Weiße Dörfer, silbrig schimmernde Olivenhaine, Korkeneichenplantagen. Die weite Landschaft des → Alentejo im Süden Portugals ist ein Augenschmaus für Fans idyllisch-karger Landschaftsbilder.

Nicht aber die Ecke um den ehemaligen Bergbauort Mina de São Domingos.

Bis in die 1960er-Jahre lebten dort bis zu 10.000 Menschen. Etwa ein Drittel davon arbeitete im hiesigen Bergwerk. In Mina de São Domingos wurden vor allem Kupfer und Pyrit gefördert. Pyrit ist ein Sulfid, das Ihr vielleicht auch unter der Bezeichnung „Katzengold“ kennt. Es dient zur Gewinnung von Schwefelsäure.

Heute hat Mina de São Domingos keine 500 Einwohner mehr. Vier von zehn sind über 65 Jahre alt. Die Menschen leben neben einem riesigen Areal mit vergifteten Tümpeln, Ruinen und sich selbst überlassenen Halden. Die Überreste des Bergbaus und der sich südlich anschließenden ehemaligen Schwefelfabriken stimmen nachdenklich. Mina de São Domingos ist heute halb Lost Place, halb Open-Air-Museum. Wir haben uns dort mal umgesehen.

 

Häuserruine ohne Dach
Mina de São Domingos: Halb Lost Place, halb Open-Air-Museum

 

 

Hinweis: Ein Besuch von Mina de São Domingos bietet sich auch von der Algarve aus an. Der Ort liegt Luftlinie keine 60  km landeinwärts der Küste.

 

Mina de São Domingos: Ein Ort und seine Geschichte

Mina de São Domingos liegt im „Pyritgürtel der iberischen Halbinsel“, der vom Alentejo über die Algarve bis Andalusien reicht und für seine Bodenschätze bekannt ist. Bereits in der Antike wurde hier nach Kupfer, Gold und Silber gegraben. Schon die Römer legten Stollen von bis zu 40 Meter Tiefe an.

Doch erst 1858, nachdem der englische Geschäftsmann Sir Francis Barry und sein Schwager James Mason die Konzession für die Ausbeutung der hiesigen Vorkommen erhalten hatten, begann der industrielle Abbau. Anfangs wurden Kupfererze sowohl unterirdisch (in Stollen von bis zu 400 Meter Tiefe) als auch überirdisch abgebaut, ab 1867 nur noch im Tagebau. Für den Abtransport wurden Gleise verlegt. Und Mina de São Domingos wurde das erste Dorf Portugals mit elektrischem Licht.

Bis zum Ersten Weltkrieg förderte Mason & Barry in Mina de São Domingos vornehmlich Kupfererz. Als sich in den 1930er-Jahren die Kupfervorkommen zunehmend erschöpften, begann man auch Pyrit für die Schwefelgewinnung abzubauen.

1966 war Schicht im Schacht. Die Bodenschätze waren dahin. Der zeitweilig größte Bergbaubetrieb Portugals, in dem 25 Millionen Tonnen Erz gefördert worden waren, wurde geschlossen. Die Engländer zogen ab und hinterließen eine völlig entstellte Landschaft samt vergiftetem Boden, auf dem Landwirtschaft nicht mehr möglich war. Die meisten der arbeitslos gewordenen Kumpel wanderten ab. Mina de São Domingos verödete.

Das Grubenareal ist heute die eine Sehenswürdigkeit, die Lost-Place-Fans anzieht. Infotafeln wurden aufgestellt, auch ein Wanderweg wurde angelegt. In der Zukunft soll das ökologische Gleichgewicht rund um Mina de São Domingos wieder hergestellt werden. 20 Millionen Euro hat man für das ehrgeizige Projekt vorgesehen. Aber ob es so einfach sein wird, das Terrain von Altlasten zu befreien?

 

Corta da Mina: Der toxische See

See mit sehr dunklem Wasser
Giftsee Corta da Mina

 

Unser erstes Ziel: die Corta da Mina, das größte der mit Wasser gefüllten Tagebaurestlöcher auf dem Areal. Ein Giftsee. Über 100 Meter tief. Das Wasser der Corta da Mina enthält hohe Anteile an Eisen und Kupfer und hat einen ph-Wert von etwa 2,5. Sprich: Der See ist fast so sauer wie eine Zitrone. Er kontaminiert das Grundwasser. Seine Farbe ist wie nicht von dieser Welt. Als würden Rot und Schwarz Hochzeit feiern. Ein Holzplankenweg führt ein Stück an diesem See des Grauens entlang.

