São Miguel ist die größte der kleinen Azoreninseln, eine Insel wie gemalt. Kraterkessel, so gewaltig, dass ganze Ortschaften darin Platz haben. Seen wie strahlende Augen. Bimmelnde Kühe auf fetten Weiden. Heiße Quellen. Und aus dem azurfarbenen Meer davor sprudeln die Fontänen vorbeiziehender Wale. Ein Garten Eden.

In diesem Paradies lebt der belgische Künstler Yves Decoster. Vor Jahren hat er damit angefangen, das Paradies noch bunter zu machen. Jeder São-Miguel-Tourist wird über kürzer oder länger auf Yves stoßen, wenn auch nicht face to face. Yves’ Gute-Laune-Herzen sind allgegenwärtig. Man entdeckt die Herzen an Häuserwänden, Ga­­ra­gentoren, Gartenmauern und vielen anderen Orten.

 

Gemaltes Herz an Hauswand
Rot, blau, kunterbunt: Yves‘ herzliche Kunst

 

Yves’ Markenzeichen sind blumig wirkende, „blühende“ Herzen auf einem zweiblättrigen Spross. Aber auch die Fauna bekommt massig Herzen ab: Kühe, Giraffen oder Seepferdchen küssen sich „beherzt“. Fische schwänzeln um ein Herz herum.

 

Mural zwei küssende Giraffen
Tierisch gut: Küssende Giraffen, schwänzelnde Fische

 

Doch lassen wir Yves einfach selbst zu Wort kommen.

 

HIER DA DORT: Yves, 1988 hast du mit deinem Partner Roland der Heimat Belgien den Rücken gekehrt und dich auf São Miguel niedergelassen. Seitdem hast du die Azoreninsel nie mehr verlassen. Was ist für dich das Besondere an der Insel?

YVES: Was ich hier liebe, ist die Mischung aus Weideland, Wäldern und dem Meer. Den ständigen Wechsel des Lichts. Die Rauheit der Natur und des Klimas. Den melancholischen Touch.

HIER DA DORT: 2011 hast du dein erstes Haus auf das Haus eines Bekannten gemalt. São Miguel ist ja sehr ländlich, bäuerlich und konservativ geprägt. Welche Reaktionen kamen aus der Bevölkerung?

YVES: Die Menschen auf São Miguel waren schon immer sehr empfänglich für neue Dinge. Für Dinge, die von außen kamen. Das hat mit der isolierten Lage so weit draußen im Atlantik zu tun. Die Reaktionen auf meine Herzen waren daher sehr positiv.

HIER DA DORT: Ein paar Jahre später erfolgte der große Herzensdurchbruch. Mit wie vielen Herzen hast du São Miguel bereits bunter gemacht? Und wie viele Herzen sollen es werden?

YVES: Bis dato, wir schreiben Januar 2021, habe ich 419 Herzen auf São Miguel gemalt. Und ich werde weitermalen. So lange ich kann und solange die Menschen meine Bilder sehen wollen.

 

 

HIER DA DORT: Du hast an der Academy of Fine Arts in Antwerpen studiert. Du malst und zeichnest auf Papier und Leinwand. Mit den Herzen gehst du in den öffentlichen Raum. Siehst du dich dabei als Streetartist? 

YVES: Bis ich 2011 anfing, draußen auf der Straße zu arbeiten, war ich ein ganz „normaler Künstler“. Heute bin ich in beiden Disziplinen unterwegs: in der figurativen Kunst genauso wie in der Streetart. Diese beiden Disziplinen beeinflussen sich zuweilen gegenseitig, was gut ist. Aus meiner Streetart-Erfahrung resultierend, arbeite ich mittlerweile auch mit Holztafeln.

HIER DA DORT: Warum all die Herzen? Was möchtest du mit dieser Kunst erreichen?

YVES: Die Herzen sind eine Botschaft, stehen für die Liebe zur Natur und für die Liebe zu den Menschen.

