„Ich habe ja in Berlin schon ständig das Gefühl, von Leuten umgeben zu sein, die unfassbar jung, hip und schön sind. Doch dann kam ich nach Tel Aviv.“ (@ve_mayer auf Twitter)“

Ankunft am Flughafen Tel Aviv Ben Gurion. Der Terminal ist voll mit riesigen LED-Displays; darauf glanzpolierte Models, die stylishe Sonnenbrillen auf schmalen Näschen tragen. Und überall prangt der Schriftzug „Carolina Lemke Berlin“. Carolina Lemke? Berlin? Who the fuck ist that? In den vielen Jahren, die wir nun schon in Berlin leben, kam uns noch keine Carolina Lemke unter. Beziehungsweise keine Sonnenbrille, die so heißt. Kein Wunder. Das Label ist ein hiesiges. Der Zusatz „Berlin“ reicht aus, um in Israel als hip und urban rüberzukommen. Schließlich gilt Berlin ja als eine der coolsten Städte der Welt. Und auch die Berliner Brillen stehen weltweit für Lässigkeit: Mykita, ic! Berlin, Kuboraum, Lunettes Kollektion. Die Brillen von Carolina Lemke Berlin dagegen werden in der Nähe von Tel Aviv vornehmlich für den israelischen Markt produziert.

Berlin sells.

Das merken wir recht schnell während unserer Woche in Tel Aviv. Statt mit „Hey Nazis!“ begrüßt zu werden, nur offene Türen beim Wörtchen „Berlin“. Da wird man im Klamottenladen ruckzuck zum Espresso eingeladen, da kommt man in der Bar sofort ins Gespräch. Das war nicht immer so. In den 1980er-Jahren, bei Michaels erster Israelreise, waren es nur ältere Menschen, die sich über den Klang der deutschen Sprache freuten. Heute ist das anders.

Berlin reist nach Tel Aviv. Meist als Tourist. Und Tel Aviv reist nach Berlin. Oft auch um zu bleiben. Wie viele Israelis in Berlin leben, weiß man allerdings nicht. Gemeldet sind etwas über 5000, Schätzungen sprechen aber auch von bis zu 30.000 Israelis in der deutschen Hauptstadt. Selbst Dependancen von Tel Aviver Lokalen eröffnen in Berlin (großartig zum Beispiel die Night Kitchen in Mitte). Der große Run kam 2014 auf. Ein in Berlin lebender Israeli hatte ihn ausgelöst: Er postete den Preis eines Fertig-Schoko-Pudding in einem Berliner Discounter auf Facebook. 19 Cent das Stück. Mehr als ein Drittel billiger als daheim. Das weckte Neugier. Die Liste der Ausreisewilligen wurde länger, die israelische Politik tobte.

Sonnenuntergang in Tel Aviv
Sunset ohne Ende

Hipster Sisters? Berlin und Tel Aviv im Vergleich

„Was bringt dir eine schöne Frau, wenn sie dumm ist? Lieben wirst du die hässliche, intelligente. So ist das auch mit Städten.“

Das erzählt uns Jair, ein netter Ü30-er, den wir in einer Craft Beer Bar kennen lernen. Bei einem Pale Ale vergleichen wir die 430.000-Einwohner-Stadt am Mittelmeer mit der 3,6-Millionen-Metropole an der Spree. Als klassische Schönheit geht keine durch. Beide Städte sind auf ihre Art seltsam zerrissen, in Teilen von Brachen und Architektursünden geprägt. In beiden drehen sich die Kräne unaufhörlich. Beide besitzen kein wirkliches Zentrum, sondern viele Zentren – auch Tel Aviv hat kuhwarme Kieze, manche von gläsernen Hochhäusern eingekeilt. Tel Aviv hat die beeindruckendere Skyline mit shanghaiesken Wolkenkratzern, das muss man sagen.

