„Marseille ist keine Stadt für Touristen. Es gibt dort nichts zu sehen.“ (Jean-Claude Izzo)

Izzos Meinung teilen wir nicht. Vielleicht würde Jean-Claude Izzo dem heute selbst widersprechen. Im Jahr 2000 verstarb der Marseiller Krimiautor. Schon längst ist seine Heimatstadt eine andere geworden.

In Marseille gibt es heute so viel zu sehen, dass unsere fünf eingeplanten Tage viel zu kurz gewesen wären. Deswegen danke Frankreich, dass du so gerne streikst! Aufgrund des Generalstreiks im Dezember 2019 durften wir doch glatt zwei Tage länger bleiben.

Wir haben viel in Marseille gesehen, aber kaum Touristen. Zumindest nicht in den abseits des Hafens gelegenen Vierteln. Lag’s an unserem antizyklischen Städtetrip im Winter? Oder liegt’s am immer noch schlechten Image der 860.000-Einwohner-Stadt? Bandenkriminalität, Mafia, Gangstermetropole. Schenken wir Freunden Glauben, so hat man hier noch vor 20 Jahren vor allem eins gesucht: das Weite. Das ramponierte Image der Stadt verbesserte sich erst mit dem Facelifting zum Kulturhauptstadtjahr 2013.

Völlig entlaust und glattgebügelt ist Marseille aber noch lange nicht. Uns offenbarte sich eine liebenswert-unperfekte Anti-Glamour-Stadt. Wir, die wir die räudigen, lebendigen Städte den geleckten Freiluftmuseen vorziehen, haben uns von Anfang an wohlgefühlt. Und ab dem zweiten Abend liefen wir mit roten Herzen auf den Augen umher: Da nämlich brachte uns der Wirt „unserer“ schnell zur Stammkneipe erklärten Eckbar schon die Aperos wie vom Vortag, ohne dass wir sie bestellt hatten.

Abend in einer Altstadtgasse
Städtetrip Marseille: ein lovely Abend am Cours Julien

Inhaltsverzeichnis

AM ALTEN HAFEN: SPAZIERGANG AM VIEUX PORT

Wusstet Ihr, dass Erika und Klaus Mann einen Reiseführer über die Côte d’Azur geschrieben haben? In ihrem 1931 erschienenen Buch von der Riviera warnen sie vor einem Spaziergang im Hafenviertel:

„Einer Dame mit zu auffallenden Ohrringen freilich sind unlängst, zugleich mit dem Geschmeide, die Ohren abgeschnitten worden. Das ist authentisch.“

Der Hafen von Marseille hatte zu jener Zeit einen Ruf, wie er übler nicht hätte sein können. Er war das Viertel der armen Teufel, der Gangster, der Huren. Die Nazis machten dem den Garaus. Die Besatzer sprengten ganze Viertel in die Luft.

Daher muss man dem Eck um den Hafen das etwas seltsame Outfit verzeihen: Fünfzigerjahrebauten überwiegen. Immerhin hat das Hôtel de Ville, das schöne Rathaus aus dem 17. Jahrhundert, die Unmenschen überlebt.

Schiff fährt in einen vollen Hafen ein
Vieux Port

Möwen kreischen, Takelagen klirren. Auf der einen Seite Restaurants wie Perlen an einer Schnur, auf der anderen Seite Boote, die sich im Wasser spiegeln. Der Hafen von Marseille ist übervoll mit Yachten (mehr) und Fischkuttern (weniger).

Der Hafen ist das Herz der Stadt. Kaum ein Tag, an dem wir ihn nicht passieren. Wir kommen vorbei, weil wir in einer der Bars rund um den Place Thiars einen Pastis trinken möchten. Oder weil wir einfach hier sein wollen, wenn die untergehende Sonne die Stadt streichelt.

Und immer wieder passieren wir dabei Norman Fosters L’Ombrière, ein 1080 Quadratmeter großes Spiegeldach, in der Stadt und Hafen auf wunderbare Weise widerscheinen. Architektur, Kunst? Auf jeden Fall ein ganz großartiges Stück Marseille:

Hunger? Empfehlen können wir das tunesische Couscous-Lokal La Kahena etwas zurückversetzt vom Vieux Port. Für relativ kleines Geld gibt es hier im nordafrikanischen Fayencenambiente einen Berg Couscous mit Gemüse, Bouletten oder Lammspießen, dazu ordentlich Harissa.

