Wer als Wanderer im Böhmerwald unterwegs ist, steht vielleicht urplötzlich vor einem Kreuz im Wald, das an die Opfer des Ersten Weltkrieges erinnert und heute das einzige Überbleibsel eines verschwundenen Dorfes ist. Mit der Vertreibung der Deutschböhmen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren viele tschechoslowakische Orte entlang der bayerischen und österreichischen Grenze völlig entvölkert. Etliche Dörfer, die der Grenze zu nahe standen, wurden nach 1945 dem Erdboden gleichgemacht oder verfielen.

Lost Villages.

Doch nicht nur die Vertreibung der Deutschen ist ein Grund für die vielen Ruinen und verlassene Orte Tschechiens, für Lost Places, für Verwahrlosung und Vernachlässigung. Was ist nicht alles passiert in der Zeit des Kalten Krieges? Aus prächtigen Schlössern wurden Militärposten, Behindertenheime oder Schulen. Klöster wurden geplündert, ihre Mönche und Nonnen vertrieben. Schließlich vergammelte der Sozialismus selbst. Und mit ihm all seine Errungenschaften – landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, Industrieanlagen, Kultur- und Sportzentren.

Ruinen im Wald bei Tachov in Tschechien
Bei Tachov: Kirchenruinen im Wald

Wer aufmerksam durch das Land streift, begegnet noch heute, 30 Jahre nach dem Untergang des Sozialismus, vielerorts den Narben und Ruinen dieser wechselvollen Geschichte. Ein paar davon möchten wir Euch vorstellen. Wir nehmen Euch mit nach Westböhmen, eine Region, die einst vornehmlich von Deutschen besiedelt war. Bekannteste Orte: Karlsbad, Marienbad, Pilsen.

Unsere Lost Places in Westböhmen auf einen Blick

Ein Kurort in Ruinen: Kyselka bei Karlsbad

Marode Häuser in Westböhmen
Verlassener Ort Kyselka

Kyselka, das ehemalige Gießhübel zwölf Kilometer nordöstlich von Karlsbad, war ein feudaler kleiner Kurort am Flusslauf der Eger, die sich hier durch ein reizvolles schmales Tal windet. Er entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mit saueren Wässerchen versuchten in Gießhübel alle möglichen Bonzen wieder gesund zu werden. Man flanierte durch gepflegte Parkanlagen und wohnte in Stuckpalästen und hübschen Fachwerkvillen.

Und heute? Heute ist Kyselka derart marode, dass es nur so kracht im Gebälk. Nach der Vertreibung der Deutschen wurde der Kurort unter die Aufsicht der Tschechoslowakischen Staatsbäder gestellt. Statt Grafen und Baroninnen kamen nun Kinder von Arbeiter und Bauern. Doch das funzte nicht so richtig. Peu à peu wurde ein Gebäude nach dem anderen aufgegeben und verlassen.

In den 1990er-Jahren gab es Pläne, Kyselka als eine Art romantisches Disneyland für den Tourismus wieder attraktiv zu machen. Funzte auch nicht. Bis heute zögern unübersichtliche Eigentumsverhältnisse die dringend notwenige Restaurierung des Areals hinaus. Einige Gebäude wurden immerhin schon notgesichert.

Die Quellen von damals sprudeln bis heute: Kyselka ist Heimat des schmackhaften Mattoni-Tafelwas­sers, eines spritzigen Sauerbrunnens. Seinen Namen hat es von Heinrich Edler von Mattoni (1830–1910), der Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Vertrieb des Giesshübler Sauerbrunns be­gann. Vor Ort gibt es ein Mattoni Muzeum und einen Mattoni-Lehrpfad. Das Wässerchen könnt Ihr auch vor Ort probieren und abfüllen – einfach den Sauerbrunnenfans hinterher, die mit ihren vom Eisen rostbraun gefärbten Flaschen zur Quelle pilgern.

