„Dies ist Burma, und es wird keinem Land, das Sie kennen, auch nur entfernt ähneln!“

Rudyard Kipling, Letters from the East (1889)

Da ist noch immer viel Wahres dran! Ochsenkarren, die den Pflug ziehen, sind noch allgegenwärtig. Nur schleichend erreicht die Globalisierung den spirituellen Vielvölkerstaat zwischen Thailand und Bangladesch. Das Plastikzeitalter hat in Myanmar gerade erst begonnen – was angesichts der großartigen (kunst-)handwerklichen Fähigkeiten dieses Volks sehr schade ist. Peu à peu werden die handgetischlerten Stühle aus Edelhölzern durch Industrieware ersetzt, und die bunten Hocker der Bierpinten durch 08/15-Anthrazitware mit Brauereiemblem.

Nach Dekaden der grausamen Militärdiktatur begann 2011 ein Demokratisierungsprozess, der zu einer Öffnung des Landes führte. Seitdem schwindet die Rückständigkeit, mancherorts schleichend, mancherorts rasant. Touristen werden ins Land gespült, die es vorher boykottiert hatten. Allein zwischen 2011 und 2017 hat sich die Zahl der Besucher mehr als verfünffacht, auf mittlerweile rund fünf Millionen Gäste jährlich. Und das trotz der Vertreibung von mehr als einer halben Million Rohingya, weswegen so mancher Reisende das Land zuletzt wieder boykottierte. Aber das Drama der muslimischen Minderheit – Ärzte ohne Grenzen spricht von mehr als 10.000 getöteten Rohingya – spielt sich an der Grenze zu Bangladesch ab. Nicht da, wo die Touristen hinwollen.

Unsere Route: Wir reisten über Thailand an, flogen von Bangkok nach Mandalay, durchquerten das Land von Nord nach Süd und reisten an seinem Südzipfel Kawthong (Grenze Thailand) wieder aus. Insgesamt waren wir etwa drei Wochen unterwegs. Strände haben wir bewusst ausgespart, da wir im Anschluss in Thailand ausgiebig baden wollten. Ausgespart haben wir auch die Hauptstadt Yangon. Ein Fehler?

Mandalay BaganNyaungshwe (Inle-See)Kinpun (Goldener Felsen)MawlamyaingDaweiMyeik – Kawthong (Grenze Thailand)

DER NORDEN

Der Norden Myanmars war schon zu den Hochzeiten des Militärregimes bei ausländischen Travellern angesagt. Heute kann man ohne Umschweife sagen, dass er Teil des Banana Pancake Trails geworden ist, also des völlig ausgetretenen Backpacker-Trampelpfads kreuz und quer durch Asien. Das muss nicht abschrecken. Wir waren schwer beeindruckt und erzählen Euch, warum.

Mandalay: Königspalast und Muskelkater

Die chaotische 1,6-Millionen-Stadt ist ein nicht unanstrengender Einstieg ins Land. Ein Gewusel, ein Gewimmel, die halbe Stadt ein Markt. Aus den Bäuchen der Geschäfte quellen Bastkörbe mit Reis, Linsen, Bohnen. Frauen kauern auf der staubigen Straße, bieten Stoffe in leuchtenden Tropenfarben, Tomaten und Zuckerrohr von ausgebreiteten Tüchern feil. Dazwischen rußende Mopeds, Fahrradrikschas, Staubwolken.

Kinder vor dem Königspalast in Mandalay in Myanmar
Vorm Königspalast in Mandalay

Eine fröhliche Kinderschar begleitet uns zum Königspalast, der bekanntesten Sehenswürdigkeit Mandalays, die von einem sechs Kilometer langen Wassergraben umgeben ist. Doch was heißt hier „Sehenswürdigkeit“? Besichtigen kann man nur noch die blasse Rekonstruktion des einstigen Wunderwerks aus der Mitte des 19. Jahrhundert, das im Zweiten Weltkrieg bis auf die Grundmauern niedergebrannt wurde. Einst erstreckten sich 130 Gebäude auf dem vier Quadratkilometer großen Areal. Welche Pracht hier herrschte, erzählt Amitav Ghosh in „Der Glaspalast“, unserem Literaturtipp. Heute ziert statt reinem Gold eine goldfarbene Legierung das Schnitzwerk. Keine Konkubinen mehr. Kein mit Glasmosaiken verziertes Teakholz. Für den Wiederaufbau in den 1990er Jahren setzte das Regime Tausende von Zwangsarbeitern ein. Viele sollen an Überarbeitung gestorben sein.