JAHRMARKT DER KULTUREN: COURS BELSUNCE UND NOAILLES

Vom Hafen führt der Boulevard La Canebière landeinwärts. Die einstige Prachtstraße hat ihre besten Zeiten hinter sich. Viel los ist hier aber noch immer, auch wenn aus den mondänen Kaffeehäusern Billigläden wurden. Vor einem sitzt ein Schnorrer mit Iro und Pappschild:

„Help punk to get drunk.“

Am abzweigenden Cours Belsunce wird es kunterbunt. So multikulti ist die Straße, dass sich unser Kreuzberg daheim plötzlich blass wie Brandenburg anfühlt. Bereits im 19. Jahrhundert ließen sich hier nordafrikanische Zuwanderer nieder. Später kamen Migranten aus Mali, von den Komoren, Madagaskar und vielen anderen Ländern hinzu.

Triumphbogen im Gegenlicht
Porte d’Aix: Opulente Schauarchitektur nahe dem Cours Belsunce

An morbiden Stadtpalästen baumeln Tücher mit afrikanischen Mustern, hängt Wäsche an der Leine. Steile handtuchschmale Treppen führen zu den Rezeptionen der Billighotels. In düsteren Höfen versammeln sich Obdachlose. Und in den dunklen Gassen hinter dem Cours Belsunce werden in Holes in the Wall Merguez gegrillt. Dieser Bratwurst verfallen wir schon am ersten Tag. Die pikanten Würstchen werden in knuspriges Baguette gepackt und mit einem ordentlichen Klecks Harissa serviert. Hammer!

Neuer Tag, neuer Merguez-Stand. Diesmal in Noailles. Zusammen mit einer Gruppe Halbstarker in Trainingsanzügen warten wir auf die Wurst. Auch hier scheint Europa weit weg. Frauen mit bunten Kopftüchern tragen Babys huckepack. Vor kleinen Läden stapeln sich Korbwaren, Kochbananen, Yams und Maniok. Wir sehen auch immer wieder Mäuse- und Rattenfallen zum Verkauf. Hier stellt man den Nagern also noch wirklich nach. Vergiftet sie nicht nur wie in unserem Kreuzberger Hinterhof.

Wir befinden uns in der Rue d’Aubagne, einer der heruntergekommensten Straßen im Zentrum Marseilles. So baufällig sind die Häuser, dass 2018 drei nebeneinander liegende Gebäude wie Kartenhäuser in sich zusammen fielen. Acht Menschen starben. Und das nur einen Steinwurf von Nobelboutiquen wie Louis Vuitton entfernt. C’est Marseille.

Lieber Fisch als Merguez? Das kantinenartige Toinou ist sicherlich kein Ort für Euren Heiratsantrag. Wer aber für relativ faires Geld frischesten Fisch (eigener Fischhändler) und den einen oder anderen Meeresexoten kosten will, ist hier gut aufgehoben. Wir haben hier Seeigel gesnackt: Das orangefarbene Fleisch wird mit Zitrone beträufelt und direkt aus den Schalen gelöffelt. Das Fleisch liegt in seiner Konsistenz irgendwo zwischen Sorbet und Papaya und schmeckt so sehr nach Meer, dass man fast davonschwimmen könnte.

RUND UM DEN COURS JULIEN: MARSEILLE FÜR HIPSTER

Von Noailles ist es nur ein Katzensprung hinauf ins alternativ-farbenfrohe Viertel rund um den Cours Julien, einen länglichen Platz. Keine Minute bereuen wir, uns in dem Eck eingemietet zu haben.

Vom Geschäftszentrum kommend, erreicht man den Cours Julien über die bunt bemalten Escaliers du Cours Julien, eine Treppe, die uns ein klein wenig an die Escadaria Selaron in Rio de Janeiro erinnert. Sie ist eine Art Wahrzeichen des Viertels. Auf den Stufen wird ordentlich gekifft und gepichelt. Oben angekommen, grüßt jede Menge spannende Street-Art – am Platz selbst, aber auch in den Seitengassen.