+++ WO ÜBERNACHTEN? Am besten in Karlsbad. Sehr gemütlich, stilvoll und ruhig ist das Hotel Malé Versailles, in dem schon Goethe nächtigte. DZ ab 90 Euro. +++ WO CAMPEN UND ESSEN? Nächstgelegener Platz ist Na Špici im nördlich an Kyselka angrenzenden Dorf Radošov. Direkt an der Eger gelegen, ziemlich abgerockt aber noch okay, mit einfachem Restaurant. +++

Schönste Ruine Westböhmens: Das Kaiserbad in Karlsbad

Kaiserbad in Karlsbad
Im Kaiserbad

Bleiben wir in der Region. Karlsbad, das heute Karlovy Vary heißt, ist der mit rund 49.000 Einwohnern größte und mondänste Kurort Tschechiens. Beliebt bei der russischen Mafia, die sich hier eingekuschelt hat. Und beliebt auch bei Tagestouristen aus Prag, die den lieben langen Tag die Selfiesticks duellieren lassen.

Sechs prachtvolle Kurhäuser verteilen sich im Zentrum von Karlovy Vary. Der Superlativ darunter: das Kaiserbad (Císářské lázně) im Stil der französischen Renaissance ganz im Süden der Stadt. 1895 wurde es feierlich eröffnet. 1990 wurde der Betrieb eingestellt. Danach stand es leer. Erst 20 Jahre später wurde mit Instandhaltungsarbeiten begonnen, um es vor irreparablen Schäden zu schützen. Sie sind bis heute nicht abgeschlossen – ein Fass ohne Boden.

Während der Restaurierungsarbeiten, die sich noch über Jahre hinziehen werden, gibt es immer wieder längere Abschnitte, in denen Trakte des Gebäudes für die Besichtigung geöffnet werden. Dann darf man für einen Obolus durch die heiligen Hallen schlendern und vielleicht sogar den prunkvollen Zandersaal sehen, der einst als Fitnessraum diente. Oder das Privatbad des Kaisers.

Einzeln stehende Badewanne in einem historischen Gebäude
Ist es nicht schön? Kaiserbad in Karlsbad

Übrigens war auch Daniel Craig schon hier. Im Kaiserbad wurden im Jahr 2006 Szenen des 007-Agententhrillers Casino Royale gedreht. Daniel war angeblich schwer angetan vom deftigen böhmischen Essen. So viele Knödel soll er gefuttert haben, dass er für die weiteren Dreharbeiten auf Diät gesetzt werden musste.

+++ WO ÜBERNACHTEN UND ESSEN? Wie oben schon erwähnt: Sehr gemütlich, stilvoll und ruhig ist das Hotel Malé Versailles. DZ ab 90 Euro. Angeschlossen ist auch ein gutes Restaurant mit schöner Sommerterrasse. +++ WO CAMPEN? Karlsbad besitzt keinen Campingplatz, nächster Platz in Radošov bei Kyselka (siehe oben). +++

Stilles Dorf im Nirgendwo: Útery

Frau sitzt vor einem Brunnen am Dorfplatz in Utery in Westböhmen
Kulisse ohne Leben: Dorfplatz von Útery

Ein Hund bellt in der Ferne. Sonst ist es mäuschenstill in Útery 26 Kilometer östlich von Marienbad. Vermutlich wären die 470 Einwohner ganz schön sauer auf uns, wüssten sie, dass wir ihr Dorf hier unter „Lost Places in Westböhmen“ listen. Tatsächlich muss man aber nur auf die Bevölkerungsentwicklung schauen, um festzustellen, dass in Útery nichts mehr ist, wie es einmal war. Um 1900 nämlich war das Dorf noch ein Kleinstädtchen und hieß Neumarkt. Damals lebten hier über 1000 Menschen.

Heute empfängt einen hier ein Ort, dem das Leben entwichen ist. Aber was für ein pittoresker! Kein Wunder, dass Útery schon mehrmals als Kulisse historischer Filme diente. Rund um den kopfsteingepflasterten Marktplatz mit einem Brunnen in der Mitte und in den pastellfarbenen Gassen dahinter stehen ein paar Fachwerkhäuser. Auf einer kleinen Anhöhe erhebt sich eine frühbarocke Kirche.

