„Hinter den vier Stadttoren beginnt die wohl am besten erhaltene spätmittelalterliche Stadt Deutschlands“.

(Focus)

Stolz wie Oskar ist Dinkelsbühl, seit das Nachrichtenmagazin Focus die Stadt vor einigen Jahren unter die schönsten Altstädte Deutschlands gewählt hat. „Ein Spitzweg-Idyll“ wurde das Städtchen im Heft genannt. Höchste Eisenbahn also für einen Städtetrip nach Dinkelsbühl! Kommt mit auf eine Zeitreise ins Spätmittelalter. Drei Tage lang haben wir uns in der mittelfränkischen Kleinstadt umherspülen lassen.

Die durch ihre Lage an großen Pilger- und Handelswegen reich und hübsch gewordene Reichsstadt hatte gleich mehrmals dolles Glück: Erst schmückte man sie im 16. Jahrhundert mit derart schönen Häusern aus, dass man bis heute ganz verzückt durch die Gassen spaziert. Zweitens zog die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts fast spurlos an Dinkelsbühl vorüber. Und drittens blieb Dinkelsbühl im Zweiten Weltkrieg von Luftangriffen weitgehend verschont.

Bunte Fachwerkhäuser

Heute ist die altehrwürdige Reichsstadt liebevoll restauriert, auch wenn die eine oder andere Übermanikürung vielleicht etwas too much ist. Herkömmliche Reklameschilder und Aufschriften sind beispielsweise verboten. Laden-(lokale) dürfen lediglich in altmodischer Frakturschrift auf sich aufmerksam machen. Und das kann bei einem Döner-Imbiss oder einem Billigasiaten schon mal seltsam wirken… Einem bewohnten Museum wie → Rothenburg ob der Tauber gleicht Dinkelsbühl deswegen aber noch lange nicht.

 

 

Städtetrip Dinkelsbühl – ein paar (Fun) Facts vorab

  • Dinkelsbühl, die Stadt an der Wörnitz, liegt rund 90 Kilometer südwestlich von Nürnberg. Dinkelsbühl gehört zum Landkreis Ansbach in Mittelfranken, besitzt jedoch ein eigenes Kfz-Kennzeichen: DKB.
  • Dinkelsbühl zählt zusammen mit den umliegenden Einöden, Weilern und Ortsteilen 12.000 Einwohner. Dazu 7000 Rinder und 2000 Schweine. Auf jedes Schwein kommen fünf Autos.
  • In Dinkelsbühl gibt es etwa 3300 Wohngebäude, die durchschnittliche Wohnungsgröße beträgt 102 Quadratmeter. Die Altstadt zählt rund 780 Häuser. Mehr als drei Viertel der Altstadthäuser sind älter als 350 Jahre, fast die Hälfte hat einen spätmittelalterlichen Kern.
  • Die Zahl der Übernachtungsgäste pro Jahr ist etwa zehn Mal so hoch wie die der Einwohner. Jedes vierte Gästebett bucht ein Reisender aus dem Ausland.

Rund um das Wörnitztor: Geschichte und Geschichten

Das historische Zentrum wird von einer vollständig erhaltenen Stadtmauer umarmt. Zwei Kilometer ist sie lang, vier Tore hat sie. Von Osten kommend, betritt man die Altstadt durch das pfirsichfarbene Wörnitztor. Fachwerkhäuser in Ockertönen säumen die Gassen dahinter. Am Altrathausplatz sitzt ein Löwe auf einer Säule über einem plätschernden Brunnen. Erster von vielen Hinguckern in einer Stadt, die wie ein aufgeräumtes Wohnzimmer wirkt.

Zwei Tipps rund ums Wörnitztor: Bratwürste, Kraut und Kartoffelstampf, dazu leckeres Bier in großen Humpen gibt’s in der beliebten Gaststätte Wilder Mann beim Wörnitztor. In der Kleiderwerkstatt ums Eck (Altrathausplatz 5) wird hübsche Damengarderobe individuell geschneidert. Reihenfolge beachten: Besser erst Kleid anprobieren, dann Bier trinken und Bratwürste essen!

Löwenbrunnen am Wörnitzer Tot
Am Wörnitzer Tor: ein plätschernder Brunnen und viel Historie

Im namengebenden Alten Rathaus befindet sich heute das → Haus der Geschichte. Stadtmuseen sind ja oft der Gipfel der Langeweile. Nicht so in Dinkelsbühl.

