Schwanenweiß. Schneeweiß. Kalkweiß. Es gibt so viele Nuancen von Weiß. In den bildbandreifen Städten und Dörfern, die wir auf unserem Roadtrip durch den Alentejo kennen gelernt haben, taucht Weiß in allen erdenklichen Variationen auf.

Die hügelige Szenerie um diese Orte ist so trocken-karg wie einnehmend. Der Blick geht weit. Wir durchqueren endlose Korkeichenplantagen, manchmal silbrig schimmernde Olivenhaine. Immer wieder tanzt Staub ​im Sonnenlicht. Auf schwach befahrenen Straßen überholen uns Pick-ups, überzogen mit dem braunrötlichen Erdmehl der Feldwege. Auf den Strommasten am Straßenrand haben Störche Nester gebaut. Über ihnen wölbt sich ein oft wolkenloser Himmel.

 

 

Hin und wieder passieren wir Tore, die zu riesigen Quintas führen. ​In der Ferne sieht man eine Allee auf das Haupthaus zulaufen. Dann folgen Ziegenweiden. Oder Weingärten. Die Stöcke stehen Spalier in ewigen Reihen. Der Alentejo ist eine melancholische Landschaft voller Saudade.

Wer den viel besungenen Weltschmerz Portugals fühlen will, kann mit uns kommen. Die wehmütige Landschaft des Alentejo ist wie geschaffen dafür. Zumindest jene abseits des Atlantiks, die wir hier durchtouren. Es ist eine Region, von der die Menschen Abschied nehmen. Wer nicht in der Landwirtschaft oder im Tourismus arbeiten will, hat hier kaum eine Zukunft.

Die Küste des Alentejo haben wir bewusst links liegen gelassen. Vielleicht ein Fehler. Nach der nächsten Portugalreise werden wir es wissen.

 

Historische Altstadt in Weiß
Viel Schönheit, viel Leere, hier in Marvão

 

 

ROADTRIP ALENTEJO: EIN PAAR INFOS VORAB

  • Wo? Beim Alentejo handelt es sich grob gesagt um das südliche Drittel Portugals. Lediglich die Algarve, der schmale Streifen entlang der Südküste Portugals, gehört nicht dazu. Im Norden wird der Alentejo von den Regionen Centro und Lisboa begrenzt. Der Alentejo ist extrem trocken und steigt mancherorts auf über 1000 Höhenmeter an.
  • Armes Ding: Der Alentejo ist fast so groß wie Nordrhein-Westfalen, zählt aber laut Census 2021 nur etwa 704.000 Einwohner. NRW bringt es dagegen auf 18 Millionen. Im Alentejo nahm die Bevölkerung in den letzten zehn Jahren um etwa sieben Prozent ab. Als die „Hauptstadt“ des Alentejo gilt Évora. Der Alentejo gehört zu den ärmsten Regionen Westeuropas.
  • Klima: Im Sommer wird’s heiß mit Temperaturen über 30°C. Nachts aber kühlt es ab. Im Frühjahr und Herbst können die Nächte sehr kalt werden, auch wenn das Wetter am Tag auf Sommer macht! Wir hatten im Oktober nachts teils nur um die 5°C, zwei Stunden nach Sonnenaufgang waren es 20°C.
  • Mögliche Route/Dauer: Die von uns vorgestellten Orte könnt Ihr auch ab Lissabon oder Faro (Algarve) mit dem Mietwagen abfahren. Wir würden zehn Tage dafür veranschlagen.

 

CASTELO DE VIDE: MEHR ALS NUR EIN KASTELL

Weiße Stadt in Hügelland
Castelo de Vide

 

Unglaublich schön!“, notieren wir zu Castelo de Vide am Anfang unseres Roadtrips durch den Alentejo. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir allerdings noch nicht, wie viele schöne andere Orte auf dieser Tour noch auf uns warten.

Die 3100-Einwohner-Kleinstadt erstreckt sich ganz zauberhaft über den Weiten des Alentejo. Drum herum duftende Pinienwälder und die für die Region so typischen Korkeichenplantagen. Eine wunderbare Aussicht auf Castelo de Vide genießt man von der Kapelle Ermida de Nossa Senhora da Penha. Sie liegt auf der Serra de São Paulo, einem Höhenrücken gegenüber von Castelo de Vide. Ihr könnt ganz gemütlich hinwandern.