Bei einem Spaziergang stoßen wir auf das ehemalige Rathaus, das vor sich hinwittert. Der deutsche Schriftzug „Rathaus“ ist auch über 70 Jahre nach der Vertreibung der Deutschen noch zu erkennen:

Frau steht vor einem verwitterten Gebäude mit der Aufschrift "Rathaus" in Utery

+++ WO ÜBERNACHTEN UND ESSEN? Die Dorfkneipe hat nicht immer geöffnet, ein Hotel gibt es nicht. Am besten nächtigt man im knapp 10 km südlich gelegenen Kurort Konstantinovy Lázně. Wir finden dort das Hotel Jitřenka gut. Die Zimmer sind zwar schlicht (DZ ab 50 Euro), aber das rustikale Restaurant ist außerordentlich gut (Rehpastete und Tartar probieren!) +++ WO CAMPEN? Der Camping La Rocca in Konstantinovy Lázně bietet eine eingezäunte Wiese, akzeptable Sanitäranlagen und einen Pool. Schön aber ist was anderes! Leider gibt es keine wirkliche Alternative. +++

Eine Kirche im Wald und ein Wald in der Kirche: Světce bei Tachov

Grandios. Ein Muss! Im zwei Kilometer westlich von Tachov gelegenen Vorort Světce (Heiligen) steht nicht nur eine überaus imposante Reitschule aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Einen Steinwurf entfernt dämmern auch die Ruinen einer mächtigen Kirche vor sich hin. Die Kirche war Teil eines Klosters, das 1785 im Zuge der josephinischen Reformen aufgegeben wurde. Im 19. Jahrhundert sollte die Kirche in einen von der Adelsfamilie Windischgrätz initiierten Schlossneubau integriert werden. Das Schloss jedoch wurde nie vollendet, lediglich die Reitschule.

Kirchenruinen im Wald
Die Ruinen von Světce: Die ehemalige Reitschule konnte restauriert werden, die ehemalige Kirche wird langsam ein Teil des Waldes

In kommunistischer Zeit dämmerten Kirche und Reitschule als romantische Ruinen vor sich hin. Während die Reitschule nach dem Niedergang des Sozialismus durch Renovierung vorm Verfall gerettet werden konnte, ist aus der Klosterkirche ein Lost Place vom Feinsten geworden – in ihrem Inneren wuchert heute Wald. Das Gelände ist frei zugänglich. Die Reitschule hingegen kann bislang nur an wenigen Tagen im Jahr im Rahmen von Führungen besichtigt werden, aktuelle Infos gibt es hier.

+++ WO ÜBERNACHTEN? In Tachov vorrangig einfache Unterkünfte wie die Pension Praha im Zentrum, DZ 34 Euro +++ WO ESSEN? Das River Restaurant bietet eine für ein Provinznest wie Tachov außergewöhnlich gute Küche, auch an Vegetarier wird gedacht. +++ WO CAMPEN? Kein Campingplatz vor Ort. +++

Lost Pool: Schwimmbecken bei Brod nad Tichou

Verwahrloster Swimmingpool in Tschechien

Am Arsch der Heide, im bewaldeten Bachtal des Karolinengrundes zwei holprige Kilometer südlich des 260-Einwohner-Dorfs Brod nad Tichou, finden wir einen Lost Pool – eine von so unglaublich vielen kleinen Überraschungen, die das Land bereit hält. Das Freibad besteht aus einem 25-Meter-Becken samt Kinderpool. Moosüberwachsen, die Absprungsockel völlig verwittert, die Geländer verrostet.

Im 19. Jahrhundert soll es hier ein Hüttenwerk mit einem Hochofen gegeben haben. Später ein Werk für Steinskulpturen, das Grabsteine bis nach Prag, Wien und Budapest verkaufte. Von alledem heute keine Spur mehr.

Neben dem Pool steht nur noch ein traurig dreinblickendes Erholungsheim, dessen Fenster mit Spanholzplatten verrammelt sind. Wir laufen auf dem Beckengrund umher. Staunen. Fotografieren. Und fahren weiter.