Im Haus der Geschichte erfährt man, dass es das Tuchgewerbe war, das die Stadt so wohlhabend machte. Man erinnert an Christoph von Schmid, den bekanntesten Dinkelsbühler. 1768 wurde er in der Klostergasse 19 geboren. Mit 23 Jahren empfing er die Priesterweihe, später verfasste er gerne Erzählungen und textete Weihnachtslieder. Jedermann bekannt: „Ihr Kinderlein kommet!“.

Vitrine eines Museums
Im Haus der Geschichte

Im Haus der Geschichte erfährt man zudem, was es mit den ultraschmalen Durchgängen zwischen den Dinkelsbühler Altstadthäusern auf sich hat, die einem beim Stadtspaziergang recht schnell ins Auge fallen. Durch diese sogenannten „Nassen Winkel“ wurden die Abwässer aus den Hinterhöfen auf die Straße geleitet. Auch hingen an den Wänden der Durchgänge Aborterker wie Schwalbennester. Für empfindliche Näschen war das alles nichts. Erst 1904 wurden die Häuser Dinkelsbühls an eine Kanalisation angeschlossen. So sieht ein Nasser Winkel heute aus:

Schmaler Durchgang zwischen zwei historischen Häusern
Nasser Winkel: heute trocken und gut riechend

Im Alten Rathaus fanden übrigens auch Hexenprozesse statt, bei denen nicht nur Hexen, sondern auch Hexer verurteilt wurden. Bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhundert brannten in Dinkelsbühl die Scheiterhaufen. In die Zeit der Hexenverfolgungen taucht man in den Kellergewölben des Museums ein.

Marktplatz: Kleiner Platz mit großer Kirche

Der Marktplatz von Dinkelsbühl hat mit einem Platz wenig gemein. Er ist mehr Kreuzung als Platz. In den hochgiebeligen Häusern drum herum findet man das eine oder andere Café. Dort fauchen die Espressomaschinen und dort werden freudig Kuchen und Torten gegabelt.

Platzhirsch am Marktplatz ist ganz klar die Stadtpfarrkirche St. Georg. Die dreischiffige Hallenkirche mit ihrem mächtigen Walmdach wurde im 15. Jahrhundert errichtet. Ihr Turm, der im Sommer bestiegen werden kann, ist älter, stammt noch vom Vorgängerbau aus dem 13. Jahrhundert.

Im Inneren der Kirche beeindruckt – vor allem uns als Fans von Kirchengewölben – das auf Pfeilern ruhende Tonnengewölbe samt schwer elegantem Rippennetz. Was für eine Raumwirkung!

Rippengewölbe einer Kirche
Lohnt den Besuch: Stadtpfarrkirche St. Georg

Rosafarbene Holztür mit schönem Knauf

Spooky: In der Kirche könnt Ihr nach der geschändeten Reliquie des Aurelius Ausschau halten. Den römischen Soldaten und Märtyrer ließ Nero enthaupten. Im 18. Jahrhundert kamen seine Gebeine nach Dinkelsbühl, wo sie bis 2010 ihre Ruhe hatten. Dann rissen pietätlose Vollpfosten den skelettierten Heiligen aus seinem gläsernen Schrein und stahlen ihm das linke Bein. Nach dem Kopf nun also auch das Bein…

Hinein in die Puppenstube: Über den Weinmarkt zum Spitalhof

Der schmale, lange Weinmarkt ist der Vorzeigeplatz Dinkelsbühls. Hier ist die Puppenstubenhaftigkeit perfekt. Ein Fachwerk-Träumchen, das nochmals prächtiger wirkt, wenn die Stadt ihr Abendkleid trägt und auf den Terrassen der Restaurants bedirndlte Kellnerinnen emsig hin und her wuseln. Ohne ein wenig Touristenfolklore geht es halt nicht.

Leerer Platz einer Fachwerkstadt im Abendlicht
Weinmarkt: ein Träumchen, egal ob tagsüber oder bei Nacht

Schönstes Haus am Platze ist das Hotel Deutsches Haus mit aufwändigem Schnitzwerk und Geranien an den Fenstern. Doch auch die Nachbarn brauchen sich nicht lumpen lassen. Was für ein Kleinstadtzauber!