Braut im Königspalast von Mandalay in Myanmar
Der Königspalast von Mandalay dient nicht selten als Kulisse für Hochzeitsfotos

Unsere erste Pagode im Land der Pagoden heißt Kuthodaw und stammt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Über sieben Jahre sollen 200 Kunsthandwerker gebraucht haben, um die gesamte buddhistische Lehre als „größtes Buch der Welt“ auf 729 Marmortafeln zu verewigen. Jede einzelne Tafel bzw. Buchseite bekam dabei eine eigene Stupa, wie die spitz zulaufenden, turmartigen Gebilde genannt werden. Mit großen Augen laufen wir durch das Stupa-Labyrinth.

Zur blauen Stunde nehmen wir uns den Mandalay Hill vor. Faulpelze können sich auf einer asphaltierten Straße nach oben fahren lassen. Wir aber entscheiden uns für die fast 1000 qualvollen Stufen über den grünen Hügel hinauf zur Two Snake Pagoda – der Ausflug beschert uns einen Muskelkater, der sich aber gelohnt hat! Die Blicke von oben über die Stadt, über Reisfelder und Bewässerungskanäle sind herrlich und die Pagode selbst ist ein Schmuckkästchen: Säulen und Spiegelmosaike, goldene Stupas, farbenfrohe Bodenfliesen.

Die Abende verbringen wir in Garküchen von zweifelhafter Hygiene, vor unzähligen Schüsselchen voller unbekannter Currys („Habe ich jetzt eben auf einen Chitinpanzer gebissen?“), scharfer Saucen und undefinierbarer Dips. Speisekarten? Fehlanzeige. Um zu wissen, was es gibt, blickt man auf die Nachbartische! Hinterher gehen wir unserer abendlichen Lieblingsbeschäftigung nach: Myanmar trinken – das hiesige Bier heißt wie das Land. Unzählige derbe Pinten mit Lehmböden und Spucknäpfen unter den Tischen verteilen sich über die Stadt. Dort sitzen Raubeine mit glasigen Augen, die Zähne vom Betelkauen so rot, als hätten sie gerade Wild gerissen. Kein einziges Mal erleben wir in diesen Männerdomänen Anzüglichkeiten, Unfreundlichkeiten oder Beschiss. Stattdessen: bescheidene Neugier, ein paar Brocken Englisch, offen gezeigte Freude über unseren Besuch. Andere Touristen? Fehlanzeige. Die verbringen ihre Abende scheinbar lieber in den Terrassenlokalen am Ayeyarwady-Fluss westlich des Zentrums. Auch verständlich – die mystische Stimmung zum Sonnenuntergang muss man mal gesehen haben.

Essen in Myanmar
Sößchen, Curry, weißer Reis: Abendessen in Mandalay

Am Hafen von Mandalay in Myanmar

Terrassenlokal am Hafen von Mandalay
Herrliche Plätzchen zum Sonnenuntergang: die Terrassenlokale am Hafen von Mandalay

Bagan: Pagoden-Koller

Am frühen Morgen besteigen wir einen Touristenfrachter nach Bagan. Null Lokalkolorit, aber dennoch ein toller Trip! Rund 35 US-Dollar bezahlen wir für den Spaß, in etwa zehn Stunden den Ayeyarwady hinunter nach Bagan geschippert zu werden. Mit einem Buch in der Hand fließt das milchigbraune Wasser an einem vorbei, an den Ufern einfache Hütten, Pagoden, goldene Buddhas, Menschen bei harter Arbeit. Auf der gesamten Strecke, rund 175 Kilometer, unterquert man gerade drei Brücken, zwei davon bei Mandalay.