+++ WO? Das Dorf Brod nad Tichou liegt ca. 4 km südlich der Kleinstadt Planá. In Brod folgt man den Schildern zum Campingplatz Karolina. Den Pool seht Ihr kurz vor der Einfahrt zum Campingplatz rechter Hand +++ WO ÜBERNACHTEN, ESSEN UND CAMPEN? Das idyllisch gelegene, gepflegte Camp Karolina vermietet auch Bungalows, dazu gibt es ein Restaurant. +++

Tote Seelen: Der Friedhof von Rabštejn nad Střelou

„Hier ruhet in Frieden Schieferdeckermeister und Realitätenbesitzer Johann Fischer.“

Verwachsene Pfade winden sich durch den an einen Hang gelehnten Friedhof von Rabštejn nad Střelou, dem einstigen Rabenstein, das heute gerade noch rund 20 ständige Einwohner hat und sich gerne als kleinste Stadt Mitteleuropas bezeichnet. Rabenstein ist einer von jenen Orten, wo sich Fuchs und Hase gerne Gute Nacht sagen.

„Hier ruhet in Gott Wenzel Stalla, Landwirt aus Jablon.“

Auf dem hiesigen Friedhof, der im wahrsten Sinn des Wortes etwas Morbides hat, liegen Menschen begraben, um deren Gräber sich keiner mehr kümmert. Keiner mehr kümmern kann. Deren deutschböhmische Nachfahren nach 1945 aus ihrer alten Heimat vertrieben wurden und in Stuttgart, Hof oder Hamburg eine neue Heimat fanden. Deren Ururenkel meist nicht wissen, dass die Ururoma mal in einem Hänsel-und-Gretel-Setting lebte oder dort irgendwann nicht mehr leben durfte. Weil sich Menschen zu hassen begannen, die viele Jahrzehnte über friedlich Tür an Tür wohnten.

Historischer Friedhof mit alten deutschen Gräbern in Tschechien
Morbide im wahrsten Sinne des Wortes: Friedhof von Rabštejn nad Střelou

„Hier ruhet in Frieden Josef Schulde, Gasthofbesitzer und Wirtschaftsbesitzer aus Neuhof.“

Wir schauen uns um. Denken an die eigene Familie. An Gabis Mutter, Flüchtlingskind aus Breslau. An Michaels Oma, vertrieben aus Ostböhmen. Nie hat sie das Riesengebirge vergessen. Kochte bis ans Ende ihrer Tage Lendenbraten mit Hefeknödeln, süße Dillsauce und Schinkenfleckerl.

In den Nullerjahren, als sie schon die Neunzig überschritten und den Ort ihrer Jugend fast 60 Jahre nicht mehr gesehen hatte, fuhren wir mit ihr in die alte Heimat, nach Trutnov, dem ehemaligen Trautenau. In flüssigem Tschechisch fragte sie nach dem Weg. Führte uns zu einer einsam im Wald gelegenen Wallfahrtskirche, zu ihrer tschechischen Sandkastenfreundin, die noch lebte (!), und schließlich auf den Friedhof zum Grab ihrer Familie.

Und was gibt es heute sonst noch so in Rabštejn, dessen Häuser über dem Flusslauf der Střela einen steilen Hang hinaufklettern? Ein kleines Heimatmuseum, ein leer stehendes, nicht zugängliches Kloster und ein Barockschloss, durch das im Sommer zuweilen Führungen angeboten werden.

+++ WO? Rabštejn nad Střelou liegt ca. 40 km nördlich von Pilsen mitten in der Pampa. Zugang zum Friedhof vom Parkplatz beim Kloster. +++ WO ÜBERNACHTEN UND CAMPEN? Keine empfehlenswerten Möglichkeiten vor Ort. Campern empfehlen wir den Autocamp Bolevák am Nordrand von Pilsen. Für einen Stadtcamping fast schon idyllisch am See gelegen, an den Sanitäranlagen muss man aber noch etwas arbeiten. +++ WO ESSEN? Nahe dem Friedhof lädt das kleine Lokal U Laury auf seine idyllische Terrasse. Typisch böhmische Küche zwischen Gulasch und Ente. +++

