Wer Prag nur mit Saufen, Kafka, Wenzelsplatz, Hradschin und Abzocke in Verbindung bringt, sollte mal wieder hin! An der Moldau hat sich im vergangenen Jahrzehnt enorm viel getan. Wir waren mal wieder da und haben ein paar unserer persönlichen Lieblingsadressen für Euch aufgeschrieben.

Der Place to be: Náplavka

Waldschratbärte aufgepasst, hier müsst Ihr hin! Am Moldauufer der südlichen Neustadt trifft sich die urbane In-Crowd. Dort wurde eine ganze Reihe von ausrangierten Schiffen vertäut, auf denen man Craft Beer tschechischer Biermanufakturen und Aperol Spritz trinkt. Oft spielen kleine Combos auf, kulturelle Veranstaltungen bietet die (A)VOID Floating Gallery. Jeden Samstag wird ein Bauernmarkt abgehalten, wo man Biosteaks, Eier von glücklichen Hühnern und quietschmuntere Forellen aus Becken kaufen kann. Immer einen Ausflug wert, an Sommerwochenenden allerdings pickepackevoll.

Mehr Infos über Náplavka findet Ihr hier 

Kunstpunk: Auf den Spuren David Černýs

Was ist das denn? Zwei schlanke Männer aus Bronze pinkeln vor dem Franz-Kafka-Museum in ein Becken, das der tschechischen Landkarte gleicht – David Černýs Antwort auf den EU-Beitritt Tschechiens im Jahr 2004. David Černý (Jahrgang 1967) gilt als das Enfant terrible der tschechischen Kunst­szene; kein Künstler der leisen Töne, sondern einer mit viel schwarzem Humor und Hau-Drauf-Mentalität. Zu übersehen sind seine Werke im Prager Stadtzentrum kaum, denn Černý kleckert nicht, er klotzt.

Schlappe 39 Tonnen wiegt sein elf Meter hoher Kafka-Kopf beim Shoppingcenter Quadrio in der Neustadt. 42 Schichten aus Stahl rotieren unaufhörlich und lassen Franzens Babyface ständig zerfließen und neu entstehen. „Quo Vadis“ heißt Černýs Trabant auf vier plumpen Menschenbeinen, der im Garten der Deutschen Botschaft an die Ereignisse im Spätsommer 1989 erinnert, als Tausende von DDR-Bürgern darin kampierten. In der Altstadtgasse Husova – Kopf in den Nacken – baumelt Sigmund Freud vom Dach. In der Lucerna-Passage in der Neustadt sitzt Tschechiens Nationalheiliger Wenzel auf einem kopfüber hängenden, scheinbar toten Gaul. Und im Stadtteil Žižkov lässt Černý gesichtslose, dunkle Wasserkopf-Metallbabys den Fernsehturm hinaufkrabbeln (ein paar von ihnen haben sich auch vor das Museum Kampa auf der Kleinseite verirrt). Wären sie glänzend-bunt-fröhlich, würden sie fast an die Kitschkunst Jeff Koons’ erinnern.

"Kafka" von David Cerný
Rotierender Kafka, Wenzel auf dem toten Gaul, ein Trabi auf vier Beinen, ein hängender Freud oder düstere Metallbabys – David Černý mischt das Prager Stadtbild auf

"Wenzel" von David Cerný in der Prager Lucerna-Passage

Wer wachen Auges durch die Stadt läuft, kann noch mehr schräge Černý-Arbeiten entdecken. Nur sein wohl witzigstes Werk ist längstens abgebaut: Zur Präsidentschaftswahl 2013 ließ Černý einen neun Meter hohen, lilafarbenen Stinkefinger von einem in der Moldau schwimmenden Kahn auf die Prager Burg, den Sitz des Präsidenten, zeigen. O-Ton Černý: „Ein Fuck-Zeichen für die beschissenen Kommunisten.“

Mehr zu David Černý findet Ihr hier

Die schönste Aussicht: Petřín-Hügel

Um eine Stadt zu begreifen, steigt man ihr am besten erstmal aufs Dach. In Prag geht das ganz bequem mit der Standseilbahn von der Kleinseite aus. Die „Lanovka“  bringt fußfaule Touristen in wenigen Minuten von der Kleinseite auf den mit Apfel- und Zwetschgenbäumen bestückten Prager Hausberg, den Petřín. Oben steht ein Eiffelturm in Miniaturformat, von dem man einen Logenblick über Prag und das ganze Umland genießt. Kinder und Kindgebliebene lachen sich nebenan im Spiegelkabinett schlapp. Danach setzt man sich auf eine der beiden Restaurantterrassen bei der Mittelstation, bestellt ein kühles Getränk und schaut sich so richtig satt am Moldaupanorama und den legendären 100 Prager Türmen.