 

Paar vor gelb-weißer Kapelle
Wanderpause an der Ermida de Nossa Senhora da Penha

 

Tipp: Infobroschüren über Wanderungen in der Region erhaltet Ihr in der örtlichen Touristeninformation (Praça de Dom Pedro 5) oder hier. Auf dem Wanderweg PR1CVD, der in drei bis vier Stunden rund um Castelo de Vide führt, kommt Ihr auch an der Kapelle vorbei.

 

Stadtspaziergang

Katzen liegen faul auf Treppenstufen. Hunde kläffen aus grünen Gärten den Vorbeikommenden hinterher. Blumengeschmückte Gassen steigen steil an. Knollige Omas sitzen auf alten steinernen Bänken und tratschen. Es riecht nach der frisch gewaschenen Wäsche, die über uns an Leinen baumelt. Castelo de Vide ist ein Stück Portugal wie aus dem Bilderbuch.

 

Historische Gasse mit Blümchen
Castelo de Vide: Bilderbuch-Portugal

Alte Frauen sitzen in Gasse

 

Das Zentrum mit seinen gemütlichen Cafés dominiert die wuchtige Igreja Matriz, die Hauptkirche. Das historische Ensemble drum herum wird aufgepeppt von den spannenden akrobatischen Skulpturen des Künstlers Rogério Timóterio:

 

 

Hinauf zur Festung

Immer wieder plätschert es. An vielen Orten stehen Brunnen. Das Wasser ist von guter Qualität und wird auch gerne abgefüllt. Besonders hübsch ist der Stadtbrunnen Fonte da Vila aus dem 16. Jahrhundert:

 

Überdachter Brunnen in einer historischen Stadt
Fonte da Vila

 

Von dort spazieren wir hinein in die Judária, das ehemalige jüdische Viertel. Über Jahrhunderte hinweg lebten die Juden (wie auch die Mauren) getrennt von den Christen in eigenen Vierteln. Um der Vertreibung zu entgehen, konvertierten viele Juden ab Ende des 15. Jahrhunderts zum Christentum. Ihre jüdischen Riten aber praktizierten die „Neuchristen“ bzw. „Marranen“ weiter, wenn auch fortan im Geheimen. Die unscheinbare kleine Synagoge aus dem 14. Jahrhundert steht an der Rua da Judiaria und dient heute als Museum.

Von der Synagoge ist es nur ein Katzensprung zum namengebenden Kastell des Ortes, in das sich ein ganzes Stadtviertel mit engen Gassen quetscht. Viele Häuser dort sind verlassen. Andere werden gerade restauriert. Von oben habt Ihr diesen Weitblick:

 

Vedette über weiter Landschaft

 

Übernachten und Camping bei Castelo do Vide: Die kleine → Quinta do Pomarinho, Luftlinie 3 km westlich von Castelo do Vide, bietet einige Ferienwohnungen und dazu einen unparzellierten, naturbelassenen Campingplatz mit freiem Blick in die Landschaft. Die holländischen Betreiber Joop und Robert kümmern sich rührend um ihre Gäste. Dank fehlender Lichtverschmutzung könnt Ihr hier nachts Sternstunden der Extraklasse erleben. Nicht nur deswegen aber gibt’s von uns Note 1 mit Stern!

 

Campingplatz mitten in der Natur
Idyllisch campen auf der Quinta do Pomarinho

 

MARVÃO: LAGE, LAGE, LAGE!

Castelo de Vide – Marvão: 15 km

An der spanischen Grenze hört die Weite des Alentejo auf, kommen die Berge. Das Städtchen Marvão thront spektakulär auf einem Felsmassiv. Eine Aussicht jagt hier die nächste. Was die Touristen begeistert, haut die Menschen vor Ort allerdings nicht vom Hocker. Viele zogen weg, nur 3000 sind geblieben. Außer im Tourismus gibt es kaum Arbeit vor Ort.

 

Herrlich gelegene Kleinstadt
Marvão: Kleinstadt in Traumlage

 

Das Ergebnis: viel Charme, viel Ruhe, doch auch wenig natürliches Leben. Die meisten Häuser dieses verträumten Pflasters dienen als Ferienunterkünfte. Die wenigen Cafés und Restaurants richten sich an Fremde, was man bedenken sollte, wenn man hier unterkommt.