Drei wunderschöne Fachwerkhäuser
Trio Infernale: Das Deutsche Haus und seine Nachbarn

Apero-Tipp: Auf der Martin-Luther-Straße vor dem Spitalhof tischt die → Bar Due Mondi an Sommerabenden ein. Ein absolut stimmungsvoller Ort!

Vom Weinmarkt spazieren wir zum Spitalhof. Das „Spital zum Heiligen Geist und der Jungfrau Maria“ stammt aus dem 13. Jahrhundert. Eycatcher im ungemein idyllischen Hof ist das ehemalige Waisenhaus mit seinem markanten Fachwerkgiebel. Der Hof wird heute für Kunst und Kultur genutzt: Es gibt Ausstellungen, einen Konzertsaal und ein Theater.

Fachwerkgebäude im Abendlicht
Sommerabend im Spitalhof

Vom Spital zur Segringer Straße: Fränkisch-schwäbische Hausmannskost und Holundereis

Auch die Gässchen gegenüber dem Spitalhof, auf der anderen Seite der Dr.-Martin-Luther-Straße in Richtung Schweinemarkt, sollte man mal durchstreifen. Viele Häuser dort sind in sanften Pastellfarben gemalt: Prinzessinnenrosa, Taubenblau, Sesamfarben.

Schöne Fachwerkstatt mit pastellfarbenen Häusern
Nach dem Spaziergang durch die Gässchen westlich der Dr.-Martin-Luther-Straße gibt’s Wurstsalat und Bier bei Weib’s

 

Wer im Viertel einkehren möchte, dem empfehlen wir die → Hausbrauerei Weib’s. Dort gibt es nicht nur ein unglaublich gutes Ungefiltertes, sondern dazu beste Hausmannskost: Sauerbraten mit Spätzle, Maultaschen, Wurstsalat. Fränkisch-schwäbische Fusionküche. Kein Wunder, das Ländle liegt vor der Tür. Und die Schwaben kommen gerne. Warum das so ist, erklärt uns der Kellner:

„Hier bei uns ist es halt einfach günstiger als auf der langweiligen Ostalb.“

Den Nachtisch holen wir uns auf der geschäftigen Segringer Straße. Hier muss man einfach Eis schlotzen, das tun hier alle. Wir entscheiden uns für Zimt und Holunder-Joghurt zum Abendspaziergang. Die kopfsteingepflasterte Segringer Straße führt leicht bergauf zum Segringer Tor und damit zum westlichen Abschnitt der Stadtmauer mit ihren in regelmäßigen Abständen aufragenden Wachtürmen.

Noch ein Metzgereitipp: Die Fleischpflanzerl mit Kartoffelsalat und Schweinebratensauce der → Metzgerei Drei Mohren in der Segringer Straße 37 sind sensationell! Die Traditionsmetzgerei mit dem politisch nicht mehr ganz korrekten Namen verwendet ausschließlich regionales Fleisch und wurstet ganz hervorragend.

 

Von Tor zu Tor: Malerische Winkel, wohin man nur schaut

Ein Storch klappert über uns hinweg. Der Vogel passt zum Setting. Hier, am Oberen Mauerweg in Nachbarschaft der altehrwürdigen Mauer, präsentiert sich Dinkelsbühl von seiner idyllischsten Seite. Gleiches gilt für die Parallelsträßchen. Wir durchstreifen ein herrlich ruhiges Wohnviertel.

Die Bewohner der Häuser, die an diesem lauen Sommerabend in ihren blühenden Gärten unterm Obstbaum sitzen oder in der Hollywoodschaukel lümmeln, sind zu beneiden. Wer sich ein Leben in der Kleinstadt bislang nicht vorstellen konnte, wird in Dinkelsbühl vielleicht eines Besseren belehrt.

Es gibt sie noch, die guten Städte.

Tor einer Stadtmauer im Abendlicht
Stadtidylle an der Mauer

Mit dem Rad zum jüdischen Friedhof von Schopfloch

Gewitterstimmung. Uns egal. Wir radeln ins rund 10 Kilometer nördlich von Dinkelsbühl gelegene Schopfloch. Die landschaftlich bescheidene Gegend mit ihren eher drögen Dörfern lässt uns nicht gerade „Wow!“ rufen. Da präsentieren sich andere Gegenden Frankens deutlich lieblicher. Man denke nur an → Weinfranken oder die Region um → Bamberg.