Touristenboot von Mandalay nach Bagan

Der Fluss Ayeyarwady in Myanmar
Unterwegs auf dem Ayeyarwady

Die ersten Tempel Bagans erreichen wir im Abendlicht. Eine Pferdedroschke bringt uns in unser Hotel. Bagan ist ein Sehnsuchtsort, einer, den die meisten Traveller auf der Bucket List ganz oben stehen haben. Zu Recht! Die einzigartige Kulturlandschaft aus über 2000 Tempeln, Pagoden, Klöstern und Schreinen – Relikte der Königsstadt Bagan des 11. bis 13. Jahrhunderts – erstrecken sich inmitten einer heißen Savannenlandschaft auf rund 42 Quadratkilometern. Sorry, das so inflationär gebrauchte Adjektiv muss hier stehen: Bagan ist atemberaubend!

Bagan in Myanmar

Bagan in MyanmarBagan in MyanmarWas anschauen? Die Liste sehenswerter Denkmäler ist schier unüberschaubar, und den Reiseführer können wir Euch nicht ersetzen. Es gibt Pagoden mit goldenen Kuppeln, rote Ziegelsteintempel so groß und düster wie mittelalterliche Kathedralen, Höhlenschreine. Wandmalereien mit allen 28 erschienenen (!) Buddhas, riesige liegende Buddhas in viel zu kleinen Räumen, filigrane Holzschnitzereien und Steinmetzarbeiten, die wundersame Geschichten erzählen. Hie und da lauern Nats – Statuen grimmig-boshafter Geister, die man stets beschenken muss, damit sie einem wohlgesinnt bleiben.

Shwezigon-Pagode in Bagan in Myanmar
Die vergoldete Shwezigon-Pagode gehört zu den meist besuchten Tempelbauten Bagans

Warum Bagan nicht auf der UNESCO-Welterbeliste verzeichnet ist, wird schnell klar. Die Militärs kümmerten sich nie um Denkmalschutz. Backstein wurde durch Beton ersetzt, Bodenmosaike durch Klofliesen. Aber der Antrag ist gestellt. Mittlerweile sind internationale Restauratorenteams am Werke, insbesondere seit dem Erdbeben im August 2016. 2019 oder 2020 soll die Auszeichnung erfolgen.

Zum Sonnenuntergang versammeln sich die meisten Touristen auf den Plattformen der Shwesandaw-Pagode – ein echtes Lichtspieldrama und ein Augenschmaus, gleichzeitig aber auch ein Event der Massen. Im Morgengrauen hingegen steigen Heißluftballons in den Himmel – wer die Fantasylandschaft von oben betrachten will, muss mindesten 330 US-Dollars investieren.

Sonnenuntergang in Bagan in Myanmar

Wie viel Zeit braucht Ihr? Schwierig. Hängt ganz davon ab, wie schnell Ihr Eueren Pagoden-Koller bekommt. Wir haben Leute getroffen, die sich hier eine Woche haben treiben lassen. Anderen reicht ein Tag. Wir selbst haben uns zwei Tage Zeit genommen. Haben die für uns am spannendsten klingenden Bauwerke vorab auf einer Bagan-Karte markiert und diese nach und nach abgeklappert. Am ersten Tag waren wir mit dem Rad unterwegs – auf dornigen Sandwegen in großer Hitze. Am nächsten Tag sattelten wir auf ein E-Bike um. Das ist aus zwei Gründen empfehlenswerter: Wegen der breiteren Reifen tut man sich auf den sandigen Wegen deutlich leichter, zudem vergrößert sich der Radius. Räder und E-Bikes verleiht fast jede Unterkunft. Wer von beidem nichts hält, kann mit Kutschern und Taxifahrern verhandeln.

