„Züge fahren nicht ab, sie machen sich auf den Weg, sie bewegen sich in einem Tempo, das die Landschaft erhöht und das Land, das sie durchqueren, großartiger macht.“ (William Gaddis)

WAS IST DER TAZARA TRAIN?

Schon lange schwebte uns eine Zugreise in bzw. durch Teile Afrikas vor. Nur wussten wir nicht, was überhaupt machbar war. Immer wieder lasen wir vom Fünf-Sterne-Hotelzug Rovos Rail, der mehrmals im Jahr von der tansanischen Großstadt Daressalam aufbricht und seine betuchten Afrika-durchs-Glas-anschauen-Touristen über Sambia und Simbabwe hinunter nach Kapstadt bringt. Der 19-Tage-Trip kostet schlappe 14.000 Euro aufwärts. Ganz klar nicht unser Budget. Und was da vermutlich in kakifarbenem Outfit im Zug sitzt und „It’s so amazing!“ schreit, ist auch nicht unsere bevorzugte Reisegesellschaft. Aber, dachten wir uns:

„Wo Schienen sind, muss es auch andere Züge geben!“

Die Zugfahrt war Teil unserer siebenwöchigen Reise von Daressalam in Tansania nach Kapstadt in Südafrika.

Wir recherchierten ein wenig und fanden den Tazara Train. TAZARA ist die Kurzform für Tanzania-Zambia-Railway und bezeichnet eine Zugstrecke von Daressalam in Tansania nach Kapiri Mposhi in Sambia. 1863 Kilometer ist die Strecke lang. In den 1970er-Jahren wurde sie gebaut, um Kupfer aus Sambia an die Küste zur Weiterverschiffung zu bringen. Finanziert wurde das Projekt von der Volksrepublik China (damals noch selbst großer Bezieher von Fördergeldern), um Einfluss auf die Entwicklung in Afrika zu nehmen.

Tazara Train

DIE ROUTE DES TAZARA TRAIN

WIEVIEL ZEIT SOLL MAN FÜR DEN TAZARA TRAIN EINPLANEN?

Die eigentliche Zugfahrt dauert ohne Stopps mindestens 50 Stunden. Wir sind die Strecke in zwei Etappen gefahren, mit einem einwöchigen Zwischenstopp in Matema auf der tansanischen Seite des Malawisees (südlich von Mbeya, unbedingt empfehlenswert!). Die Zeit zwischen Ticketkauf und Abfahrt des Zuges „vertrödelten“ wir in Daressalam und auf Sansibar. Im Anschluss an die Zugfahrt bietet sich noch ein Aufenthalt in Livingstone (Sambia/Victoria Falls) an. Wer also der spannenden Zugfahrt eine entspannende Note mitgeben will, sollte mindestens drei Wochen einplanen.

Tazara Train

WIE BEKOMMT MAN TICKETS FÜR DEN TAZARA TRAIN?

Der Zug fährt in der „Express“-Version (nur diese ist auch zu empfehlen) einmal die Woche von Daressalam nach Kapiri Mposhi bzw. andersrum. Genaue Abfahrtszeiten bekommt Ihr hier. Euere Tickets solltet Ihr so früh wie möglich, auf jeden Fall aber etwa zehn Tage vor der Reise, direkt an den jeweiligen Bahnhöfen besorgen. Eine Onlinebuchung ist bislang nicht möglich, auch nicht die Bezahlung mit US-Dollars.

Bucht die First Class! Das sind Viererabteile mit Liegen. Für ein Erste-Klasse-Ticket von Daressalam nach Kapiri Mposhi bezahlt man für die einfache Strecke etwa 40 Euro pro Person. Die Erste-Klasse-Abteils kann man von innen abschließen, was man nachts auch tun sollte.

Achtung Paare: Es gibt keine gemischtgeschlechtlichen Abteile! Das heißt, Ihr müsst Euch entweder für die Zugreise trennen. Oder Ihr bucht von Anfang an das gesamte Viererabteil. So haben wir das auch gemacht und keinen doppelt ausgegebenen Schilling bereut!

Unterwegs im Tazara Train

EINSTIMMUNG 1: OSTAFRIKANISCHER ALLTAG IN DARESSALAM

Daressalam ist ein wild wuchernder Moloch am Indischen Ozean. 2010 hatte die Stadt in etwa so viele Einwohner wie Berlin. 2020 sollen es mehr als doppelt so viele sein. Einer unserer Reiseführer bezeichnet Daressalam als „eine der charmantesten afrikanischen Großstädte“. Die Gegenfrage, also wie wohl die uncharmanten Großstädte dieses Kontinents aussehen, muss jedem Afrikaneuling Angst einjagen. Charme muss man in Daressalam suchen. Die Stadt ist ein ewiges Gewusel und Gelärme, das Zentrum aber recht aufgeräumt. Mit verfallenen Kolonialgebäuden neben viel Beton. Und ständigen Stromausfällen. Blackouts, die einen besonders kribbelig machen, wenn man gerade die Kreditkarte im Geldautomaten versenkt hat…

Wir lassen uns hier, nach dem Ticketkauf für den Tazara Train, zwei Tage treiben. Durchstreifen die Viertel aller möglichen tansanischen Ethnien. Die Second-Hand-Märkte mit Ständen, an denen man die Lieblingsjeans von vor fünf Jahren wiedererkennt. Die Uhuru Street, wo es Stoffe in den leuchtenden Farben des Kontinents gibt. Den Kariakoo Market, den größten Lebensmittelmarkt der Stadt. Dazwischen relaxen wir am Stadtstrand, dem South Beach. Vom zentralen Fischmarkt Mzizima (Nase zu und durch!) fahren Fähren hin. Am Ufer nahe dem Fischmarkt stehen auch zwei Kirchen, die an die Zeit erinnern, als Daressalam Sitz der Kolonialverwaltung Deutsch-Ostafrikas war: die Azania Front Lutheran Church, Ende des 19. Jahrhunderts von bayerischen Missionaren errichtet, und die 1902 eingeweihte St. Joseph’s Cathedral.

Übrigens: Dar Es Salaam ist heute zwar das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum Tansanias, aber nicht mehr die Hauptstadt des Landes. Die offizielle Kapitale heißt Dodoma, hat rund 200.000 Einwohner und liegt im Herzen Tansanias.

South Beach in Daressalam in Tansania
South Beach: Nicht schlecht für einen Stadtstrand, oder?

EINSTIMMUNG 2: STONE TOWN AUF SANSIBAR – STIPPVISITE IM EX-SULTANSREICH

Eine ziemlich volle Fähre bringt uns in vier Stunden hinüber nach Sansibar-Stadt, die Hauptstadt des Teilstaates Sansibar. Die Fähre legt in Stone Town an, dem historischen Teil von Sansibar-Stadt. Ein UNESCO-Welterbe!

Unterkunftstipp für Stone Town: Warere Town House! Hier schläft man in einem wunderschönen handgetischlerten Himmelbett, wäscht sich mit Sansibar-Zimtseife, blickt vom Balkon auf einen Blumengarten und wird umgarnt wie Prinz und/oder Prinzessin. DZ 58 Euro – da kann man doch nicht meckern, oder? Keine Webseite, buchbar über diverse Buchungsportale.

Stone Town hat Geschichte faustdick hinter den Ohren. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert war die Stadt stinkreich. Hier herrschten die Sultane von Oman, die ihren großen Reibach mit Sklaven, Gewürzen und Elfenbein machten. Sie hinterließen ein heute zwar lepröses, aber noch immer überaus faszinierendes Sammelsurium an Moscheen, Palästen und Stadthäusern. Wir blicken auf üppig verzierte Türen, Säulen, Erker und Balkone. Wir durchlaufen schulterbreite Gassen.

Stown Town auf Sansibar
In den Gassen von Stown Town

Rund 19.000 Menschen leben in Stone Town, einer alles andere als zu Tode gekitschten Altstadt. Wir spazieren über bunte Märkte mit narkotischen Gerüchen. Machen Rast an Streetfood-Ständen mit brutzelnden Samosas und Tintenfischspießchen. Schulbuben mit Käppies und Frauen mit langen schwarzen Kopftüchern huschen an uns vorbei – rund 99 Prozent der Bevölkerung sind muslimisch. Seid zurückhaltend beim Fotografieren! Viele Insulaner wollen nicht abgelichtet werden.

Zum Sonnenuntergang genehmigen wir uns ein Bier in der Mercury’s Bar direkt am Stadtstrand. Eine Touristennummer, aber Alkohol ist außerhalb der Touristennummern in Stone Town nur schwer zu bekommen. Zur Götterdämmerung – der Muezzin gibt gerade sein Bestes – wird Strandfußball gespielt. Draußen auf dem Meer ziehen Daus vorüber, die traditionellen Segelboote. Hinter der Theke zieren Fotos von Freddy die Wand. 1946 wurde er auf Sansibar als Farrokh Bulsara geboren. Als er 17 Jahre alt war, flüchtete die Familie nach London. 1970 gründete sich Queen. Stone Town selbst würde seinen berühmtesten Sohn allerdings am liebsten aus den Annalen streichen. Schwulsein geht gar nicht in der strengen Sittenwelt der Insulaner!

Sonnenuntergang in Stone Town auf Sansibar
Stown Town: Strandfußball zum Sonnenuntergang

EINSTIMMUNG 3: BWEJUU AUF SANSIBAR – OKTOPUS AM PUDERSTRAND

Weiße Puderstrände, gesäumt von Kokospalmen, davor ein türkisfarbenes Meer. Ganz klar, Sansibar gehört zu den Sehnsuchtsorten dieser Erde. Und die Sehnsucht treibt viele hierher – Sansibar ist längstens zum Big Player im Tourismusgeschäft geworden. Das sollte man wissen, bevor man sich als unbedarfter Backpacker hierher aufmacht. Weite Teile der Insel, die übrigens nicht mal halb so groß wie Mallorca ist, sind fest in der Hand von italienischen Pauschaltouristen, die in großen All-inclusive-Anlagen Rambazamba machen. Sehr beschaulich präsentieren sich jedoch die Strände im Südosten der Insel. Für eine Woche quartieren wir uns dort in der Twisted Palms Lodge nahe dem bescheidenen Dorf Bwejuu ein.

Strand von Bwejuu auf Sansibar
Bwejuu: Strand, Ort und Lodge

Ein vollgestopftes Daladala, wie Minibusse in Tansania genannt werden, bringt uns hin. Es dauert lange, bis wir aus Sansibar-Stadt herauskommen. Die Straßen sind verstopft, dazu überall scheinbar ziellos umherwandernde Menschen. Am Stadtrand passieren wir heruntergekommene Plattenbauten. Sie waren ein Geschenk Walter Ulbrichts, nachdem Sansibar die DDR 1964 als Staat anerkannt hatte. Das Viertel wird tatsächlich „Berlin“ genannt! Danach folgen Zimt-, Pfeffer-, Nelken und Muskatplantagen, die viele Touristen im Rahmen von so genannten „Spice Tours“ erkunden.

Bei uns steht Faulsein auf dem Programm. Und Strandkino! Unsere Bücher liegen vergessen auf der Liege. Der Strand ist bei Ebbe die Straße. Radler fahren ins Bild und verschwinden wieder. Kinder winken uns zu. Frauen in tropenfarbenen Kleidern balancieren große Eimer auf ihren Köpfen. Eine klapperdürre Kuhherde zieht vorüber. Rotgewandete, strohhalmbeinige Maasai verkaufen Souvenirs.

Strand von Bwejuu auf SansibarDas Meer kommt, das Meer geht. Derartige Gezeiten haben wir selten gesehen. Als hätte der Mond Afrikas mehr Power. So wie wir uns auf die Flut freuen, um im badewannenwarmen Wasser zu plantschen, warten die Dörfler auf die Ebbe. Dann nämlich können sie die frei gelegten Korallenbänke nach liegen gebliebenen Oktopussen durchforsten. Hier braucht niemand ein Boot, um vom Meer satt zu werden! Die Kraken stehen auch bei Touristen hoch im Kurs. Von der „Sansibar-Pizza“, eine prall mit Meeresfrüchten gefüllte Teigtasche, können wir gar nicht genug bekommen.

ZUG-ETAPPE 1: IN 25 STUNDEN VON DARESSALAM NACH MBEYA

Doch genug im Sand geräkelt! Nach den Tagen am Strand sitzen wir nun mittendrin im ungeschminkten Afrika. Zusammen mit einer ganzen Halle voller Menschen, die mit Kind und Kegel, Sack und Pack Bänke und Boden bevölkern, warten wir auf den Zug. Wir haben Glück, er wird recht pünktlich eingestellt – Verspätungen von bis zu 30 Stunden sollen vorkommen.

Tazara-Bahnhof in Daressalam

Seit den 1970er-Jahren, als die Zugstrecke eingerichtet wurde, scheint sich am Zug nichts mehr verändert zu haben. Wir beziehen unser First-Class-Abteil. Das Inventar: ein abgetakelter Ventilator mit Hammer und Sichel darauf, eine metallene Tischablage und nach Sozialismus riechende Kunstlederbänke, auf denen Bettwäsche, Decken und ein Stückchen Seife bereitliegen. Unser großer Luxus: Wir haben das Abteil für uns alleine! Gar nicht nach Erster Klasse sieht die Toilette am Ende des Waggons aus: Das Spülwasser wird aus einer Regentonne geschöpft. Als Schöpfkelle dient eine entzwei geschnittene Plastikwasserflasche.

Unser Abteil

Pfeifend, ratternd, prustend, scheppernd setzen sich die betagten Waggons in Gang. Was für ein Eisenbahnabenteuer abseits der klimatisierten ICE-Sterilität! Wir halten unsere Köpfe aus den Schiebefenstern, passieren die Outskirts von Daressalam und schließlich eine weite Savannenlandschaft. In der Dämmerung, als wir den Mikumi-Nationalpark durchfahren, serviert uns Afrika erste Kitschklischees: Ein Pfundskerl von einem Elefanten, die Ohren breit ausgestellt, röhrt uns laut und bedrohlich an.

Auf diesen Glücksmoment stoßen wir mit unserem mitgebrachten Rotwein an. Er kommt aus Südafrika. Und dürfte schwerer sein, von der Masse her. Es holpert und poltert derart, dass es eine Kunst ist, die Becher zu halten, ohne den Wein im Abteil zu verteilen. Und das bei einer Geschwindigkeit von nur 30 bis 40 Stundenkilometern!

Tazara TrainIn der Dämmerung wird das Abendessen serviert, das man für kleines Geld bestellen kann. Es gibt Hühnchencurry mit Ugali, ein sättigender Maismehlbrei, der nach eingeschlafenen Füßen schmeckt. Gleichzeitig bekommen wir ungebetenen Besuch. Aus den Ritzen des Abteils kriecht er hervor: Kakerlaken! Keine Riesen, aber auch keine Ameisen. Die Anschaffung unserer Inletschlafsäcke, eine Art Ganzkörperkondom, war nicht umsonst. Sollte auch auf Euere Packliste!

„Tatamtatamtatam.“

Zum Soundtrack unserer Zugreise schlafen wir ein. Der folgende Tag geht so ähnlich weiter, wie der vergangene aufgehört hat. In der Kühle des Morgens frühstücken wir pinkfarbene Würstchen und Toast. Nicken ein, dösen, lesen, gucken. Hüttendörfer ziehen vorüber. Durch die zunehmend grüner und hügeliger werdende Landschaft mäandern rotbraune Schotterwege. Hie und da ein entgleister Waggon. Alles, was mal Stahlräder hatte und in den letzten 50 Jahren flügge wurde, ließ man neben den Gleisen liegen.

Gehalten wir nicht an jeder, aber doch an vielen Milchkannen. Die Pausen sind nicht weniger spannend als die Fahrten. Bei jedem Halt kommen Kinderhorden aus dem scheinbaren Nichts angerannt, erbitten Plastikflaschen und Seife. Der Zusammenprall von Arm und Reich kratzt am Gewissen.

In Mbeya, einer Stadt zu Füßen bewaldeter Berge, steigen wir aus. Von dort geht es in einem Daladala in die Kleinstadt Tukuyu, wo wir die Nacht verbringen. Am nächsten Tag jagen wir mit einem anderen Minibus in einem haarsträubenden Tempo hinab nach Matema. Vorbei an Hortensienhecken und Kaffeeplantagen erreichen wir den Malawisee. Den drittgrößten See des Kontinents.

PAUSE IN MATEMA: BEI DEN EINBAUMFISCHERN AM MALAWISEE

Matema wird unser Highlight! Wir verlieben uns Hals über Kopf in das einfache Fischerdorf. Die Kulisse ist atemberaubend. Hier, an seinem Nordufer, wird der See von einem faltigen Gebirgszug umrahmt. Bis zu 2500 Meter steigen die Berge als dunkelgrüne Wand an und recken sich dem afrikanischen Himmel entgegen. Die Küste wird von hellen Sandstränden gesäumt.

Matema am Malawisee
Wir waren schockverliebt: Matema am Malawisee

Große Hotels sucht man in Matema vergebens. Es gibt nur das Blue Canoe Safari Camp, ein Campingplatz unter deutsch-tansanianischer Leitung, und zwei kirchlich geführte Gästehäuser. In einem davon, dem Matema Lake Short Resort, mieten wir uns ein. Es wurde einst von Schweizer Missionaren gegründet – die Käsespätzle auf der Speisekarte des Restaurants erinnern noch daran.

Unser zweistöckiger Bungalow mit Blick über Strand, See und Berge ist simpel, aber unendlich charmant. Allabendlich schauen wir den Fischern zu, die mit ihren Einbäumen auf den See hinaus paddeln. Fast täglich ziehen schwere Gewitterstürme über uns hinweg, die nicht selten ein sensationelles Farbenspiel zur Dämmerung nach sich ziehen. Wie nur für uns inszeniert!

Matema Malawaisee Tansania

Die Tage verbringen wir im Liegestuhl. Oder spazieren durch die Gegend. Peu à peu lernen wir auch die anderen Gäste unseres Guest Houses kennen. Da sind Xander und Olivia. Er Belgier, sie in Belgien lebende Tansanierin und nun auf Heimaturlaub. John, der amerikanische Volontär auf Wochenendtrip. Zwei Tschechen, die eine Kaffeefarm in den Bergen betreiben. Und Tom und Barbara, zwei selbstlose Kanadier mit einer fröhlichen Kinderschar – es sind Aidswaisen, für die sie ein kleines privates Kinderheim in Mbeya aufgebaut haben. Nur wir sind als Otto-Normal-Touristen unterwegs.

ZUG-ETAPPE 2: VON MBEYA NACH KAPIRI MPOSHI IN SAMBIA

Es geht weiter! Nach der ruhigen Zeit in Matema und zwei Nächten in Mbeya besteigen wir an einem Spätnachmittag den Zug nach Sambia. Gleiches Abendprogramm wie auf der ersten Etappe unserer Zugfahrt: Hühnchencurry, Kakerlaken, Wein, Ganzkörperkondom. Auf die letzten Sonnenstrahlen in den Bergen folgt umgehend eine tiefschwarze Nacht. Es ist kalt. Wir schlafen schlecht. Fragen uns, wann wir wohl die Grenze erreichen. Schließlich steht der Zug Ewigkeiten in der Pampa. Nichts passiert. Weit nach Mitternacht schließlich betritt ein überparfümierter junger Grenzpolizist unser Abteil. Fragt freundlich nach unserem Befinden, klebt uns die Visa in die Reisepässe und überreicht uns ungefragt eine Quittung für die Gebühren. Wir sind in Sambia! Ein netter Einstieg in ein Land, dessen Menschen wir schnell liebgewinnen werden.

Landschaft bei Mbeya in Tansania
Kurz vor Sambia: Die Berge werden höher

Laut seufzend erreicht unser Zug in der Dunkelheit des nächsten Abends die Endstation, das 40.000-Einwohner-Städtchen Kapiri Mposhi. Das Abenteuer Tazara Train findet sein Ende! Nervende Taxifahrer erwarten uns. Wir nehmen den Minibus und fahren in die Hauptstadt Lusaka. Schon am nächsten Morgen besteigen wir von dort einen Bus in den Süden des Landes. Auf die Weiterfahrt per Zug verzichteten wir. Angeblich gibt es Sicherheitsprobleme, zudem keine regelmäßigen Verbindungen. Zuletzt ging nur zweimal wöchentlich ein Zug von Kapiri Mposhi über Lusaka nach Livingstone (Dauer mind. 26 Std.; Infos hier und hier).

AUSKLANG 1: LIVINGSTONE – BUSHMEAT UND VIEL BIER

Livingstone liegt an der Grenze zu Simbabwe und nur einen Katzensprung von den Victoria Falls entfernt. Es ist ein sympathisches Städtchen, benannt nach dem schottischen Afrikaforscher. Beim letzten Zensus (2010) hatte es 135.000 Einwohner, zehn Jahre zuvor ein Viertel weniger. Relaxt geht es in den Straßen mit ihren kunterbunten, niedrigen Kolonialhäusern zu. Zitrusgelb, Kirschrot, Zartmint – ein Fest der Farben! Auf den Märkten werden Flussfische und körbeweise getrocknete Raupen verkauft. An Weiße ist man gewöhnt, die Stadt lebt vom Tourismus. Jeder Übernachtungsgeschmack wird bedient, vom Hostel bis zum Fünf-Sterne-Palast. Wir entscheiden uns für das Fawlty Towers Guesthouse, eine grüne Oase mit Pool und hübschen Zimmern drum herum.

Am Abend essen wir zum ersten Mal auf unserer Reise Bushmeat: saftigen Krokodilburger und pikante Warzenschweinsteaks vom Grill. Köstlich! Ersteres schmeckt wie eine Mischung aus Fisch und Hähnchen, Letzteres erinnert an Wildschwein. Danach folgen wir der lauten Musik auf der anderen Straßenseite, gelangen so in eine Open Air Bar. Und müssen einfach bleiben. Partylaune flirrt in der Luft. Die Tische biegen sich unter leer getrunkenen Bierflaschen und den darauf tanzenden Mädels mit wilden Frisuren, Hotpants oder kurzen Röcken. Wir Zaungäste sind herzlich willkommen. Keine Minute fühlen wir uns unwohl. Was für ein Gegensatz zu den konservativen Tansaniern!

AUSKLANG 2: VICTORIA FALLS UND SUNSET BOOZE CRUISE AUF DEM SAMBESI

Donnern, Schäumen, Tosen: Was für eine unfassbar gute Laune muss die Natur gehabt haben, um so etwas zu kreieren! Die Victoria Falls, die zu den UNESCO-Weltnaturerben gehören, erstrecken sich nur acht Kilometer südlich des Zentrums von Livingstone. Die Fälle ergießen sich über eine Breite von rund 1,7 Kilometer in eine 100 Meter tiefe Schlucht. Wer wie wir das Glück hat, zur Regenzeit zwischen Dezember und April vor Ort zu sein, erlebt ein Schauspiel, bei dem man sich die Augen ausstaunt. Der mehrere hundert Meter hohe Sprühnebel ist dann noch 30 Kilometer weiter zu sehen. Von den Einheimischen werden die Fälle „Donnernder Rauch“ genannt – wer davor steht, weiß warum. Ihr werdet also nass, egal, auf welchen der um die Fälle angelegten Wegen Ihr unterwegs seid. Denkt an Regenzeug! Hoffentlich seht Ihr so grandiose Regenbogen in der Gischt wie wir!