Creepy: Augustinerkloster in Pivoň

Dieser Lost Place liegt mitten im Tschechischen Wald, am nördlichen Ortsausgang des Paarhäuserdorfs Pivoň (früher Stockau). Zu Füßen der gruseligen Ruinen des Klosters gibt es eine Reihe von Karpfenteichen. Im 13. Jahrhundert wurde das Augustiner-Eremitenkloster gegründet, im späten 18. Jahrhundert im Zuge der josephinischen Reformen aufgelöst. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Kloster von der Adelsfamilie Coudenhove-Kalergi als Schloss genutzt. Nach einem Brand im Jahr 1953 blieb von dem Gebäudekomplex das übrig, was man heute noch sieht. Eine Besichtigung ist spannend –wegen Einsturzgefahr aber eigentlich verboten…

Den fantastischen Ort, den Ihr mit großer Wahrscheinlichkeit für Euch alleine haben werdet, solltet Ihr schnell aufsuchen. Denn die Tages dieses westböhmischen Lost Places scheinen gezählt: Das Dach der Kirche war bei unserer letzten Stippvisite im Sommer 2019 bereits neu gedeckt.

+++ WO? Das Dorf Pivoň liegt ca. 6 km südwestlich des Orts Poběžovice in the middle of nowhere und ganz nahe an der deutschen Grenze. +++ WO ÜBERNACHTEN? Am besten in der hübschen, 20 km südöstlich gelegenen Kleinstadt Domažlice. +++ WO ESSEN? Keine Möglichkeit vor Ort. WO CAMPEN? Ebenso Fehlanzeige. +++

Das Hotel auf dem Klínovec

Klínovec, auf Deutsch Keilberg, ist der mit 1244 Metern stolzeste Hügel des Erzgebirges. Auf seinem höchsten Punkt befinden sich ein mit Satellitenanlagen bestückter Sendeturm und eine verwaiste, im Verfall begriffene Hotelanlage. Daneben ein Aussichtsturm.

Die Hotelgeschichte in Kürze: Bereits um 1893 entstand auf dem Gipfel des Keilbergs eine erste Herberge, die bis 1927 sukzessive erweitert wurde. Irgendwann besaß das Haus um die 30 Zimmer und war sogar recht luxuriös – selbst eine Zentralheizung gab es. Während der sozialistischen Ära erholten sich hier Militärangehörige. Nach 1990 wurde das mittlerweile marode Gebäude zum Spekulationsobjekt. Es ging durch mehrere Hände, stand mal zum Verkauf und mal wieder nicht. Zuletzt war es im Besitz des nahen Städtchens Boží Dar.

Der Aussichtsturm neben dem Hotel kann im Sommer bei gutem Wetter für umgerechnet zwei Euros bestiegen werden. Der Turm ist trotz seines historischen Mäntelchens erst ein paar Jahre alt. Der Originalturm war in einem so desolaten Zustand, dass es billiger war, ihn abzureißen und originalgetreu wieder aufzubauen als zu restaurieren. Aber ehrlich gesagt: Die Aussicht von oben ist nicht viel besser als vom Parkplatz davor.

+++ WO? Ca. 30 km nördlich von Karlsbad, eine Fahrstraße führt bis zum Gipfel. Es gibt auch eine Seilbahn hinauf, Infos hier. +++ WO ÜBERNACHTEN UND ESSEN? Direkt unterhalb des Gipfels bietet das Sport Hotel Rudolf acht einfache Zimmer mit Bad und dazu ein Restaurant mit herrlicher Terrasse; DZ ab 35 Euro. +++ WO CAMPEN? Nada. +++

Lost Playground: Auf dem Campingplatz ATC Hradec

An den Ausläufern des Erzgebirges macht es sich das 18.200-Einwohner-Städtchen Kadaň gemütlich. Es ist nett, sehr nett sogar, solange man sich die Umgebung wegdenkt – dort nämlich ist der Braunkohleabbau noch immer nicht passee. Wo sich in vorsozialistischen Zeit weite Hopfenfelder ausbreiteten, ragen heute ru­ßende Schornsteine, riesige Kühltürme und Schlote von Strom- und Heizkraftwer­ken in den Himmel. Not nice.