Punkt für Tel Aviv: In Tel Aviv sind Touristen herzlich willkommen, eine „Rollkoffer go home“-Mentalität wie in Berlin ist gänzlich unbekannt. „We need them“, sagt Jair. Und er freut sich, dass wir da sind. Keine Angst haben. Er bedauert es, dass Tel Aviv ein so schlechtes Image im Ausland hat. Wie ganz Israel. „Als würden hier nur Bomben fallen.“

Street Art in Tel Aviv
Rasen ist eher Mangelware in der Wüstenstadt

Punkt für Berlin: Berlin hat die schöneren Parks. Schwer für eine Wüstenstadt, da mitzuhalten. Dafür gibt es in den Tel Aviver Parks keine Dealer, kein krasses Junkie-Elend, keinen Dreck – womit wir schon beim nächsten Punkt sind. Einem…

Punkt für Tel Aviv: Die Sauberkeit! Hier schmeißt keiner Matratzen auf den Gehweg, wenn er sie nicht mehr braucht. Keine krakeelenden Jungprols, die in ihrer aufgedrehten Partylaune die Bierflaschen zerdeppern. Die Gehwege sind sauber, höchstens ein Hundehäufchen liegt mal herum. Apropos Hunde: Die Tel Avivis lieben Hunde, rund 30.000 Hunde wohnen in der Stadt. „Wer keinen hat, will einen“, sagt Jair. Fast überall darf der Hund mit rein, vor den Bars stehen Wasserschüsseln. Hunde werden lustig frisiert, bekommen gar einen netten Irokesenschnitt verpasst.

Punkt für Berlin: Die Preise! Tel Aviv ist arschteuer. Schweizer Preise mit Berliner Lohnniveau. „Für uns Tel Avivis ist alles genauso teuer wie für Euch Touristen“, sagt Jair. „Aber egal. Wir leben, leben, leben, ohne ans Geld zu denken. Kaum einer hat Ersparnisse. Wir hauen das Geld raus, wie es reinkommt.“ Ein paar Preisbeispiele findet Ihr unten.

Punkt für Tel Aviv: Das Wetter im Winter! Der Berliner Winter ist nicht der hellste und nicht der warmherzigste. Der Winter in Tel Aviv hingegen: bis zu 24 Grad im Januar und Action am Strand.

Punkt für beide: Ziviler Ungehorsam! Am Strand warnen Schilder: „It’s forbidden to climb the wave breakers“. Alles sitzt auf den Wellenbrechern und schaut dem Sonnenuntergang zu. Durchsage: „Swimming is prohibited.“ Das Meer aber ist voller Menschen. Leck-mich-am-Arsch-Attitüden, die wir auch in Berlin lieben.

Queen of Coolness: Tel Aviv und seine Menschen

Was für relaxte, offene Leute! Fast die ganze Stadt scheint ein Hipsternest zu sein. Wir sehen keine Tussen, keine Gockel. Dafür coole Säue, die die ungekünstelte Lässigkeit gepachtet zu haben scheinen. Kommen die Menschen hier eigentlich schon mit Sneakers auf die Welt? Das Durchschnittsalter beträgt 34 Jahre. In Berlin sind’s neun Jahre mehr.

Man düst mit E-Longboards, E-Rollern und E-Bikes, die schon fast was von kleinen Mofas haben, durch die Gegend. Und in was für einer Schnelligkeit! „E“ ist in! Das erste E-Surfboard wird aus Israel kommen, unter Garantie. Lediglich E-Zigaretten gibt es kaum. Das Dampfen ist zwar grundsätzlich erlaubt, der Verkauf von nikotinhaltigen Liquids jedoch verboten.

Uferpromenade von Tel AvivNur selten begegnen wir ultraorthodoxen Juden mit schwarzem Hut und Schläfenlocken, die Frauen mit um den Kopf geschlungenen Tüchern, langen Röcken und stets ein paar Kindern im Schlepptau. Und nur selten sehen wir alte gebeugte Menschen. Wir sehen sie in den Außenbezirken, im Norden der Stadt, wo sich die eher konservative Gesellschaft niedergelassen hat. Und wir sehen sie im südlich anschließenden Holon, wo das Design Museum steht, eine Ikone zeitgenössischer Architektur. Das Gebäude, schwer wie rostbrauner Stahl und zugleich ein Hauch von Nichts, ist spektakulär. Holon selbst, Partnerstadt von Berlin Mitte (!), ist es nicht: viel Industrie, Plattenbauten, moderne Wohnsilos mit Balkonen im XXXL-Format, seelenlose Einkaufszentren…

Sand, Salz und Surf: Körperkult am Beach

Jeder Jude (…) hat zwei Forderungen an Gott: einen Platz im Paradies im nächsten Leben und einen Platz am Strand von Tel Aviv in diesem.“ (Shalom Asch 1937)

Sorry Wannsee, Müggelsee, Grunewaldsee und wie Ihr nicht noch alle heißt! Ihr könnt mit anderen Ecken am Mittelmeer mithalten. Aber nicht mit dem Strand von Tel Aviv! Life is a Beach in Tel Aviv. Der rund 14 Kilometer lange Stadtstrand unterteilt sich in rund ein Dutzend weißer, feinsandiger Strände. Da gibt es auch Strände für Hunde, für Schwule und für Orthodoxe mit getrennten Badebereichen für Männlein und Weiblein.