 

Mit Wasser gefüllte Tagebaugrube

 

Bizarr: Nördlich des Giftsees, auf dem Plateau über den aus dem Stein geschlagenen Terrassen der Grube, gibt es einen kleinen ummauerten englischen Friedhof. Unter überwucherten Gräbern ruhen dort einige der damaligen Angestellten von Mason & Barry.

 

orange-schwarzes Wasser

 

Das Dock

Die größte Ruine auf dem Areal ist das so genannte Dock. Hier wurde das Erz aus der Grube zum Weitertransport in die Waggons umgeladen. So sieht das Gebäude aus:

 

Im Dock wurde das Erz auf die Waggons verladen

 

Die Bahnanlagen

Nur noch mickrige Häuserreste sind übrig von der einstigen Bahnhofsanlage. Die Gleise? Verschwunden, nach der Stilllegung des Bergwerks rückgebaut. Die Bahnstrecke, nach dreijähriger Bauzeit 1862 eröffnet, verband die Grube mit dem an der spanischen Grenze gelegenen Verladehafen Pomarão am Flusslauf des Guadiana. 17 Kilometer war das Gleisbett lang.

Unglaublich: Die ersten fünf Jahre wurden die mit Kupfererz beladenen Waggons von Maultieren (!) gezogen. Erst 1867 wurden Dampflokomotiven eingesetzt. Zu jener Zeit baute man schon so viel Erz ab, dass täglich bis zu zwei Schiffe mit Ziel England in See stechen konnten.

 

 

Der Rio Guadiana, von wo das Kupfererz verschifft wurde, war zu jener Zeit die Lebensader der Region. Am Fluss spielte die Musik, florierte die Wirtschaft.

 

Die Lokschuppen

Die dachlosen, in ihrem Inneren von Unkraut und Gestrüpp überwucherten Lokschuppen sind bis heute beeindruckend. Hier wurden die Lokomotiven repariert. 37 gab es während der gesamten Bergbauzeit, zwei davon wurden gar vor Ort gebaut.

 

Beeindruckendste Ruine auf dem Areal: die ehemaligen Lokschuppen samt Nebengebäuden

 

Etwas weiter hinter dem alten Hospital stehen die Reste eines Fördergerüstes aus Stahl. Eine der Seilscheiben ist noch vorhanden. Angetrieben durch eine elektrische Turbine förderte es Wasser zu Tage. Es pumpte also das Grubenwasser nach oben, damit die Kumpels unter Tage im Trockenen arbeiten konnten.

 

Fördergerüst eines Bergwerks
Mit diesem Fördergerüst wurde Wasser nach oben gepumpt

 

Die Schwefelfabriken von Achada do Gamo

Das Pyriterz lud man eineinhalb Kilometer weiter südlich in Moitinha ab. Dort gab es Fabriken, in denen das Erz zerkleinert wurde, um es im Anschluss zu den Schwefelfabriken noch weiter südlich in Achada do Gamo zu transportieren.

Achado do Gamo ist heute ein Ort wie geschaffen für einen Katastrophenfilm. Vergammelt, zerstört. Der Boden so verseucht, dass vielerorts kein Grashalm mehr wachsen kann. Kein Foto kann diese unwirkliche Szenerie so wiedergeben wie das Drohnenvideo des Youtubers Dani Bervel. Schaut es Euch in Ruhe an:

 

 

Die Schwefelfabriken in Achado do Gamo wurden in den 1930er- und 1940er-Jahren errichtet. Sie zerstörten die Natur, verunreinigten den Boden und die Flüsse. Was aus den Schornsteinen kam, ließ die Ernten vernichten. Das verunreinigte Wasser wurde zwar in einem Becken gestaut, doch heftige Regen und Hochwasser sorgten mehrmals dafür, dass die ätzende Giftbrühe in die Flüsse gelang. Selbst die Fischer aus Vila Real de Santo António an der Algarve protestierten dagegen und forderten Entschädigungszahlungen. Gesundheitsprobleme waren in Mina de São Domingos an der Tagesordnung.

 

Rota do Minério: Lost-Place-Wanderweg

Im Ort Mina de São Domingos startet der rund 14 Kilometer lange Rundwanderweg Rota do Minério Mina São Domingos (PR10). Ihr passiert dabei Moitinha und Achada do Gamo, also das komplette Lost-Place-Programm. Drei Stunden könnt Ihr für den Weg einkalkulieren. Mehr Infos zur Rota do Minério findet Ihr hier.