 

Gasse in einer schönen Altstadt
Szenen aus Marvão

 

Zum Gottesdienst kann hier auch keiner mehr gehen. Das strahlend weiß getünchte Kirchlein wird heute als städtisches Museum genutzt. Es zeigt Grabungsfunde.

 

Paar fotografiert sich in Verkehrsspiegel
Das Kirchlein hinter uns wird heute als Museum genutzt

 

An der allerhöchsten Stelle des Felsmassivs das mittelalterliche Kastell. Es ist bestens erhalten. Auch hier tut sich wieder ein sagenhaft schöner Panoramablick über den Alentejo auf.

 

 

Camping bei Marvão: Zwischen Marvão und Castelo de Vide gibt es zwei kleine idyllische Campingplätze, den → Camping Asseiceira und den → Camping Beira Marvão. Wir haben dort allerdings selbst nicht übernachtet.

 

PORTALEGRE: KREISSTADT MIT LEICHT MORBIDEM FLAIR

Marvão – Portalegre: 20 km

Portalegre ist ein hübsches Städtchen in herrlicher Lage. 22.000 Einwohner zählt es. Gleichzeitig aber haftet Portalegre etwas Morbides an. Der Putz blättert ordentlich. Viele Häuser stehen zum Verkauf.

Ein Gassenlabyrinth ringelt sich den Hang hinauf, der von der alles überragenden Kathedrale gekrönt wird. Leider ist die Kirche bei unserem Besuch dicht und der ganze Platz davor eine Baustelle.

 

 

Stattdessen besichtigen wir die Burg – sie ist kostenlos zugänglich. Der ältere Teil stammt aus dem 13. Jahrhundert, der hölzerne Anbau hingegen aus dem Jahr 2006. Von oben blicken wir auf einen Ziegeldachteppich:

 

Blick auf eine historische Stadt
Ausblick von der Burg

 

Apropos Teppich: Vor Ort befindet sich auch eine → Tapisseriemanufaktur, die, so steht’s im Reiseführer, zu den besten der Welt gehört und gelegentlich besichtigt werden kann. Uns bleiben die Tore leider verschlossen.

Dafür entdecken wir nebenan einen spannenden Lost Place: die ehemalige Korkfabrik Robinson. Einst war sie der größte Arbeitgeber des Städtchens, in guten Zeiten standen bis zu 2000 Arbeiter auf der Lohnliste. 2009 wurde die Fabrik geschlossen. Durchs Fenster kann man noch Kartons voller Ware entdecken. Als wären die Arbeiter nur kurz mal in der Mittagspause…

 

 

Wusstet Ihr übrigens, dass Portugal weltgrößter Produzent in Sachen Kork ist? Er wird vom Stamm der Korkeiche geschält, bei lebendigem Leibe sozusagen. Der Baum wird dafür nicht gefällt. Kork dient nicht nur als Weinverschluss, sondern auch als atmungsaktives Bau- und Dämmmaterial.

Zusatztipp: Zwischen Portalegre und Évora liegt Elvas, eine Stadt, die wir aus unerfindlichen Gründen ausgelassen haben. Sollte man aber nicht tun, wie wir im Nachhinein lasen und uns furchtbar ärgerten. Elvas ist seit 2012 wie Évora Weltkulturerbe. Einen Artikel zu Elvas findet Ihr auf dem Blog → Portugalismo.

 

ÉVORA: DIE KÖNIGIN DES ALENTEJO

Portalegre – Évora: 60 km

Steinalt und studentisch. Antik und jung. Évora ist alles, in jedem Falle aber UNESCO-Weltkulturerbe, und das zu Recht. Was für eine Beauty! Trotz ihres vornehmen Titels ist die Bilderbuchstadt alles andere als überlaufen, zumindest nicht im Oktober.

 

Praça do Giraldo: Der Treffpunkt der Stadt

Egal von wo man kommt: Durch irgendeine Mauer muss man immer. Évora ist komplett von einem Mauerring aus dem 14. Jahrhundert umgeben.

Unser erstes Ziel: die Praça do Giraldo, der Treffpunkt der Stadt. Teenies sitzen am marmornen Heinrichsbrunnen, schlotzen Eis. Drum herum Häuser mit schön-schattigen Arkaden.