Am Frishman Beach soll es, so erzählt man uns, die schönsten Männer geben. Hm, die gibt es eigentlich überall. Und schöne Frauen auch! Waschbrettbäuche joggen an uns vorbei. An den Outdoor-Muckibuden quälen sich Modellathleten. Gut getoastete Beachboys und -girls spielen Matkot, den israelischen Nationalsport, bei dem man sich mit Holzschlägern kleine Bälle um die Ohren haut. Ein bisschen wie Tischtennis ohne Tisch. Klack-Klack.

Am Alma Beach unterhalb von Jaffa baden verhüllte Muslimas, während sich im Meer davor die Surfer austoben und der Muezzin stöhnend Allah lobt. Apropos Surfer! In einer Stadt, in der keiner zu arbeiten scheint, sieht man schon früh am Morgen Pärchen barfuß in ihren Neoprenanzügen durch die Stadt zum Strand laufen; ein Surfbrett unterm Arm.

Strand von Tel Aviv

Tel Avivs Strände haben Temperament, tagsüber genauso wie am Abend, wenn sich dort die Hedonisten zum Sonnenuntergang treffen. Auch wir suchen uns jeden Abend eine schöne Stelle. Holen uns ein Bier in einem Spätkauf (ja, die gibt’s hier auch!) und genießen Sunset-Blicke vom Feinsten. Einmal laufen wir bis hoch in den Norden nach Namal Tel Aviv, wie die Ecke um den ehemaligen Tel Aviv Port genannt wird. Coole Bars und Clubs gibt es dort (zum Beispiel das Rubi mit tollem Essen, viel Gezappel und klasse Atmosphäre) und mit dem Shuk HaNamal auch eine schöne Markthalle. Dort geht es ein wenig zu wie zum Street Food Thursday in unserer Kreuzberger Markthalle Neun.

Tel Aviv Port

An einem anderen Abend wählen wir das Dach des Grunzenberg-Parkhauses (Nachalat Binyamin Street 26) als Ort für unsere dosenbiergeschwängerte Light-and-Magic-Show. Ein gigantisches 360-Grad-Panorama tut sich von dort auf mit dem Blick auf die Glas-und-Stahl-Skyline Tel Avivs im Abendlicht.

Tel Aviv Skyline bei Nacht
Blick vom Grunzenberg-Parkhaus

Carmel Market und Kerem: Falafel und Erdinger Weiße

Wer der essverrückten Stadt nachspüren will, kann im kunterbunten Carmel Market starten. Hier gibt es Obst und Gemüse, Metzger, Handyverkäufer, Fischhändler, Helva-Verkäufer, Kitsch-Souvenirs, Salz vom Toten Meer und und und… Dazwischen Fressbuden und Saftstände. Wir haben uns praktischerweise gleich mittendrin eingemietet, in einem hellhörigen Studio.

Zum Frühstück holen wir uns Sufganiot, wie die marmeladengefüllten Krapfen (= Berliner!) genannt werden, die es nur während des achttägigen Chanukka-Festes im Dezember gibt. Mittags essen wir gegrillte Hackfleischbällchen oder Falafel mit Mangosoße und trinken Granatapfelsaft dazu. Und am Abend nehmen wir Platz in einem der vielen Lokale von Kerem, wie das gemütliche Viertel drum herum genannt wird.

Bar im Viertel Kerem

Besonders angetan hat es uns der Meat Market mitten im Markttrubel (Yom Tov Street 3, Tel. +972/35173086). Eine lässige Baracke im Shabby-Chic-Stil, halb Edelmetzger, halb Restaurant. Familien, Beautiful People und Geschäftsleute mampfen hier Dry-Aged-Steaks oder Lammkoteletts, die man sich zuvor aus der Vitrine aussuchen kann. Pro Person sollte man mit mindestens 40 Euro rechnen. Reservieren! Auch nett: der Salon Berlin (Najara Street 15), eine urgemütliche Kneipe, wo es Erdinger Weißbier (!) und Schnitzel (!) gibt.

