparks, sondern auch der Name einer Stadt ohne Stadtstruktur, einer Stadt ohne Mitte und Marktplatz. Unter dem Namen „Ralsko“ wurden 1992 sechs noch bewohnte Orte auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz zusammengefasst. Sie liegen weit auseinander. Damit ist Ralsko mit 171 Quadratkilometern die nach Prag flächenmäßig größte Gemeinde der Republik.
Sitz der Stadtverwaltung von Ralsko ist Kuřivody, das ehemalige Hühnerwasser. Der seltsame (Un-)Ort mit dem nicht minder seltsamen Namen wirkt traurig wie so vieles hier. Sein Zentrum bildet heute ein großer Kreisverkehr. Nahebei verfallen eine Handvoll historischer Gebäude, darunter ein Schloss und eine Kirche. Drum herum Leere, den Zerstörungen nach dem Zweiten Weltkrieg geschuldet.

1921 lebten 924 Menschen in Hühnerwasser. Fast alle sprachen Deutsch. Einer davon hieß Willibald Gatter (1896–1973), ein erfolgreicher Automobilfabrikant. Sein bekanntestes Auto war der „Kleine Gatter“, der erste in Serie produzierte Kleinwagen und so etwas wie der fahrzeuggewordene Hot Shit im Böhmen der 1930er-Jahre. Willibald Gatter floh mit seiner Frau 1945 in deren schwäbische Heimatstadt Kirchheim unter Teck.

Nach 1992 wurde Kuřivody mit Wolhynientschechen neu besiedelt. Sie hatten ihre Dörfer in der Ukraine wegen der Tschernobylkatastrophe verlassen müssen. Das Leben schreibt manchmal schon unwirkliche Geschichten. So zogen Menschen von der frisch kontaminierten alten Heimat in eine weniger kontaminierte neue Heimat. Heute hat Kuřivody um die 380 Einwohner.
Die deutsche Schule von Gablonz

„Es war das letzte deutsche Dorf im Sudetenland (…). Dann fingen schon die tschechischen Dörfer an. Es war ein kleines Dorf mit Bauern und Häusel-Leuten, die eher arm waren.“
Emilie Kratzmann
Dass die heutige Wüstenei Gablonz (tschechisch Jabloneček), Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu den am dichtesten besiedelten Dörfern der Region gehörte, ist heute nicht mehr vorstellbar. 1930 lebten 293 Deutsche in Gablonz, dazu 18 Tschechen.
„Eine schöne Kirche schmückte unser Dorf. (…) Sie stand auf einem kleinen Hügel umgeben von jahrhundertealten Linden,“ liest man in den Erinnerungen von Emilie Kratzmann. Südlich des Dorfs erstreckten sich weite Heidelbeerfelder: „Alles blau, man wusste nicht, wo man anfangen sollte.“
Die Russen errichteten bei Gablonz einen Startplatz für Mittelstreckenraketen. Das Areal war schwer bewacht. Heute steht hier kaum mehr etwas. Dominierende Ruine ist die der ehemaligen deutschen Schule aus dem Jahr 1897. Der atmosphärische Lost Place ist nicht umzäunt. Wer das alte Schulhaus betritt, kann in den ehemaligen Turnraum und in die Klassenzimmer blicken. Eine Steintreppe führt ins obere Stockwerk. Auf dem Boden liegt abgefallener Stuck, an die Wände wurden Kreise gemalt.


1991 konnten die aus Gablonz vertriebenen Menschen erstmals wieder das betreten, was einmal ihr Heimatdorf war. Emilie Kratzmann:
„Ich stand auf dem Dorfplatz und schaute Richtung Kirche. Nichts, keine Kirche stand mehr auf dem Hügel. Jetzt erst sahen wir das Ausmaß der Vernichtung.“
Und weiter:
„Endlich fand ich die Stelle, wo unser Haus stand. (…) Ich fand noch ein Stück Stallmauer, die Jauchegrube, die voller Wasser war. Da, wo ein Fliederstrauch blühte, da muss unser Garten gewesen sein.“
Aus der Wüstenei Jabloneček soll, so Planungen, künftig ein schickes Boutiquehotel-Retreat werden, mit einem Wald-Spa und frei stehenden Chalets, die sich architektonisch an die Scheunen des alten Gablonz anlehnen. Wird aus den Planungen Realität, werden hierher wieder Menschen zurückkehren. Und dort Entspannung suchen, wo einst Bauern ein friedliches Leben führten und später Militärs Raketen abschießen wollten.
Literaturtipp
Der Geopark Ralsko wird auch in unserem Reiseführer → Tschechien* beschrieben. Erschienen ist das Buch im Michael Müller Verlag.

Weitere traurige Orte hier auf dem Blog
- Verschwundene Orte, verschwundene Menschen: Lost Places in Westböhmen
- Tote Seelen: Die Soldatenfriedhöfe von Dušan Jurkovič in Kleinpolen
- Lost Places auf den Azoren: Ruinensuche im Inselparadies
- Lost Place Mina de São Domingos: Das aufgegebene Bergwerk im Alentejo
- Bügellohe im Oberpfälzer Wald: Das verlassene Dorf der Sudetendeutschen
* Dieser Beitrag enthält Affiliatelinks, die mit einem * gekennzeichnet sind. Wenn Ihr über einen solchen Link eine Buchung oder einen Kauf tätigt, erhalten wir eine kleine Provision. Für Euch bleibt der Preis unverändert.
