 

Wanderwegmarkierung an einem Lost Place
Der Wanderweg ist gelb-rot markiert

 

Zurück im Dorf: Die Casa do Mineiro

Wir spazieren zurück ins Dorf Mina de São Domingos. Straßen voller schneeweiß getünchter Bergarbeiterhäuschen bestimmen das Bild. Eins schließt an das andere an, wie endlose Reihenhäuschen. Der Oleander blüht. In den Gärten hängen die Bäume voller Zitrusfrüchte. Das ist fast zu viel Ponyhof nach so viel Ödnis.

 

Blühende Blumen in einem Dorf mit weißen Häusern

 

Die Kumpel wohnten überaus bescheiden auf engstem Raum. Eines der Bergarbeiterhäuschen wurde als Casa do Mineiro der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und darf kostenlos besichtigt werden. Die Casa ist ausgeschildert.

 

Casa do Mineiro

 

Barragem da Tapada Grande: Der Stausee am Ortsrand

Der am südwestlichen Rand von Mina de São Domingos gelegene Stausee Barragem da Tapada Grande wurde 1882 geflutet, um die Wasserversorgung der Bergbauarbeiter und des Bergwerks sicherzustellen.

Heute kann man hier an einem Sandstrand chillaxen. Kinder plantschen im Wasser, Familien fahren mit dem Tretboot umher. Eine Idylle neben einem ganz und gar unidyllischen Ort.

 

See mit Tretbooten
Tretboot-Idylle am Stausee

 

Mina de São Domingos: Praktische Infos

  • Das Gelände des ehemaligen Bergwerks ist frei zugänglich und kostet keinen Eintritt.
  • Ihr solltet zwei bis drei Stunden für die Erkundung einplanen, länger, wenn Ihr plant, den Wanderweg zu gehen.
  • Übernachten: Recht luxuriös wohnt man im → Alentejo Star Hotel. Zudem wurden einige der Bergarbeiterhäuschen in Ferienwohnungen konvertiert. Die findet man auf den herkömmlichen Portalen.
  • Essen: Gute, rustikale Alentejo-Küche gibt es in der zentral im Dorf gelegenen Casa de Pasto „A Taberna“ (Rua Dr. Serrão Martins 33). Oft wird da auch gegrillt. Sehr populär.
  • Reiseführer: Viel über den Alentejo steht im → Reiseführer Portugal, den Verleger Michael Müller selbst verfasst hat. Empfehlung!

 

Mehr Portugal bei uns auf dem Blog

 

8 Kommentare

  1. Liebe Gabi, lieber Michael,
    diese Minen stehen bei mir schon länger auf der Liste der Orte, die ich unbedingt einmal besuchen möchte. Allerdings war ich mir nicht so sicher, ob ein Besuch überhaupt lohnt, weil sie sich schon etwas abgelegen an der spanischen Grenze befinden. Aber Euer Artikel hat mich nun nochmal motiviert, dorthin zu reisen. Es ist ja doch auch sinnvoll, sich anzusehen, wie es mehr als ein halbes Jahrhundert nach einer radikalen Ausbeutung und Zerstörung der Natur aussieht. Herzlichen Dank für die spannenden Fotos und die vielen Informationen und Tipps!
    Jens

    • Lieber Jens, die Minen lohnen sich auf jeden Fall zusammen mit einem Besuch des nahen wunderhübschen Städtchens Mertola. Und außerdem gibt es ja noch diesen Stausee mit Sandstrand, wo man baden und Tretboot fahren kann. Alles in allem also ein echt spannendes Ausflugsziel, das man unserer Meinung nach auch gut mit Kindern machen kann. Liebe Grüße und danke fürs Feedback, Gabi und Michael

  2. Das sieht wirklich sehr spannend aus. Ich liebe Lost Places, komme aber viel zu selten dazu mal auf die Pirsch zu gehen. Auf den Azoren gibt es so einen alten, verlassenen Hotelkomplex. Auch sehr cool. Bitte mehr von solchen Geschichten. LG, Nadine

  3. Faszinierend. Kommt auf meine Liste für die nächste Portugal-Reise. Ich finde sowieso, dass Portugal für Freunde von Lost Places sehr viel zu bieten hat. Besonders gefällt mir, dass man sich hier aber offenbar auch bemüht, die Geschichte zugänglich zu machen mit dem Museum und dem eigens ausgeschilderten Wanderweg.

    • Jetzt würde uns glatt interessieren, was du noch so an Lost Places in Portugal kennst. Wir kennen bislang „nur“ die Mine und ein paar spannende Hotelruinen, von denen die auf der Azoreninsel Sao Miguel (siehe oben) mit Sicherheit die spektakulärste ist. Viele Grüße!

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