Wir beginnen da, wo alles endete. Am ehemaligen Grenzübergang Bornholmer Straße. Auf das Codewort „Wir fluten jetzt“ tra­ten hier am 9. November 1989 ge­gen 23.30 Uhr die DDR-Grenzsoldaten zur Sei­te und ließen die Ost-Berliner un­ge­hindert in den Westen.

Der Beitrag zum Mauerradweg ist eines von 33 Erlebnissen, die wir für unser Buch „Stadtabenteuer Berlin“, erschienen im Michael Müller Verlag, recherchiert haben.

Wo das Ende der DDR eingeläutet wurde, befindet sich heute der Platz des 9. November, eine kleine Gedenkstätte an der Bösebrücke. Dort sind noch 155 Meter der al­ten hinteren Sperrmauer erhalten – stumme Zeugen der einst geteilten Stadt.

Radfahrerin auf dem Platz des 9. November in Berlin
Platz des 9. November

Der Übergang Bornholmer Straße war ei­ner von insgesamt sieben innerstädti­schen Grenzübergängen. Hier führt der 160 Kilometer lange Berliner Mauerweg vorbei, ein Wander- und Radweg, der in vielen Abschnitten dem Kolonnenweg der DDR-Grenztruppen folgt. Rund 17 Kilometer davon haben wir uns für heute vorgenommen. Wir wollen bis zur Oberbaumbrücke radeln. Auf der Karte sieht unsere Route so aus:

MITTEN ÜBER DEN EINSTIGEN TODESSTREIFEN

Mal radeln wir im alten Osten, mal im alten Westen. Unser erstes Ziel ist der Gleimtunnel. Bis 1989 war er unpassierbar, den östlichen Ausgang blockierte die Mauer. Heute trennt die von gusseisernen Säulen getragene Unterführung keine verfeindeten Staaten mehr, sondern verbindet Prenzlauer Berg mit dem Wedding.

Dann geht es weiter durch den Mauerpark – Achtung, viele Scherben! Es folgt die weitläufige Gedenkstätte Berliner Mauer, die man gesehen haben sollte. Kaum irgendwo anders ist die Teilungsnarbe noch so sichtbar. Das Dokumentationszentrum samt Aussichtsturm ist genauso ergreifend wie die Open-Air-Stationen auf dem ehemaligen Grenzstreifen.

Radfahrerin im Gleimtunnel in Berlin
Rein und raus: Kunstinstallation im Gleimtunnel
Frau fährt auf Fahrrad entlang der ehemaligen Berliner Mauer
Für die Gedenkstätte Berliner Mauer (Mitte und unten) und das angeschlossene Dokumentationszentrum sollte man sich Zeit nehmen. Ein Stück des ehemaligen „antifaschistischen Schutzwalls“ blieb hier erhalten

Rund 15 Minuten später erreichen wir den Invalidenfriedhof am Spandauer Schifffahrtskanal. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde er für hohe preußische Militärs angelegt. Nach dem Mauerbau verlief hier der Todesstreifen. Nur 200 von den einst 3000 Gräbern sind daher erhalten – Pietät war kein Genossending. Nahebei versuchte der 24-jährige DDR-Bürger Günter Litfin am 24. August 1961 durch den Humboldthafen in den Westen zu schwimmen. Mit dem rettenden Ufer vor Augen wurde er als erster Grenzflüchtling erschossen.

Wir gelangen ins Regierungsviertel. Viel Glas wurde hier verbaut. Transparenz wollte man damit schaffen, den Blick freigeben auf schlecht sitzende Anzüge. Auf unserer weiteren Route jagt nun Superlativ Superlativ.

Radfahrerin im Regierungsviertel
Im Regierungsviertel

VERRAMSCHTE HISTORIE

Nach dem Reichstag und dem Brandenburger Tor passieren wir den Potsdamer Platz. Die Mauer verlief direkt darüber, ein paar Mauerelemente aus jener Zeit sind erhalten. Der in den 1920er-Jahren verkehrsreichste Platz des Kontinents verkam nach dem Zweiten Weltkrieg zum weiten, öden Niemandsland. Heute präsentiert er sich als eine Art nachgebautes Manhattan, als der Versuch einer Großstadtinszenierung in Anlehnung an die Hochhauskultur der USA.

Wenig später stehen wir am Checkpoint Charlie. Der „Check­point C“, nach dem Buch­stabieral­phabet der US Army „Char­lie“ genannt, war im ge­teilten Ber­lin ein Grenzübergang für Aus­län­der. West-Berliner oder Bundes­bür­ger durf­ten ihn nicht passieren.

Heute markiert ein Leucht­kasten mit dem Brustbild ei­nes rus­sischen Soldaten (rückseitig das Por­t­rät eines US-Soldaten), ein Kunst­werk von Frank Thiel, die Stelle. Di­rekt da­vor steht eine verklei­nerte Kopie des einstigen US-Wach­hau­ses. An nur wenigen anderen Stel­len der Stadt wird die His­torie Berlins mehr verramscht als in der Ecke um den Checkpoint Char­lie.

Unscheinbar hingegen die Sebastianstraße. Heute. Früher riss der „antifaschistische Schutzwall“ die Wohnstraße in zwei Hälften, trennte Nachbarn und wurde zigfach untertunnelt. Wir radeln weiter Richtung Oberbaumbrücke, unser Ziel. Winken dem „Baumhaus an der Mauer“ zu. 1983 errichtete es ein türkischer Migrant im „Niemandsland“ bzw. auf einer ehemaligen Verkehrsinsel. Diese gehörte der DDR, befand sich aber auf West-Berliner Boden, weshalb sich niemand dafür zuständig fühlte. Die zweigeschossige Hütte soll, so Allah will, künftig als Museum dienen. Eine von vielen Geschichten, die die Mauer schrieb.

Eine Mauer, die heute länger weg ist, als sie jemals existierte.

 

INFOS ZUM BESCHRIEBENEN MAUERRADWEG

WO? Beginn an der Bösebrücke in Prenzlauer Berg (S1/2/8/25/26/85 Bornholmer Straße, Ende an der Oberbaumbrücke in Friedrichshain (S3/5/7/9/75 oder U1/3 Warschauer Straße) +++ WIE LANGE? Ca. 2,5 Stunden ohne längere Pausen und Besichtigungen +++

LITERATURTIPP

Die Tour auf dem Mauerradweg ist eines von 33 Erlebnissen in der Hauptstadt, die wir für unser neues Buch „Stadtabenteuer Berlin“, erschienen im Michael Müller Verlag, recherchiert und aufgeschrieben haben.

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