Victoria Falls in Sambia

Victoria Falls in SambiaLeute mit Hummeln im Arsch können in Livingstone viel bekommen: Wandersafaris, Bunjee-Jumping, Kanutrips, Abseiling, Whitewater Rafting. Da uns das Pippi-Langstrumpf-Lebensgefühl („Jeder Tag ein Abenteuer“) etwas abgeht, entscheiden wir uns für eine bequeme Sunset Booze Cruise. Was das ist? Für den Preis von 50 US-Dollar (es geht auch teuerer) werdet Ihr mit einem Schiff zur Abendrot-Show über den hier ruhig dahin fließenden Sambesi geschippert. Dazu gibt’s Grillhendlschenkel und Bier „all you can drink“. Ein feuchtfröhliches Mega-Touristenspektakel, das aber irre Spaß macht.

Unsere Boozer bestehen zu 30 Prozent aus Schwaben in beigefarbener Jack-Wolfskin-Uniform. Einige davon haben die Afrikaweisheit mit dem Löffel gefressen. Großwild macht sich rar an diesem lauen Abend. Als aber eine muntere Hippofamilie wie aus dem Nichts auftaucht, können wir nicht an uns halten. Gackern, freuen uns. Unsere ersten Flusspferde! Von nebenan der Kommentar: „Hippos! Da kann i ja nur lacha!“ Kotzbrockenalarm! Kurz darauf wendet sich der Sprücheklopfer an den Barmann hinter der Theke:

„How many wives and children do you have?“ (Fragt der Schwabe)

„I have three wives, three daughters and five sons.“ (Antwortet der Kellner)

„Oh my good. This is not good.“ (Schwabe entsetzt)

Der Kellner hält sich den Bauch:

„Of course not. Actually I have one wife and one son. But that’s what you intended to hear, wasn’t it?“ (Ein Gesicht, das nur noch aus Zähnen besteht)

Die Menschen in Sambia haben es uns wirklich angetan. Ein Humor, der sitzt.

Wir drehen uns um. Rechts von uns steht ein schmerbäuchiger Endfünfziger mit Henriquatre-Bart und Basecap, neben ihm ein stylisher Twen mit Undercut. Eine freundliche Familie mit Lust auf Anschluss. Vater und Sohn sind weiße Afrikaner aus Lusaka, die Wurzeln schottisch-deutsch. Sohn Carl spricht uns in einem bezaubernden antiquierten Deutsch an. Ein Deutsch, das im frühen 20. Jh. nach Afrika gelangte und seither kaum ein Update bekam. Eines, das Wörter wie „krass“ oder „geil“ nicht kennt. In zwei Monaten würde er nach Bremen zum Studieren gehen, erzählt uns Carl. Zum ersten Mal in seinem Leben raus aus Afrika. Auf was er sich am meisten freut? „Ich möchte einmal Schnee sehen.“

Am nächsten Tag passieren wir den wohl schönsten Grenzübergang der Welt. Über die spektakuläre Victoria Falls Bridge, die den Sambesi überspannt, gehen wir hinüber nach Simbabwe und hinein in ein neues Abenteuer.

Doch das ist eine andere Geschichte.

Grenzübergang zwischen Sambia und Simbabwe
Die Brücke nach Simbabwe: schönster Grenzübergang der Welt
TANSANIA UND SAMBIA: VISA UND GESUNDHEIT

Alles zu Visa- und Impfbestimmungen erfährt man wie immer auf den Seiten des Auswärtigen Amtes. Wir haben uns das Visum für Tansania bereits vorab in Deutschland besorgt, um etwas entspannter im ersten Reiseland anzukommen. Das Visum für Sambia (und später auch Simbabwe) haben wir direkt an den jeweiligen Grenzen bekommen.

2 Kommentare

  1. ahhhhh…..immer wenn ich was von euch lese, könnte ich sofort den rucksack packen…ich komm langsam nicht mehr hinterher 🙂

Gib süßen oder scharfen Senf dazu (E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt)

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