 

Brunnen am Platz einer schönen Stadt
Praça do Giraldo

 

Auf dem Götterberg: Kathedrale und Tempel

Eine für ein Welterbestädtchen überaus schüchtern daher kommende Souvenirgasse führt vom Hauptplatz zur romanisch-gotischen Kathedrale. Das gedrungene mittelalterliche Trumm wirkt wehrhaft. Ein Eyecatcher ist das Eingangsportal mit den zwölf Aposteln, von denen skurrilerweise zehn das gleiche Gesicht haben:

 

Gotisches Portal einer Kirche
Geklonte Apostel am Portal der Kathedrale von Évora

 

Hinweis: Die Sé-Kathedrale kostet Eintritt. Im Ticket sind auch die Besteigung des Turms und die Besichtigung des Kreuzgangs inbegriffen.

 

In Nachbarschaft der Kathedrale fühlt man sich an Griechenland oder die Türkei erinnert. Dort nämlich recken sich die stattlichen Überreste eines römischen Tempels mit 14 korinthischen Säulen dem portugiesischen Himmel entgegen.

 

Antiker Tempel mit Säulen
Tempelruinen in Évora

 

Die Knochenkapelle

Die Igreja de São Francisco hat eine Besonderheit, die die Touristen in Scharen anlockt: ihre spooky Knochenkapelle. Über und über sind die Wände mit Totenschädeln und Knochen verkleidet.

„So wie wir werdet Ihr auch bald aussehen“, scheinen uns die Knochenköpfe zu sagen. Dass man sich nicht in der Geisterbahn, sondern an einem Ort der Andacht befindet, vergisst hier übrigens der eine oder andere Tourist gerne.

 

Mit Knochen ausgekleidete Kapelle
Spooky place: Knochenkapelle der Igreja de São Francisco

 

Schaut Euch auch das Museum für sakrale Kunst über der Kapelle an!

 

Gassenspaziergang

Für das historische Zentrum sollte man sich Zeit nehmen. Es ist von einnehmender Schönheit. So schmal sind hier viele Gassen, dass man sie nicht zuparken kann – was die Altstadt gleich nochmals fotogener macht. Diese Stadt war nie für Autos geplant, sondern ausschließlich für Fußgänger, Esel und Pferdekutschen.

 

Historische Gasse weiß-orange
Gassenzauber in Évora

 

Mit Glück kommt Ihr wie wir am Aquädukt vorbei, das aus dem 16. Jahrhundert stammt. Zwischen die Arkaden des Aquädukts quetschen sich Häuser.

 

Häuser in ein Aquädukt gebaut
Am Aquädukt

 

Wir stolpern übers Kopfsteinpflaster, grüßen den Barbier in seinem filmreifen Salon unter uraltem Gewölbe. Wir spazieren durch Passagen und Torbögen, spitzen in Höfe mit maurischen Steinmetzarbeiten. Passieren verwunschene Gärten. Évora, was bist du sexy!

 

Évora by night

Wenn dem Tag das Stündlein schlägt, werden die Tische in der schmalen Restaurantgasse nahe der Kathedrale eingedeckt. Ansonsten ist abends nicht allzu viel los im Städtchen. Évoras Nächte sind kurz. Die Bürgersteige werden früh hochgeklappt.

 

Eingetischte Gasse einer Altstadt
Restaurantgasse nahe der Kathedrale

 

Das soll Euch aber keinesfalls davon abhalten, im Licht der Funzellaternen umherzuschlendern. Die leeren Gassen werden dann gleich noch einen Zacken atmosphärischer, zumal fast jedes Haus seine eigene Laterne hat. Schaut mal, wie romantisch sich die Stadt im Abendkleid präsentiert:

 

Camping in Évora: Der komfortable Campingplatz → Orbitur Évora mit diversem Schnickschnack und Pool liegt ca. 2 km südwestlich des Zentrums. Empfehlenswert.

 

BEJA: KIRCHEN, KIRCHEN, KIRCHEN

Évora – Beja: 80 km

Durch das sanfte Auf und Ab der alentejanischen Hügellandschaft geht es nach Beja (24.000 Einwohner). Trotz so einiger Sehenswürdigkeiten wird die Stadt in unserem Reiseführer als „bescheiden“ und „untouristisch“ beschrieben. Klingt nach einem Ort, der uns gefallen könnte.