Weitere Infos zum Prager Hausberg findet Ihr hier

Prager Türme im Abendlicht
Erst ins Spiegellabyrinth oder erst auf den Turm und die Aussicht auf die 100 Türme Prags genießen?

Essen: Wird Prag zum Pilgerziel für Foodies?

An sich glaubt man in Tschechien nicht an kleine Portionen. Ein großer Teller mit viel drauf zum Dumpingpreis zeichnet für die meisten Tschechen bis heute ein gutes Restaurant aus. Zum Glück geht böhmische Küche auch anders. Oldřich Sahajdák kocht in seinem Restaurant La Degustation Bohême Bourgoise aromareiche, raffiniert abgewandelte Klassiker in Tapas-Portiönchen – und zwar so gut, dass über dem Restaurant ein Michelin-Stern strahlt. Das Acht-Gänge-Menü (138 Euro) im reduzierten aber doch behaglichen Lokal kann Gänge wie „Rote Beete, Wacholder, Ziegenkefir“, „Südböhmischer Karpfen, Rogen, Lauch“ oder „Kohlrabi, Hefe“ beinhalten. Klingt eher scheußlich, aber schmeckt köstlich!

Der Hot Shit in Sachen Fleisch heißt Kantýna und befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Wenzelsplatz. Die optische Granate mit ultrahohen Decken und fotogenem Kühlhaus jongliert gekonnt zwischen Nobelmetzger, Nobelstehimbiss und Restaurant. Beim Eintreten bekommt man einen „Konsumzettel“, mit dem man an den verschiedenen Theken Waygu-Burger, Wurstplatten, Steaks oder Pulled-Pork-Sandwiches und dazu den leckersten Kartoffelpuffer der Stadt bestellen kann. Die Meet Crafters werkeln in einer einsehbaren Küche, aus der es wunderbar duftet. Leider ist das Ganze nicht billig.

Restaurant Kantýna in PragRestaurant Kantýna in PragKleine Häppchen, liebevollst verzierte Törtchen, dazu klasse Kaffee oder ein Gläschen Wein aus Mähren – mittwochs bis samstags wird ein hipper Lebensmittelmarkt auf dem Platz Jiřího z Poděbrad im Stadtteil Vinohrady abgehalten. Am besten schaut man am Samstag vorbei, wenn auch kleine Combos aufspielen und am meisten Trubel herrscht.

Tulpen auf dem Wochenmarkt auf dem Jiriho z Podebrad in Prag

Lebensmittelmarkt auf dem Jiriho z Podebrad in PragDie glanzvollste Kirche: Sankt-Nikolaus-Kirche

Gott hat in Tschechien zwar viele Häuser, aber nur wenig Zulauf – gerade 20 % der Bevölkerung bekennt sich zu einer Konfession. Manche Kirche dient mittlerweile gar als Museum, für das Eintrittsgeld zu entrichten ist, so die Sankt-Nikolaus-Kirche auf der Prager Kleinseite am Malostranské náměstí. Macht nichts. Wer sich während seines Pragtrips für nur eine Kirche Zeit nehmen will, sollte diese auswählen. Wie die gesamte Kleinseite präsentiert auch sie Barock total: keine Ecke ohne Putte und darüber ein bombastisches Deckengemälde von 1500 m² Größe, das die Apotheose des Heiligen Nikolaus zeigt. Wer mag, kann im Anschluss den Kirchturm besteigen und von oben einen Blick über das Ziegelteppichmeer der Kleinseite werfen.