Die Schornsteine der Kraftwerke sieht man auch vom Campingplatz ATC Hradec südöstlich von Kadaň. Campingromantik für Industrialfans! Meist campen hier kleine tschechische Partygemeinden, es gibt eine Bierpinte und am Wochenende hin und wieder trashige Countrykonzerte. Aber auch die einen oder anderen Ausländer, wir inklusive, finden den Platz auf seine Art und Weise charmant.

Seine besten Zeiten hat er allerdings hinter sich. Der Badeweiher auf dem Areal kippt mittlerweile jeden Sommer um, sodass an Schwimmen nicht mehr zu denken ist. Die Folge: Sprungturm, Rutsche und Badeplattform vergammeln. Verlostplacen. Genauso der Spielplatz dahinter.

Kühltürme eines Kraftwerks, davor ein Kornfeld, bei Kadan in Tschechien
ATC Hradec: Zu Lost Rutsche & Co der besondere Ausblick

+++ WO? Der Campingplatz ATC Hradec befindet sich ca. 6 km südöstlich von Kadaň bei der Siedlung Hradec u Kadaně und ist von der Straße nach Žatec ausgeschildert. +++ WO ÜBERNACHTEN UND ESSEN? Beste Unterkunft im nahen Kadaň ist das recht schicke Hotel Split, dem auch ein sehr gutes Restaurant angeschlossen ist. DZ 74 Euro. +++ WO CAMPEN? Na wo wohl? +++

Die Schlossruinen in Podhradí

Das nette Dorf Podhradí, ehemals Neuberg, liegt im so genannten Ascher Ländchen, wie man den weit nach Sachsen und Bayern hineinragenden Zipfel ganz im Westen Westböhmens bezeichnet. Von der einstigen Burg ist nicht mehr als der Turm übrig geblieben, vom benachbarten Renaissanceschloss auch nicht viel.

Das Schloss brannte Anfang des 20. Jahrhunderts ab, über die Ruinen wuchs der Wald. Erst vor ein paar Jahren wurde das Areal gerodet – und siehe da, so einiges kam wieder zum Vorschein. Stellt Euch das Gelände als eine Art Abenteuerspielplatz für Erwachsene vor. Es lassen sich noch Ummauerungen, Parkanlagen und Terrassen erkennen. Auch kann man in die alten Kellergewölbe hinabsteigen – dort soll es spuken! Der Turm daneben, heute ein Aussichtsturm, wäre eine feine Sache, hätte er denn mal geöffnet.

Ruine eines größeren Gebäudes in Tschechien
Lost Place Podhradí

+++ WO? Podhradí liegt ca. 5 km nördlich der Kleinstadt Aš. Parkt bei der Kirche und stiefelt los. Das ehemalige Schloss stand gleich daneben. +++ WO ÜBERNACHTEN UND ESSEN? Keine Empfehlungen vor Ort. Am besten fährt man 30 km weiter nach Süden und quartiert sich in Cheb ein, einer Stadt mit viel Geschichte und einem überaus hübschen Kern. Ein gepflegtes Hotel im historischen Zentrum ist das Barbarossa (DZ ab 66 Euro). Gastronomisches Highlight der Stadt ist das Incognito, ein zeitgemäß eingerichtetes Barrestaurant mit ebensolchem Essen, auch toll für Vegetarier. +++ WO CAMPEN? Der beste Platz weit und breit ist der Autokemp Václav am Jesenice-See bei Cheb. Sehr, sehr komfortabel, aber auch sehr, sehr teuer – zumindest im tschechienweiten Vergleich. +++

Zvonková: Wo nur noch die Kirche im Dorf gelassen wurde

Zvonková ist ein verschwundenes Dorf, das geographisch gesehen bereits zu Südböhmen gehört – was uns jetzt aber mal kurz egal ist. Als Zvonková noch Glöckelberg hieß, zählte der Ort über 750 Einwohner. Damals lag er westlich des idyllischen Moldautals zu Füßen des Böhmerwaldes. Mittlerweile wurde die Moldau hier gestaut, heute liegt der Ort westlich des Lipno-Sees.