Radlerin radelt durch den Wald
Auf dem Weg nach Schopfloch

Vorbei an Kornfeldern, Äckern und Wäldern erreichen wir das farblose Schopfloch. Der Wind weht Rosenblätter aus den Gärten, lässt sie über die Straßen wirbeln. Die traurige Stimmung passt zum Ort, den wir besuchen wollen. Wir wollen uns den jüdischen Friedhof ansehen, der bereits im 16. Jahrhundert angelegt wurde.

Rund 1200 der ursprünglich 1600 Grabsteine sind noch erhalten. Eine außergewöhnliche Anzahl für einen Dorffriedhof, könnte man meinen. Doch Juden aus den verschiedensten Gemeinden Mittelfrankens wurden hier beerdigt.

Für die Besichtigung des geheimnisvoll-entrückten Ortes solltet Ihr Euch Zeit nehmen. Die Grabsteine staken krumm aus der Erde, die ganz weich ist. Teils sinkt man fast in den Boden ein. In den Zweigen raschelt der Wind. Melancholie. Die letzten Juden verließen Schopfloch im Jahr 1938. Aus diesem Jahr stammen auch die jüngsten Grabsteine. Von den Dinkelsbühler Juden wurden 25 Opfer der Shoa.

Den Schlüssel zum Friedhof bekommt Ihr gegenüber im Haus Baderstraße 10. Männer müssen eine Kopfbedeckung tragen.

Städtetrip Dinkelsbühl – Hoteltipps und Camping

Dinkelsbühl gilt als ein Mekka für Fans von Romantikhotels. Eines der ersten Häuser am Platze ist das bereits erwähnte → Deutsche Haus in zentralster Lage. Das reich verzierte Patrizierhaus aus dem 15. Jahrhundert ist heute eine komfortable Vier-Sterne-Herberge mit ganz unterschiedlichen Zimmern – die einen plüschig-rustikal, die anderen klassisch-zeitgemäß. Mit dabei ein hervorragendes Lokal.

Herrlich altmodisch kommt das Zwölf-Zimmer-Hotel → Weißes Ross in einer ruhigen Gasse daher. Ausstattung der Zimmer: Läufer und Brettstühle samt Kissen auf Holzböden, Deckenbalken, Blümchengardinen. Es gibt ein holzvertäfeltes Restaurant und eine eigene Malschule.

Hotel Weißes Ross historisches Gebäude
Hotel Weißes Ross

Camper finden immer ein Plätzchen auf dem recht weitläufigen → Campingplatz Romantische Straße. Er liegt an einem Badesee und gleichzeitig fußläufig zum Zentrum.

Literaturtipp

Noch mehr Tipps zu Dinkelsbühl und Umgebung findet Ihr in dem umfangreichen Reiseführer → „Franken“ unseres Kollegen Ralf Nestmeyer. Erschienen ist das Buch im Michael Müller Verlag.

 

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6 Kommentare

  1. Liebe Gabriele,
    lieber Michael,
    was für eine zauberhafte historische Stadt! Schon viel von gehört, noch nicht da gewesen. Eure vielen tollen Tipps werde ich mir für meinen Besuch merken. Ich liebe solche Städte sehr.
    Herzliche Grüße
    Renate

    • Liebe Renate, wir sind auch ganz große Fans historischer Fachwerkstädte. Zum Glück hat Deutschland ja so viele davon, dass uns da die Qual der Wahl hat. Viele Grüße von Gabi und Michael

  2. „Ihr Kinderlein kommet“? Dem Lockruf in so ein schönes Örtchen komme ich doch sehr gerne nach 😉 Das schaut nach einem sehenswerten Ort aus, der unbedingt mal besucht werden sollte.
    Viele Grüße
    Annette

    • Liebe Annette, dann nichts wie hin mit dir! Wenn es denn endlich mal wieder geht… Viele Grüße von Gabi und Michael

  3. Sehr interessant! Bin immer wieder erstaunt, wie hübsch sich diese alten Städte darstellen können. Bin Mal wieder angefixt und Franken steht sowieso auf der langen langen „,wo geht’s hin“-liste.

    • Liebe Karin, ja Franken gibt enorm viel her in Sachen hübsche Kleinstädte. Und dann noch das Essen. Und das Bier! Und der Wein! Ab damit auf die Liste, liebe Grüße, Gabi und Michael

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