Nyaungshwe: Ein Tag auf dem Inle-See

Wieder einmal machen wir uns das Reisen durch Myanmar ganz bequem und buchen zwei Sitzplätze in einem klimatisierten Van zum Inle-See. Der durchorganisierte Banana Pancake Trail macht’s möglich und verführt dazu. Sechs junge Backpacker aus den USA, Dänemark und Deutschland lassen uns acht Stunden lang an ihren Hostelabenteuern teilhaben. Myanmar sehen wir nur durch abgedunkelte Scheiben: Bauern auf ihren Feldern, überfüllte Minibusse, die Dächer voll mit gedrängt sitzenden Reisenden, geduldig kauernde Menschen am Straßenrand.

Lake Inle. 22 Kilometer lang, elf Kilometer breit, nie tiefer als drei Meter. So zumindest auf dem Papier. Vor Ort weiß man oft nicht, wo Land und wo Wasser ist, bzw. ob das Land, das man sieht, keine im Wasser schwimmende Insel ist. Jeden Morgen macht sich vom Städtchen Nyaungshwe eine Armada an Ausflugsbooten auf den Weg zur großen Seentour. Wir sind dabei, zum Glück alleine mit unserem Guide Khwe. Es wird ein ganz großes Highlight, das viele Einblicke in das Leben der Menschen am bzw. auf dem See mit sich bringt! Auf dem Wasserstraßenlabyrinth durchfahren wir auf Stelzen gebaute Dörfer, besichtigen auf Stelzen gebaute Klöster und stoppen an einem kunterbunten Wochenmarkt. Augen und Nase fahren hier Karussell. Frauen verkaufen streng riechende Garnelenpaste, Blumen, Fische, Hühnerfüße, Frühlingszwiebeln. Ihre Männer bringen Benzin in Wasserflaschen an den Mann und rollen zerhackte Betelnüsse mit flüssigem Kalk und diversen Gewürzen in grüne Blätter. Diese Kaupäckchen sind in Myanmar das Genussmittel par excellence. Allerorts sieht man die eingetrockneten zinnoberfarbenen Spuckreste.

Stegbrücke über den Inle-See in Myanmar
Wo keine Wege möglich sind, gibt es Stege über den See

Bootstour auf dem Lake Inle in Myanmar

Außerdem: kleine Tomaten in Massen. Sie entstammen schwimmenden Beeten auf dem See; ein Humusteppich auf einer Matte aus Wasserhyazinthen dient dabei als Nährboden. Die dümpelnden, mit Stäben fixierten Beete dürfen wir sogar betreten – eine wackelige Angelegenheit mit großem Spaßfaktor.

Schwimmende Tomatenbeete auf dem Inle-See in Myanmar
Auf schwimmenden Beeten werden die Tomaten angebaut…
Markt am Inle-See in Myanmar
… und auf dem Markt verkauft

Natürlich wird auch an diversen Kunsthandwerksbetrieben gehalten, auch an solchen, wo so genannte „Giraffenhalsfrauen“ aus dem Volk der Padaung Seidentücher weben. Sie tragen bis zu zehn Kilogramm schwere Spiralen um den Hals, die diesen länger erscheinen lassen. Wir ziehen eine Zigarettenpause dem Menschenzoo vor. Khwe will währenddessen unser Alter wissen und wir lassen ihn schätzen. „50 und 62!“, tippt er. 42 bzw. 47 Jahre wäre die richtige Antwort gewesen. Wir rütteln ein wenig an unserem Selbstbewusstsein und fragen ihn, wie alt er denn sei. „Thirtyfive!“, erwidert Khwe voller Stolz und zeigt uns ein zahnarmes Lächeln in einem Gesicht voller tiefer Falten.

Giraffenhalsfrauen in Myanmar
Touristenattraktion Giraffenhalsfrauen

Auf dem Rückweg begegnen wir schließlich auch den lebendigen Wahrzeichen des Inle-Sees, den Einbeinruderern. Einen Fuß schlingen sie um das Ruder und bewegen es im Stehen – so haben sie die andere Hand frei zum Fischen. Ein wahrlich fotogenes Motiv und der großartige Abschluss eines wunderbaren Tages.