Frau läuft eine bunte Treppe hinunter
Escaliers du Cours Julien

Das Thermometer zeigt zur Mittagszeit angenehme 17 Grad. Und das Anfang Dezember! Die Tische der zahlreichen Cafés und Restaurants am Cours sind bestens gefüllt. Wir setzen uns und bestellen zwei Plats du Jours: Lammschulter mit Zimtsauce und Meeresfrüchte-Frikassee.

Auch am Abend ist rund um den Platz immer etwas geboten. Man trifft sich in Abhängoasen ohne Chichi, dafür mit viel Flair. Kiez-Lokalkolorit vom Feinsten. Vorm Apero durchforsten wir die kleinen Läden in den Gassen rund um den Platz. Dort werden aus senegalesischen Stoffen coole Röcke geschneidert. Und dort verkauft man hochwertigen Schnickschnack fern jeglichen Souvenirkitsches.

Straßenszene rund um den Cours Julien

Feinschmecker sollten sich die Rue Saint Michel vormerken. Hier trifft man auf alternde Hipster mit bunten Hackeporsches und Papiertüten der Biomärkte im Arm. Jeder zweite trägt auch ein Baguette spazieren. Très cliché, aber wahr.

Fast alles, was man hier sieht, möchte man sich gleich in den Mund stecken. Jeden Abend decken wir uns in den hiesigen Frommagerien, Boucherien und Feinkostläden mit kleinen Schweinereien ein. Kaufen Lachsterrine, Käse, Kémia (sauer eingelegtes Gemüse) und Wein, den wir aus Izzos Büchern kennen: Chateau Saint-Roseline und Clos-Cassivet beispielsweise. Ja, wir leben in Marseille wie Gott und Göttin in Frankreich.

Die Rue Saint Michel führt hinauf zur großen Place Jean Jaurès, wegen ihrer erhöhten Lage über dem Zentrum auch La Plaine genannt. Hier hält sich die Zahl der Lokale noch in Grenzen. Östlich davon schließt der Boulevard Chaves an, um den sich ein angenehm ruhiges Wohnviertel mit einigen netten Bars und Brasserien erstreckt. Sollte auch auf Eure Liste!

Drei Tipps: Am Cours Julien fanden wir die   Brasserie Communale klasse. Craft-Beer-Brauerei mit provisorischer Einrichtung, jung und umtriebig. Zu unserer Stammkneipe wurde jedoch schnell die unprätentiöse, rockige Bar de La Plaine, 57 Place Jean Jaurès. Günstige Preise, buntes Publikum. Gut essen kann man im hübschen Bistrot Georges (115 Boulevard Chave, Tel. +33 645 01 99 89). Mittags gibt es leckere Tagesgerichte, am Abend Kleinigkeiten zum Apero.

 

HIMMELFAHRTSKOMMANDO: VOM VIEUX PORT ZUR BASILIKA NOTRE DAME DE LA GARDE

Die schachbrettartigen Straßen unmittelbar südlich des alten Hafens präsentieren sich sehr gepflegt. Filialen der großen 08/15-Fashionketten haben sich hier genauso angesiedelt wie die Big Names der Haute Couture. Die Schaufenster sehen aus wie auf jeder Einkaufsmeile zwischen New York und Istanbul.

Fußgängerzone im Abendlicht
Südlich des Vieux Port

Wer sich hier ein wenig umherspülen lässt, wird irgendwann an der Opéra de la Marseille vorbeikommen. Der Art-déco-Bau stammt aus dem Jahr 1923. Bei unserer Stippvisite wehen lilablassblaue Oktopusse vor der in rosa Licht getauchten Fassade. Am Platz davor wird geskatet und Fußball gespielt. Klasse. Ein Bild, das man sich zur Staatsoper Unter den Linden nicht vorstellen kann.

Skater vor beleuchtetem Opernhaus

Nahebei beginnt der schweißtreibende Aufstieg zur Basilika Notre Dame de la Garde. Dabei geht es auf einer der steilsten Straßen der Stadt dem Himmel entgegen. Doch keine Sorge, dauert nicht lange! Bereits 20 Minuten später seid Ihr oben.

Die neoromanische Wallfahrtskirche ist eines der Wahrzeichen der Stadt. Sie besitzt einen 60 Meter hohen Turm, den eine zehn Tonnen schwere, vergoldete Madonna krönt. Auch Marseille hat seine Goldelse.