 

 

HIER DA DORT: Wie kommt ein Yves-Herz an eine Wand? Wer beauftragt dich? Oder ziehst du einfach los und suchst dir die Orte selbst aus?

YVES: Beides. Mal fragen Insulaner bei mir an, ob ich nicht ihr Haus bemalen will. Es sind Menschen, die meine Botschaft gut finden und weitergeben wollen. Dann besprechen wir, was sie sich vorstellen könnten und ich entwickle eine Idee für ihre Wand.

Manchmal aber sehe ich auch selbst eine gute Location oder einen Ort, der mich inspiriert. Dann ziehe ich los, versuche den Besitzer zu finden und zu überreden. Meist sagen die Leute „Ja!“.

HIER DA DORT: Welcher „Herzensort“ war bisher der außergewöhnlichste?

YVES: Das war eine lange Wand hoch über der Autobahn. Ich musste mich mit Seilen absichern, da der Absatz viel zu schmal war. Und das mit meiner Höhenangst…

 

 

HIER DA DORT: Wow, scheint zum Glück alles gut gegangen zu sein. Was ist eigentlich dein persönliches Lieblingsherz?

YVES: Ich habe natürlich meine persönlichen Favoriten. Ich gebe diese aber nicht preis. Zum einen aus Respekt vor jedem einzelnen Gemälde und zum anderen aus Respekt vor dem Auftraggeber. Jeder Auftraggeber findet natürlich „sein“ Gemälde am schönsten, und so ist es auch.

HIER DA DORT: Eines unserer persönlichen Lieblings-Yves-Pieces ist der Pottwal in Livramento. Der Pottwal ist ja nicht nur eines unserer Lieblingstiere, sondern gleichzeitig auch das Maskottchen der Azoren.

YVES: Ja, der Pottwal nahe dem Strand von Livramento. Der Auftraggeber besaß eine Whale-Watching-Agentur und wollte so gerne einen Wal an seinem Haus. Bis dahin hatte ich noch keinen Wal gemalt, jetzt bin ich sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Jede Arbeit ist eine neue Herausforderung.

 

An Wand gemalter Pottwal
„Jede Arbeit ist eine neue Herausforderung“: Der Pottwal von Livramento

 

HIER DA DORT: Du malst und zeichnest ja auch auf Papier und Leinwand. Ein paar Zeichnungen und Gemälde von dir kann man sich auf deiner Seite → yvesdecoster.exto.org anschauen. Wo ist deine Kunst, von den Herzen im öffentlichen Raum einmal abgesehen, auf São Miguel sonst noch zu sehen?

YVES: Wer mehr sehen will, kann gerne mit mir in Kontakt treten und sich meine Arbeiten in meiner Hausgalerie ansehen. Mehr Infos über mich gibt es auch hier.

HIER DA DORT: Herzlichen (;-) Dank für das Gespräch.

 

MIT DEM RICHTIGEN BUCH AUF DIE AZOREN

Eigenlob stinkt, we know. Aber da fällt uns direkt was ein. In Michaels → Azoren-Reiseführer gibt es auch einen Infokasten über Yves und seine „herzliche Kunst“. Erschienen ist das Buch im Michael Müller Verlag.

 

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Wenn Euch Yves’ Herzen gefallen haben, dann nichts wie ab damit auf eines Eurer Pinterest-Boards!

15 Kommentare

  1. Ich kenne Yves Bilder selber von unserer Azorenreise und kann bestätigen: wenn man eines sieht, muss man einfach lächeln! Er versprüht so viel Liebe und gute Laune, auch wenn man ihn persönlich gar nicht sieht.

