Zug statt Flug. Unser Freund Christian Schaudwet ist im September 2022 mit dem Zug von Berlin nach Lissabon gereist: 2602 Kilometer auf Gleisen. Wir wollen wissen, wie’s war.

 

HIER DA DORT: Ein Resümee deines kleinen Zug-Abenteuers in drei Sätzen. Was fällt dir ein, ganz spontan!

CHRISTIAN: Entschleunigung – trotz teils mehr als 300 Kilometern pro Stunde. Europa ist größer als man denkt. Der Weg ist das Ziel.

HIER DA DORT: Deine Route? Wie oft und wo musstest du umsteigen?

CHRISTIAN: Ich fuhr los in Berlin, via Mannheim (Umstieg), Straßburg und Lyon bis nach Avignon. Das war der erste Tag. Am zweiten östlich vorbei an den Pyrenäen über Barcelona, Madrid (Umstieg) bis nach Mérida in der Estremadura. Am dritten ging es mit Umstieg in Badajoz (Spanien) und Entroncamento (Portugal) nach Lissabon. Meine Endstation war der Bahnhof Santa Apolónia. Der liegt direkt am Wasser, was schön ist zum Ankommen am Atlantik.

 

 

Mann an einem Bahnhof
„Genug Zeit für Stopps einplanen“: Christian am TGV-Bahnhof in Avignon

 

HIER DA DORT: Wie lange hat der Spaß denn gedauert, ohne Zwischenstopps, also reine Fahrzeit?

CHRISTIAN: Über die drei Tage verteilt 25 bis 30 Stunden, ich habe nicht genau gezählt.

HIER DA DORT: Au backe. In rund dreieinhalb Stunden fliegt man von Berlin ganz bequem nach Lissabon. Du hast dich für die terrane Anreise entschieden. Warum tut man sich das an?

CHRISTIAN: Zum einen aus Klimaschutzgründen, zum anderen war ich neugierig, wie es werden würde – und wie es früher mal war, als die Leute noch nicht kreuz und quer durch Europa und um die halbe Welt flogen.

HIER DA DORT: Wie viel hat dich die Anreise gekostet? Also reine Fahrtkosten?

CHRISTIAN: Die Hin- und Rückreise hat summa summarum etwa 520 Euro gekostet.

HIER DA DORT: Wie lange im Voraus hast du geplant und gebucht? Könnte man das auch ganz spontan machen oder würde das unglaublich teuer werden?

CHRISTIAN: Ungefähr vier Wochen im Voraus. Ich habe ein → Reisebüro beauftragt, das auf Bahnreisen spezialisiert ist. Das hat mir viel Recherche und Zeit erspart. Wenn man sportlich rangeht und Zeit hat, bekommt man es durch Selbstbuchen vermutlich günstiger. Dabei kann es sich lohnen, direkt bei → SNCF (die französische Bahngesellschaft) oder → Renfe (die spanische) zu buchen.

HIER DA DORT: In welchen Zügen war’s denn am bequemsten?

CHRISTIAN: In einem nagelneuen spanischen Talgo – sehr geräumig, luftig, minimalistisch ausgestattet. Den französischen TGV alter Baureihe fand ich etwas eng. Toll ist bei dem aber die pneumatische Federung. Man wippt wie in einer Sänfte – ähnlich wie in alten Citroën-Autos.

 

Hochgeschwindigkeitszug in einem Bahnhof
Renfe-Hochgeschwindigkeitszug in Madrid; Christian selbst fuhr jedoch mit dem Talgo

 

HIER DA DORT: Abwechslung oder Monotonie? Welche Landschaften zogen denn so an deinem Zugfenster vorüber?

CHRISTIAN: Die reichten von Sommerdürre in Deutschland über auffallend viel Grün in Frankreich über spanische Gewerbegebiete und Großstadthinterhöfe bis zu Olivenhainen und Rinderweiden im östlichen Portugal. Manche Dorfbahnhöfe dort erinnern an Italo-Western. Die Killer, die in „Spiel mir das Lied vom Tod“ Charles Bronson auflauern, hätten da gut hineingepasst. Erinnern werde ich mich auch an meine Übernachtungsstopps in Avignon mit dem Papstpalast und in der alten Römerstadt Mérida: Gladiatoren-Arena, Wagenrennbahn, Amphitheater, römische Brücke, Tempel, Aquädukt… – alles da.

 

Gleis, dahinter Olivenbäume
Gleise durch Olivenhaine: Dorfbahnhof in Ostportugal

 

HIER DA DORT: Dein schönstes Erlebnis unterwegs? Oder was war schlimm?

CHRISTIAN: Schlimm fand ich die oft extrem niedrigen Wasserstände der Flüsse, erkennbar an den breiten braunen Uferstreifen. Sehr schön war ein altes Bahnhofscafé in Entroncamento. Das Personal war superfreundlich, die Bica (der portugiesische Espresso) lecker, und es gab einen altertümlichen Kicker-Tisch. Ich hatte leider keine Zeit zu spielen.

 

Kicker und Bica: Bahnhofscafé in Entroncamento

 

HIER DA DORT: Was muss ins Gepäck, außer „Nachtzug nach Lissabon“?

CHRISTIAN: Tja, den realen Nachtzug nach Lissabon gibt es leider immer weniger: Viele Nachtzugverbindungen sind in der Corona-Zeit eingestellt worden. Zum Lesen kam ich gar nicht so recht, weil ich meist aus dem Fenster sah. Ganz wichtig ist eine sichere Unterbringung für die vielen Tickets. Wenn man so bucht wie ich, bekommt man einen ganzen Stapel Papierfahrkarten und -reservierungen, nichts Digitales. Ein Windstoß auf dem Bahnsteig, und die Fahrt kann vorbei sein.

 

Tickets für den Zug nach Lissabon
„Ein Windstoß auf dem Bahnsteig, und die Fahrt kann vorbei sein“: Christians Tickets

 

HIER DA DORT: Was würdest du anderen raten, die ebenfalls mit dieser Art der Anreise nach Lissabon liebäugeln?

CHRISTIAN: Machen. Die Fahrt nicht als Mittel zum Zweck begreifen, sondern als wichtigen Teil des Ganzen. Genug Zeit für die Stopps einplanen.

HIER DA DORT: Und wie war dein Rückweg?

CHRISTIAN: Es war derselbe in umgekehrter Richtung. Das gab mir Gelegenheit, mich nochmal genauer in Avignon umzusehen, das auf der Hinfahrt etwas zu kurz gekommen war.

 

Moderner TGV-Bahnhof in Avignon
Auf dem Rückweg nochmals Avignon, hier der TGV-Bahnhof

 

HIER DA DORT: Schon die nächste Zugreise im Kopf?

CHRISTIAN: Immer. In Ost- und Ostmitteleuropa kann man sehr schöne und günstige Zugreisen machen. Das muss ich bald tun, bevor auch dort der Fuhrpark komplett modernisiert ist. Die alten Züge haben mehr Flair.

HIER DA DORT: Dann schon mal viel Spaß und vielen Dank für das Interview!

 

Christian Schaudwet ist Journalist beim Berliner Tagesspiegel. Er schreibt hauptsächlich über Energiepolitik und -wirtschaft.

 

Mehr Zugabenteuer bei uns auf dem Blog

 

2 Kommentare

  1. Sehr schöne Reise, die ich auch einmal machen möchte!
    Aber dann mit Bummelzügen und mehr Stopps. Ich habe ja Zeit.

    Und viel Spaß in Osteuropa!
    Das ist wirklich ein Paradies für Bahnreisen. Günstige Tickets, wunderbare Landschaften und noch schöne, geräumige Bahnhöfe, die als Aushängeschild der jeweiligen Stadt, nicht als Einkaufszentrum konzipiert waren.
    Nur als ein Beispiel meine Fahrt von Deutschland in die Ukraine, über Prag, Krakau und Lemberg bis nach Kiew: https://andreas-moser.blog/2019/12/25/zwei-nachtzuege-nach-osten/

    • Lieber Andreas, herzlichen Dank für deine Rückmeldung und deinen wunderbar geschriebenen Beitrag über die Zugreise nach Kiew. Dass dieser Trip bis auf Weiteres wohl nicht mehr so einfach machbar ist, stimmt traurig, vor allem wenn man deinen letzten Absatz liest, der den Artikel so schön abschließt. Hast du unseren Beitrag über die Zugfahrt von Istanbul nach Berlin gelesen? Das war auch ein kleines Abenteuer ganz in deinem Sinne. Fanden wir sehr spannend, bequem und günstig dazu.

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