Und innendrin? Reingehen! Die goldenen Fresken lassen an orientalisch-byzantinische Gotteshäuser denken. Holzschiffe baumeln von der Decke. Und auf Votivtafeln dankt man dafür, aus der Seenot gerettet oder von einer schweren Krankheit befreit worden zu sein.

Vom Kirchenvorplatz habt Ihr einen grandiosen Blick auf all das, was sich Marseille nennt. Bis zur Megasiedlung La Rouvière reicht das Panorama. Michael ist schwer angetan von diesen riesigen, bis zu 100 Meter hohen Wohnblöcken. Fast ausnahmslos algerische Zuwanderer leben dort, lesen wir später nach.

Blick auf eine Stadt mit Riesenrad und Hafen
Blick vom Kirchenvorplatz

Beim Abstieg in die Stadt könnt Ihr eine andere Route weiter westlich wählen und dabei der mittelalterlichen Abbeye Saint Victor einen Besuch abstatten. In der festungsartigen Kirche könnte man locker ein Remake des Namens der Rose drehen. Die zwei Euro Eintritt für die düstere Krypta mit ihren beeindruckenden Steinmetzarbeiten lohnen sich.

PANIER UND MUCEM: ALTES MARSEILLE, NEUES MARSEILLE

Das Viertel der Seeleute und Huren. Das Krebsgeschwür der Stadt. Das große Bordell.“ Wieder Izzo. Izzo ist ein Sohn des Paniers. Er schimpfte nicht nur über seine Heimat. Sondern verklärte das Viertel gefühlt derart, dass wir dort nun unbedingt hinmüssen. Es liegt erhöht über dem Hafen.

Es ist toll hier. Autofreie Straßen, Gässchen, geheimnisvolle Durchgänge, Treppen, kleine Plätze. Fast dörflich ist die Atmosphäre in diesem schönen alten Marseiller Quartier. Jetzt im Dezember ist es extrem still und unbelebt. Viele Läden und Restaurants haben geschlossen.

Frau in Gasse im Gegenlicht
Im Winter ziemlich still und leer: das Panier-Viertel

Wir lassen uns treiben. Begucken bunte Street-Art, die aber laienhafter und comicartiger als rund um den Cours Julien erscheint. Wir kaufen Olivenölseife und amüsieren uns über den Slogan des Marseiller T-Shirt-Labels Bandes des Sardines:

„Liberté, egalité, sardines grillées.“

Später spazieren wir hinunter zum Meer und nehmen uns ein paar Stunden Zeit für das  MuCEM. Das Museum der Kulturen des Mittelmeerraums ist mehr als sehenswert. Da ist zum einen die Architektur. Der in Algerien geborene Architekt Rudy Ricciotti schuf eine Ikone aus Beton und Stahl, fluffig-leicht, in Teilen extrem filigran. Von der Dachterrasse genießt man Traumblicke. Zumindest, wenn das Wetter passt: Wir treffen im Schnürlregen ein, und ein gemeiner Wind pfeift uns um die Ohren.

Moderne Architektur bei schlechtem Wetter
Ausstellungen in nicht minder spannender Architektur: Villa Méditerranée neben dem MuCEM. Im Hintergrund sieht man die Cathédrale de la Major.

Macht nichts angesichts dessen, was es drinnen zu sehen gibt. Spannende temporäre Schauen. Und eine Dauerausstellung, die einmal völlig anders auf das Mittelmeer und seine Anrainer blickt. Nicht das Trennende, sondern das Gemeinsame steht im Vordergrund. Und davon gibt es verdammt viel.

Gastro-Tipp für das Panier-Viertel: Marseille ist eine Stadt im Zeichen des Oktopus und der Sardinen. Beides wird virtuos zubereitet im Terrassenrestaurant Au Lamparo am Place du Lenche. Bei schönstem Sonnenschein genossen wir dort ein wunderbares Mittagessen mit gefüllten Sardinen samt Sauce Rouille und Oktopussalat.