In Glöckelberg lebt niemand mehr. Wo auch? Von Glöckelberg ist so gut wie nichts mehr übrig. Im Wald versteckt sich lediglich noch die einstige Kirche samt Friedhof, nebenan steht das ehemalige Haus des Messners. Es ist dem Engagement der von hier Vertriebenen zu verdanken, dass das Gotteshaus restauriert und im Messnerhaus ein kleines Museum zur traurigen Geschichte des traditionsreichen Böhmerwalddorfs eingerichtet werden konnte.

Einer, der Glöckelberg kannte und in dem Episodenroman „Die verlorene Geliebte“ literarisch verewigte, war Johannes Urzidil. Ihr kennt Ihn nicht? Der deutschböhmische Schriftsteller (1896–1970) gehörte zum Dunstkreis von Kafka, Brod und Werfel. In Glöckelberg pflegte er sich zu erholen. Dort war er schwer beeindruckt vom „Hochholdinger“, einem Dorforiginal: „Geschickt im Kartenspiel und trinkfest bis zu vierzig Seideln.“ Ja, die Böhmen können Badewannen austrinken, bis heute!

Dem Dorf Glöckelberg wurde seine Lage so nahe an der Grenze zu Österreich zum Verhängnis. Das gesamte Gebiet südlich des Lipno-Sees wurde in sozialistischer Zeit zum Sperrgebiet erklärt. Die alten Bergdörfer wurden nach der Vertreibung ihrer Bevölkerung platt gemacht. Wer hier noch durch die Gegend stapfen durfte, war in der Regel Soldat und/oder regimetreu.

Schwäne auf dem Lipnosee in Böhmen
Böhmerwaldidylle bei Zvonková

Heute kann man hier wunderbar wandern und Rad fahren – idyllischer wird’s nicht, zumindest bei Schneewittchen und den sieben Zwergen südlich des Sees. Am See selbst und vor allem an seinen Stränden ist in der Hochsaison die Hölle los. Die so genannte „Böhmische Riviera“ ist nicht nur bei Tschechen, sondern auch bei Holländern schwer angesagt.

+++ WO? Ca. 11 km südöstlich von Nová Pec mitten im Wald +++ WO ÜBERNACHTEN UND ESSEN? Ca. 5 km von Zvonková entfernt befindet sich in der Häuseransammlung Bližší Lhota mit dem Aparthotel Knížecí cesta eine der stimmungsvollsten Unterkünfte rund um den Lipno-Stausee. In der historischen Forstverwaltung werden 15 kuschelig-holzige Apartments vermietet. Die Küchen sind gut ausgestattet – was relativ wichtig ist in dieser restaurantarmen Gegend. Für 2 Pers. ab 84 €. +++ WO CAMPEN? Es gibt zig Plätze am See. Unser Tipp ist der Kemp Kukáčků ca. 1,5 km nordwestlich von Horní Planá. Idyllische Stellplätze am baumbestandenen Ufer, komfortable Sanitäranlagen. +++

LITERATURTIPPS

Mit dem Thema Vertreibung setzen sich viele Tschechen (egal ob Histori­ker, Politiker oder Honza Normal­ver­brau­cher) bis heute ungern kri­tisch aus­einander. Vielmehr übt man sich darin, die deutsch-böhmische Ver­gangenheit auf dem Boden der heuti­gen Tsche­chi­schen Republik schlicht zu ignorieren.

Ganz im Gegensatz dazu ver­sucht die tschechische Initia­tive Antikom­plex, das verschwundene Sudetenland mit verschiedenen Projek­ten und Veran­stal­tungen ins Gedächt­nis zurückzu­ru­fen. Ihr sehens- und le­senswerter, über 650 Seiten starker Katalog „Das ver­schwun­de­ne Sudetenland“ ist eine klare Empfehlung.

 

Den einen oder anderen Lost Place, das eine oder andere verschwundene oder fast verschwundene Dorf greifen wir zudem in unseren Reiseführern „Westböhmen“ und „Südböhmen“ auf. Beide Bücher erschienen im Michael Müller Verlag.

 

 

 

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Badewanne in einem schön gekachelten Raum

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