Meat Market im Carmel Market in Tel Aviv
Coole Meat Crafters: Meat Market im Carmel Market

Old Jaffa: 1001 Nacht und Shakshuka

In Jaffa geht man am besten erstmal in den HaPisga-Garten und blickt von dort hinüber auf die perlnachtblauen Hochhäuser Tel Avivs, in deren Fassaden sich die Wolken spiegeln. Was für ein Kontrast! Dort die Moderne, das Heute, die Zukunft. Hier das Alte, die Vergangenheit, die Tradition. Im Gegensatz zu Tel Aviv trieft Jaffa bzw. Old Jaffa nur so vor Geschichte. Die arabische Hafenstadt, in deren Schatten Tel Aviv Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet wurde, hat rund 4000 Jahre auf dem Buckel.

Doch nicht nur Araber prägten Jaffa. In Jaffa lebten über die Jahrhunderte hinweg Juden, Muslime und arabische Christen meist friedlich miteinander. Jaffa ist ein Stadtteil von besonderer Atmosphäre. Nehmt Euch mindestens einen Tag Zeit für Jaffa und rennt nicht nur schnell mal zu Abu Hassan (Ha-Dolfin Street 1), dem sagenhaften Hummus wegen.

Jaffa: Orient pur

Jaffa, das sind barocke Kirchen, verschnörkelte Moscheen, ein osmanischer Uhrturm und prächtige honigfarbene Stadthäuser aus Sandstein. Das sind schmale Treppen, Passagen und Durchlässe. Stundenlang könnte man sich durch das Flohmarktviertel Shuk Pish mit all seinen Trödlern treiben lassen. Männer mit Bärten und Käppi flicken alte Teppiche und renovieren Vintage-Möbel. Doch das Viertel ist längstens auch von der urbanen In-Crowd entdeckt worden. Am Abend trifft man sich in hippen Bars. Manche Gäste kommen mehr oder weniger direkt vom Frühstück – wie in Berlin wird es in vielen Cafés bis in den späten Nachmittag serviert.

Restaurant in Jaffa in Tel Aviv

Wir setzen uns auf die Terrasse des hübschen Lokals Faruh Bashuk, eine wunderbar entspannte Mischung aus Café, Bar und Restaurant. Wir essen frisch gehackte Leberpastete, Salat mit Erdnusssauce und Shakshuka, zwei Eier in einer kreuzkümmeligen Tomatensauce mit viel Koriander.

Danach spazieren wir hinunter zum Fischerhafen. Bunte Boote schaukeln im Wasser, lederhäutige Männer flicken Netze. Restaurants und Fischbuden, die in den einstigen Lagerhallen für Orangen eingerichtet wurden, laden zum nächsten Gang. Wir müssen passen, geben Jairs Tipp aber weiter: das arabisch geführte The Old Man and the Sea. „Bevor du überhaupt sitzt, hast du schon 20 Meze-Tellerchen vor dir stehen“, versprach er uns. Und fügte noch hinzu:

„Die Araber können einfach besser kochen. Das Shawarma ist besser, der Hummus ist besser. Und den besseren Service haben sie auch.“

Restaurant Old Man and the Sea in Jaffa in Tel Aviv
Old Man and the Sea: im Mezze-Paradies

Florentin: Friedrichshain mit Orangenbäumen

Im Stadtteil Florentin ist die Bevölkerung noch deutlich durchmischter als in anderen Ecken der Stadt. Die Bohème mit Geld ist erst im Kommen. Hier leben viele Studenten und Alternative, aber auch viele Handwerker, die in kleinen Werkstätten hämmern, bohren und polstern. Dazwischen blüht die Streetart-Szene. Kaum ein Gebäude, das nichts abbekommen hat, selbst vor der Synagoge machen die Sprayer nicht Halt.

Streetart in Tel Aviv

Streetart in Tel AvivEs gibt mittlerweile einige Anbieter für Streetart-Touren durchs Viertel. Wer lieber individuell unterwegs sein will, nimmt sich am besten die Blocks zwischen Elifelet und HaAliya Street vor. Spätestens nach zwei Stunden weiß man, dass Dede wilde Tiere malt, Sened kleine lustige Comic-Figuren und die gebürtige Kanadierin Murielle verrückte kleine Kunstwerke aus alten Elektroteilen an die Wände bastelt. Murielle betreibt auch die Tiny Tiny Gallery an der Florentin Street 18 – eine Straße übrigens, die man ohnehin mal auf- und abspazieren sollte.

