Südlich von Neubrandenburg, der drittgrößten Stadt Mecklenburg-Vorpommerns, erstreckt sich der Tollensesee. Auf Landkarten hat er die Form einer Bratwurst. Die Landschaft drum herum ist leicht hügelig, voller Buchen, Birken, Linden, Pappeln und Ulmen – ein Tummelplatz von Rehen, Wildschweinen und im Spätsommer von Pilzesuchern. Am Südufer grasen Pferde auf Wiesen neben den Grüns der Golfer. Dort stehen auch das prächtige Schloss Hohenzieritz und das Jagdschloss Prillwitz. Wer den See umradelt (knapp 40 Kilometer), passiert im Westen das Dorf Alt Rehse. Hier bekommt die Idylle ein schales Geschmäcklein.

„Haus Leipzig errichtet im 3. Jahre.“

Der in einem Querbalken eingestanzte Schriftzug über den gelb gestrichenen Fensterläden des Fachwerkhäuschens mit Schilfrohrdach irritiert. Nicht nur ahnungslose Radtouristen auf ihrem Weg um den Tollensesee. Auch uns, die wir wussten, wohin wir fuhren, müssen schlucken. Im dritten Jahre von was? „Im dritten Jahre des Tausendjährigen Reichs“.

Alt Rehse, das „Schmuckstück am Tollensesee“ (Dorfprospekt), wurde ab 1934 peu à peu von den Nazis auf einem davor dem Erdboden gleich gemachten Flecken als eine Art Mustersiedlung mit niederdeutsch wirkenden Häusern aus Fachwerk und Backstein errichtet. Auch im „vierten“ oder „fünften Jahre“ kamen noch Häuser dazu. Viele tragen Namen von „Gauen“ wie „Mecklenburg“, „Pommern“, „Kurhessen“ oder „Schlesien“. Nur den Dorfkrug, die neugotische Kirche vom Ende des 19. Jahrhunderts und das Pfarrhaus, Überbleibsel des Vorgängerdorfs, hatten die Nazis mit in die Gegenwart genommen. Dazu das etwas abseits stehende Schloss Liechtenstein, erbaut im späten 19. Jahrhundert unter Ludwig Baron von Hauff.

Haus Leipzig in Alt Rehse

Pfarrkirche von Alt RehseVorbereitung des Euthanasieprogramms

Aus Schloss und Gutspark wurde die „Führerschule der deutschen Ärzteschaft“. Zur Einweihung verkündete der spätere Reichsärzteführer Leonardo Conti: “Der Arzt ist berufen dem ganzen Volkskörper in Deutschland zur Gesundung, zur allmählichen Ausmerzung des Artfremden und zur Erhaltung des Arteigenen zu verhelfen.“

Zwischen 1935 und 1941 durchliefen etwa 12.000 Ärzte, Hebammen und Apotheker Alt Rehse. Sie blieben zwischen eineinhalb und vier Wochen und wurden im Rahmen der NS-Ideologie in Rassenlehre und Euthanasie geschult – in der Aussonderung und Vernichtung so genannten lebensunwerten Lebens. Die Mediziner sollten lernen, Menschen auf ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit abzuklopfen, „Ballastexistenzen“ und „Defektmenschen“ auszusortieren. Und das Gelernte setzten sie um. Im Rahmen der „Aktion T4“ wurden allein in den sechs „Tötungsanstalten“ (Brandenburg, Hadamar, Grafeneck, Sonnenstein/Pirna, Hartheim und Bernburg) 70.000 Menschen mit Behinderung oder psychischen Erkrankungen vergast. Im ganzen Reich wurden weitere 400.000 Menschen zwangssterilisiert. Viele dieser Ärzte praktizierten nach 1945 unbehelligt weiter.

Euthanasiedenkmal in Berlin
Die Bezeichnung „T4“ leitete sich von der Adresse der „Planungszentrale des Krankenmordes“ in Berlin ab, einer Villa an der Tiergartenstraße 4, heute ein Gedenkort samt Denkmal (im Bild neben der Philharmonie)

Bis 1990 gehörten Schloss samt Gutspark der NVA, danach erbte es die Bundeswehr, die aber kein Interesse daran zeigte. Ab Mitte der 1990er Jahre begann man, die Bilderbuchhäuschen der Siedlung zu sanieren, besser betuchte Familien aus Neubrandenburg zogen zu. Schon 1995 wurde Alt Rehse Landessieger im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“. Zur etwa gleichen Zeit wurde auf dem 65 Hektar großen Gutsparkareal das alternative Lebensprojekt „Tollense Lebenspark“ gegründet, das Aussteiger aus ganz Deutschland anlockte. Mal lebten hier 100, mal nur 20 Freaks, die sich in Autarkie versuchten und daran scheiterten. 2014 wurde das Gelände zwangsversteigert.

