„Das Geile an Lübeck ist, dass die Mini-Metropole völlig unterschätzt wird.“

Das sagt unser Schreibkollege Matthias Kröner, der es wissen muss. Der Franke ist vor mehr als zehn Jahren in der stolzen Hansestadt hängengeblieben. Genug Zeit hatte er also, um jeden Stein Lübecks umzudrehen und einen humorvoll-liebenswerten Reiseführer zu verfassen. Dieser leitet bestens durch das UNESCO-Welterbe. Hier könnt Ihr schon mal etwas Lübeck schnuppern. Wir haben ein kleines Stop and Go durch die Metropole des Nordens zusammengestellt. Herzlich willkommen in der Hauptstadt der Putzigkeit!

Ein paar Facts zu Lübeck vorab

Lübeck ist en büschen größer als Rostock und en büschen kleiner als Kiel. 220.000 Einwohner zählt die Hansestadt (Autokennzeichen HL). Der Anteil an Bürgern ohne deutsche Staatsbürgerschaft liegt in Lübeck bei etwa zehn Prozent – viele von ihnen wohnen übrigens in dem Stadtteil mit dem lustigen Namen „Buntekuh“. Unter den ausländischen Touristen stellen die Dänen, Norweger und Schweden die meisten Besucher. Die Zahl der Übernachtungen beträgt rund 1,8 Millionen im Jahr. Es gibt eine Uni, rund 5000 Studenten sind eingeschrieben. Der VfB Lübeck, 1919 gegründet, kickt im Stadion Lohmühle mit einer 800 Lux starken Flutlichtanlage; die Gegner kommen aus der Regionalliga Nord.

Die großen Sehenswürdigkeiten Lübecks, darunter wahre Glanzlichter, liegen in der von Wasser umspülten Altstadt. Die Altstadtinsel entpuppt sich als herrlich durchmischtes Architekturgulasch: romanische Gottes- und klassizistische Bürgerhäuser, barocke Schnörkel, elegante Staffelgiebel, düstere Gotik, Kotzbrocken der Nachkriegszeit (ein Bombenangriff im Jahr 1942 zerstörte einen Teil des denkmalgeschützten Zentrums) und staunenswerte zeitgenössische Architektur. Die Altstadt ist kaum zu verfehlen: Aus ihrer Silhouette ragen schlanke, unübersehbare Backsteintürme mit grünen Kupferdächern in den Himmel.

Die Lübecker Altstadt kennzeichnen Backsteintürme
Lübecker Altstadt: Backsteintürme bis zum Abwinken

Vom Bahnhof zur Obertrave: Alles so schön knuffig hier!

Unsere Tour beginnt am Bahnhof. Von dort ist es nur ein Katzensprung zum ersten Highlight: dem spätgotischen Holstentor, das aussieht wie von Disneyland ausgeliehen. In der Stadt der krummen Gebäude will auch das schwarz-rote Ziegeltrumm nicht aus der Reihe tanzen. Das Tor mit seinen beiden Kegeldächern neigt sich ordentlich zur Seite, was dem morastigen Boden geschuldet ist. Das Museum in seinem Inneren gehört zu der Sorte Sehenswürdigkeiten, die man unbedingt verpassen sollte – so zumindest haben wir Matthias’ Sätze im Reiseführer gedeutet.

Holstentor: Düsteres Mittelalter am Eingang zur Altstadt

Ein paar Schritte weiter spiegeln sich die Fassaden der Salzspeicher in der Obertrave – Lübeck war der Salzhafen des Ostseeraums. Auch die Speicher mit ihren unterschiedlichen Giebeln wirken krumm. Über dem Wasser kreischen Möwen, das Meer ist nur 20 Kilometer entfernt. Möwen, so stellen wir fest, scheinen das einzige in Lübeck zu sein, was kreischt. Lübeck wirkt auf uns heimlich, still und leise, zumindest im Vergleich zu daheim, zu Kreuzberg.

Die Salzspeicher an der Obertrave

Wir spazieren die Uferstraße An der Obertrave entlang. Tauchen in ihre Seitengassen ab. Stünden nicht die Dänen für das Hygge-Lebensgefühl Pate, so wären es wohl die Lübecker geworden. Ihr wisst schon: dampfender Tee, Schurwolldecke und Holz vor der Hütte, solche Sachen. Lauft einfach mal die Sträßchen im Südwesten der Altstadt ab! Eine nestwarme Häkelgardinenidylle! In den Fenstern hängen Blechhähne und Trockenblumen. Auf den Fensterbänken schlafen Stubentiger. Daneben steht nostalgisches Porzellan. Durchgänge, in denen man sich zuweilen bücken muss, führen in schnuckelige Höfe mit Holzbänken und Topfpflanzen. So fotogen ist das Ganze, dass man vergessen könnte, dass die Menschen, die hier leben, ihre Ruhe haben sollten. Also Leute, bitte Privatsphäre beachten!