Streetart in Florentin in Tel Aviv

In Florentin zieht es uns auch auf den Levinský-Markt. Keine Markthalle und auch kein Marktgelände. Sondern eine Straße voller Läden, die nach Orient riechen. Hier gibt es säckeweise Gewürze, Nüsse, dazu alle erdenklichen Sorten Schafskäse oder Eingelegtes. Drum herum aber auch tolle Bars. Wir trinken unser Feierabendbier im netten Tony ve Esther (Levinsky Street 39). Dazu essen wir Matjes (!), den würzigen Ziegenfrischkäse Labaneh und Linsensalat mit Tahin und Koriander. Wären wir nach diesem Tag des Herumspazierens nicht so erledigt, würden wir vielleicht noch im The Block vorbeischauen. Der Technoladen gilt als das Berghain Tel Avivs. „Luckily without Berghain doormen at the entrance“, wie wir im Netz lesen. Wenn auch der Marquardt an der Tür fehlt, so legen doch recht regelmäßig DJs aus dem Berghain auf.

Levinský-Markt in Tel Aviv
Levinský-Markt

Rothschild Boulevard, die Wiege Tel Avivs

Zu den Müsst-Ihr-Euch-unbedingt-angucken-Stationen von Tel Aviv gehört der eineinhalb Kilometer lange Rothschild Boulevard. Der Boulevard, in Wirklichkeit mehr Straße als Boulevard, war der erste der Stadt. Erbaut auf Sand, wie die Berliner Prachtmeilen. Er beginnt im Viertel Neve Tzedek, einer niedlichen Puppenstube mit hochpreisigen Boutiquen und hübschen Restaurants.

Vorbei an Glastürmen und schmucken neoklassizistischen Gründerzeitvillen flanieren wir den Boulevard auf seinem grünen Mittelstreifen gen Norden. Rechts und links Palisander und Flammenbäume, aber hin und wieder auch ein minimalistisch designtes Bauwerk der Moderne. Dazu Cafés mit netten Namen wie Da Da & Da und in den Nebengassen ein paar Clubs. Es ist Sonntagvormittag. Hier und da wummert es noch, verstrahlte Grüppchen stehen beisammen – das schrill-vergnügte Nachtleben Tel Avivs kennt wie auch das von Berlin keine Sperrstunde.

Das nördliche Ende des Rothschild Boulevards markiert das Habima-Theater, das israelische Nationaltheater. Es ist ein Neubau, der aber äußerlich den Vorgängerbau aus den 1930er-Jahren imitiert. Die Formensprache erinnert an die der Berliner Volksbühne. Nicht ohne Grund: Für beide Entwürfe stand der Architekt Oskar Kaufmann Pate. Davor der von Dani Karavan gestaltete Habima-Platz mit einem tiefer gelegten Blumenbeet.

Habima-Platz in Tel Aviv
Habima-Platz

Architekturgulasch: Von der White City zum Rabin Square

Vom Habima Square spazieren wir weiter gen Norden und damit mitten hinein in die White City. Gemeint ist eine Ansammlung von rund 4000 Gebäuden im Bauhaus-Stil der 1930er-Jahre. Verantwortlich dafür zeichneten ebenfalls vorrangig aus Nazi-Deutschland geflohene Architekten, darunter Schüler Mies van der Rohes oder Walter Gropius’. Spannende Bauten findet man unter anderem am kreisrunden Dizengoff Square, wie das Cinema Hotel, das ehemalige Ester-Kino mit Flachdach und Vorbau. Geht rein, das Gebäude ist auch innen sehenswert! Deutlich weniger augenfällig sind die Bauhaus-Wohnhäuser in den umliegenden Straßen. Viele davon sind mittlerweile stark ergraut und vernachlässigt, mehr Grey City als White City. Schade. Architekturführungen bietet das Bauhaus Center.