Und in der Tat: Beja hat was. Weiß wie aus der Zahnpastawerbung, friedlich, freundlich. Klar darf auch hier eine Burg nicht fehlen. Dazu gibt es eine Reihe von spannenden Sakralbauten in verschiedenen Größen.

 

Durch einen Torbogen fotografierte Gasse mit weißen Häusern
Weißes Städtchen: Beja

 

Am Largo dos Duques de Beja steht ein imposanter Klosterbau, der Convento da Conçeição mit spätgotischem Portal und grimmig dreinblickenden Wasserspeiern. Im Inneren ist ein Regionalmuseum untergebracht. Dort könnt Ihr wunderschöne Azulejos bewundern.

 

Gedrungene gotische Kirche
Convento da Conçeição

 

Die blütenweiße kleine Igreja de Santo Amaro (Rua Antero de Quental) wird heute ebenfalls als Museum genutzt. Auch wenn sie so frisch und faltenfrei daherkommt, ist sie doch eine der ältesten Kirchen des Landes: Mit ihrem Bau wurde im 10. Jahrhundert begonnen. Bei uns war das Museum der westgotischen Kultur darin leider geschlossen. Vielleicht habt Ihr mehr Glück.

 

Weiße kleine Kirche
Faltenfrei trotz hohen Alters: Igreja de Santo Amaro

 

An der Praça da República schließlich entdecken wir die Misericórdia-Kirche, die eigentlich als Schlachthalle geplant war. Heute wird darin weder geschlachtet noch gebetet, sondern Kunsthandwerk verkauft.

 

 

Danach trinken wir einen Galão in einem der Cafés am Platz und beobachten die Szenerie. Vornehmlich Schwarze, mehr Männer als Frauen, sind heute im Städtchen unterwegs. Es ist Sonntag. Die Arbeiter, die auf den Farmen rund um Beja schuften, haben ihren freien Tag. Tausende von Geflüchteten aus Afrika leben in Containersiedlungen rund um die Stadt und malochen weit unter dem Mindestlohn als illegale Erntehelfer. Pflücken Oliven, Beeren oder Trauben. Portugiesen wollen diese harte Arbeit längst nicht mehr verrichten.

Camping in Beja: Ein einfacher, baumbestandener Platz liegt südlich des Zentrums an der Avenida Vasco da Gama. Er wird von der Stadt betrieben und ist daher sehr günstig.

 

SERPA: ACHTUNG, NICHT WECKEN!

Beja – Serpa: 28 km

Die Alentejaner gelten als sehr langsam, sozusagen als die Schweizer der iberischen Halbinsel. Sie sind die Ruhe selbst. Sehr sympathisch. In ihrer Reinform findet man diese Mentalität in der ultracharmanten Kleinstadt Serpa. Serpa ist eine echte Schnarchnase und ein Ort, in den man sich schnell verguckt. Wir jedenfalls.

Gefühlt sind hier nur die Tiere aktiv: Hunde kläffen am Tage, Katzen schreien nachts. Die Serpaner hingegen scheinen Hektik nicht zu kennen. Sie sitzen ganz entspannt in den kleinen Bars vor ihren Sagres-Fläschchen. Viele davon sind nicht mehr die jüngsten, tragen Schnauzer und Schildmütze.

Die Gassen sind oft so eng, dass Autos ihre Ohren anlegen müssen. Sie werden gesäumt von weißen, teils nur einstöckigen Häuschen. Anzugucken gibt es im Städtchen die üblichen Verdächtigen: eine Burg, Kirchen, kleine Museen.

 

Platz in einer historischen Kleinstadt
Serpa: Entspannter wird’s kaum

 

Zu diesen Sights gesellt sich noch ein Aquädukt, das filigran auf der Stadtmauer tänzelt. Es wurde allein gebaut, um einen mächtigen Adelspalast mit Wasser zu versorgen. Durch diesen werden heute Führungen angeboten.

 

 

Restaurant mit laufendem Fernseher
Restaurante A Piscina

Vor Ort wird leckerer Käse produziert. Auch Wein und Olivenöl könnt Ihr kaufen. Gut gekocht wird im → Restaurante A Piscina, das dem örtlichen Freibad angeschlossen ist. Neben deftiger alentejanischer Hausmannskost gibt es hier leckere Lulas und gegrillte Sardinen. Dazu läuft der Fernseher – das freundlich geführte Restaurant ist gleichzeitig eine von mehreren Dorfkneipen.