Auf der linken Seite der Obertrave erstreckt sich ein hyggeliges Viertel vom Feinsten

Das Café Engelsbäckerei passt ins Viertel wie der Topf zum Deckel. Schön kitschig-engelig ist es hier. Selbst die Kaffeetassen sind mit pausbäckigen Engeln samt güldenen Locken verziert. Wir essen Quiche mit Blumenkohl-Kartoffel-Curry (hmm!) und blicken hinaus, über die Straße hinweg, auf die Musikhochschule, deren Konzerte oft grandios sind (Tipps dazu hier).

In der Engelsbäckerei

Domviertel und Museumsquartier: Kunstreigen und Burger

Im Zickzack laufen wir ins Domviertel. Es ist ein Eck von besonderem Charme. Der Dom selbst, die betagteste Backsteinkirche Lübecks (12. Jahrhundert), präsentiert sich heute karg-weiß im Inneren. Schuld hat wie immer der Adolf und sein Zweiter Weltkrieg. Das Gotteshaus brannte am Palmsonntag 1942 aus und verwandelte sich in ein Skelett, aus dem irgendwann Gebüsch wuchs.

Die sakralen Kunstschätze aber, die gerettet werden konnten und die der Dom heute wieder beherbergt, sind sensationell. Darunter Tafelbilder und Flügelaltäre. Ewigkeiten könnte man sich in deren Details verlieren. An den Dom schließt das Museum für Natur und Umwelt an. Ein Highlight der Ausstellung ist das Skelett eines 14 Meter langen Pottwals.

Der Dom ist die älteste Backsteinkirche der Stadt

Auf dem Weg ins Museumsquartier bietet sich ein Abstecher zu Leo’s Juice & Burger an, zumindest am Wochenende, wenn das bunte Lokal schon um 12 Uhr aufmacht. Matthias (siehe oben) hat uns den genialen Burgertipp gegeben: Klasse!

Zum Museumsquartier St. Annen gehören das Museum St. Annen in einem ehemaligen Kloster mit einer der besten Sammlungen mittelalterlicher Kunst Deutschlands – insbesondere Schnitzaltäre und sakrale Skulpturen. In der Kunsthalle nebenan, die auf den Ruinen der Klosterkirche entstand, wird Kunst aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt.

Hüxstraße und Fleischhauerstraße: Marzipan und Hipsterkram

Vom Museumsquartier führt die hübsche Straße An der Mauer zur Hüx- und zur Fleischhauerstraße. Die Hipster-Dorados der Hansestadt! Allein in der exakt 517 Meter langen Hüxstraße gibt es rund 100 Läden, darunter spannende Buchshops, solche mit Delikatessen, andere mit coolen Klamotten für trendige Menschen mit Tom-Selleck-Schnauzern. Dazwischen kann man in der Bierbühne Lübeck leckeres Craft Beer trinken.

„Marzipan statt Naziwahn!“

Daumen hoch, der Spruch gefällt uns gut! Er stand auf einem Sticker, der an einer Tür klebte. In Lübeck zu sein, ohne Marzipan zu probieren, ist wie Jamaika ohne Kiffe. Geht gar nicht! Deswegen empfehlen wir Euch, am oberen Ende der Hüxstraße das bekannteste Café der Stadt zu besuchen, das Niederegger. Auch wenn man das Marzipan von Niederegger – als Hase, Banane oder gar Seehund – in jedem zweiten deutschen Süßwarenladen bekommt, macht es trotzdem Laune, ein Päuschen im Stammhaus einzulegen – ein prima Sightseeing-Pausenfüller! Das Ambiente kommt herrlich altbacken daher. Beim Anblick der Tortenvitrine muss man fast laut seufzen vor Vorfreude. Marzipan-Nuss-Sahne oder Marzipankartoffel? Wir entscheiden uns für Letztere und bereuen schnell. Nicht, weil das Teilchen nicht gut ist – ganz im Gegenteil, es ist obergeil! Sondern weil das olle Ding einfach unfotogen daherkommt – nix für den Instagram-Account.

Nach dem 10.000-Kalorien-Snack rollen wir durch die Nachbarstraßen. In der kopfsteingepflasterten Fleischhauerstraße hat es uns Schirm-Wölffer (Hausnummer 2) besonders angetan, wo seit 1792 (!) Regenschirme und Spazierstöcke verkauft werden. Hier shoppt man in einer Zeitkapsel. Die Manufaktur Mohrmann (Hausnummer 52) hingegen bietet qualitativ hochwertige Gürtel. Der Wahnsinn sind die Gürtelschnallen, in die Oktopus-Schnalle waren wir schockverliebt! Und bei Fräulein Henkel (Hausnummer 60) gibt es wunderschöne Dinge aus Keramik.

Die beiden Straßen würden auch nach Berlin passen. Hätten wir gerne vor der Tür. Die hiesigen Mietpreisen dazu, davon können wir nur träumen: Bei einem Immobilienmakler ums Eck entdecken wir eine 100-Quadratmeter-Altbauwohnung für schlappe 850 Euro warm. Also wenn wir mal aus unserer Kreuzberger Butze fliegen sollten, dann nichts wie ab nach Lübeck!

Keramik shoppt man am besten bei Fräulein Henkel

Rund ums Rathaus: Lübecker Superlativen

Achtung, jetzt kommen die Unbedingt-angucken-Stationen! Bevor Ihr sie aber von unten anguckt oder reingeht, schaut besser aus der Vogelperspektive darauf! Fahrt dazu mit dem Aufzug auf die Aussichtsplattform der Kirche St. Petri. Frei fliegt der Blick von dort über den Ziegeldachteppich der Stadt und bleibt beim wunderschönen Rathaus am Markt hängen. Ein steingewordenes Märchen aus dem 13. Jahrhundert samt Schnitzbalkon, Prunktreppe und opulentem Portal. Wer mag, kann es im Rahmen einer Führung auch von innen besichtigen. Andernfalls geht es stracks weiter zur Kirche St. Marien.

Lübeck von oben
Da kann man nicht meckern: Altstadt rund ums Rathaus

„Man war nicht in Lübeck, wenn man nicht mindestens eine halbe Stunde in der Marienkirche gewesen ist“

Wo Matthias recht hat, hat er recht. Wir stehen drin und sind ergriffen. Das Gewölbe, das angeblich höchste Backsteingewölbe der Welt, scheint bis zum Himmel zu reichen. Gott ist groß und der Mensch ein Däumling. Über vier Seiten widmet sich unser Reiseführer diesem grandiosen Gotteshaus, das im 12. und 13. Jahrhundert entstand. Beim Rundgang jagt ein Superlativ den nächsten. Hingehen und anschauen!

Großartig im wahrsten Sinne des Wortes: die Marienkirche

Gegenüber der Kirche St. Marien befindet sich das Buddenbrookhaus. Oh Mann, hätten wir die „Buddenbrooks“ doch ein zweites Mal gelesen, bevor wir uns nach Lübeck aufmachten! So viele Ecken der Stadt atmen den Geist jener Zeit, in der Thomas Manns Nobelpreisroman spielt. Fast kommt es einem vor, als würden Johan oder Tony kurz mal um die Ecke huschen. In dem eleganten weißen Haus ist heute eine Ausstellung zu Autor und Roman untergebracht. Im Gebäude lebten einst Manns Großeltern.

Vorm Buddenbrookhaus

In die nördliche Altstadt: Grass, Brandt und die Hanse

Die schöne Hundestraße, durch die wir gerade spazieren, gehört zu Matthias’ Lieblingsorten. Er kann sie gar nicht genug loben:

„Wer noch das Glück der Spätnachmittagssonne erwischt, wird durch den Straßenzug schweben.“

In der Hundestraße befindet sich auch die Stadtbibliothek mit ihren historischen Sälen. Nur einen Katzensprung davon entfernt ehrt Lübeck zwei weitere Nobelpreisträger. Im Günter-Grass-Haus widmet sich eine Werkschau dem großen Literaten, der in Behlendorf bei Lübeck lebte und beigesetzt wurde. Auf Grass, einen glühenden Willy-Brandt-Verehrer, geht auch die Einrichtung des nahen Willy-Brandt-Hauses zurück. Für die Politik-und-Geschichte-geht-mir-am-Arsch-vorbei-Geigen: Willy Brandt, einer der herausragendsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts, war von 1957 bis 1966 Bürgermeister der Frontstadt Berlin und von 1969 bis 1974 Bundeskanzler. Er wurde 1913 als Herbert Frahm in Lübeck geboren, wuchs als uneheliches Kind in einfachen Verhältnissen auf, emigrierte während der NS-Zeit nach Norwegen und kehrte erst nach dem Krieg nach Deutschland zurück.

Danach zieht es uns in den hohen Norden der Altstadt. Das Viertel rund um das Hansemuseum ist überaus spazierlich und das Museum selbst eine Augenweide – Architektur-Aficionados, bitte hierher! Erst 2015 wurde aus dem ehemaligen Burgkloster ein Designschmuckstück. In den Ausstellungsräumen kann man sich in die Zeit der Hanse zurückbeamen. Der angegliederte Shop verkauft hübsche Dinge, die keiner braucht, aber viele wollen. Wir haben uns für einen riesigen Oktopus-Kachelaufkleber entschieden, der nun unsere Küche bewacht. Ihr seht, wir stehen auf Seafood. Ums Eck, aber immer noch innerhalb der altehrwürdigen Klostergemäuer, serviert das Café Fräulein Brömse Stullen aus hausgebackenem Brot. Instagramer, da müsst Ihr hin!

Ausflüge von Lübeck: Strandkorb und Reetdach

An XXL-Stränden spazieren gehen.

Vom Tuten der ablegenden Kreuzfahrtschiffe erschrecken.

Sich die Haare vom Ostseewind zerzausen lassen.

Matjesbrötchen essen.

Frischen Fisch von rotgesichtigen Fischersfrauen kaufen.

In einem Strandkorb knutschen.

Das alles kann man in Travemünde machen, einem Stadtteil Lübecks. Oder in Timmendorfer Strand, wo Michael auf Zwangsurlaub war – ein paar Gedanken dazu hat er hier aufgeschrieben. Allerdings war er im Winter da. Beide Orte liegen rund 20 Kilometer nördlich von Lübeck und sind problemlos mit Bussen und Zügen erreichbar.

Ganz anders hingegen Gothmund, eine kleine historische Siedlung am Südufer der Trave, die Lübeck mit der Ostsee verbindet. Stadtbus Nummer 12 bringt Euch hin. Gothmund ist nicht mehr als ein malerisches Ensemble reetgedeckter Häuser aus einer Zeit, als hier noch vorrangig Fischer lebten. All zu viele Besucher sieht der Ort nicht. Allzu viel zu tun gibt es hier auch nicht. Aber auf eine Schlenderstunde kann man vorbeischauen.

Lübecker Seitensprünge: nach Timmendorfer Strand (oben), nach Travemünde und nach Gothmund (unten)

Und was sonst noch machen in Lübeck?

Nächstes Mal kommen wir hoffentlich im Sommer nach Lübeck. Dann werden wir uns ein Kanu leihen und einmal um die Altstadt paddeln. Der Kanu Club Lübeck e.V. verleiht auf Spendenbasis Kanus.

Dann würden wir uns auch Räder leihen, zum Beispiel bei Bike and Tour, und die twiggyflache Gegend rund um Lübeck radelnd erkunden.

In die Kneipe gehen! In Lübeck wird noch gequarzt was geht – finden wir klasse, auch wenn wir seit einigen Monaten nicht mehr zu den Rauchern gehören. In manchen Kneipen, die teils Beinamen wie „Smockers Lounge“ (!) oder „Smookers Lounge“ tragen, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Jennifer Rush trällert da noch aus den Boxen, und man spielt fleißig Dart.

Tranken die Buddenbrooks Rotspon? Irgendwie glauben wir in Erinnerung zu haben, dass sie Portwein zum Frühstück süffelten. Egal: Lübecker Rotspon ist eine Besonderheit. Der rubinrot funkelnde Wein wird zwar im Bordeaux gekeltert, aber in Lübeck abgefüllt und dort bis zur Flaschenreife verwahrt. Das Fläschchen kostet etwa 15 Euro. Kaufen kann man den Wein unter anderem im Weinhaus H.F. von Melle.

WO ÜBERNACHTEN IN LÜBECK – DREI TIPPS 

Hotel Anno 1216, Individualisten-Hotel mit nur elf Zimmern in einem spannend restaurierten Großpatrizierhaus. Stuckdecken, knarzende Dielenböden und Deckenbalken treffen auf zeitgemäßen Schick. Hier hat schon König Carl Gustav mit seiner Silvia übernachtet. DZ ab ca. 136 Euro.

Historisches Balkenhäuschen, ein wahnsinnig atmosphärisches Altstadthäuschen, das man vermutlich gar nicht mehr verlassen will. Hier würden wir gerne mal in Klausur gehen. Für zwei Personen ca. 80 Euro.

Rucksack-Hotel im Werkhof, Hotel für Junge und Junggebliebene mit charmanten Zimmern zu sehr zivilen Preisen. Ein DZ gibt’s bereits ab 46 Euro.

BUCHTIPP

Der im Michael Müller Verlag erschienene Reiseführer „Lübeck“ von Matthias Kröner leitet bestens durch die Stadt und auch nach Travemünde.

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