White City in Tel Aviv

Cinema Hotel in Tel Aviv
Unterwegs in der White City

Von Architektur nicht genug? Dann auf ins riesige Tel Aviv Museum of Art! Vor allem der etwas sperrig Herta and Paul Amir Building genannte Westflügel des Kunsttempels ist spektakulär. Er stammt vom amerikanischen Architekten Preston Scott Cohen. Von außen hat er etwas von Origami, innen ähnelt er einem Raumschiff. Vor lauter Architektur vergisst man glatt die Exponate des Museums: Monet, Cézanne, Renoir oder Chagall beispielsweise. Und ein Stockwerk über den europäischen Meistern: israelische Gegenwartskunst vom Feinsten.

Danach spazieren wir zum Rabin Square. Oh weh, hier sieht es ein bisschen aus wie im Ostblock. Ein brutalistisches Rathaus. Und mittendrin ein Erinnerungsort, der zudem nicht gerade fröhlich stimmt: das Holocaust-Mahnmal aus dem Jahr 1975. Es besteht aus zwei ineinander verkeilten Pyramiden. Aus einer kleinen erhebt sich eine kopfüber stehende, größere. Auch der Name des Platzes hat einen traurigen Background: 1995 wurde hier Ministerpräsident Jitzchak Rabin nach einer Demonstration von einem rechtsextremen Studenten erschossen.

Holocaust-Mahnmal am Rabin Square in Tel Aviv
Holocaust-Mahnmal am Rabin Square

Ruinenstadt am Meer: Ausflug nach Caesarea

Wir wollen einmal raus aus Tel Aviv, nach Jott-we-de, nach Janz weit draußen. Jerusalem, das nur eine Zugstunde entfernt liegt, ist uns zu schade für einen Tagestrip. So fahren wir nach Caesarea, genauer Caesarea Maritima, ein Ruinenort 50 Kilometer nördlich von Tel Aviv.

„Der Anblick ehrwürdiger Ruinen versetzt mich immer in schlechte Laune.“ (Paul Theroux)

Uns nicht, lieber Paul! Ausgrabungsstätten durchstreifen wir im Gegensatz zu Dir stets mit großer Freude. Die antike Stadt am Meer wurde von Kindermörder Herodes erbaut und hatte in ihrer Blütezeit als Kapitale der römischen Provinz Judäa rund 50.000 Einwohner. Später errichteten die Kreuzfahrer hier eine Festung, ab dem 14. Jahrhundert legte sich Dünensand über die Stadt.

Caesarea in Israel

Caesarea in Israel
Ruinenliebe: Ausflug nach Caesarea

Heute ist die weiträumige Ruinenstätte ein „Nationalpark“, der einen für Stunden gefangen nimmt. Am imposantesten ist das U-förmige Hippodrom (vor Ort „römisches Amphitheater“ genannt) mit Platz für rund 10.000 Schaulustige. Nicht nur Pferde rannten hier, Sklaven mussten hier auch gegen wilde Tiere kämpfen. Drumherum honiggelbe Säulen, Reste von Tempeln. Detailverliebte Mosaike markieren die Stelle, an der sich einst die Bäderanlagen erstreckten. Weiter nördlich verlaufen die stattlichen Bögen eines römischen Aquädukts parallel zum goldgelben Strand. Eine herrliche Kulisse für ein stilles Badevergnügen, hätte man denn die Badehose eingepackt.

Aqueduct Beach von Caesarea in Israel
Strand mit dem gewissen Etwas: Aqueduct Beach

Anfahrt nach Caesarea: Vom Bahnhof Tel Aviv/HaHagana mit dem Zug bis Caesarea Pardes (5,50 Euro, Stand 2019). Von dort weiter mit dem Taxi zur Ausgrabungsstätte (einfach ca. 20–25 Euro, kaum Busverbindungen). Anfahrtsdauer (einfach) ca. 90 Minuten. Eintritt Ausgrabungsstätte 9,50 Euro.

PRAKTISCHE INFOS TEL AVIV

EINREISE

„Unfreundliche Grenzpolizisten und lange Befragungen bei der Einreise.“ „Ihr bekommt einen Stempel im Pass, der anderswo Schwierigkeiten macht“. Im Netz kursieren viele Halb- und Unwahrheiten, was die Einreise nach Israel angeht. Oder Infos, die veraltet sind. Bei uns hat die Abfertigung nicht länger gedauert als anderswo. Vielleicht hatten wir aber auch einfach Glück. Niemand stellte nervige Fragen. Ganz wichtig aber: Statt eines bleibenden Stempels im Pass bekommt man einen Zettel mit Barcode (Stay Permit), mittels dessen sich ein Drehkreuz öffnet und man in Israel ist. Diesen Zettel sollte man während seines Aufenthalts jedoch tunlichst nicht verlieren!

