Es war Dani, die uns anfixte. Unsere Freundin Dani legte im Sommer 2020 rund zwei Drittel des fast 1400 Kilometer langen Fernwanderwegs Grünes Band zurück. Alleine. Rund neun Wochen war sie unterwegs.

Soviel Zeit hatten wir nicht. Lust auf eine Schnuppertour entlang dem ehemaligen Eisernen Vorhang aber schon. Als wir Dani nach ihren Etappenfavoriten fragten, sagte sie:

„Wandert unbedingt die Etappe von Geisa nach Vacha! Da merkt man noch etwas von der innerdeutschen Grenze, nicht nur, weil der Weg in weiten Abschnitten auf dem alten Kolonnenweg verläuft.“

Das ließen wir uns nicht zwei Mal sagen. Rucksack auf’n Rücken, Wanderstiefel festgezurrt und ab in die Rhön. Falls Ihr übrigens mehr von Danis Abenteuer auf dem Grünen Band erfahren wollt, so lest hier unser gesamtes Interview mit ihr.

 

Frau mit Wanderschuhen auf Lochplattenweg
Fernwanderweg Grünes Band: Auf der Etappe zwischen Geisa und Vacha wandert man auf den ehemaligen Lochplattenwegen der DDR-Grenztruppen durch die Rhön

 

Grünes Band: Infos zum Fernwanderweg und zu unserer Etappe

  • Fernwanderweg Grünes Band: Der Fernwanderweg beginnt in Bad Elster im sächsischen Vogtland und endet in Boltenhagen an der Ostsee. Der Weg folgt dem ehemaligen Grenzverlauf, der übrigens deutlich länger war, als ein Daumenpeiler vermutet. Er verlief kreuz und quer, so wenig geradlinig wie die jüngere deutsche Geschichte selbst.
  • Gesamtlänge: Laut offiziellen Angaben exakt 1396 Kilometer.
  • Topographische Besonderheiten: Auf dem Grünen Band erwandert man den Thüringer Wald, die Rhön, das Werrabergland und die Höhen des Harzs. Man folgt ein Stück dem Flusslauf der Elbe und durchquert später den anmutigen Naturpark Lauenburgische Seen.
  • Biotop Grünes Band: Das Grüne Band, ein 50 bis 200 Meter breiter, renaturierter Streifen, ist heute nicht nur Fernwanderweg, sondern auch Nationales Naturmonument mit vielen seltenen Pflanzen und Tieren.
  • Wanderführer: → Anne Haertel: Grünes Band (zweibändig), Trescher Verlag, Berlin.
  • Etappe Geisa – Vacha: Die hier vorgestellte Tagesetappe beginnt in Geisa und endet in Vacha. Beide Städtchen liegen in Thüringen, an der Grenze zu Hessen. Die Etappe ist 27 Kilometer lang. Zwischen Geisa und Vacha verkehren Busse, die Zeiten findet Ihr hier. Wir ließen unser Auto in Vacha stehen, fuhren mit dem Bus von dort nach Geisa und wanderten dann zurück nach Vacha. Verpflegung solltet Ihr mitbringen, insbesondere ausreichend Wasser! Einkehrmöglichkeiten und einen Supermarkt gibt es unterwegs lediglich in Unterbreizbach.
  • Route Geisa – Vacha: Geisa – Point Alpha – Wenigentaft – Ulstersack – Unterbreizbach – Vacha
  • Übernachten/Camping: Viele empfehlenswerte Unterkünfte hat das Eck nicht zu bieten. Neben ein paar Ferienwohnungen kommen im Netz das → Schlosshotel Geisa, das → Keltenhotel in Sünna und das Landhotel zur Grünen Kutte in Bernshausen gut weg. Sämtliche Unterkünfte der Stadt Vacha findet Ihr hier. Wir selbst campten auf dem kleinen → Campingplatz Werratal in Heringen ca. 14 km nördlich von Vacha.
  • Weitere Infos: www.30-jahre-gruenes-band.de

 

First Stop: Geisa und die Gedenkstätte Point Alpha

Der erste Buckel ist erklommen. Von dort blicken wir im fahlen Morgenlicht auf Geisa, dessen historisches Zentrum märchenhaft auf einem Hügel thront. In Geisa waren wir schon am Tag vor der Wanderung und mussten feststellen: Beim näheren Hinsehen wirkt das 4760-Einwohner-Städtchen nicht ganz so märchenhaft wie aus der Ferne betrachtet. Immerhin hat es zwei Schlösser. Ein fürstliches, heute ein Schlosshotel (siehe oben), und ein barockes, heute ein Schloss voll Büros.