Einbeinruderer im Lake Inle in Myanmar
Einbeinruderer im Lake Inle, einmal sitzend, einmal stehend

Einbeinruderer im Lake Inle in MyanmarGoldener Felsen von Kyaikhtiyo: Buddhas Haar und Thanaka

Der Nachtbus hat den Vorteil, dass man kaum wahrnimmt, was der Fahrer da vorne so treibt. Zum Glück! In Myanmar herrscht Rechtsverkehr. Die meisten Fahrzeuge sind jedoch Linkslenker, was waghalsige Überholmanöver zur Folge hat, denn der Fahrer sieht erst im letzten Moment, ob jemand entgegenkommt.

Wir schaffen es ohne Zwischenfälle nach Bago, unserer Schnittstelle zum touristisch wenig begrapschten Süden des Landes. Dort warten wir auf unseren Anschlussbus zum Goldenen Felsen von Kyaikhtiyo. Es ist vier Uhr morgens und die halbe Stadt ist schon auf den Beinen. Eine Armee kahlköpfiger, karminrot gewandeter Mönche kommt im Gänsemarsch angelaufen, Behälter an sich gedrückt, die für Essensspenden gedacht sind. Nie gehen die Mönche mit leeren Händen ins Kloster zurück, fürsorglich überreicht die fromme Bevölkerung des Landes in aller Herrgottsfrühe ihre Almosen. Ein rührender Anblick.

Der Goldene Felsen ist unsere letzte Station auf dem Banana Pancake Trail. Zur heiligsten buddhistischen Stätte des Landes fahren mit Sitzreihen bestückte Laster.

Goldener Felsen in Myanmar

Goldener Felsen in MyanmarWas für ein Anblick! Der von einer sechs Meter hohen Stupa gekrönte, über und über mit Blattgold beklebte Felsen, der da über einem 1100 Meter hohen Abgrund hängt, scheint der Schwerkraft zu strotzen. Dem Glauben nach ist eine einzige federleichte Reliquie in der Stupa, ein Haar Buddhas nämlich, dafür verantwortlich, dass der Felsen nicht in die Tiefe stürzt. Hunderte, ja tausende von Pilgern bevölkern die weitläufige Wallfahrtsstätte drum herum. Kranke und Alte werden auf Sänften umher getragen, Familien picknicken, Mönche meditieren, Schulmädchen fotografieren sich und winken uns mit aufs Bild. Viele haben ihre Wangen mit Thanaka-Paste bestrichen, einer weißen Baumrindenpaste, die schützt, kühlt und dazu auch noch hübsch macht. Barfüßig – wie in allen religiösen Stätten sind Schuhe und Socken tabu – tänzeln wir über die von der Sonne glühend aufgeheizten Bodenfliesen und genießen die wunderbaren Ausblicke.

Goldener Felsen in Myanmar

Kinder mit Thanaka-Paste in MyanmarDER SÜDEN

Der 700 Kilometer lange, schmale Streifen Land, der sich zwischen Andamanensee und Thailand quetscht, war zu unserem Besuch erst seit kurzem für ausländische Touristen zugänglich. Die rund 4000 Inseln des Myeik-Archipels davor sind es bis auf wenige Ausnahmen bis heute nicht. Alles kann sich jedoch schnell ändern, Unterkünfte können rasanter entstehen als wir hier tippen können. Bis sich jedoch auf den Eilanden Backpacker-Dorados wie weiter südlich in Thailand entwickeln, wird noch ein Weilchen vergehen.

Mawlamayaing: Kolonialstadt in Pastell und Grün

Die 325.000-Einwohner-Stadt mit dem Zungenbrechernamen (ein Wunder, dass wir überhaupt im richtigen Ort ankamen!) liegt an der Kreuzung der Flüsse Thanlwin und Gyaing. Eine filmreife Kulisse, mystisch, exotisch, in schwüler Hitze dampfend. Pastellfarbene, verschnörkelte Moscheen, Hindutempel, Baptistenkirchen, Holzhäuschen mit Veranden und bröckelnden Erkern – die Zeugnisse des multikulturellen, kolonialen Erbes der Stadt sind oft morbide, stets aber überaus einnehmend. Die üppig grünen, palmenbestandenen Hügel sind betupft mit maroden Klöstern und glitzernden Pagoden. Schnitzkunst in MyanmarBlutjunge Mönche zeigen uns den Weg durch ein magisches Ensemble aus überdachten Passagen, Höfen und Treppen hinauf zum Seindon-Mibaya-Kloster, einem vergessenen kunsthistorischen Kleinod aus dem 19. Jh. Keine Ecke, wo es nichts zu gucken gibt. Üppig verzierte Spiegelwände, opulentes Schnitzwerk, Details über Details. Figürchen mit Schnurrbärten und goldenen Pluderhosen tanzen zwischen Säulen und unter Giebeln, Äffchen klammern sich an fein gearbeitete Konsolen. Zum Sonnenuntergang wechseln wir zur Kyaik-Thanlan-Pagode in der Nachbarschaft – Aussichten, bei denen einem das Herz überläuft.

Kloster in Mawlamayaing in Myanmar
Mawlamayaing: verwunschene Klöster, geheimnisvolle Passagen

Kindermönch in MyanmarWer sich wie wir dazu entscheidet, den Weg ins rund 310 Kilometer weiter südlich gelegene Dawei mit dem Zug zurückzulegen, sollte Zeit und Geduld mitbringen. Und zwar beginnend mit dem Fahrkartenkauf. Der an sich prunkvolle Bahnhof, von dem einmal am Tag eine Bummelbahn nach Dawei fährt, ist ein Spukschloss. Die nur mit Unterhemd und Longyi (dem birmanischen Sarong) bekleideten, vielfach tätowierten Schalterbeamten sitzen teilnahmslos auf hohen Hockern, rotzen Betelspucke ins Eck und erschrecken, als sie uns sehen. Der, der ein paar Brocken Englisch spricht, muss geweckt werden, kommt wenig amused mit der Liege im Arm angeschlurft, entreißt uns unsere Pässe und verschwindet. 10 Minuten, 20 Minuten, 30 Minuten vergehen. Schließlich kommt er zurück, mit unseren Tickets und zwei Papierfetzen. „Tomorrow morning at four!“. Okay. Es kann losgehen!

Mit dem Zug nach Dawei

310 Kilometer in 17 Stunden für umgerechnet fünf Euro! Wo kann man solange Zug fahren für so wenig Geld? Und das noch in der Upper Class, da kann man nicht meckern. Eine Polsterung unterm Hintern macht den Unterschied zur „Ordinary Class“ mit ihren Holzbänken.

Mit dem Zug durch Myanmar

Zugfahren in Myanmar

Wir starten im pinkfarbenen Morgenrot und zuckeln im Schritttempo von Milchkanne zu Milchkanne. Der Zug erlaubt kaum einen Dämmerzustand, er schüttelt seine Passagiere, wirft sie gegeneinander. Warme Luft fönt uns, während das Landschaftskino draußen an uns vorüberzieht: Dörfer, Menschen, Reisfelder, Hütten. Leute kommen, Leute gehen. Kinder ohne Spielzeug schauen stundenlang aus offenen Fenstern, kein Weinen, kein Zetern. Neben uns übt sich ein Mann im Lesen. Junge Mädchen kuscheln sich an uns, streicheln uns die weiße Haut. Ein Mönch mit Mahatma-Ghandi-Brille setzt sich dazu, ein Smalltalk beginnt. Gegen 21 Uhr erreicht unser Zug laut seufzend die Endstation Dawei.

Zugfahren in Myanmar

Dawei und Myeik: Mopedmassen wie Insektenschwärme

Dawei, 137.000 Einwohner, ist eine entspannte Stadt, die wie so viele tropische Städte gut im Saft steht: In den Gärten Früchte tragende Mangobäume und Bananenstauden, Orchideen schmücken die Balkone der Kolonialgebäude. Die Könige der Straßen sind die Mopeds, hier wie auch im 240 Kilometer südlich gelegenen Myeik sind kaum mehr Auto zu sehen. Und auch keine Touristen mehr! Unzählige Einwohner der beiden Städte möchte uns persönlich grüßen und in ihrem Land willkommen heißen – bezaubernde Gesten, die aber mit der Zeit anstrengend werden können.