Einen Tag lang erkunden wir die karge Landschaft rund um Serpa mit Wanderschuhen. Ein 13 Kilometer langer Rundweg führt ums Städtchen. Die Route ist nicht sonderlich spektakulär, gibt aber gute Einblicke in den Alltag dieses trockenen Landstrichs. Hier findet Ihr eine Karte zur Orientierung.

 

 

Camping in Serpa: Die Kirsche auf dem Serpa-Kuchen war für uns der freundliche, direkt im Ort gelegene Camping Municipal neben dem Schwimmbad (Rua do Parque de Campismo, Tel. 284540193). Sehr sauber und gepflegt, Grillstellen, sehr günstig.

 

LOST PLACE MINA DE SÃO DOMINGOS: DAS VERLASSENE BERGWERK

Serpa – Mina de São Domingos: 39 km

Eine aufgegebene Erzmine samt Giftsee klingt für den Genussurlauber nicht unbedingt nach einem lohnenden Etappenziel im Alentejo. Wer jedoch wie wir gerne Lost Places besucht, sollte da unbedingt hin.

In dem nach der Mine benannten Dorf lebten noch in den 1960er-Jahren bis zu 10.000 Menschen. Heute sind es keine 500 mehr. Das aufgegebene Bergwerk selbst präsentiert sich als eine bizarre Mischung aus Open-Air-Museum und Lost Place. Wer hin will, schaut sich am besten mal unseren → Artikel zur Mina de São Domingos an.

 

Ruinengelände

 

MÉRTOLA: POSTKARTENIDYLL ÜBER DEM RIO GUADIANA

Mina de São Domingos – Mértola: 18 km

Auch die letzte Station unseres Roadtrips durch den Alentejo entpuppt sich als durch und durch knuffiges Städtchen. Unten der Rio Guadiana. Darüber, von einer Festungsmauer umschlossen, Mértola. Hinter der Mauer die Häuser dicht gedrängt zu Füßen des Burghügels. Das Städtchen gilt als besterhaltener maurischer Ort Portugals. Nehmt Euch Zeit für den Besuch, hier kann man locker einen Tag verbringen!

 

Festungsstadt über einem Fluss
Letzte Station unseres Roadtrips durch den Alentejo: Mértola

 

Die Bewohner von Mértola müssen ordentlich Beinmuskulatur haben, denn mit dem Auto erreicht man nur wenige Häuser in dem steilen Wirrwarr aus Passagen und Treppenwegen. Dazwischen Azulejos und bunte Blumen. In den Gärten hängen die Bäume voller Orangen. Kapellchen blicken ins Tal.

 

Haus mit verkachelter Fassade und Kapelle
Mértola: Enge Gassen, verkachelte Häuser, ins Tal blickende Kapellen

 

Auf dem Weg hinauf zur Festung kommen wir ins Schwitzen. Wie heiß es hier wohl im Sommer sein mag? Jetzt Ende Oktober zeigt das Thermometer 26 Grad an. Wir passieren die Pfarrkirche. Ihre bewegte Biographie – erst römischer Tempel, dann Moschee, heute Kirche – ist ihr anzusehen.

 

Schneeweiße Kirche
Mértola Pfarrkirche

 

Geht unbedingt hinein! Im eleganten, quadratischen Inneren stützen filigrane Säulen das spätgotische Gewölbe. In der einstigen, gen Mekka gerichteten Gebetsnische steht heute eine Madonna.

 

Weißes Kreuzrippengewölbe
Schneeweiß auch die Gewölbedecke

 

Etwas weiter könnt Ihr ein überaus spannendes Ausgrabungsareal aus römischer Zeit besichtigen, mit einem unterirdischen Gewölbegang und noch teilweise erhaltenen Bodenmosaiken.

 

Unterirdischer Gewölbegang
Mértola: Besichtigung des Ausgrabungsareals

 

Camping in Mértola: Einen Campingplatz gibt es nicht, dafür einen kostenlosen Stellplatz unten am Fluss. Doch Achtung: Der Rio kann bisweilen ganz schön stinken, da geht zuviel Abwasser rein.

 

Mehr Alentejo zum Weiterlesen

Lorenz vom Blog Sirenen & Heuler war ebenfalls im Alentejo und hat entspannte Tage in Belver und Castelo Branco verbracht, wo wir selbst nicht waren: Alentejo – Sommertage am Fluss

 

Literaturtipp

In Michael Müllers umfangreichem Reiseführer → Portugal gibt es auch ein langes Kapitel zum Alentejo. Empfehlenswert!