ANKOMMEN UND RUMKOMMEN

Vom Flughafen in die Stadt geht es am schnellsten mit dem Zug, zum Beispiel bis zur Station HaHagana. Je nach Wohnlage ist man von dort jedoch auf einen Bus angewiesen.

Busfahren ist leider gar nicht so einfach, da die Busfahrpläne an den Bushaltestellen in der Regel nur auf Hebräisch angeschrieben sind. Tipp: Geht zu einer Touristeninformation und holt Euch dort einen der praktischen Pläne, auf denen die für Touristen wichtigsten Linien eingezeichnet sind. Achtung: kein Busverkehr während des Shabbats (siehe unten)!

Viele Touristen leihen sich E-Bikes oder normale Fahrräder. Wir sind lieber zu Fuß gegangen. Für alle, die zentral wohnen, kein Problem – und es gibt ja wie gesagt auch noch Busse und Sheruts (Sammeltaxis).

Uferpromenade von Tel Aviv
Mit dem Rad durch Tel Aviv
PREISE
Ein paar Beispiele:

+++ Falafel vom Stand ca. 6,50 Euro +++ Eintritt Tel Aviv Museum ca. 12 Euro +++ Bier in der Bar ab 7 Euro, die Hälfte während der Happy Hour (in vielen Bars zwischen 18 und 20 Uhr) +++ Flasche Wein im Supermarkt ab ca. 8 Euro +++ Frühstück für 2 Personen ca. 30 Euro +++ Busfahren ist ausnahmsweise billiger als in Berlin – umgerechnet ca. 1,45 Euro pro Fahrt +++

SHABBAT

Er beginnt am Freitag mit Sonnenuntergang und endet am Samstag mit Eintritt der Dunkelheit. Während dieser Zeit haben nur wenige Geschäfte geöffnet, und es fahren keine Busse. Auch mit geöffneten Restaurants sieht es ein wenig mau aus. Wochenende ist Freitag und Samstag. Sonntag ist erster Tag der neuen Woche und normaler Arbeitstag.

Tipp für den Shabbat: An der HaYarkon Street 22 im Viertel Kerem (nahe dem Carmel Market) öffnet eine Familie jeden Samstagvormittag ihr Privathaus und bereitet dort Jachnun zu, ursprünglich aus dem Jemen stammende Ölteigfladen. Die fettig-schweren Teile werden zusammen mit einer pinkfarbenen (!) Tomatensauce, einem gekochten Ei und höllenscharfer Koriandersauce gegessen. Bizarr, aber spannend. So sieht das Ganze aus:

Jachnun in Tel Aviv
Shabbat-Frühstück mit Jachnun
SICHERHEIT

Auch wenn man es gar nicht glauben mag angesichts der ständigen Bedrohungen, denen dieses Land ausgesetzt ist: Tel Aviv ist tag- und nachtsicher. Gewöhnen muss man sich an viel Militär und die allgegenwärtigen Waffen – selbst blutjunge Mädchen spazieren damit herum.

Soldaten in Tel Aviv auf dem Carmel Market
Uniformen und Waffen, wo man nur hinguckt – auch hier auf dem Carmel Market
TEL AVIV WIE LANGE?

Das muss jeder selbst wissen. Wir trafen Leute, die nur zwei Tage für die Stadt Zeit hatten, andere pressen in vier Tage auch einen Tagesausflug nach Jerusalem. Wer wie wir zu den eher langsamen Reisenden gehört, kann es sich in Tel Aviv locker eine Woche gut gehen lassen und wird jeden Tag Neues entdecken. Uns war keine Minute langweilig.

REISEFÜHRER

Wir hatten zwei Bücher mit. „Tel Aviv“ aus der Reihe DuMont direkt birgt trotz seiner Kompaktheit so manchen Geheimtipp. Es fehlt aber ein Geschichtskapitel, ohnehin ist das Buch mit Hintergrundinfos sehr dünn bestückt. Die extrem hipstereske Sprache kann zudem mit der Zeit etwas nerven.

Der Lonely Planet „Israel & the Palestinian Territories“ geht mehr in die Tiefe und eignet sich gut für die Planung von Tagesausflügen. Das Tel-Aviv-Kapitel hat aber nur knapp 40 Seiten.

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