 

Blick auf ein Städtchen auf einem Hügel
Geisa: Märchenhaft aus der Ferne, weniger märchenhaft aus der Nähe

 

Ganz und gar nicht märchenhaft ist der Ort, an dem uns wir uns gerade befinden. Der Ort auf der anderen Seite des Tals, der Ort hoch über Geisa. Er nennt sich → Point Alpha, ist Gedenkstätte und Mahnmal. Hier, direkt vor einem Posten der DDR-Grenztruppen, unterhielt das US-Militär einen Beobachtungsstützpunkt. Point Alpha galt als „heißester Punkt im Kalten Krieg“, an dem sich die Soldaten der verfeindeten Lager Auge in Auge gegenüber standen. Auf dem Areal gibt es mehrere Dauerausstellungen, zudem wurden die Grenzsperranlagen rekonstruiert.

 

Wachturm an ehemaliger Grenze
Point Alpha: Gedenkort und Mahnmal

Grenzmauer ehemalige deutsch-deutsche Grenze

 

Erinnerungslandschaft Grünes Band: Lochplatten und B-Türme

Heute beobachtet das Geschehen entlang der Grenze keine Menschenseele mehr. Nur eine Bussardseele. Hoch über uns zieht der Vogel seine stillen Kreise. Im steilen Auf und Ab erarbeiten wir uns den einstigen Kolonnenweg. Über den Grenzstreifen ist zwar Gras gewachsen, doch die alten Lochplatten, auf denen die DDR-Grenztruppen patrouillierten, sind noch immer sichtbar:

 

Wanderstiefel auf Lochplattenwegen

 

Wo früher Hunde bellten und Selbstschussanlagen standen, sind heute Naturliebhaber unterwegs. Wo die Unmenschlichkeit zuhause war, lächeln einen die Rhönberge nun freundlich an.

Am Wegesrand Hagebutten- und Vogelbeerensträucher. Und immer wieder Infotafeln, Gedenksteine, Erdbunker. Das Grüne Band ist eine Erinnerungslandschaft. Schicksale sind darin verwoben. Wir erfahren von Menschen, die bei dem Versuch starben, der DDR zu entfliehen. Und wir erfahren von Menschen, die aus ihren Häusern vertrieben wurden, weil sie als „nicht Zuverlässige“ zu nahe an der Grenze wohnten. „Aktion Ungeziefer“ nannte man diese Zwangsumsiedelung im Jahr 1952.

Immer wieder stehen auch so genannte B-Türme am Wegesrand. Die DDR-Truppen, übrigens über 40.000 Mann stark, unterhielten zwischen der Lübecker Bucht und dem sächsischen Vogtland im Abstand von etwa drei Kilometern Beobachtungstürme, rund 600 an der Zahl. Auch zwischen Geisa und Vacha stehen noch ein paar:

 

Beobachtungsturm in hügeliger Landschaft
B-Turm zwischen Geisa und Vacha

 

Zunächst waren die Beobachtungstürme aus Holz. Später wurden sie aus Betonfertigteilen (= B-Türme) gefertigt. Diese waren anfangs rund, ab 1976 wegen der besseren Standfestigkeit viereckig. Zur Grundausstattung der rund neun Meter hohen Türme gehörten Beobachtungskanzeln und Suchscheinwerfer.

 

Wanderin auf hügeligem Feldweg
Weiter Richtung Wenigentaft

 

Dorfkuriosum Wenigentaft

Weiter geht’s. Rechts der alte Osten mit seinen riesigen Feldern, links der alte Westen. Wo Wälder die Aussicht nehmen, zeichnet meist eine breite baumfreie Schneise den alten Grenzverlauf nach. Dort stehen Hochsitze – für Hirsche und Wildschweine ist die alte Grenze noch immer tricky. Es lauert zudem eine andere Gefahr: Hier und da warnen Schilder davor, den markierten Weg wegen eventuell noch vorhandener Minen zu verlassen.

 

Hochsitz auf Feld
Weitwanderweg Grünes Band: Felder, Äcker, Hochsitze

 

Wir erreichen Wenigentaft. Das 300-Einwohner-Dorf liegt heute direkt an der thüringisch-hessischen „Grenze“ und lag zu DDR-Zeiten als DDR-Dorf innerhalb des so genannten 500-Meter-Schutzstreifens. Wer nicht in Wenigentaft wohnte, durfte den Ort nur mit einem speziellen Passierschein betreten. Vorher war Wenigentaft eng mit dem hessischen Umland verbunden. In der hiesigen Ziegelei wurde Ton aus Hessen verarbeitet.

 

Durch den Ulstersack zum Beobachtungsturm Winterliete

Hinter Wenigentaft wandern wir hinein in den Ulstersack, ein stilles Flusstal, das einst als westdeutscher Zipfel in die DDR ragte. Im „Sack“ durften sich nur Grenzschutzbeamte und Bauern aufhalten.

Heute dürfen das auch wir. Pause ist angesagt, die Hitze des Tages triezt uns. Rücklings liegen wir auf den Holzbänken eines Rastplatzes. Blinzeln durchs Blätterdach einer Birke in den Himmel. Und gluckern eine Literflasche Wasser in Nullkommanichts weg.

 

Blätterdach einer Birke
Pause

 

Dann folgen wir weiter dem alten Kolonnenweg. Er ist hier überschottert und wird auch von Radtouristen auf dem Iron Curtain Trail genutzt. Der Radweg führt von der Barentssee entlang dem ehemaligen Eisernen Vorhang bis zum Schwarzen Meer.