 

Mehr Portugal hier auf dem Blog

 

6 Kommentare

  1. Liebe Gabi und lieber Michael,
    schon Euer Artikel über die Mina de São Domingos hat mir sehr gefallen, da war ich jetzt sehr neugierig, was Ihr über all diese wohlklingend benannten Städte zu berichten habt. Ich kenne sie durchaus allesamt, aber ich habe sie wohl nie mit Euren Augen gesehen und bekomme nun Lust, Eurem Roadtrip nachzureisen. Ich war allerdings häufiger im August in der Gegend und auch mit Hitze macht das Alentejo viel her. Es fühlt sich schon sehr an, wie das nahe Marokko, und die Landschaft wirkt schon beinahe wie die Sahel-Zone. Besonders gefällt mir am sommerlichen Alentejo die Wärme, die auch nachts bleibt, während die Hitze in den Küstengebieten Portugals des Nächtens oft einer fast unangenehmen Frische weicht. Im Sommer ist in Évora durchaus noch etwas mehr los, da habe ich abends mal ein improvisiertes Open Air Kino entdeckt und es war herrlich den alten Filmen zu zu schauen. Gerade habe ich gesehen, dass es im Oktober sogar ein Kurzfilmfestival gibt.
    Und ja, Mértola will ich auch unbedingt mal wieder besuchen. Ich habe damals nur die Kirche angeschaut und die Stadt drumherum gar nicht wirklich wahrgenommen. Jetzt lese ich bei Euch einmal mehr, wie viel mir da entgangen ist. Ganz besonders gefallen hat mir der Hinweis auf die römischen Ruinen, von denen ich tatsächlich noch nichts gehört habe. Also da fahre ich diesen Sommer auf jeden Fall nochmal hin.
    Herzlichen Dank für die gemütliche Reise. Até breve!
    Jens

    • Lieber Jens,

      herzlichen Dank einmal wieder für dein informatives Feedback. Spannend, wie jeder einen Ort oder eine Region ganz anders erlebt, je nachdem, wann man eben auch da ist. Dass es da nachts warm ist, können wir uns gar nicht vorstellen, weil wir tatsächlich teils gefroren haben wie die Schneider, obwohl es tagsüber wirklich noch angenehm war. Viel Spaß im Alentejo, vielleicht liest man bei dir ja demnächst auch noch die eine oder andere Geschichte über diese wirklich schöne Landschaft. Herzliche Grüße aus Berlin, Gabi und Michael

  2. Liebe Gabi, lieber Michael

    Den Alentejo habe ich vor 30 Jahren einmal durchquert. Damals ging es nur darum, auf dem schnellsten Weg von der Algarve nach Lissabon zu kommen. Gerade eben habe ich die Region wieder auf meine Liste gesetzt. Euer Bericht macht Lust auf ausführliche Entdeckungen. In Gedanken bin ich schon am Planen …

    Viele Grüße
    Carola

    • Liebe Carola, oh, dann wird es höchste Zeit, da mal wieder hinzufahren. Die Algarve fehlt mir (Gabi) übrigens noch. Aber eine Reise dorthin wird hoffentlich irgendwann auch hinhauen. Beste Grüße und danke fürs Feedback!

  3. Liebe Gabi, lieber Michael,
    meine letzte Reise durch den Alentejo liegt schon eine Weile zurück. Eine menschenleere Landschaft mit Oliven, Weinfeldern und Korkeichen – wunderbar melancholisch. Das habe ich auch so empfunden. Und mit richtig tollen Rotweinen! Vielen Dank, dass ihr mich in Gedanken noch einmal mitgenommen habt! Und beim nächsten Mal die wilde Küste nicht verpassen …
    Liebe Grüße
    Elke

    • Liebe Elke, wir waren nach so vielen Wochen Atlantik ein bisschen „fed up“ von Stränden und Ferienorten und fanden es super, durchs Hinterland zu kurven und natürlichen Kleinstadtalltag mitzubekommen. Aber wir waren da sicherlich nicht zum letzten Mal. Nächstes Mal kommt die Küste dran. Oh ja, die Weine waren toll… Liebe Grüße zurück!

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