Fresken in der Nikolauskirche auf der Prager Kleinseite
In der Sankt-Nikolaus-Kirche

Einkaufen: Schuhe von Botas 66

Hellblau, erdbeerrot, weiß-grau-schwarz oder auch mal braun: keine Pragrecherche ohne neue Botas-Schuhe. Die bunten Retrosneakers sind hübsch anzusehen und derart robust, dass sie uns nicht nur durch Böhmen, sondern auch schon durch halb Afrika und Indien trugen. Geboren wurde die Marke in den 1960er Jahren als Turnschuh für die Hammer-und-Sichel-Sportler der damaligen Tschechoslowakei. Der „Botas 66“ genannte Relaunch fand im Jahr 2008 statt. Seitdem trägt alles in dem kleinen Land, was in Sachen Mode etwas auf sich hält, Botas an den Füßen. Witzig: Zu jedem Paar Schuhe bekommt man zwei Paar verschiedenfarbige Schnürsenkel. Zwei Läden gibt es in Prag, einen in der Altstadt und einen im Stadtteil Žižkov. Alle Infos findet Ihr hier

im Botas Store Prag Sneakers im Bild

Der Klassiker: Altstadt mit Karlsbrücke

Ganz klar, in Staré Město, der Prager Altstadt, lebt man ungeniert vom Tourismus. Böhmisches Glas made in China und russische Kunstfellmützen werden in wie geklont wirkenden Geschäften verkauft. Betrunkene italienische Schulklassen torkeln durch überfüllte Gassen mit Restaurants, in denen man sich schnell eine touristische Erkältung holen kann. Die ganze Klischeesuppe also. Doch Staré Město ist gleichzeitig ein Stadtteil von solcher Postkartenherrlichkeit, dass er fast unecht wirkt. Die enggassig-verworrene Mixtur aus mittelalterlichen Arkaden, Durchlässen und Bogengängen wirkt wie von einem bekifften Städteplaner im Märchenrausch entworfen. Stundenlang kann man sich hier treiben lassen. Kann in verborgene Hinterhöfe spitzen, in Kaffeeoasen ein Stück Honigkuchen essen und am Altstädter Ring, einem Platz von vollendeter Grandezza, staunend vor der meisterhaften Astronomischen Uhr stehen. Zur Blauen Stunde sollte man sich die von Barockstatuen gesäumte Karlsbrücke vornehmen. Von der Brücke zeigt sich die illuminierte Prager Burg, das klobig-gedrungene Wahrzeichen der Stadt, von ihrer Schokoladenseite. Eine Kitschkulisse vom Feinsten! Japanische Brautpaare lassen sich hier ablichten und werfen anschließend eine Münze in die Moldau – das nämlich besiegelt die ewige Liebe.

Blick vom Altstädter Ring in Prag

Bussmann und Tröger in Prag
Prag ohne Altstadt und Karlsbrücke? Geht nicht!

Karlsbrücke in Prag im GegenlichtDie Karlsbrücke in Prag im GegenlichtKunstreigen im Messepalast

Was darf es sein? Schiele, Klimt oder Beuys? Surrealismus, Kubismus oder sozialistischer Realismus? Matisse oder Picasso? Allein die ständigen Ausstellungen des Museums für moderne und zeitgenössische Kunst im riesigen Veletržní palác können überfordern. Dass von den Wänden Seufzer der Bewunderung widerhallen, liegt aber nicht nur an den Exponaten, sondern auch an der Architektur. Der Messepalast im Stadtteil Holešovice wurde 1928 als größtes funktionalistisches Gebäude Europas eröffnet. Um eine elegante Halle mit verglastem Dach schmiegen sich Galerien von solcher Leichtigkeit, dass Le Corbusier sich beim Anblick des Gebäudes wie ein Dilettant vorgekommen sein soll.