    Ich hab mir aber vorgenommen, ihn bei unserer nächsten Azorenreise zu besuchen und einen originalen „Yves“ mit nach Hause zu nehmen 🙂

    Lg Barbara

    PS: Wenn mein Mann auf den Azoren leben würde, würde er die Insel glaub ich auch kaum mehr verlassen 😉

    • 🙂 Dann nichts wie hin zu Yves und Roland! Yves betreibt mit seinem Lebensgefährten Roland nämlich auch noch einen großartigen Mini-Supperclub im eigenen Wohnzimmer. Tolles Essen, wunderbare Gespräche. Und einen originalen „Yves“ kann man sich dann auch noch mitnehmen. Lg zurück!

  2. 419 Herzen auf der Insel. Was für eine wundervolle Art, eine Botschaft in die Welt zu tragen.
    Gern würde ich mal nach São Miguel reisen und einige der Herzensorte besuchen.
    Danke für das interessante und ausgesprochen herzliche Interview.
    Liebe Grüße
    Mandy

    • Vielen Dank, Mandy. Macht das mal, die Azoren sind unbedingt eine Reise wert, allerdings sollte man Juli und August unbedingt vermeiden. Viele Grüße!

  3. Sehr süsse Bilder. Für meinen Geschmack ein bisschen zu niedlich, aber ich finde es faszinierend, wenn es Künstler gibt, die einem Ort einen eigenen Charakter geben. Ich kann mir vorstellen, dass man bei so vielen Bildern auf einer doch eher kleinen Insel immer mal wieder auf eines seiner Werke stösst. Wenn man dann vom Künstler was weiss, fühlt man sich wie ein Insider. Nur eine Frage zu Zahl: Sind das nun 419 Herzen oder 419 Bilder mit Herzen? Ich habe gesehen, dass es auf einigen Bildern ja mehrere Herzen gibt.

    • Hallo Oli, ganz klar sind Yves‘ Herzen fast überspitzt niedlich, manch ein Kritiker nennt sie auch naiv. Aber das ist ja auch genau das Originale daran. Zu deiner Frage: Es sind 419 Bilder mit Herzen. Yves‘ Klassiker, den er am Anfang ausschließlich gemalt hat, ist die einsame „Herzblume“. Erst später kamen die in Tiermotive und andere Motive integrierten Herzen. Mittlerweile zählt ein Bild als „ein Herz“, auch wenn mehrere Herzen drauf sind. Viele Grüße!

  4. Street Art und die Azoren wären mir als Kombi so jetzt nicht in den Sinn gekommen. Die Werke sind jedenfalls sehr cool! Ein Grund mehr, den Azoren einen Besuch abzustatten.

    • Liebe Silke, auf den Azoren sind teilweise auch die Big Names der portugiesischen Street-Art-Szene unterwegs, Vhils zum Beispiel. Da gibt es schon was zu entdecken, aber halt im überschaubaren Rahmen. Viele Grüße!

  5. Hallo Yves und Roland! Auch von mir „ VIELE KUSSEN“ zum Dank für die wundervolle Idee und Ausführung der „ HERZlichen“
    azoreanischen Anblicke!…und zusätzlichen Dank für eure Mühe,das Herz an meiner Mauer immer wieder unaufgefordert aufzufrischen!Ich hoffe sehr,wir können noch ein paar Jahre zusammen lachen…und für all die „Kultivierten“,die das für
    kindische Malerei halten,halten wir den Mittelfinger oben!Bleibt fröhlich…meint Karin( die alte Frau aus Mücke)….

  6. Was soll ich sagen …
    Yves und Roland sind meine Freunde, obwohl ich nur zeitweise auf der Insel lebe !
    Ich habe ein Herz von Yves am Haus und im Haus Bilder von ihm !
    Die Beiden sind ganz besondere liebenswürdige Menschen !!!
    Bin sehr glücklich, solche Freunde zu haben und natürlich auch solch wunderschöne Bilder !!!!
    Ich vermisse euch 🥲❤️

    • Oh ja, Yves und Roland sind wirklich ganz besondere und dazu extrem positiv denkende Menschen. Auch wir kennen sie schon seit Jahrzehnten und schätzen sie sehr.

Gib süßen oder scharfen Senf dazu (E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt)

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