 

Radler auf einem geschotterten Weg
Radler im Ulstersack

 

Die nächste Flasche Wasser gibt es oben im Wald neben dem ehemaligen Beobachtungsturm Winterliete, den man beim Abbau der Grenzbefestigungen in dieser Region einfach vergessen hatte. Davor die Rekonstruktion eines Grenzsignalzauns. Der Zaun bestand aus Streckmetall mit scharfen Kanten. Versehen war er zudem mit Drähten, in denen Schwachstrom floss. Bei Berührung lösten sie Alarm aus.

 

Grenzwachturm in einem Wald
Beobachtungsturm Winterliete

 

Im Land der weißen Berge

Nach dem Turm halten wir auf einen fast surreal wirkenden Berg zu. Eine mächtig bizarre, beige-rosafarbene Formation, wie nicht von dieser Welt. Kein normaler Berg ist das, sondern ein künstlicher, eine Steinsalzhalde aus dem Abraum der Kaliproduktion im nahen Philippsthal.

Er ist nicht der einzige seiner Art in der Gegend. Der Kalibergbau prägt die Region seit 100 Jahren. Die Kaliberge an der Werra, die sich teils mehr als 200 Meter über das Umland erheben, sind die Wahrzeichen der Region, und der Kaliabbau ist ein wichtiger Arbeitgeber. Allerdings birgt er Gefahren. Bei einem Grubenunglück im Oktober 2013 starben zum Beispiel drei Bergarbeiter. Der Umwelt tut der Abbau auch nicht gut: Die Salzlauge wird (ganz legal) in den Fluss Werra geleitet, der damit versalzt. Genauso wie das Trinkwasser.

 

Im Land der Weißen Berge: Kaliberg bei Unterbreizbach

 

 

Hinweis: Im Gegensatz zum Kaliberg bei Philippsthal ist der von Heringen im nahen Hessen im Rahmen von geführten Touren zugänglich. Der Kalimandscharo, die Megaabraumhalde des hier unter Tage geförderten Rohsalzes, wächst jeden Tag um 24.000 t an. 15 Minuten dauert die Besteigung der Salzhalde. Von oben, 520 m über dem Meeresspiegel, tun sich spektakuläre Ausblicke auf die Umgebung auf. Bis zu 100 km weit kann man blicken. Aber Achtung: Oben kann es ordentlich blasen! Mehr Infos hier.

 

Endspurt nach Vacha

Der Mais steht hoch, die Bäume hängen voller Äpfel. Mit müden Beinen und schon lange Schatten hinter uns herziehend, steuern wir Vacha an. Die bildhübsche Fachwerkstadt badet in goldenen Brauntönen, als wir eintreffen. Ganz klar: Im Wettbewerb der beiden Städte, die wir heute gesehen haben, gewinnt Vacha haushoch. Sorry Geisa.

 

Schöner Marktplatz mit Brunnen
Hübsches Städtchen: Vacha

 

Auf dem Marktplatz halten wir kurz nach Räuber Hotzenplotz Ausschau. No show today. Auch kein kleines Gespenst in der → Burg Wendelstein im Norden der Altstadt. Dort ist heute das Stadtmuseum untergebracht. In Spuckweite zur Burg befindet sich die Stadtkirche St. Johannes.

 

Schönes Fachwerkhaus in einer Stadt

 

Zuletzt schauen wir noch bei der Steinbogenbrücke vorbei, die sich vor Vacha seit dem Mittelalter über die Werra spannt. Während der Zeit des Eisernen Vorhangs war die Brücke gesperrt, ein Symbol des geteilten Deutschlands, ein Symbol der geschlossenen Grenzen. Als „Brücke der Einheit“ wurde sie 1990 zum Inbegriff des wiedervereinigten Deutschlands.

Wir blicken blinzelnd unter der schon tief stehenden Sonne hindurch von Thüringen nach Hessen. Und fragen uns: Ist hier schon zusammengewachsen, was zusammengehört? Wir wissen es nicht. Ihr vielleicht?

 

Steinbogenbrücke über einen Fluss
Brücke der Einheit

 

Hinweis

Dieser Beitrag ist die erweiterte Fassung eines Textes, dessen Original 2021 im Lonely-Planet-Bildband → Legendäre Wanderrouten in Deutschland erschien.

 

Weiterlesen: Mehr Grünes Band und Thüringen bei uns auf dem Blog

 

 

2 Kommentare

    • Hallo Andreas, danke für dein nettes Feedback. Gestern sind wir auch noch sehr lange bei dir und deinen vielen abenteuerlichen Geschichten hängengeblieben. Weiter so, sind gespannt! Bei uns geht’s jetzt in ein paar Wochen nach Brasilien – leider aber ganz konventionell mit dem Flieger 😉 Beste Grüße!

Gib süßen oder scharfen Senf dazu (E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt)

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein