Acht Uhr morgens. Sport am Strand. Danach Wassertreten in der Ostsee. Bei drei Grad Celsius! Nicht Lufttemperatur. Wassertemperatur! Das ist Schmerz pur. In Füßen und Waden. Ein Schmerz, den sonst nur Fische vom Schockfrosten kennen. Aber es tut gut. Verdammt gut.

Ich war zur Reha in Timmendorfer Strand. Im Februar. In einer Klinik im Wäldchen direkt hinter dem Strand. Zimmer mit Meerblick. Hell und viel freundlicher als auf den Fotos im Internet. Mit supernetten Ärzten, Schwestern, Pflegern und Therapeuten. Mit einem Essen, das meine Erwartungen bei weitem übertraf. Ich hatte biedere Diätkost befürchtet, die nach eingeschlafenen Füßen schmeckt. Schließlich richtet sich die Klinik an Menschen, die sich von so manchen Freuden des Lebens zu verabschieden haben; denen eine cholesterin- und salzarme Zukunft bevorsteht. Hierher kommen Leute, die es mit dem Herzen haben. In meinem Fall: ein Infarkt mit 51 Jahren. Und ich war nicht der jüngste im Haus. Scheiße passiert leider nicht immer den anderen. Auf jeden Fall wurde ich da super aufgepäppelt. Ich will aber nicht zu viel loben. Mir fehlen Vergleiche. Es war meine erste Reha.

An der Seebrücke; ganz links seht Ihr meine Reha-Klinik

Schönste Gullydeckel der Welt

Es war auch mein erster Besuch im Ostseebad Timmendorfer Strand. Der Ort selbst ist nicht mein Gusto, auch wenn er die schönsten Gullydeckel der Welt hat: mit einem Seepferdchen obenauf. Als ich da war, las ich zufällig in der Süddeutschen Zeitung, Winterurlaub an der Ostsee sei so beliebt wie nie. In dem Artikel ging es vor allem um die Nachbargemeinde Scharbeutz. Das Bild zum Text zeigte einen Strand, gespickt mit Strandkörben unter einem melancholisch-dunklen Himmel vor einer stürmischen See. Ich sah in Scharbeutz und am Timmendorfer Strand aber keine Strandkörbe. Keinen einzigen. Die sturmfreien Buden wandern nämlich Ende Oktober ins Winterlager, sonst geht das Korbgeflecht kaputt.

Ich hatte auch nicht den Eindruck, es sei viel los. Vielleicht ist das über die Weihnachtsferien anders. Im Februar blüht Timmendorfer Strand nur am Wochenende auf. Dann kommen viele Hamburger. Mit Hamburgern verbindet man Mode, Stil, Luxus. Namen wie Jil Sander und Karl Lagerfeld. Oder Uhren von Montblanc. Die Hamburger aber, die am Wochenende in Timmendorfer Strand einfallen, erinnern klamottenmäßig eher an neureiche Russen aus jener Zeit, als diese noch Wert auf große Logos und viel Bling-bling legten. Dazu scheinen gebleichte Zähne hip zu sein. Wäre irgendwo Dieter Bohlen in der Tischrunde, er würde nicht auffallen. Ohnehin tun hier viele so, als seien sie Promis. Fallende Sternchen auf der Suche nach Bestätigung: Auf einer Kreidetafel vor dem Café Wichtig (!) las ich: „Du siehst heute wieder verdammt gut aus.“

Türmchen, Erker und goldverzierte Fressnäpfe

Der Ort Timmendorfer Strand ist sehr gestriegelt. Und kann mit einem tollen architektonischen Erbe angeben. Rund um das Zentrum stehen prächtige Villen im Schweizer Stil mit Türmchen und Erkern. Dazwischen ragt wie ein Fremdkörper ein Hochhaus empor, darin das Seehotel Maritim. Es hat ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel und, seitdem Hygienemängel bekannt wurden, keine Sterne mehr.

Das kleine Zentrum gleicht einer Freiluftmall. Boutique an Boutique. Koko von Knebel verkauft Hundeshirts und goldverzierte Fressnäpfe aus Porzellan, wie sie auch Ölscheichs als Aschenbecher nutzen könnten. Schaut man sich so um in der Timmendorfer-Strand-Crowd, scheinen die Modelabels Wellensteyn und Camp David | SOCCS den größten Umsatz zu machen. Was für Namen! Vor allem SOCCS! Wer wohl die verrückte Idee hatte, Klamotten nach der Hauskatze der Clintons zu benennen?

Dazwischen findet man auch mehrere Galerien, die Dekorationskunst à la Ikea bieten, nur einen Tick teurer. Die Art Box Berlin verkauft Bilder von Devin Miles mit James Dean und Porsche darauf. Die Walentowski Galerien setzen auf Udo Lindenberg und Otto Waalkes. Der Kunsthandel Lohmann hat im Schaufenster Buddhafiguren neben kleinen Modellbooten, bronzene Schmusekatzen neben Plastikhirschen – übrigens in Rot und in Lebensgröße für schlappe 1849 Euro.

Ja, es spaziert ganz gut Geld durch Timmendorfer Strand. Dann überrascht auf einmal im Kurpark, im so genannten Kurmittelhaus, die Tafel, die Spenden entgegennimmt. Es gibt auch ein Timmendorfer Strand weit hinterm Strand. Ein Timmendorfer Strand, in dem Menschen leben, nicht nur Touristen. Etwa 8800 Einwohner zählt der Ort. Und mehr als 1,6 Millionen Übernachtungen pro Jahr. Einmal sah ich die Einwohner demonstrieren. Der Zug glich einem Trauermarsch. Ein Polizeiauto genügte. Es ging um die Rettung der Eissporthalle.

Im Kurpark

Marzipantorte mit dem Über-Blick

Ich war viel mit dem Rad unterwegs. Und zu Fuß. Bin bis nach Travemünde gewandert. Der Weg dahin ist herrlich. Er führt an Niendorf, einem Ortsteil und zugleich der Hafen von Timmendorfer Strand vorbei. Auch passiert man das Brodtener Steilufer auf einem wunderbaren Höhenweg. Nahe der dortigen Hermannshöhe sah ich drei Robben in der See.

Winterspaziergang in Niendorf
Beim Spaziergang auf dem Brodtener Steilufer sah ich Robben

Zurück nahm ich den Bus. Wie in der Berliner U-Bahn gibt’s auch in den Strandlinienbussen Fahrgastfernsehen. Eine Schlagzeile ging so:

Vom Aussterben bedroht, Tanztee als Kontaktbörse.

Da musste ich an das Seehotel Maritim (siehe oben) denken. Die Windjammer Bar des Hotels ist herzergreifend altmodisch, herrlichst aus der Zeit gefallen. Stellt sie unter Denkmalschutz!

Auch Travemünde hat ein Maritim Hotel. Angeblich 120 Meter hoch. In den 1970er-Jahren errichtet. Eine Bausünde, so pretty ugly, dass sie schon wieder cool ist. Ganz oben in der 35. Etage gibt es das Café über den Wolken. Very very oldschool. Vorhänge mit Goldkante. Stühle wie aus einem Schlossnachbau. Teppichboden. Viel Babyrosa. Omis mit Föhnwelle, die Marzipantorte gabeln und dabei die Aussicht genießen. Die ist nicht von schlechten Eltern, das muss man sagen.

Marzipantorte im Maritim

Der Strand von Travemünde präsentiert sich als herrliche Sandbordüre, ist schöner als der von Timmendorfer Strand. Dahinter ein Städtchen, das eigentlich ein Stadtteil Lübecks ist. Touristisch zwar, aber noch immer natürlicher als Timmendorfer Strand. Und mit einem kleinen Fischerhafen, wo man in großartige Fischbrötchen beißen kann.

Travemünde: toller Strand, hübscher Hafen und großartige Fischbuletten

Timmendorfer Strand kulinarisch – meine Tipps

Einen genialen Labskaus habe ich im Restaurant Haithabu gegessen. Nicht schick da, nicht trendig, nur grundehrlich, sehr sympathisch und auch unter den Locals sehr beliebt. Falls Ihr nicht wisst, was Ihr beim Labskaus bekommt: Da habt Ihr Kartoffeln, Rindfleisch, Rote Beete, Matjes, Bismark-Hering, Spiegelei und Gewürzgurke auf dem Teller – ein geiler Mix.

Unter den Touristen ist das Gosch mega-angesagt. In Timmendorfer Strand hat es nichts von einer Fischbrötchenbude am Hauptbahnhof. In Timmendorfer Strand ist das Gosch ein populäres Selbstbedienungslokal, in dem das Weinglas randvoll eingeschenkt wird.

Wer gepflegter Fisch essen möchte, geht am besten in die Fischkiste nach Niendorf.

Ebenfalls in Niendorf sitzt Klüvers Hafenräucherei, die die leckersten Fischbrötchen anbietet. An Winterwochenenden werden sie aus einem Kiosk direkt am Hafen verkauft, unter der Woche nur über den Laden an der Strandstraße. Etwas weiter gibt’s im Kiosk Hafen-Eck das billigste Bier weit und breit, ein Astra für 1,30 Euro die Flasche.

Am Hafen von Niendorf

Noch mehr Schleswig-Holstein? An Lübeck, etwa 20 Kilometer von Timmendorfer Strand entfernt, habe ich mein Herz verloren. Echt schön da. Mehr dazu hier.

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1 Kommentar

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