Alt Rehse als Landessieger im Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden"

Alt-Rehse heute

Aber wie steht es um die heutigen Alt-Rehse-Bewohner, an die 350 sollen es sein? Sind es junge Leute, alte Leute, überwiegend Familien? Ganz ehrlich: Wir wissen es nicht. Alle bei der Arbeit? Wir spazieren auf granitgepflasterten Alleen durch ein Dorf ohne Menschen. Vorbei an einem leeren Spielplatz. Vorbei an übermanikürten Gärten, in denen bunte Blumen ihre Köpfe aneinanderschmiegen. In denen Bänkchen stehen, auf denen keiner sitzt. Niemand ist zu sehen, nicht einmal ein verschatteter Kopf hinter geklöppelter Gardine. Beim Kirchlein gedenkt man den Gefallenen des Ersten Weltkriegs: „Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen“ ist in den Stein geschlagen. Etwas weiter der örtliche improvisierte Book Exchange, der etwas von einem Vogelhäuschen hat: „Take a book, leave a book“ steht darauf. Und am Dorfteich gibt es das Tossma Creativcafé, wo man töpfern und Kuchen essen kann. Leider keiner zuhause.

Dorfstraße von Alt Rehse
Leere Straßen, leere Gärten: Alt-Rehse an einem schönen Sommertag

Haus in Alt RehseAm Dorfrand prangt in großen Lettern „Ein glückliches Deutschland braucht keine Theologen und Juristen!“ an einer Scheunenwand. Dazu lächelnde Ganeshas. Eine Hinterlassenschaft der Tollense-Park-Zausel? Ein Schild ums Eck klärt auf: Wir sind auf das supermind ART centre Europe von Bernd Cosmo Haldenwang (alias Sri Cosmo Brahman) gestoßen. Auch diese Tür bleibt uns verschlossen.

Alt RehseAlternatives Projekt in Alt RehseUnd morgen?

Schließlich finden wir dann doch noch jemanden, mit dem wir reden können. Eine freundliche Dame führt uns durch die Ausstellung des gemeinnützigen Vereins „Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse e.V.“. Unverblümt wird hier die nationalsozialistische Vergangenheit des Dorfs aufs Tapet gebracht – bislang noch recht überschaubar in einem unauffälligen Laborgebäude aus den 1990ern. Doch das soll sich bis 2020 ändern. Das Rostocker Büro buttler architekten will dem Gebäude ein neues Gesicht für eine neu konzipierte Ausstellung geben. „Lern- und GeDenkOrt Alt Rehse“ soll das Ganze dann heißen.

Mit dem verwahrlosten Gutsparkgelände hat man ebenfalls Großes vor. Dieses wurde 2016 von Jens Schneider-Mergener und Gabriele Wahl-Multerer gekauft. Schneider-Mergener hat eine erfolgreiche Karriere als Biochemiker und Unternehmer hinter sich. Gabriele Wahl-Multerer war unter anderem im Aufsichtsrat der Jena Optik AG. Medienberichten zufolge sollen die Häuser im Park zukünftig Gäste beherbergen, die hier Kraft tanken wollen.

Wo Naziärzte Euthanasie und Massenmord lehrten, wo der Eid des Hippokrates noch und nöcher gebrochen wurde, wird also künftig meditiert und Yoga praktiziert.

HINKOMMEN

Alt Rehse liegt am Südostufer des Tollensesees, ca. 12 km südwestlich von Neubrandenburg. Um hierher zu kommen, braucht man einen fahrbaren Untersatz, zumindest ein Rad.

ÜBERNACHTEN

Eine nette Unterkunft in Neubrandenburg ist das Badehaus in toller Lage direkt am Tollensesee. 33 farbenfrohe Zimmer und Suiten, einige mit Balkon. DZ ab 93 Euro.

Wer in Alt Rehse selbst unterkommen will, kann dies in der einfachen Pension im Alten Pfarrhaus tun. Für zwei Personen ab 40 Euro zzgl. Frühstück.

Wir selbst residierten im wunderschön am See gelegenen Camping Gatsch Eck, nur durch einen 3,5 Kilometer langen Radweg von Alt Rehse entfernt (mit dem Auto muss man aber einen weiten Bogen fahren!). Sehr gepflegt, mit Sandstrand und Blick auf Neubrandenburg auf der anderen Seite des Sees. Zwei Personen mit Camper und Strom zahlen 18 Euro.

LITERATUR

Für alle, die mehr über die NS-Geschichte Alt Rehses erfahren wollen:

Rainer Stommer (Hg.): Medizin im Dienste der Rassenideologie. Die „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“ in Alt Rehse. Berlin: Christoph Links Verlag, 2. Auflage 2017.

Buchtitel Stommer Medizin im Dienste der Rassenideologie

Der Reiseführer zur Region, der selbstverständlich auch über Alt Rehse informiert, ist der unserer Kollegen Sabine Becht und Sven Talaron:

Sabine Becht und Sven Talaron: Mecklenburgische Seenplatte. Erlangen: Michael Müller Verlag 2018.

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