LA JOLIETTE: SHOPPEN BIS ZUM ABWINKEN

So groß wie ein Ozeandampfer wirkt die Cathédrale de la Major, unser nächstes Ziel. Sie überblickt, nur ein paar Fußminuten vom MuCEM entfernt, den Hafen. Das Innere der hell-dunkel gestreiften Kathedrale aus dem 19. Jahrhundert erinnert ebenfalls an byzantinische Kirchen:

Kirche mit imposantem Gewölbe

Weiter nach Norden! Wir spazieren die ehemaligen Hafenanlagen entlang ins Viertel La Joliette. Auch dieses Areal muss wohl bis in die 1990er-Jahre hinein noch extrem heruntergekommen gewesen sein. Erst mit dem so genannten Projekt Euroméditerranée kam der Wandel. Die Hafenanlagen wurden restauriert, zweckentfremdet, neue Gebäude kamen hinzu.

Im Rahmen des Projekts wurde auch die riesige Shoppingmall Les Terrasses du Port erbaut, für uns ein Konsumtempel der eher austauschbaren Sorte. Spannend hingegen die gegenüber liegende Zeile mit den Docks de la Joliette. Die Speicherhäuser mit ihren Zwischenhöfen entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Heute beherbergen die Ziegelsteinbauten coole Concept Stores und diverse Schnickschnackläden.

Auch spannend in La Joliette: Das FRAC, ein Zentrum für zeitgenössische regionale Kunst. Wer nicht reingehen will, sollte sich das kühne Bauwerk des japanischen Architekten Kengo Kuma zumindest einmal von außen ansehen. Es sieht aus, als hätte ihm ein Riese ein Stück herausgebissen. Eyecatcher vor dem Gebäude: die 18 Meter hohe Skulptur Second Nature von Miguel Chevalier und Charles Bové. Mit dem Ding ist man in einer Stunde und 42 Minuten auf dem Mond.

 

STADTWANDERUNG: ENTLANG DER CORNICHE BIS LES GOUDES

Der Dezemberhimmel lacht. Wir wühlen die Sonnenbrillen aus unseren Rucksäcken. Bei Temperaturen von fast 20 Grad entscheiden wir uns, den gut gelaunten Wintertag für eine lange Stadtwanderung auf der Küstenstraße Corniche zu nutzen.

Los geht’s an der Südwestseite des Alten Hafens, von wo wir schon nach wenigen Minuten den Parc du Pharo erreichen. Mittendrin steht ein klassizistisches Schloss, das heute für Kongresse genutzt wird. Von der Gartenanlage genießen wir Erste-Sahne-Blicke über den Vieux Port.

Wir passieren die ersten Strände, allesamt ein wenig von der popeligen Sorte und manchmal auch künstlich aufgeschüttet. Die Beachvolleyballer schätzen sie. Sie sind heute genauso am Start wie die Kaltduscher der Stadt, die fröhlich im frischen Mittelmeerwasser plantschen.

Beachvolleyballer an einem Strand
Winterliche Beachvibes

Bilderbuchhäfen ziehen an uns vorüber, Jogger, Hast-du-nicht-gesehen-Villen. „Nächstes Mal!“, rufen wir den vorgelagerten Kalksteininseln zu. Der Promi darunter: die Gefängnisinsel Château d’If, berühmt geworden durch den Graf von Monte Cristo.

Auf Höhe der Avenue du Prado steigen wir in einen Bus, wechseln den in Saména und gelangen so ins Fischerdörfchen Les Goudes. Hier beginnen die Calanques, fjordartig in die Kalksteinfelsen eingeschnittene Buchten. Diese verboten schöne Küstenlandschaft ist ein Wander-Dorado und hat den Status eines Nationalparks. Welche Stadt Europas kann sich schon mit solch einem Naturparadies vor den Toren brüsten?

Küstenlandschaft im Abendlicht
Auf dem Weg in die Calanques

Wir unternehmen nur einen Streifzug durch Les Goudes. Das Dorf ist uns noch in bester Erinnerung aus Izzos Roman „Chourmo“. Hier wohnte Fabio Montale, der Roman-Kommissar, in einem so genannten Cabanon, wie die spartanischen Ferienhäuser in den Calanques heißen:

„Acht Stufen unter meiner Terrasse lagen das Meer und mein Boot“.

Jetzt im Dezember liegen kaum Boote im Wasser. Die Tristesse eines Sommerorts, dem kein Winter steht, wabert durchs Dorf. Die Fischrestaurants sind geschlossen, die Cabanons verrammelt. Wir treten den Rückweg an.

Dorf am Meer
Les Goudes

CORBUSIERS CITÉ RADIEUSE: EIN MUSS FÜR ARCHITEKTUR-AFICIONADOS

Wir kennen die Wohnmaschine des famosen Schweizer Architekten Le Corbusier aus Berlin. Jene in Marseille, die 1952 errichtet wurde, ist jedoch spannender, da deutlich transparenter und für jeden zugänglich. Ein toller Ausflug!

Die auf Stelzen stehende Cité Radieuse in Marseille beherbergt 337 Wohnungen, die ursprünglich für sozial schwache Menschen geplant waren. Doch schon ab den 1970er-Jahren wurde es en vogue, ein Apartment in dem Gebäude zu beziehen. Und das ist es bis heute. Wer hier nur ein paar Tage verbringen will, kann ein Zimmer im Hotel le Corbusier buchen. Die Zimmer sind verhältnismäßig schlicht, aber auch nicht allzu teuer (DZ ab 83 Euro).

Hochhaus
Innen wie außen ziemlich spannend: Corbusiers Cité Radieuse

Wer nur mal gucken will, fährt mit dem Aufzug in die dritte Etage und schaut sich in der Ladenpassage um. Dort gibt es neben einem Bäcker und einer Kinesik-Praxis auch ein Restaurant samt Bar und Balkon – die Mittagsmenüs halten sich halbwegs im Rahmen. Überall atmet man den Geist der Moderne der frühen 1950er-Jahre: Sichtbeton, Waschbeton, dunkles Holz. Wer auf so etwas steht, wird das heute aus der Zeit gefallene Ambiente lieben.

Nicht auslassen: die Dachterrasse, wo es auch ein Bassin, eine Turnhalle und Ausstellungsräume gibt. Der Weitblick von dort lässt einen vor Entzücken fast quieken. Man schaut auf Berge, Meer, Inseln und das riesige Stad Vélodrome, Heimat des Fußballclubs Olympique Marseille. Sieht es nicht aus, als wäre ein UFO zwischen den Hochhäusern gelandet?

Riesiges Stadion in einem Wohngebiet

Infos: Das Gebäude befindet sich am Boulevard Michelet 280. Von der Metrostation Ronde-Point fährt Bus Nr. 22 hin. Rein könnt Ihr immer. Mehr Infos, auch zu Führungen (allerdings nur auf Französisch) gibt es hier.

UND ZUM SCHLUSS: DIE SACHE MIT DER BOUILLABAISSE 

Marseille und Bouillabaisse, so hörten wir schon vor unserer Reise, sei wie Stralsund und Bismarckhering. Wie Nürnberg und die „Drei im Weckla“. Wie Valencia und die Paella. Muss man gegessen haben!

Zunächst recherchieren wir ein wenig. Erfahren, dass die echte Bouillabaisse („LA VRAIE“!), gar kein dicker Fischeintopf mit Safran, Muscheln und sonstigem Meeresgetier ist, wie es uns die Rezeptsammlungen verklickern wollen. Sondern: Ein mehrgängiges Menü, bei dem der dickflüssige Fischfond einen Teil des Mahls einnimmt. Aber halt nur einen Teil.

Unser Bouillabaisse-Essen findet im kleinen, durchaus charmanten Lokal Chez Loury statt. Dass es auch in Izzos „Chourmo“ auftaucht, fiel uns erst danach auf:

„Man isst gut dort, ob es dem ‚Gault Millau’ nun gefällt oder nicht.“

Der Koch ist freundlich, die Bedienung unfreundlich, das Lokal zur Mittagszeit bis auf zwei Seeigel löffelnde Altherren-Runden leer. Unsere „Bouillabaisse traditionelle“ besteht aus drei Gängen.

Gang 1

Ein dick eingekochter, braunroter Fischfond wird uns in die Suppenteller gegossen. Dazu gibt’s Croutons und Rouille, scharfe rötliche Mayonnaise. Wir streichen die Mayonnaise auf die Croutons, lassen sie in die Suppe plumpsen. Der Geschmack: schalentierig, extrem würzig, fast radikal. Durch und durch gut.

Gang 2

Madame Unfreundlich zeigt uns die mittlerweile im Fond gegarten Fische. Sechs an der Zahl sollen es eigentlich sein (Petersfisch, Seeteufel, Rotbarsch, Petermännchen, Aal und Galinette), bei uns sind es ein paar weniger. Wir bekommen die Fische filettiert und mit Süßkartoffeln auf einem Teller serviert. Werden angehalten, mit Fleur de Sel, Pfeffer und Olivenöl zu aromatisieren. Was wir gerne tun, es fehlt der Kick. Zudem entpuppt sich einer der Fische als Grätenmonster (vermutlich das Petermännchen), ein anderer als Knorpelfreak (vermutlich der Seeteufel).

Gang 3

Wir bekommen den Rest von Monster, Freak und Kumpels auf einem neuen Teller, dieses Mal wieder mit der Brühe von Gang 1 übergossen. Zusätzliche Beigabe: Petersilie. Punkt.

Fazit? Viel Lärm um wenig, würden wir sagen. Vielleicht schmeckt’s anderswo aber einfach besser. Sehr viel Gutes hörten wir in Sachen Bouillabaisse vom Restaurant Chez Michel . Dort bezahlt man pro Person allerdings 78 Euro (!) ohne Getränke. Wir bezahlten „nur“ 48 Euro.

MARSEILLE – EIN PAAR PRAKTISCHE INFOS

Ankommen/Rumkommen

Der Flughafen Marseilles liegt rund 20 Kilometer nordwestlich der Stadt. Von dort gelangt man problemlos mit Bussen ins Zentrum (Bahnhof Saint-Charles).

Das öffentliche Nahverkehrssystem (Busse, Metro, Tram) ist leicht zu überblicken und sehr preiswert: ein 72-Stunden-Ticket kostet 10,60 € (Stand Dez. 2019). Das Zentrum selbst lässt sich aber auch gut zu Fuß zu entdecken.

Lesen

Vor der Reise – vor Ort ist die Zeit zu schade dafür – ist die Marseille-Trilogie von Jean-Claude Izzo unser Tipp: „Total Cheops“ (1995), „Chourmo“ (1996) und „Soléa“ (1998).

Prima Tipps hält unser Kollege Ralf Nestmeyer in seinem im Michael Müller Verlag erschienenen Reiseführer „Marseille“ parat.

Preise/Essen

Es gibt Dinge, die sind preiswert: Pastis (ab 1,80 Euro fürs Gläschen) und Wein (ab 2 Euro fürs 0,1-Liter-Gläschen). Vieles aber ist im Deutschlandvergleich eher hochpreisig. Am besten geht man mittags toll essen uns versorgt sich am Abend selbst. Mittags servieren auch die sehr guten Lokale relativ preisgünstige Menüs. Seid dann am besten bereits um 12 Uhr da, sonst bekommt Ihr vielleicht keinen Platz mehr. Das Essen ist fast überall großartig!

Sicherheit

Wir haben uns nicht eine Minute unsicher gefühlt. Doch man spürt, wie der Stadt und vermutlich dem ganzen Land die Angst vor dem Terrorismus im Nacken sitzt. Die Präsenz von Polizei und Sicherheitskräften ist auffallend. Die Hafenpromenade und diverse Plätze werden mit Truck-Stoppern geschützt.

Wetter im Winter

Ihr habt’s bestimmt schon rausgelesen: Gar nicht so schlecht! Wir waren eine Woche im Dezember da, hatten einen miesepetrigen, komplett verregneten Tag, sonst Temperaturen zwischen 12 und 19 Grad. Mittagessen ohne Jacke im Freien waren an manchen Tagen möglich. Denkt bei der Buchung Eurer Unterkunft trotzdem unbedingt an eine Heizung!

Frau und Mann vor einer Kirche

 

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4 Kommentare

  1. Einfach Spitzenmäßig, eure Artikel! Man will sofort dahin. Und -was natürlich eigentlich geschäftsschädigend ist für euch- mit Eurem Blog erübrigt sich fast die Anschaffung eines Reiseführers….😬

    • Hi Lotte, welch großartiges Lob, supervielen Dank! Obwohl wir bezüglich des Infogehalts dann doch nicht ganz mit einem Reiseführer mithalten können…

Gib süßen oder scharfen Senf dazu (E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt)

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