Der Messepalast in Prag
Kunst bis zum Abwinken im Messepalast

Bierchen zischen wie anno dazumal: Im Schwarzen Ochsen in Hradčany

Ganz ehrlich: Gut riechen tut’s hier nicht, auch wenn in Tschechien seit Juni 2017 ein umfassendes Rauchverbot gilt und damit auch im U Černého vola, dem „Schwarzen Ochsen“, nicht mehr gequalmt werden darf. Doch die lässig 100.000.000 vorher darin gerauchten Kippen haben sich festgesetzt in jeder Ritze der schweren, alten Holzbänke und an den speckigen, spärlich dekorierten Wänden. Gleiches gilt für die Gerüche aus der Küche: nach frittierten Speckwürsten, nach in Schmalz gebratenen Knödeln mit Ei, nach Topinka, dem mit viel Knoblauch bestrichenen Fettbrot und nach Hermelín, einem in Würzöl und Zwiebeln eingelegtem Weichkäse. Der Schwarze Ochse, das ist ein Stück altes Prag in Reinform, einer jener lauten Bierstubendinosaurier, die man noch aufsuchen sollte, bevor sie die Gentrifizierung verschluckt hat. Wer Glück hat, darf sich als Tourist zwischen die widerwillig zur Seite rückenden Stammgäste quetschen, deren Bierstrichzettel zuweilen Gartenzauncharakter haben. Und wer noch mehr Glück hat, darf auch ein Bier bestellen – die Kellner sind zuweilen charmant wie der Eiserne Vorhang. Doch dann, wenn alles gut geht, kommt man nach ein paar Humpen bestens gezapftem Velkopopovický kozel auch mit den größten Stinkstiefeln ins Gespräch und will gar nicht mehr gehen. Versprochen! Den Schwarzen Ochsen findet man im Stadtteil Hradčany am Loretánské náměstí 1. Nicht vorbeilaufen, mehr als unauffälliger Eingang.

Bierstube Schwarzer Ochse in Prag
Die Stimmung kommt noch – spätestens beim dritten Bier…

Kasárna Karlín: Kreativzentrum in historischer Kaserne

Geht da mal ganz zügig hin, denn schneller als man denkt, kann aus diesem ganz speziellen Ort in Fußnähe zur Metrostation Florenc schon ein Shoppingtempel oder ein Nobelhotel geworden sein. Die längstens aufgegebene Kaserne wurde in der Mitte des 19. Jh. erbaut – damals war sie das größte Gebäude der Stadt. In und zwischen den ramponierten Gemäuern des neoklassizistischen Baus gibt es nun ein cooles Kreativzentrum mit mehreren (Open-Air-)Bars, einer spannenden Galerie, einem Sommerkino, einem Konzertraum, einem Beachvolleyballfeld, einem Hipsterkinderspielplatz und so einigem mehr.

Nähere Infos auf www.kasarnakarlin.cz

Bierkisok von Frantisek Skála in der Kasárna Karlín in Prag
Kasárna Karlín: Wie Zwischennutzung in Prag aussieht

Ausflug nach Mittelböhmen: UNESCO-Welterbe Kutná Hora

Die königliche Bergbaustadt Kuttenberg 60 km östlich von Prag war im Mittelalter steinreich. Von jener Zeit zeugt eine Reihe prächtiger gotischer Kirchen, so wert- und bedeutungsvoll, dass sie es auf die UNESCO-Welterbeliste schafften. Heute ist Kutná Hora ein Provinzstädtchen mit rund 20.400 Einwohnern, das sich trotz nicht weniger Touristengruppen eine angenehme, bisweilen etwas verstaubte Bodenständigkeit bewahrt hat. Größter Anziehungspunkt ist das im Vorort Sedlec gelegene Beinhaus, eine mit grotesken Kunstwerken aus den Knochen Zehntausender Pestopfer dekorierte Kapelle. Da ein Kronleuchter aus Oberschenkelknochen und Rippen, dort Schädelketten – St.-Pauli- und Ed-Hardy-Fans werden sich im Paradies wähnen. Übrigens ist trotz der Nähe zu Prag eine Übernachtung keine schlechte Idee. Am Abend, wenn die Tourenbusse abgefahren sind, legt sich Ruhe übers Städtchen. Nicht ganz: In der urigen Dačický pivnice, wo das beste Bier Mittelböhmens gebraut und ausgeschenkt wird, klirren noch bis gegen Mitternacht die Gläser. Im Sommer mit Biergarten.

Knochenkirche in Kutná Hora
Kutná Hora: Eine Kirche voller Knochen, romantische Straßen und geräucherte Entenbrust in der Dačický pivnice

Kutná Hora im AbendlichtDacický pivnice in Kutná HoraUNSERE ADRESSEN IM ÜBERBLICK

DER REISEFÜHRER ZUR STADT

Noch mehr Tipps, zudem Adressen, Öffnungszeiten, Eintrittspreise und vieles mehr findet Ihr in unserem Reiseführer „Prag“, erschienen im Michael Müller Verlag. Die Neuauflage erscheint 2019.

 

 

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