Hafen von Dawei in Myanmar
Am Hafen von Dawei…
Dawei in Myanmar
… und in den Straßen von Dawei

Die Umgebung Daweis punktet mit elfenbeinweißen, menschenleeren XXL-Stränden – der nächstgelegene befindet sich etwa 18 Kilometer nordwestlich.

Myeik, im Reiseführer als „einer der schönsten Küstenorte Myanmars“ gepriesen, überrascht uns eher durch Schmuddel. In den unaufgeräumten Straßen mit manchmal schöner Kolonialarchitektur streunen Ziegen umher, die Kanalisation liegt in Teilen offen. Zwischen Pagoden und Klöstern, zwischen Hafen und Markt kein Café oder irgendein anderes Plätzchen zum Ausruhen oder Lesen – Orte, die der Europäer gemeinhin als „gemütlich“ bezeichnet, scheint es in Myeik nicht zu geben. Für ein Päuschen gehen wir in unser schlichtes Hotelzimmer, wo der Ventilator die feuchtwarme Luft umrührt. Am Abend entdecken wir die Dachterrasse des Hotels Grand Jade, dem wohl besten Haus am Platze. Die Dachterrasse ist steril und bombastisch zugleich, mit grandiosem Blick über die Stadt und die vorgelagerte Insel. Zum Sonnenuntergang essen wir scharfen Papayasalat und Satéspießchen – zu gesalzenen Preisen, die wir im Angesicht dieser Götterdämmerung jedoch gerne bezahlen.

Myeik in Myanmar
Ziegen streunen durch die Straßen von Myeik

Myeik-Archipel: Das blaue Wunder erleben

Erst kürzlich haben wir erfahren, dass die Schnellbootverbindungen zwischen Dawei und Myeik (vier Stunden) sowie zwischen Myeik und Kawthoung (Grenze Thailand; acht Stunden) bis auf Weiteres eingestellt wurden. Grund: Durch die stetige Verbesserung der Straßenverhältnisse und der Sicherheitslage im Süden des Landes zogen immer mehr Reisende den günstigen Bus der teueren Schnellbootfahrt vor – die Fahrten haben sich nicht mehr gelohnt. Touristen verpassen nun aber leider einen Traumtrip durch den Myeik-Archipel, der so etwas wie das Tüpfelchen auf dem i unserer Myanmar-Reise war. Falls wieder Schnellboote eingesetzt werden: Unbedingt buchen!

Mit dem Schnellboot durch das Myeik-Archipel in Myanmar

Die mehr als 800 Inseln des Myeik-Archipels sind eines der letzten fast unberührten Paradiese dieser Welt, kaum besiedelt, von der Außenwelt isoliert. Weiße, pudrige Sandsicheln im türkisfarbenen Meer, davor Korallengärten und kreischbuntes Fischkino. Die Eilande und das Meer sind die Heimat der Moken, fischender und Perlen tauchender Seenomaden, die auf schnorchelnde Langnasen bislang wenig Lust haben. Daher gab es bis dato nur wenige Möglichkeiten, als Tourist einen Fuß auf die Inseln zu setzen. Von Ranong in Thailand starten jedoch schwimmende Boutiquehotels zu sündhaften teueren Kreuzfahrten durch die Inselwelt. Außerdem bietet die deutsche Agentur Life Seeing Tours aus Myeik hoch gelobte Tagestrips an. Die Tage des Elysiums scheinen angesichts seines gewaltigen touristischen Potentials aber gezählt, die ersten Luxusresorts sind bereits entstanden.

Myeik-Archipel in Myanmar
Fast unberührtes Paradies: der Myeik-Archipel

KURZINFOS MYANMAR

Visa und Gesundheit
Ihr benötigt ein Visum, Infos erteilt die Botschaft von Myanmar. Weitere Infos, auch zu Impfbestimmungen, wie immer auf den Seiten des Auswärtigen Amtes.

Reisezeit
Am besten fahrt Ihr in der Trockenzeit zwischen Oktober und März.

Preise
Im Vergleich zu anderen südostasiatischen Ländern wie Thailand oder Indonesien ist Myanmar nicht überragend günstig – bis aufs Bier. Unsere Unterkünfte (Doppelzimmer mit Bad in einfachen Hotels oder Guest Houses) haben im Schnitt 30 bis 40 Euro gekostet. Essen könnt Ihr für zwei bis sieben Euro. Tickets für Sehenswürdigkeiten kosten bis zu 25 US-Dollar (Bagan)!

Planung
Obwohl es nicht unsere Art ist, Hotels im Voraus zu buchen, haben wir es im Falle Myanmars getan. Und das war gut so. Auch dort, wo es viele Hotels gibt, gibt es oft noch mehr Touristen. Wer dann erst am Abend anreist, zieht nicht selten die A…-Karte. Noch schwieriger verhält es sich im Süden des Landes, wo es nur begrenzt akzeptable Hotels gibt. Entweder haben wir deswegen ein Zimmer über eine Hotelbuchungsplattform reserviert oder ein, zwei Tage vorher angerufen bzw. anrufen lassen (geht in vielen Hotels und Guest Houses problemlos).

Um den Transport haben wir uns kurzfristig vor Ort gekümmert.

Pferdedroschke in Myanmar

Immer wieder liest man, Myanmar sei eine kleine Herausforderung für Rucksacktouristen. Das stimmt nicht, vor allem dann nicht, wenn man schon ein bisschen mehr als nur in Thailand oder Vietnam unterwegs war. Zeit aber braucht man!

Kleidung

Mädels, passt auf der bei der Klamottenwahl: In Myanmar läuft man, anders als in Thailand, nicht mit Spaghettiträgertops und Shorts umher. Schultern und Knie sollten bedeckt sein.

Literatur
Sehr gut gefahren sind wir mit dem Reisehandbuch „Myanmar“ aus dem Stefan Loose Verlag (Berlin, 7. Auflage 2017). Der Verlag unterhält auf seiner Webseite auch eine sehr gute Update-Rubrik, die angesichts der raschen Entwicklung des Landes Gold wert ist.

Als Reiseliteratur sollte „Der Glaspalast“ von Amitav Ghosh (btb Verlag) in den Rucksack, eine überaus spannende Familiensaga, die den Bogen von der kolonialen Epoche bis in jüngere Zeit spannt.

MYANMAR – PLUS UND MINUS

Plus

Die Menschen: Zutiefst religiös und zutiefst freundlich. Wie ein derart grausames System derart liebenswerte Menschen hervorgebracht hat, haben wir uns nicht nur einmal gefragt. Der Vergleich mag hinken, aber außer im Libanon sind wir noch in keinem von uns bereisten Land auf freundlichere Menschen gestoßen.

Immer wieder wird man mit aufs Bild gewunken, wie hier in Bagan

Die kulturhistorischen Schätze: Völlig irre und fast schon zuviel des Guten.

Kunst in Myanmar

Minus

Das frühe Aufstehen: In Myanmar kräht der Hahn ein paar Stunden früher. Wer viel unterwegs sein will, darf sich auf Schatten unter den Augen einstellen. Meist starteten unsere Busse, Züge oder Schnellboote zwischen vier und sieben Uhr morgens, einmal gar um ein Uhr nachts!

Die Infrastruktur des Südens: Wer in Gegenden vordringen will, die touristisch noch in Kinderschuhen stecken, darf kein Bespaßungsangebot für Touristen erwarten. Das war uns klar. Nur wünschten wir uns in Myanmars Süden tatsächlich ein klein wenig mehr. Aber da wird sich in den nächsten Jahren sicher einiges tun.

Tankstelle in Myanmar
Tankstelle in Myeik

Wie fandet Ihr Myanmar? Hat sich schon viel geändert? Wir freuen uns über Eure Kommentare.

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